Wenn eine Erkältung nicht auskuriert wird...

Myokarditis

Wir stecken mal wieder mittendrin in der alljährlichen Erkältungsperiode. Die letzten und ersten Monate eines Jahres übersteht wohl kaum jemand, ohne wenigstens einmal danieder zu liegen. Grippale Infekte nerven vor allem den Sportler, der zu Zwangspausen in seinem Training genötigt wird. Aber die nimmt der sich oft auch gar nicht. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse trainiert jeder dritte Hobbyathlet auch mit Schnupfen, Halsschmerzen und Fieber weiter, bei den jungen Befragten unter 25 ist es sogar jeder zweite. Ärzte warnen aber immer wieder eindringlich vor Belastung bei körperlichem Unwohlsein. Grade Fiebererkrankungen können das Training zur tickenden Zeitbombe machen. Mit unkalkulierbarem Risiko können Folgeerkrankungen provoziert werden, zu denen auch die Myokarditis, die sog. Herzmuskelentzündung, zählt. Die hat schon so manchen, der sich nicht eine Woche bis zur Wiederaufnahme seines Sports gedulden konnte, zu einer lebenslangen Zwangspause verurteilt.

Begriff und Ursachen

Myokarditis stellt einen Sammelbegriff für entzündliche Erkrankungen des Herzmuskels dar, die nach verschiedenen Kriterien kategorisiert werden können. Zumeist wird nach Verlaufsform – z.B. akut, chronisch und rezidivierend -, Schwere oder auslösende Ursache unterschieden. Letztgenannter Punkt soll im Weiteren näher betrachtet werden.

Die Herzmuskelentzündung wird in einer Vielzahl der Fälle durch eine virale Infektion ausgelöst. Eine wesentliche Rolle spielen hierbei Coxsackviren, die u.a. grippeähnliche Erkrankungen und Meningitis hervorrufen können, Herpesviren, Influenzaviren, die die Echte Grippe verursachen, und einige andere. Mediziner vermuten, dass die Entzündung durch eine Kreuzantigenität entsteht, bei der die körperlichen Abwehrmechanismen irrtümlich den strukturell ähnlichen Herzmuskel anstelle der Erreger angreifen. Die Problematik wird im Abschnitt über den Krankheitsverlauf noch aufgegriffen werden.

Auch Bakterien, z.B. der Auslöser von Mandelentzündungen, oder, seltener und dann vor allem bei bereits bestehender Immunschwäche und in Entwicklungsländern, Pilze, Parasiten und Protozoen – einzellige, tierische Krankheitserreger - können die Krankheit verschulden.

Bei der nichtinfektiösen Form liegt die Ursache in rheumatischen Vorerkrankungen, Unver-träglichkeit gegenüber Medikamenten etc. Die nichtinfektiöse Form stellt jedoch eher die klinische Ausnahme dar.

Zum Ausmaß der weltweiten Verbreitung der Myokarditis lassen sich schwerlich konkrete Angaben treffen, da sie in der überwiegenden Zahl der Fälle stumm und komplikationsfrei verläuft. Obduktionen ergaben teilweise Gesamthäufigkeiten von mehr als 5% unter den Untersuchten unabhängig von deren Todesursache.


Symptome

Die Tücke der Myokarditis liegt in ihrem schleichenden Krankheitsverlauf. Sie ist nicht mit tatsächlich stichhaltigen Symptomen verbunden. Der Betroffene fühlt sich abgeschlagen und antriebslos. Es treten Kurzatmigkeit und, in einigen Fällen, Rückenschmerzen auf. Die genannten Auswirkungen werden jedoch oftmals lediglich mit der Begleiterkrankung in Verbindung gebracht. Evtl. auftretende Herzrhythmusstörungen wie Herzrasen, starkes Herzklopfen, Aussetzer und Doppelschläge könnten noch am ehesten für Beunruhigung sorgen. Oftmals gibt sich die Herzmuskelentzündung aber auch überhaupt nicht in irgendwelchen Symptomen zu erkennen.

