Der Personality-Awards des Bodybuildings

Mr. Olympia 2018 People’s Champion: Deine Stimme zählt

"Am Ende gewinnt doch eh Phil Heath." Nicht wenige Bodybuildingfans dürften mit dieser Einstellung auf den kommenden Mr. Olympia schauen. Aus Marketingsicht ist das natürlich desaströs, daher erfanden die cleveren Strategen des Veranstalters fix den People’s Champion.

Ich weiß nicht, ob der ein oder andere Leser hin und wieder gezwungen wird, sich Germany’s next Topmodel anzuschauen. Für die Glücklichen, die sich diese TV-Realsatire nicht anschauen mussten, möchte ich an der Stelle kurz eine Begebenheit aus dem Finale berichten:

Foto: Matthias Busse

Was zählt, ist Personality

Die Macher der Show rund um die hübsche Blonde mit der Piepsstimme und dem jugendlichen Lover hatten eine grandiose Idee: Statt die Entscheidung über Leben und Tod, also in dem Fall einen Tag öffentliche Wahrnehmung mehr oder weniger, allein in die allmächtigen Hände der Kaiserin des Topmodelreiches zu geben, sollte das einfache Volk ein Mitbestimmungsrecht erhalten.

Für die Unwissenden: Das ist in etwa so sensationell wie die Tatsache, dass in Saudi-Arabien Frauen jetzt Auto fahren dürfen. Um aber zu verhindern, dass am Ende die Entscheidung der gottgleichen Klum nicht in Frage gestellt werden kann, ersann man einen Sonderpreis, den Personality Award.

Die beiden Coaches durften daher einmal etwas anderes tun, als sich gegenseitig putzig-tuntig anzukeifen und zu betonen, wie sehr ihnen ihre Mädels doch menschlich ans Herz gewachsen waren, sie durften aus der Schar der Wannabe-Models einige wenige herauspicken, die während der Show durch ihre Personality überzeugt hatte, was auch immer das in dem Zusammenhang heißen mag.

Diese Personality wurde dann im TV auch noch folgerichtig mit einer Auflistung der Followerzahlen der Auserwählten auf Instagram untermalt, wo es bekanntlich einzig und allein um Personality geht.

Am Ende gewann Klaudia (mit K) diesen Preis. Über den Wert der Auszeichnung kann man nun lange streiten. Für Klaudia (mit K) scheint der Titel nicht die von den Erfindern erhoffte Bedeutungsschwere zu haben, zumindest ist davon auf ihrem Instagram-Profil nichts zu lesen.

Eine Idee, die ansteckt

Ok, warum penetriere ich euch hier mit den Einzelheiten einer TV-Show, die mit Bodybuilding eigentlich nichts zu tun hat, die hochintensiven Trainingseinheiten auf dem Hochhausdach (Warum eigentlich auf dem Dach bei 30 Grad und mehr Außentemperatur?) mal außen vor? Nun ja, weil es scheint, als hätten die Macher des Mr. Olympia die Show auch gesehen und sich von der unglaublich innovativen und kreativen Idee des Personality Awards inspirieren lassen. Heraus kam der Mr. Olympia People’s Choice Award.

Mr. Olympia 2018: Deine Stimme zählt

Vor einigen Tagen verkündeten die Macher der größten Bodybuildingshow der Welt, dass es in diesem Jahr eine bahnbrechende Neuerung geben wird. Allein diese Ankündigung sollte schon zur Vorsicht mahnen, aber ich will ja nicht einfach nur unken. Um was geht es also?
Die anwesenden Fans in der Halle dürfen sich in diesem Jahr für ihre nicht ganz günstigen Tickets nicht nur den Wettkampf der besten Bodybuilder der Welt anschauen, sie dürfen auch abstimmen, wen sie am besten fanden. Die Stimme der Fans soll dann wie das Urteil eines Kampfrichters in die Gesamtwertung einfließen.
An dieser Stelle ist zumindest für mich indes noch unklar, wie das genau ablaufen soll. In der Praxis ist es ja so:

Ein Kampfgericht bestehend aus einer stets ungeraden Zahl an Kampfrichtern (je nach Größe der Veranstaltung fünf bis neun) wertet die Show. Dabei wertet jeder Kampfrichter für sich, am Ende werden die Wertungen zusammengefasst, die beste und die schlechteste je Athlet gestrichen. Wenn die Stimme der Fans nun wie die eines Kampfrichters gewertet wird, kann sie dann auch gestrichen werden? Oder erfolgt die Hinzurechnung der Fanmeinung erst nach dieser Berechnung durch die Judges?

