Eiweiß ist nicht böse

Brief an die Mütter zu Eiweiß und Fitness

Liebe Mutter,

nun ist also auch dein Sohn diesem Kraftsport verfallen. Oder wie würdest du es nennen? Quatsch vielleicht? Oder Blödsinn? Rumgehampel? Irgendeine Bezeichnung in jedem Fall, die deiner Abscheu gebührenden Ausdruck verleiht. Hinter der sich wiederum Unsicherheit verbirgt.

Ich weiß, Mütter sind großartige Geschöpfe und das, von grober Wissenschaft durch Hormonausschüttungen erklärte, aber eigentlich doch magische Band zwischen Mutter und Kind ist ein Wunder der Natur. Das gilt im besonderen Maße für das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn – wer als Frau schon mal versucht hat, sich mit der Schwiegermutter gut zu stellen, versteht was ich meine. Dass du von Sorgen geplagt bist, wann immer dein Junge seine ersten eigenen Entscheidungen im Leben fällt, ist dir hoch anzurechnen. Und der Einstieg ins Krafttraining stellt einen solchen selbstständig beschlossen und mitunter radikalen Einschnitt in den Lebenswandel dar.

Da muss natürlich die Frage erlaubt sein, ob ein Jugendlicher, der noch nicht einmal Sorge für die Schmutzwäsche, seine Krankenversicherung oder auch nur einem eigenmotivierten Engagement in der Schulausbildung trägt, derart selbstbestimmt über seinen Körper entscheiden sollte.

Was sollen zum Beispiel diese Eiweißshakes?

Ein großes Streitthema, nicht nur in deiner Familie. Proteinpulver wird ja mittlerweile in jeder Apotheke, im Drogeriemarkt und im gut sortierten Supermarkt verkauft. Das sollte dich schon mal ein wenig beruhigen. Nahrungsergänzungsmittel mögen noch kein Massenprodukt wie Brot und Milch sein, aber auch nichts für fragwürdige Randgruppen. Wie das zum Beispiel für Koks der Fall ist.
Tatsächlich sind Eiweißshakes eine begrüßenswerte Sache: lecker, "Convenient", wie man heute so schön sagt, und dabei noch – jetzt kommt’s! – gesund! Meistens schließen sich diese Attribute im Lebensmittelbereich ja gegenseitig aus.
Es handelt sich hierbei schlicht um Eiweiß in komprimierter Form, extrahiert durch spezielle Herstellungsverfahren, die nicht weniger seriös sind als sämtliches, was sonst noch so in der Nahrungsmittelindustrie vor sich geht. Und Protein ist ein toller Nährstoff, von dem wir alle vielleicht nicht genug zu uns nehmen. Ein gutes Proteinsupplement hat seinen Preis, aber dafür wird auch Qualität geboten, die sich über der des Schweinehackfleisches für 1,60 € das Kilo (Hand auf Herz: Du kaufst es doch auch?) ansiedeln lässt.

Eiweiß ist auch nicht der Nieren-Tot, für den es häufig gehalten wird. Eine gesunde Niere im Körper eines jungen Menschen ist mit ein oder zwei Shakes am Tag nicht überfordert. Und "dieses Anabolika" ist da schon mal gar nicht drin. Verschreibungspflichtige Medikamente sind um Längen zu teuer und juristisch zu riskant, als dass die Hersteller sie als Bonus mit in den Eimer mischen würde. Wenn du dem nicht glaubst, dann wirf ruhig einen Blick auf die Kölner Liste, eine vom Olympiastützpunkt Rheinland veröffentlichte Datenbanken mit offiziell für dopingmittelfrei befundenen Produkten. Hier aufgeführte Produkte sind nun wirklich unbedenklich.

Noch furchteinflößender mögen Dinge mit unaussprechlichen oder schwer interpretierbaren Namen sein: Booster, Gainer, Creatin, BCAA’s, manchmal gar in Tablettenform! Nun, es ist hier wie mit dem Alkohol oder der ersten (und hoffentlich letzten) Zigarette: Die Jugend ist doch zum Ausprobieren da!
Verlasse dich drauf, dass in einem Wirtschaftsraum, in dem die elektrische Leitfähigkeit von Honig gesetzlich vorgeschrieben ist, nichts in den Handel kommt, das deinen Sohn ernsthaft gefährden könnte.
Suche natürlich den Dialog, lass dich aufklären und diskutiere ruhig die Sinnhaftigkeit all dessen, was ja schließlich von deinem Geld finanziert wurde.


Aber mal was anderes: Sind meine Kochkünste auf einmal nicht mehr gut genug?

