Verlauf, Ursachen und Gegenmaßnahmen

Muskeldysmorphophobie: Der Adonis Komplex

Nackt gut aussehen! Dieses Ziel verbindet vermutlich die meisten Nutzer eines Bodybuildingforums. Doch was ist, wenn das Verlangen nach mehr Muskelmasse zur Sucht wird? Zur Krankheit, die nicht länger kontrolliert und die Wahrnehmung verändert? Dann ist die Grenze zur Muskeldysmorphophobie nicht mehr weit. Der folgende Artikel soll den Andonis Komplex näher erläutern und welche Gegenmaßnahmen möglich wären.

Was ist Muskeldysmorphophobie? – Versuch einer Kategorisierung


Bei Muskeldysmorphophobie, muskeldysmorpher Störung oder kurz Muskeldysmorphie (MD) handelt es sich um eine Form der körperdysmorphen Störung (engl.: Body Dysmorphic Disorder). Betroffene Menschen geben an mit ihrem Körper nicht nur unzufrieden zu sein, sondern kritisieren besonders fehlende oder zu geringe Muskelmasse und einen zu hohen Anteil an Körperfett, obwohl eine objektive Betrachtung für das Gegenteil spricht. Betroffene verbringen eine auffällig hohe Anzahl von Stunden in der Woche mit schwerem (Kraft-)Training zum Muskelaufbau, befolgen strenge Diäten und greifen auch auf Substanzen zurück, welche sie ihrem Ziel näher bringen sollen.

Foto: Matthias Busse

Diese Beschreibung, welche zunächst wenigstens teilweise auch auf einen ambitionierten Hobbysportler zutreffen könnte, wird jedoch noch mit weiteren essenziellen Symptomen ergänzt, die Muskeldysmorphophopie zu einer mittlerweile anerkannten psychologischen Störung werden lassen. Betroffene empfingen starken seelischen Druck bei der Vorstellung, ihre Trainingsroutine und Ernährung nicht vollständig umsetzen zu können. Ihrem Körperbild und die Wahrnehmung dessen durch ihre Umgebung wird oberste Priorität zugemessen.

Daraus resultieren zwanghafte Abläufe, zerstörerische Tendenzen (Training trotz Verletzung, exzessive Langzeitdiäten, Substanzmissbrauch), das Meiden von Sozialkontakten oder Situationen, welche nicht zielfördernd sind, und auch schwere Depressionen bis hin zum Suizid(versuch).

Männer sind tendenziell häufiger betroffen als Frauen. Studienteilnehmer mit Diagnose Muskeldysmorphophobie in Großbritannien sind zu ca. 80 % männlich. Eine Studie, welche 2004 in Deutschland durchgeführt wurde (wohl gemerkt vor dem Hype, den Krafttraining in den letzten Jahren erlebt hat), war der Anteil von Männern und Frauen unter den Befragten gleich hoch, welche die angelegten Kriterien für eine Muskeldysmorphophobie erfüllten. Die starken Schwankungen in diesen Befunden sind unter anderem durch die fehlenden Diagnosestandards zu erklären. Es besteht nach wie vor Unklarheit darüber, ab wann die Diagnose Muskeldysmorphie zutrifft.

Durch die zwanghafte Komponente und die potentiell gesundheitsschädlichen Handlungen wird Muskeldysmorphophobie mittlerweile offiziell zu den körperdysmorphen Störungen gezählt. Pope, Katz und Hudson kategorisierten 1993 Muskeldysmorphie ursprünglich als Reverse Anorexia Nervosa, also umgekehrte Magersucht mit Parallelen zur Zwangsstörung. 2014 schlugen Foster und Griffiths die Bezeichnung „Addiction to Body Image“ (ABI) - Körperbildabhängigkeit (im Sinne von Sucht) - vor. Sie begründeten ihre neue Kategorisierung damit, dass es einen Suchtfaktor (Muskeln, Körperbild, Euphorie bei „positiver“ Entwicklung des Körpers) gibt, welchem durch Alltagsaktivitäten zugearbeitet wird. Ähnlich einem Süchtigen, welcher unterschiedliche Aktivitäten aufgreift, um Geld für seine Suchtsubstanz aufzutreiben.

Auch geben sie an, dass Menschen mit ABI Phasen wie Toleranz (mehr Training wird irgendwann für die gleichen Muskelzuwächse benötigt), Entzug und Rückfälle erleben können.