Diagnose

Die Vielfalt und unspezifische Natur der Symptome bedingt, dass eine exakte Diagnose häufig schwer fällt. Als gängiges diagnostisches Verfahren wird das EKG angewendet, um Herzrhythmusstörungen zu identifizieren. Die Methode besticht durch Einfachheit und Schonung des Patienten, liefert jedoch auch äußerst unpräzise Ergebnisse. Möglich ist auch das Röntgen des Brustkorbes, um Gefäßauffälligkeiten und Wasser in der Lunge sichtbar zu machen, allerdings werden hiermit nur Symptome festgestellt, die erst bei sehr fortgeschrittenem Krankheitsverlauf auftreten. Desweiteren können Antikörper und Entzündungsmarker in Blut, Stuhl oder Urin untersucht oder ein CRT des Herzmuskels zur Identifikation von Entzündungsherden durchgeführt werden. Die zuverlässigste Methode stellt die Biopsie, d.h. die Entnahme von Gewebsproben aus dem Herzen, dar. Sie ist zugleich auch die aufwendigste und riskanteste, kann jedoch heutzutage schnell und ohne kreislaufbelastende Vollnarkose durchgeführt werden.

Verlauf

Die angesprochene Vielschichtigkeit der Krankheit bedingt, dass sich kein idealtypischer Verlauf beschreiben lässt. Für die häufigste Form der viralen Myokarditis benennen Mediziner ein 3-Phasen-Schema der folgenden Gestalt:

In der ersten Phase der Myokardschädigung durch kardiotrope, d.h. bevorzugt das Herz befallene Viren, wird der Herzmuskel beschädigt. Der Körper reagiert mit einer Entzündung, die der Virusbekämpfung dient. Mehrheitlich ist der Abwehrmechanismus erfolgreich und das Gewebe heilt komplikationsfrei ab.

Die zweite Phase der Myokardschädigung durch Autoimmunreaktion tritt nur gelegentlich, häufig im Falle genereller Immunschwäche, auf. Wie bereits geschildert, erfolgt ein Angriff auf das eigene Muskelgewebe. Untersuchungen wiesen antisarkolemmale und antimyosine Antikörper nach. Es handelt sich hierbei um Antikörper, die der Abwehr der kardiotropen Viren dienen, jedoch mit der angesprochenen Kreuzantigenität einher gehen. In der Folge wird zwar die Vermehrung der Viren unterbunden, aber der Muskel geschädigt. Begünstigt wird der Vorfall beispielsweise durch eine Offenlegung der intrazellulären Substanzen in Phase Eins.

Zeigt auch die Autoimmunreaktion keinen Heilungserfolg, stellt sich die dritte Phase der dilatativen Kardiomyopathie ein. Während sich dilatativ mit „Erweiterung“ oder „Vergrößerung“ übersetzen lässt, sind Kardiomyopathien Herzerkrankungen, die eine Dysfunktion des Organs herbeiführen. Bei der dilatativen Form vergrößern sich Muskel- und Bindegewebsmasse des Herzens krankhaft während die Gewebswände ausdünnen, es kommt zu Gewebswucherungen, einer Volumenzunahme der linken, in einigen Fällen auch beider Herzkammern und einer nachlassenden Pumpleistung.

Folgen

Der Zusammenhang zwischen der Herzmuskelentzündung und krankhafter –vergrößerung, -fibrose und –insuffizienz konnte noch nicht zweifelsfrei bewiesen werden, jedoch sollte allein die eventuelle Kausalität zur Achtsamkeit ermahnen. Die dilatative Kardiomypathie zählt bis heute zu den Herzerkrankungen mit äußerst ungünstiger Prognose, die viele Betroffene zu lebenslanger Medikamenteneinnahme oder sogar Transplantation zwingt und selbst in den nicht selten vorkommenden symptomlosen Fällen tödlich enden kann. Die verminderte Kraft des Herzmuskels unterbindet die Sauerstoffversorgung des Körpers, führt zu Ödem und schlimmstenfalls zu Wasseransammlungen in der Lunge, denkbar sind noch diverse andere Begleiterscheinungen. In einer Langzeitstudie lag die jährliche Sterblichkeitsrate der Erkrankten zwischen 5 und 10%, mehr als 30% der Verstorbenen erlagen dabei dem plötzlichen Herztod.

