Bodybuiding: Quo vadis?

Ist der Mr. Olympia 2022 der Beginn einer neuen Ära?

Auch wenn es zu diesem Zeitpunkt noch nicht jeder wahrhaben wollte, so stand bereits nach der Vorwahl des Mr. Olympias 2022 fest, dass es einen neuen Titelträger geben würde. Doch es war nicht etwa ein neues Massemonster, dass den amtierenden Champ vom Thron stoßen konnte, sondern zwei ehemalige 212er-Athleten, die von den Judges nach ganz vorne gesetzt wurden. Dies führt zu der Frage, ob der diesjährige Mr. Olympia einen Wendepunkt im Wettkampfbodybuilding darstellt und was dies für die Zukunft des deutschen Bodybuildings bedeuten könnte.

Big Ramy ging als Favorit ins Rennen um den Mr. Olympia 2022


Auf die Gefahr hin, dass tatsächlich ein Bodybuildingfan die Ereignisse des vergangenen Wochenendes nicht verfolgt haben sollte, eine kurze Zusammenfassung: Nachdem der Ägypter Big Ramy im Vorjahr seinen Titel beim Mr. Olympia verteidigen konnte, erwarteten alle Beobachter einen erneuten Sieg des Ausnahmeathleten. Verschiedene Formchecks im Vorfeld des Wettkampfes waren ungewöhnlich und gleichzeitig beeindruckend, so dass sich niemand in den öffentlichen Prognosen traute, Big Ramy nicht auf dem ersten Platz zu setzen.


Gleichzeitig lauerten eine Reihe an Debütanten auf ihre Chance beim Bodybuildinghighlight des Jahres. Ein Andrew Jacked schlug in seiner ersten Profi-Saison wie ein Bombe ein und konnte sich ebenso wie Michal Krizo auf Anhieb das Ticket für den Mr. Olympia sichern. Der amtierende 212er-Champ Derek Lunsford erhielt einen Special Invite ohne sich qualifizieren zu müssen und noch vor einem Jahr hätte niemand mit einem Samson Dauda gerechnet, der jedoch unmittelbar vor dem Mr. Olympia zunehmend in den Fokus geriet.

Darüber hinaus versprach ein William Bonac nach einer erfolgreichen Arnold Classic 2022 zu alter Stärke zurückgekehrt zu sein und auch die Top 5 des Vorjahres hatte nicht geplant, einem anderen Athleten Platz zu machen. Fans auf der ganzen Welt erwarteten den Wettkampf mich Hochspannung, wobei es weniger um den Sieg ging, sondern mehr die Frage, wie die Platzierungen hinter Big Ramy aussehen könnten.

Die Pittsburgh Pro 2022


Man kann über den Mr. Olympia 2022 nicht sprechen, ohne die Pittsburgh Pro 2022 zu erwähnen. Der Wettkampf in Pennsylvania wird von dem Präsidenten der IFBB Pro League Jim Manion veranstaltet und gilt daher als relevanter Termin im Wettkampfkalender. Wer hier gewinnt oder sich im Rahmen eines Gastposings auf der Bühne zeigen darf, wird sein Standing innerhalb des Profi-Verbandes keinesfalls verschlechtern.


Für Big Ramy war als amtierenden Mr. Olympia ein entsprechender Auftritt geplant, den dieser jedoch nicht wahrnahm. Dass der Grund für die Abwesenheit keine gesundheitlichen Gründe gewesen sein, wurde schnell bekannt. Dies wiederum befeuerte im Mai 2022 die Diskussion darüber, ob Big Ramy sich mit diesem Verhalten selber Steine in die Weg legen würde.

Gleichzeitig leuchtet ein anderer Stern am Bodybuilding Himmel umso heller. Zwischen Brandon Curry, Nick Walker und Hunter Labrada sorgte der damals noch offiziell in der 212er startende Derek Lunsford für enorme Aufmerksamkeit, als der Klassenunterschied zwischen den Athleten nicht erkennbar war. Das vermeintliche Leichtgewicht wirkte in keiner Weise Fehl am Platz und spätestens an diesem Tag wird auch Derek Lunsford für sich begriffen haben, dass er bei einem Wechsel in die offene Klasse alle Karten in der eigenen Hand hätte.

Was die 212er wirklich von der Men’s Open unterscheidet


Die 212er-Klasse wurde ursprünglich mit einem Gewichtslimit von 202 Pfund im Jahr 2008 begründet und führte damit die Tradition einer Leicht- und Schwergewichtsklasse fort, die bereits von 1974 bis 1979 beim Mr. Olympia umgesetzt wurde. Das damalige Gewichtslimit lag in den 1970ern noch bei 200 Pfund und in der Neuzeit wurde das Höchstgewicht bereits 2011 auf der Sacramento Pro auf 212 Pfund angehoben.

Diese Gewichtslimit führte zu zwei Entwicklungen: Zum einen zieht die 212er tendenziell kleinere Athleten an, was nachvollziehbar ist. Große Athleten benötigen sehr viel Muskelmasse, um auf der Bühne gut zu wirken, und erreichen schnell ein dreistelliges Bühnengewicht. Zum anderen ist in der 212er-Klasse die letzten Jahre aber auch etwas anderes zu beobachten: Die Athleten sind hart!