Spekulation über die Ursachen


Die Studien zu Muskeldysmorphophobie sind noch rar und heterogen in ihrer Durchführung. Dennoch finden sich eine Anzahl von Ursachen, die im Verdacht stehen Muskeldysmorphophobie auszulösen. An erster Stelle steht die gesellschaftliche Assoziation von Fitness und Muskeln mit einem erfolgreichen Leben, Gesundheit und Prestige.

Das Bild, welches Männern über die Medien kommuniziert wird, verspricht, dass mit dem adäquaten Körperbau auch Frauen, Geld und Erfolg kommen. Daher argumentieren einige Psychologen, dass gerade Menschen mit geringem Selbstwertgefühl Fitness als Mittel der Kompensation verwenden um ihren gesellschaftlichen Status augenscheinlich zu bessern. Außerdem berichten betroffene Menschen oft von prägenden Situationen, in denen sie sich unzureichend, unmännlich oder schutzlos fühlten.

In Umfragen gaben zudem eine hohe Zahl der Betroffenen auch traumatische Ereignisse als auslösenden Faktor an. Hierzu gehörten Trennungen, Krankheiten oder auch Missbrauchs- und Gewalterlebnisse in Kindheit und Jugend. Die Kombination von Training und Ernährung, so gaben Betroffene an, gäbe ihnen das Gefühl von Kontrolle und Selbstbestimmung.

Was sind die Symptome einer Muskeldysmorphie?


Oben im Text wurden schon einige Symptome einer Muskeldysmorphie genannt. Hier werden sie noch einmal übersichtlicher aufgelistet.

Betroffene zeigen unter anderem die folgenden Verhaltensweisen:
  • Extrem hohes Trainingsvolumen, vorzugsweise schweres Krafttraining (mehr als durchschnittlich 3 Stunden/Tag)
  • Training trotz Verletzungen oder Erkrankungen, welche Ruhe fordern
  • Befolgen von sehr disziplinierten Diäten über sehr lange Zeit
  • Abbrechen von sozialen Kontakten, meiden von Aktivitäten außerhalb des Sports
  • Auffällig häufiges Betrachten und Überprüfen der Körperform oder bewusstes Verdecken von Spiegeln, das Tragen weiter Kleidung um den Körper zu verdecken
  • Geringes Selbstbewusstsein
  • Exzessive Selbstüberprüfung (Fitness Tracker checken, Wiegen, Messen)
  • Obsessives Grübeln über die Körperform oder die Ernährung
  • Starke emotionale Ausbrüche oder Stimmungsschwankungen sobald Sport und Ernährung nicht umgesetzt werden können
  • Missbrauch von Substanzen zum Muskelaufbau
  • Depressive Phasen, Depression und/oder Suizidgedanken
  • Leidensdruck und verzerrtes Selbstbild
Foto: Matthias Busse

Was kann man gegen Muskeldysmorphophobie tun?

Hilfe und Prognose

Wie immer ist der Faktor, welcher am Ende zählt, der Leidensdruck welcher durch die Erkrankung entsteht. Daher verschwimmen die Grenzen zwischen ambitioniertem Sportler und Mensch mit Muskeldysmorphie. Nicht jeder Mensch, welcher als „verbissen“ wahrgenommen wird, leidet gleich an einer psychischen Erkrankung.

Wer hier ist nicht schon einmal vom Average Joe als „extrem“ wahrgenommen worden, nur weil man Kalorien zählt oder Gewichte schwingt?! Sobald jedoch ein Leidensdruck ins Spiel kommt, sollte man die Situation anders betrachten.

Sport sollte immer auch Spaß machen und der Gesundheit helfen! Das ist auch der Knackpunkt beim Unterschied von ehrgeizigem Training zu Muskeldysmorphie: Es stellt sich überhaupt keine Freude und Zufriedenheit mehr ein! Nichts ist gut genug, die Ernährung nicht diszipliniert genug, das Training nicht hart genug, die Leistung ist nicht ausreichend. Wer feststellt, dass er nie zufrieden ist, mit sich, dem Sport und überhaupt Allem, sollte sich Gedanken machen. Fällt die Trainingseinheit flach und die emotionale Reaktion geht über ein herzliches: „So ein Mist!“ hinaus oder Gefühle von großem Stress, sogar Panik stellen sich ein, kann das ein Anlass zur Besorgnis sein. Je früher dann reagiert wird, desto besser.