Fälle augenscheinlich kerngesunder, junger und fitter Leistungssportler, die überraschend ihren oftmals unbekannten Herzleiden erliegen, erschüttern die Öffentlichkeit immer wieder. Hier kann beispielhaft der Tod des Fußballprofis Piermario Morosini vom italienischen Zweitligisten AS Livorno oder der des weltklasse Schwimmers Alexander Dale Oen genannt werden.

In einer Erhebung der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin war die Herzmuskelvergrößerung in 3%, die Herzmuskelentzündung in 7% der Fälle Auslöser von Tod infolge plötzlichen Herzversagens. Beide Diagnosen lassen sich vermutlich oftmals nicht trennen und auch sonstige Herzerkrankungen und eine Myokarditis, die durch körperliche Belastung bei Viruserkrankungen provoziert wurden, weisen vermutlich häufig Zusammenhänge auf, so dass ohne die Möglichkeit zur endgültigen statistischen Aufschlüsselung gesagt werden kann, dass die Herzmuskelentzündung sehr oft unnötige Todesfälle hervorruft. Selbstverständlich spielen im Hochleistungssport Faktoren wie extreme Belastungsintensität und medikamentöse Einflüsse eine Rolle, aber die machen bekanntlich auch vor dem modernen Hobbyathleten nicht halt.

Sport bei Erkrankung ist also ein Spiel mit dem Feuer. Grade weil Herzerkrankungen unserem Empfinden so oft verborgen bleiben, beweisen vermeintlich folgenlose bei Krankheit ausgeführte Trainingseinheiten der Vergangenheit nicht, dass dein Körper die Belastung einfach weg stecken kann. Der Sportler kennt seinen Körper ganz bestimmt besonders gut, aber er ist auch besonders anfällig für blinden Ehrgeiz. Und ist es nicht so, dass die Ablenkung im Studio zu einem rein subjektiven und irrtümlichen Gefühl der Verbesserung führt?

Eine großmütterliche Weisheit besagt, dass Sport bei Erkrankungen oberhalb der Oberlippe erlaubt sei. Was dran ist, ist natürlich einzelfallabhängig. Eines ist aber sicher: Fieber nimmt einem jede Entscheidung ab! Als Faustregel gilt, dass auch noch nach dem Abklingen des Fiebers für mindestens jeden Tag, den das Fieber anhielt, pausiert werden soll.

Wenn es erstmal zur Herzmuskelentzündung gekommen ist, dann ist die hauptsächliche Therapie so und so die absolute Ruhe. Und das oft über Monate. Es soll nicht der Eindruck vermittelt werden, dass Sport bei Schnupfen ein selbstgefälltes Todesurteil darstellt. Aber sollten viele von uns nicht ein wenig mehr Vernunft walten lassen? Welcher Nutzen ergibt sich aus halbgaren Einheiten mit angezogener Handbremse gegenüber einer vollständigen Erholung? Es geht doch so und so um nichts, nicht um Geld, nicht um Ruhm. Neben dem Leistungsaspekt oder dem ästhetischem Anspruch gehört ganz gewiss auch ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem einzigen Körper, den wir haben, zum Sportlerleben dazu. Vorbeugen ist eben besser als heilen, besonders dann, wenn eine Heilung vielleicht nie wieder möglich wird.

Quellen

  • Naegeli, Barbara: Myokarditis: Diagnostik und Verlauf
  • Kandolf, R., Paul, T., Tschöpe, C.: 24 Leitlinien Pädriatrische Kardiologie: Myokarditis
  • Gunia, Stefan: Retrospektive Analyse der Arrhythmieereignisse und der Mortalitätsdaten
  • von Patienten mit einer dilatativen Kardiomyopathie und einem implantierten Kardioverter/Defibrillator
  • Follath, Ferenc, Rudiger, Alain, Vogt, Peter: Myokarditis
  • Bob, Konstantin, Bob, Alexander: Innere Medizin, Thieme
  • Mahrholdt, Heiko: Prognose bei Myokarditis

Nach oben