Wer hat Angst vorm Persischen Wolf?

Mr. Olympia 2019: Wie stehen die Chancen für Hadi Choopan in der 212 und in der Men's Open?

Hadi Choopan hat die Einreisegenehmigung in die USA bekommen. Nach wie vor offen ist die Frage, in welcher Klasse er letztlich antreten wird, da er sowohl für die offene Klasse als auch für die 212 qualifiziert ist. Die Topfavoriten beider Klassen werden seine Entscheidung mit Spannung verfolgen.

Hadi Choopan, der Persische Wolf, bei seinem Sieg in der offenen Klasse auf der Vancouver Pro 2019.


Was für einen Start in der 212 spricht


Seit der Einführung der 212 2008 – damals noch als 202 – gab es in dieser Klasse nur drei Sieger: David Henry im ersten Jahr, gefolgt von Kevin English von 2009 bis 2011 und Flex Lewis von 2012 bis 2018.

Nachdem Flex im Vorjahr angekündigt hat, nicht mehr in der 212 zu starten, wird es also einen neuen Titelträger geben. Als Topfavorit gilt Derek Lunsford, dessen kometenhafter Aufstieg im Vorjahr nur von Flex gebremst werden konnte. Kaum jemand zweifelte bis vor wenigen Tagen daran, dass er sich in diesem Jahr den Titel holen würde. Hadi hat ohne jeden Zweifel das Potenzial, Derek eben diesen streitig zu machen. Sein Potenzial zeigte sich bereits 2017, als er den in der 212 seit seinem ersten Olympia-Titel ungeschlagenen Flex Lewis beim Asia GP trotz dessen Sieg mit Idealpunktzahl in den Augen vieler Betrachter an den Rand einer Niederlage brachte.

Beim Asia GP 2017 trafen Hadi Choopan und Flex Lewis aufeinander.
Quelle: NPC News Online


Doch was bedeutet das nun für den 212 Showdown 2019? Dass der Sieg im Falle eines Starts Hadis in der 212 zwischen Derek und Hadi ausgefochten werden dürfte, daran kann es keine Zweifel geben, auch wenn man den Vorjahresdritten Kamal Elgargni nicht unterschätzen sollte. Dennoch: Wahrscheinlich wäre in dieser Konstellation das Duell Derek vs. Hadi – mit unsicherem Ausgang. Derek dürfte in diesem Vergleich die etwas gefälligere Linie und die schöneren Muskelformen haben und hatte seit dem 212 Showdown 2018 viel Zeit, sich noch einmal zu verbessern. Für Hadi spricht dessen brachiale Masse in Verbindung mit unglaublicher Härte und einer Muskulatur, der man die vielen Wettkampfjahre positiv ansieht, Stichwort Muskelreife.

Sollte sich Hadi für einen Start in der 212 entscheiden, hat er auf jeden Fall beste Karten, sich den Sieg zu holen und Flex zu beerben. Die entscheidende Frage ist, ob ihm das reicht. Die 212 ist eben immer noch in den Augen vieler die "kleine" Klasse, der Sieg mit deutlich weniger Prestige verbunden als der in der offenen Klasse. Nicht wenige mutmaßen, dass eben diese Tatsache auch ein Grund für Flex war, nicht mehr in der 212 anzutreten, wenngleich er wohl der einzige 212er war, der in Sachen Anerkennung und Bekanntheit den Topathleten der offenen Klasse nichts nachstand. Dafür erscheint ein Sieg Hadis hier leichter umsetzbar.

Doch ist ein Sieg in der "kleinen" Klasse das, was Hadi und seine Fans erwarten? Finanziell wäre eine Top 5-Platzierung in der offenen Klasse lukrativer als der Sieg in der 212. Diese Top 5-Platzierung ist durchaus realistisch, dazu gleich mehr. Doch ist ein dritter oder vierter Platz in der offenen mehr wert als ein Sieg in der 212? Um die Frage, ob ein Sieg in einer anderen als der offenen Klasse überhaupt zum Tragen des Titels Mr. Olympia berechtigt, wurde Anfang des Jahres durchaus heftig gestritten. Sicher ist: Trotz der enormen Leistungsdichte in der 212 ist die offene Klasse in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch ganz klar die Nummer 1. Doch trauen sich Hadi und sein Coach Hadi Rambod zu, in eben dieser auch ganz vorne mitzumischen?

Prognose
Sollte sich Hadi für einen Start in der 212 entscheiden, würde er automatisch zu einem der Topfavoriten. Dagegen spricht zum einen die größere Bedeutung der offenen Klasse, zum anderen ist die Erwartungshaltung in der 212 natürlich hoch.