Foto: Matthias Busse

Für die Bedeutung dieses Procederes ist diese Frage aber nur von begrenzter Relevanz, denn wenn man sich die Wertungen der vergangenen Jahre anschaut, findet man in den meisten Fällen eine bemerkenswerte Einigkeit der Kampfrichter. Das ist an dieser Stelle gar nicht abwertend gemeint, denn wenn Bodybuilding als Sport wahrgenommen werden möchte, muss die Wertung auch an Hand subjektiver Kriterien nachvollziehbar sein. Dass also die Judges weitgehend alle die gleiche Reihenfolge werten, kann man durchaus als Zeichen dafür deuten, dass sie sich eben an diesen Kriterien orientieren.

Die Krux der Laienwertung

Die Wertungen der Kampfrichter sollen dabei stets frei von persönlichen Vorlieben sein, man wünscht neutrale Wertungen. Gewinnen soll der Beste und nicht derjenige, den man halt am liebsten hat. Doch nichts anderes geschieht durch die Einbeziehung der Fans. Denn Fans sind eben nicht immer objektiv, das müssen sie auch nicht sein. Subjektivität ist nun mal eng mit dem Fansein an sich verknüpft.

Doch was bedeutet das für die Wertung? An dieser Stelle kann man beruhigen: vermutlich nichts. Selbst wenn die Fans anderer Meinung sind als die Judges wird das aufgrund der Majorität derer Stimmen keinen Einfluss auf die Wertung haben, ungeachtet der Art der Hinzurechnung der Fanmeinung. Das ist vermutlich auch den Erfindern dieser Idee bekannt, daher haben sie schon vorsorglich einen Sondertitel ausgelobt, eben den des People’s Champion.

Doch was ist dieser Titel wert? Letztlich sagt er wenig über die sportliche Qualität aus, dafür aber viel über die Popularität einzelner Athleten. Um diese festzustellen, hätte im Zweifel auch ein Blick auf deren Social Media-Profile gereicht. Alternativ hätte man die Lautstärke des Jubels als Gradmesser nehmen können, wie das bei jedem anständigem Hinterhofs-Rapbattle gemacht wird. Aber nein. Dem Fan die Chance zu geben, sich wie ein echter Judge zu fühlen, ist natürlich aus Marketingsicht deutlich reizvoller. Und sie entspricht dem Zeitgeist, kommt doch heute kaum noch eine Konferenz ohne die obligatorische Abfrage von Meinungen via Smartphone aus.

Ein Titel ohne sportlichen Wert

Der People’s Champion wird also der Athlet, den die Fans ganz vorne sehen. Und er wird nur gekürt, wenn diese Sicht nicht mit der der Judges übereinstimmt. Doch welchen Wert hat dieser Award?

Sportlich keinen, unterstellt man nicht dem Kampfgericht, ohnehin korrumpiert zu sein. Wirtschaftlich könnte der People’s Champion sich diesen Titel durchaus zu nutzen machen, beispielsweise bei Verhandlungen mit Sponsoren, wobei fraglich ist, ob die das Urteil einiger weniger Fans in der Halle über das Votum der Webgemeinde, ablesbar in Followerzahlen, stellen.

Was bleibt, ist ein Titel, der keinem hilft, außer den Ticketverkäufern des Mr. Olympia.

Die Revolution, die keiner mitbekam

Nachdem ich nun genug gelästert habe, möchte ich noch eine zweite Ankündigung hervorheben, die rund um den Wirbel um den People’s Champion ein wenig unterging, die ich aber für deutlich zentraler und vor allem wegweisender halte:
Erstmals sollen die Wertungen der einzelnen Kampfrichter öffentlich gemacht werden. Damit lösen die Verantwortlichen eine Forderung ein, die ich bereits seit Jahren stelle.
Es ist schlicht lächerlich, dass die Wertungen der einzelnen Kampfrichter bislang nicht transparent gemacht wurden. Das gibt es sonst in keinem Sport der Welt. Egal ob Skispringen, Reiten, Turnen, Eiskunstlauf, wo auch immer Kampfrichter den Ausgang eines Wettkampfes zumindest in Teilen bestimmen, wird ganz offen gezeigt, welcher Kampfrichter wie gewertet hat. Einzig im Bodybuilding schreckte man davor bislang zurück und stieß damit die Türen für Verschwörungstheorien weit auf.

Nur um das klarzustellen: Natürlich kann man auch manipulieren, wenn die Wertung öffentlich gemacht wird, beispielsweise durch vorherige Absprache. Dennoch gebührt es dem Respekt gegenüber dem Athleten, dass dieser nach dem Wettkampf sehen kann, wer ihn wie bewertet hat. Oder anders formuliert: Wer als Kampfrichter nicht öffentlich zu seiner Wertung stehen kann, darf auch nicht werten.

Foto: Matthias Busse

Mit diesem Schritt geht die IFBB Pro League in die richtige Richtung, nämlich in Richtung Transparenz. Zu dieser Entscheidung muss man den Verantwortlichen ausdrücklich gratulieren und diese kleine Revolution in der Bewertung der Athleten macht auch den Schmarrn mit dem People’s Champion vergessen.

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