Natürlich sind sie das! Aber Jugendliche erkämpfen Freiräume an allen Fronten, das ist dir ja sicher schon aufgefallen. Die Verantwortung über Körper, Figur und Aussehen bedeutet deinem Sohn scheinbar einiges. Das ist erst mal nichts Schlechtes.
Sei in keinem Fall gekränkt! Fitness-Nahrung entspricht so ziemlich genau dem Gegenteil der deutschen Hausmannskost. Weder das eine noch das andere ist zu verurteilen.
Findet da Kompromisse. Du hast keinesfalls Respektlosigkeit verdient, noch solltest du dich zur Privatköchin degradieren lassen. Aber eine zumindest gelegentliche selbstständige Nahrungszubereitung ist doch eigentlich in einer Gesellschaft voller Hotel-Mama-Bewohner unterstützenswert. Und ist dein Sohnemann gar leicht dicklich, kränkelnd oder leidet unter seiner auffallenden Schlankheit? Dann kann eine Ernährungsumstellung vielleicht den Schlüssel zu einem gesünderen, glücklicheren Dasein bedeuten.

Weder eine Verweigerung geselliger Nahrungsaufnahme - auf Omas Geburtstag zum Beispiel -, noch finanziell extravagante Wünsche müssen klaglos hingenommen werden. Sehe zeitweilige Kämpfe aber gelassen. Jeder Amateursportler stellt früher oder später fest, dass eine allzu asketische Ernährung kein befriedigendes Aufwand-Nutzen-Verhältnis beinhaltet. Dann kehrt auch wieder Lockerheit ein.

Und das Training selbst: Ist das nicht alles schädlich?

Wusstest du, dass Sitzen tötet? War neulich grade eine provokante Schlagzeile, irgendwo. Wie man's macht, macht man's verkehrt. Aber ich glaube, es ist eigentlich sehr simpel: Der Mensch ist ein Hetzjäger, ein Bewegungstier, ein Arbeiter. Deswegen ist Joggen nicht schädlich fürs Knie und das Bewegen von Gewichten nicht (per se) schlecht für den Rücken. Klar, man kann viel falsch machen. Aber wer sich bewegt, kann verlieren, wer sich nicht bewegt, hat schon verloren.

Schau dich mal bei nächster Gelegenheit in einer Menschenmenge um. Da wirst du ausreichend schlaffe Körper, runde Rücken, Kugelbäuche sehen. Auch und grade bei jungen Menschen. Das sind die Dauerkrankschreibungen, chronischen Schmerzpatienten und Wirbelsäulen-OP's von morgen. Es kann also nur besser werden. Bei richtiger Übungsausführung ist Krafttraining nahezu ein Segen für einen Körper, der in unserem Alltag ja praktisch nicht mehr zum Einsatz kommt.


Ich kann mit diesem "Sport" insgesamt aber nichts anfangen!

Wird mein Kind da nicht zum selbstverliebten Schönling? Ohne deine Kindheit und Jugend gekannt zu haben: Ich glaube, es hat sich eine Menge geändert. Und eine Menge auch zum Negativen.

Da gibt es jetzt zum Beispiel dieses Internet, das fesselt schon Zehnjährige dauerhaft an den Bildschirm, wo sie sich ins Second Life flüchten, Chatbeziehungen ("mit so richtigem Verliebtsein") führen oder irgendwann glauben, sie seien Elfen. Früher hätte man da ja noch eher mit dem Ball gespielt, heute trifft man sich mit seinem Clan. Heute wird der uns allen innewohnende Bewegungsdrang schon lange vor dem Eintritt in den Büroalltag erstickt.

Das hat nicht nur die genannten gesundheitlichen Schäden zur Folge. Viele Jugendliche treiben heute haltlos durch diese komplexe Welt. Richtige Männer scheinen auch auszusterben. Dabei kann, wer kein Ziel hat, auch nie eines erreichen. Und das bräuchten wir aber eigentlich, um unsere Persönlichkeit zu entwickeln und glücklich zu sein.

Dein Sohn hat sich jetzt seine eigenen Ziele ausgesucht: Eine Leistung im Bankdrücken, ein Sixpack oder eine bestimmte Konfektionsgröße. Mögen sie dir auch befremdlich erscheinen, aber sie kommen aus tiefstem Herzen, und sie finden im realen Leben statt, selbstbestimmt und aus freien Stücken gewählt. Das macht stark, nicht nur körperlich, sondern auch mental. Darauf kannst du stolz sein – allein die Entscheidung hierfür spricht für einen Menschen.

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Bild: Frank-Holger Acker

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