Die ewige Angst

Nierenversagen und Krebs durch zu viel Eiweiß?

In letzter Zeit gab es vermehrt Diskussionen darüber, in welchem Ausmaß ein zu hoher Eiweißkonsum schädlich sein könnte. Einige meinen, es schädige lediglich die Nieren und wirke sich damit negativ auf die Vitalität aus. Andere gehen sogar so weit zu sagen, dass es die Entstehung von Krebszellen fördert und somit das Krebsrisiko erhöht. Aber was entspricht nun der Wahrheit? Wie gefährlich ist ein zu hoher Eiweißkonsum wirklich?

Foto von Ilias Bartolini / CC BY SA

Mythos: Zu viel Eiweiß ist schädlich für die Nieren

Zu viel Eiweiß ist ungesund, darin sind wir uns alle einig. Wichtig ist jedoch zu erkennen, dass dies nicht für einen gesunden Körper zutrifft!

Für gesunde Kraftsportler im Aufbau gilt: 2 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht stellen eine absolut ungefährliche Grenze dar. Ein Sportmuffel, der den ganzen Tag nur auf der Couch verbringt, benötigt hingegen immer noch mindestens 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Überschüssiges Eiweiß wird vom Körper auf verschiedenen Wegen verstoffwechselt, wobei dies nicht zwangsläufig von Nachteil sein muss.

Das zugeführte Eiweiß wird Tag für Tag in deinem Körper, besonders deinen Nieren verstoffwechselt und in Muskelgewebe und alle erdenklichen anderen Zellen deines Körpers umgebaut. Eiweiß ist die Substanz unseres Körpers. Sogar Antikörper und Blutzellen wie z.B. das Hämoglobin bestehen daraus. Wie kann also zu viel Eiweiß überhaupt schlecht sein? Ganz einfach!

Eiweiß kann im Gegensatz zu Fett und Kohlenhydraten nicht langfristig im Körper gespeichert werden. Nimmst du zu viel Eiweiß zu dir, werden deine Nieren belastet. Dies liegt an dem Umbau der überschüssigen Eiweiße in Harnstoff, welcher bekanntlich durch die Nieren ausgeschieden wird.

Je mehr Eiweiß in deinem Körper verstoffwechselt werden muss, desto höher ist somit die Leistung deiner Nieren. Gesunde Nieren werden dadurch nicht beeinträchtigt, lediglich vorbeschädigte oder entzündete Nieren. Ab einem bestimmten Punkt schaffen erkrankte Nieren es nicht mehr alle Abbauprodukte (wozu auch Mineralstoffe, Elektrolyte und Glukose gehören, die gefiltert und wieder in den Blutkreislauf überführt werden) in einem ausreichenden Maße zu bearbeiten.

Fazit: Der Mythos, dass zu viel Eiweiß die Nieren schädigt, stimmt nur zum Teil. Bei gesunden Nieren ist hier keine Beeinträchtigung zu befürchten, bei vorbeschädigten (z.B. durch Infektionen oder Insuffizienz) jedoch schon.

Mythos: Zu viel Eiweiß ist krebserregend

Diese Aussage beruht auf der Studie eines Professors namens Campbell. Als Professor der Cornell- Universität führte er eine Studie darüber, wie sich der Eiweißkonsum auf die Bildung von Krebszellen auswirkt.

Zunächst experimentierte Campbell mit Ratten: Versuchsgruppe A erhielt Nahrung, die zu 20 % aus Milcheiweiß, also Casein, bestand. Versuchsgruppe B erhielt Nahrung mit nur 5 % Caseinanteil. Das Ergebnis: Versuchsgruppe eins bildete verstärkt Lebertumoren aus, welche bei Versuchsgruppe zwei ausblieben.

Diese Beobachtung begründete Campbell mit der Wirkung von Casein auf die Tätigkeit bestimmter Enzyme. Diese Enzyme beeinflussen besonders die Leber-, Brust-, und Bauchspeicheldrüsenzellen, welche bei vermehrter Enzymaktivität anders auf Krebsgifte im Körper reagieren. Sie werden schneller eingespeist und beeinflussen somit maßgeblich die Tumorbildung und die Weiterentwicklung von Tumoren.

Wichtige Voraussetzung dabei war jedoch, dass sich bereits ein Tumor zu entwickeln begann. Nur dann war der Eiweißkonsum maßgeblich für eine sichere Ausbildung des Tumors (Metastasenbildung eingeschlossen).

Interessanterweise konnte Campbell die krebserregende Wirkung auf Leber, Brust und Bauchspeicheldrüse nicht bei pflanzlichen Eiweißen feststellen. Daraus schlussfolgerte er, dass tierisches Protein das Tumorwachstum stärker fördern würde als pflanzliches Protein.

Und trifft das auch auf den Menschen zu?

Campbell beantwortet diese Frage in seinem Buch China Study - die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise mit ja. Dies führt er auf Studien zurück, welche er zusammen mit dem Wissenschaftler Dr. Junshi Chen durchführte.

Liest man sich die China Study durch, so erscheint alles Gesagte schlüssig und sinnvoll begründet. Demnach gäbe es keinerlei Zweifel daran, dass Eiweiß im menschlichen Körper krebserregend sei.

Gerade in den letzten Jahren ist dieses Buch jedoch mehrfach unter starke Kritiken geraten, da nur wenige reale Bezüge zu der tatsächlichen China Study bestehen und viele Fakten falsch dargestellt werden. So äußert sich der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften EU.L.E.e.V., folgendermaßen zu dem Buch:
Diese China Study wäre natürlich ein knallharter Beleg für die vegane Ernährung, wenn sich die Autoren darauf auch tatsächlich beziehen würden […] Wenn man hier schaut [in dem Buch Diet, Lifestyle and Mortality in China], dann sieht man, dass zwischen den verschiedenen Todesursachen und der Sterblichkeit und dem tierischem Eiweiß keinerlei Korrelation besteht.
Fazit: In diesem Fall gilt es tatsächlich eher auf die Fakten zu schauen, als auf ein gesellschaftlich scheinbar wissenschaftlich basiertes Buch zu trauen. Die Ergebnisse der tatsächlichen China Study in Diet, Lifestyle and Mortality entsprechen nicht der Aussage, dass es eine Verbindung der Krebsrate und des Eiweißkonsums gäbe. Demnach beruht dieser Mythos auf einem Buch (The China Study) mit mangelnden statistischen Zusammenhängen, welchem aufgrund der vorliegenden Fakten wenig Glauben geschenkt werden kann.

Schlusswort

Genau wie in vielen anderen Fällen auch gilt für den Eiweißkonsum: Nichts ist im Überfluss gesund. Ernähre dich ausgewogen und höre auf deinen Körper. Angst vor körperlichen Schäden brauchst du beim Thema Eiweißkonsum jedoch nicht zu haben.

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