Was kann man tun?

Für sich selbst:
  • Die Zwänge in kleinen Schritten abarbeiten – einen Pausentag einlegen, sich einen Keks gönnen, die Intensität im Training reduzieren usw… Immer nur eine Sache pro Tag ausprobieren und versuchen den mentalen Druck auszuhalten.
  • Sich mit Menschen treffen, die entweder nichts mit Kraftsport am Hut haben oder generell wertschätzend mit dir umgehen und wollen, dass du auf dich achtest.
  • Komm raus, fahre weg. Vielleicht erstmal nur übers Wochenende und plane den Ausflug durch. Fahre wenn möglich nicht alleine. Bringe Distanz zwischen dich, Training und Ernährung.
  • Beweg dich aber nicht im Studio. Schiebe einen Tag ein an dem du wanderst, kletterst, schwimmst, was auch immer dir Spaß macht. Oder mach was, was dir keinen Spaß macht und versuche dich damit zu arrangieren. Entspannungsübungen können helfen und sind oft eine große Herausforderung.
  • Plane bewusst Zeit für Schlaf ein
  • Für den Fall, dass bereits gesundheitliche Schäden vorliegen, gehe zu einem Arzt
  • Sprich mit einem Psychologen darüber (auch ein paar Termine können helfen)
Für eine andere Person:
  • Bewerte das Verhalten des Menschen um den du besorgt bis auf keinen Fall! Wenn du ihn ansprichst, stelle eine Frage oder sprich davon, welchen Eindruck du hast (zB Sag mal, du bist doch stark erkältet! Meinst du, das ist so gut jetzt so hart zu trainieren? Oder Ich habe den Eindruck, dass dich das jetzt sehr stresst, dass wir heute nicht ins Studio gehen können).
  • Sprich das Thema regelmäßig an und sag auch, dass du dir Sorgen machst. Je näher du der Person stehst, desto direkter solltest du dabei sein. Vielleicht sogar einen extra Termin für ein Gespräch unter vier Augen machen.
  • Biete Hilfe an (sei nicht enttäuscht, wenn die Person ablehnt).Lade die Person zu anderen Aktivitäten ein, die nichts mit Training zu tun haben.
Wie immer gilt: Mut fassen und die Situation objektiv bewerten. Je früher das getan wird, desto besser ist die Prognose für ein Leben mit Spaß an Sport ohne Zwang und Leid. Ja, über solche Probleme sprechen fällt schwer und es bei anderen ansprechen auch. Es kann ein langer, steiniger Weg werden. Es lohnt sich aber definitiv. Du sowie deine mentale und körperliche Unversehrtheit kommen immer zuerst.
Disclaimer: Der Artikel nennt im Verlauf mögliche Ursachen, Anzeichen und Hinweise, dass ein Mensch von MD betroffen ist. Die Liste hat nicht den Anspruch vollständig zu sein. Symptome sind erfahrungsgemäß so unterschiedlich, wie die Menschen selbst. Bist du dir unsicher, ob du von MD betroffen bist? Sprich mit Jemandem darüber.

Quellen

  • Phillips, K. A., & Castle, D. J. (2001). Body dysmorphic disorder in men. BMJ (Clinical research ed.), 323(7320), 1015-6.
  • Challinor, K. L., Mond, J., Stephen, I. D., Mitchison, D., Stevenson, R. J., Hay, P., & Brooks, K. R. (2017). Body size and shape misperception and visual adaptation: An overview of an emerging research paradigm. The Journal of international medical research, 45(6), 2001-2008.
  • Mangweth-Matzek, B., & Hoek, H. W. (2017). Epidemiology and treatment of eating disorders in men and women of middle and older age. Current opinion in psychiatry, 30(6), 446-451.
  • Tod, D., Edwards, C., & Cranswick, I. (2016). Muscle dysmorphia: current insights. Psychology research and behavior management, 9, 179-88. doi:10.2147/PRBM.S97404
  • Foster, A. C., Shorter, G. W., & Griffiths, M. D. (2014). Muscle dysmorphia: could it be classified as an addiction to body image?. Journal of behavioral addictions, 4(1), 1-5.
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  • Kanayama, G., Brower, K. J., Wood, R. I., Hudson, J. I., & Pope, H. G. (2010). Treatment of anabolic-androgenic steroid dependence: Emerging evidence and its implications. Drug and alcohol dependence, 109(1-3), 6-13.

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