Was für einen Start in der Men’s Open spricht


Sollte sich Hadi für einen Start in der offenen Klasse entscheiden, wäre das ein klarer Beleg dafür, dass er der festen Überzeugung ist, sich auch hier ganz weit vorne platzieren zu können. Kein Wunder! Zum einen konnte er im Juli in Vancouver immerhin den Achtplatzierten des Vorjahres, Nathan de Asha, deutlich schlagen, zum anderen setzte er sich 2017 bei der San Marino Pro gegen Cedric McMillan, der in dem Jahr immerhin die Arnold Classic gewann und zudem gegen den amtierenden Arnold Classic-Sieger und Topfavoriten Brandon Curry durch.

Hadi Choopan im Duell mit Brandon Curry und Cedric McMillan auf der San Marino Pro 2017


Nun ist das beinahe zwei Jahre her und gerade Brandon hat sich seitdem enorm weiterentwickelt. Ob Hadi ihn auch 2019 noch schlagen könnte, ist zumindest fraglich. Darüber hinaus gibt es in der offenen Klasse eine ganze Reihe von Athleten, die in diesem Jahr um den Sieg kämpfen, darunter auch William Bonac, der ebenfalls eine 212-Vergangenheit hat und auch aufgrund seiner Körpergröße vielleicht der interessanteste Vergleich im Feld der offenen Klasse ist.

William zeichnet seine unglaubliche Muskeldichte aus. Diese ist jedoch Fluch und Segen zugleich: So beeindruckend sein Körper auch ist, die Körpergröße und auch die Schulterbreite beschränken ihn in seiner Entwicklung. Kurzum: Es passt einfach nicht mehr Masse auf diesen Frame. Trotz dieser Einschränkung hat es William in die oberste Riege der Open-Bodybuilder geschafft und gehört in diesem Jahr zu den Topfavoriten. Das könnte Hadi natürlich als Vorbild dienen, zumal Hadi etwas mehr Schulterbreite aufweisen kann und damit Raum für mehr Muskeln hat. Einschränkend muss man jedoch anmerken, dass William seit Jahren nicht mehr in der 212 antritt und sich daher auch keine Gedanken mehr um Gewichtsbeschränkungen machen musste, wohingegen Hadi sich immer wieder in die 212-Klasse gequetscht hat. Ob ihn das in Sachen Aufbau beschränkt hat, wird sich zeigen. Gut möglich, dass sein Start in der offenen Klasse in Vancouver auch deshalb stattfand, weil er nicht mehr in die 212 passt, ohne massiv Muskeln abwerfen zu müssen.

Einer, der sich in Sachen Masse im Vergleich zu Hadi sicherlich keine Sorgen machen muss, ist Roelly Winklaar, der in dieser Kategorie 2019 mit Abstand das meiste mitbringt. Und doch wurde Roelly schon mehrfach von deutlich weniger massiven Athleten geschlagen, zuletzt bei der diesjährigen Arnold Classic, wo seine Form weit vom Ideal entfernt war. Wenn man davon ausgeht, dass Roelly in Las Vegas wieder in Topform antreten wird, dürfte es zwischen ihm und Hadi sehr spannend werden, denn die beiden dürften im Feld den höchsten Freakfaktor haben.

Und dann ist da natürlich auch noch Dexter Jackson, der sicher in Sachen Masse nicht mit Hadi mithalten kann, aber nie abgeschrieben werden sollte und mit all seiner Erfahrung stets in der Lage ist, ganz vorne einzugreifen.

Prognose
Ein Start in der offenen Klasse wäre für Hadi natürlich deutlich anspruchsvoller als einer in der 212. Dennoch ist auch hier ein Top 5-Platz auf jeden Fall möglich. Wie weit es dann nach vorne gehen kann, wird sich zeigen und hängt stark davon ab, wie gut oder schlecht sich der Rest präsentiert. Sicher ist, dass Hadi die offene Klasse, anders als die 212, nicht mit Masse dominieren kann. Ob er letztlich wirklich in der Lage ist, Athleten wie Brandon oder Roelly zu besiegen, ist fraglich.


Beeindruckende Bühnenpräsenz: Hadi Choopan auf der Vancouver Pro 2019.


Fazit


Hadis Entscheidung, in welcher Klasse er letztlich antreten wird, dürfte bis zur Verkündung die Athleten beider Felder umtreiben. Wählt er den vermeintlich leichteren Weg über die 212, ist die Anzahl derer, mit denen er um den Sieg kämpfen wird, geringer als in der offenen Klasse. Jedoch hat Hadi in der 212 auch mehr zu verlieren. Ein dritter Platz in der offenen würde als großer Erfolg gefeiert, ein zweiter Platz in der 212 beinahe schon als Niederlage.

In jedem Fall sorgt Hadis Teilnahme für Spannung.

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