Während im Open Bodybuilding immer wieder von Fans kritisiert wird, dass der Großteil auf der Bühne keine echte Muskelqualität aufweisen könne und oftmals massiv aber glatt wirken würde, dominieren in der 212er-Klasse Athleten mit einer hervorragenden Konditionierung.

Hadi Choopan und Derek Lunsford sind der 212er entwachsen


Diese Tugend nahmen sowohl Hadi Choopan als auch Derek Lunsford in die offene Klasse mit. Bauchkontrolle, herausragende Konditionierung und dennoch außergewöhnliche Muskelmasse wurden von beiden Athleten auf die Bühne gebracht. Dass dies kein Zufall war, konnte Hadi Choopan die letzten Jahre mehrfach auf der großen Bodybuildingbühne beweisen und auch ein Shaun Clarida oder ein Kamal Elgarngi zeigten bei ihren Ausflügen ins Open Bodybuilding, welche Qualität die vermeintlich kleinen Jungs auf die Bühne bringen können.


Während die Fans auf der einen Seite einen Abgesang aufs Bodybuilding postulieren, wurde auf der anderen Seite in der Vergangenheit die 212er-Klasse, in der echtes Bodybuilding weiterhin lebte, häufig übersehen. Auch in Deutschland interessiert sich nach dem Rücktritt von Flex Lewis die Mehrheit kaum für die leichtere Gewichtsklasse, wenn ein Steve Benthin nicht gerade an den Start geht.

Die Standards an der Weltspitze wurden neu definiert


Wer nach diesem Mr. Olympia noch denkt, der amtierende Champ wäre nur gestrauchelt, deutet die Zeichen der Zeit falsch. Injektionsbeulen, die im Übrigen auch bei Nick Walker zeitweise zu erkennen waren, und atrophierte Muskeln mögen Big Ramy bis auf Platz fünf gespült haben. – Anders ist dieses historische Abrutschen eines amtierenden Champs nicht zu bezeichnen.

Doch es waren weder ein Brandon Curry, noch ein Nick Walker oder ein anderes Massemonster, die den Platz des Champs einnahmen. Die Judges haben sich bewusst für ein Duo ausgesprochen, das Qualitäten in das Schwergewichtsbodybuilding einbringt, von denen auch deutsche Athleten profitieren könnten. Wer den drittplatzierten Nick Walker in einem Atemzug mit dem Führungsduo nennt, hat schlichtweg die Scorecard des Mr. Olympia 2022 nicht genau analysiert.

Nick Walker war keinesfalls der unumstrittene Herausforderer, wie ihn manch Beobachter gerne sehen würde. Er schlug mit Brandon Curry und Big Ramy vielmehr zwei ehemalige Champions, die ihre beste Zeit hinter sich haben. In diesem Jahr mag er der drittbeste Bodybuilder der Welt gewesen sein, doch die Tür steht nun für eine neue Entwicklung im Schwergewichtsbodybuilding offen.

Welche deutschen Athleten könnten von dieser Entwicklung profitieren?


Das Deutschland seinen Schwerpunkt aktuell eher in der Classic Physique als dem Schwergewichtsbodybuilding hat, steht außer Frage. Urs Kalecinski und Mike Sommerfeld konnten sich beide in der Top 5 platzieren und vertraten damit eine ästhetische Form des Bodybuildings auf Spitzenniveau.

Dennoch gibt es mit Emir Omeragic, Enrico Hoffmann, Roman Fritz und Tim Budesheim gleich vier Athleten, die sich im Schwergewicht international behaupten können und zum Teil nur knapp an einer Olympia-Qualifikation scheiterten. Keiner der vier Athleten mag der Top 3 des Mr. Olympias in absehbarer Zeit gefährlich werden, doch dass Deutschland in Zukunft auch wieder in der offenen Klasse beim Mr. Olympia vertreten sein wird, ist keinesfalls abwegig.

Sollte die Kriterien des Mr. Olympias 2022 sich auf andere Wettkämpfe übertragen, könnten insbesondre Roman Fritz und Tim Budesheim hiervon profitieren. Alle vier Athleten kamen zweifelsfrei bei ihren Auftritten in Form, doch gerade ein Tim Budesheim in seinen ersten Profi-Jahren und ein Roman Fritz bringen eine gewisse Konditionierung auf die Bühne. Dies mag nicht für einen Sieg beim Mr. Olympia oder der Arnold Classic in Ohio ausreichen, doch ein Erfolg auf einem kleineren Grad Prix ist nach diesem Wochenende wahrscheinlicher denn je.

Bodybuilding: Quo vadis?


Vor über zehn Jahren stellte ich bereits in einem anderen Artikel die Frage, wohin sich Bodybuilding entwickeln würde. Ich kritisierte Superlative, die Dimensionen angenommen hätten, die zu einem orientierungslosen Sport geführt hätten. Die Entscheidungen beim Mr. Olympia 2022 könnten diese Orientierung nun bieten. Wenn auch das Open Bodybuilding die Qualitäten des vermeintlich kleinen Bruders verinnerlicht, könnte dies den Beginn einer neuen, erfolgreichen Ära im Bodybuilding bedeuten!

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