Nur Öl im Arm?

Die Nutzung von Synthol im Bodybuilding

Bodybuilding ist eine Sportart, bei der im Rahmen der Wettkämpfe die Muskulatur mit einem möglichst geringen Körperfettanteil präsentiert wird. Um dies zu erreichen, werden im Profi-Bodybuilding seit vielen Jahrzehnten die unterschiedlichsten Chemikalien eingesetzt, um Muskelwachstum und Fettverlust zu optimieren. Dieses Vorgehen ist innerhalb der Szene nicht nur etabliert, sondern auch akzeptiert und gemäß der aktuellen rechtlichen Bestimmungen in Deutschland zurzeit strafrechtlich nicht verboten. Eine Substanz, die dagegen innerhalb der Bodybuilding-Community regelrecht in Verruf steht, ist das Öl-Gemisch Synthol.

Esiclene als Vorgänger des Synthols


Dass Bodybuilder sich Öl in den Muskel spritzen, damit dieser größer wirkt, ist keine Erfindung der Neuzeit. Bereits in den 1960ern wurde in Italien mit der Herstellung von Esiclene (Formebolon) begonnen. Das Steroid hatte nur eine moderate androgene Wirkung, erlangte aber schnell für eine Nebenwirkung eine größere Bekanntheit.

Bild: Gala.de

Die Muskelbereiche, in die Esiclene gespritzt wurde, schwellten leicht an, so dass es in den 1980ern von amerikanischen und europäischen Bodybuildern gezielt genutzt wurde, um vor einem Wettkampf eine kosmetische Wirkung zu erzielen. Erst die Einstellung der Esiclene-Produktion führte zur Geburtsstunde von Synthol.

Der Deutsche Chris Clark erfand Synthol


Anfang der 2000er veröffentlichte das RX Muscle Magazine ein Interview, bei dem Dave Palumbo mit dem Mann sprach, der die Erfindung von Synthol für sich beanspruchte. Der als „Chris T. Clark“ vorgestellte Gesprächspartner veröffentliche bereits in den 1980ern unter seinem vollständigen Namen „Torrance Christopher Clark“ mehrere Bücher, die sich mit Steroiden im Bodybuilding auseinandersetzten. Im Jahr 2007 eröffnete Clark in Kiel das Bodymasters Germany Studio, das sich an Wettkampfsportler richtete und später als City-Gym bekannt war.

Clark gab an, das Bodybuilding in den 1970ern begonnen und auch einmal an einem nationalen Wettkampf in der bis 90-Kilogramm-Klasse teilgenommen zu haben. Sein Interesse habe jedoch bereits früh auf Steroiden und deren Wirkung gelegen. In der Szene sei er schnell für sein Faible bekannt geworden und im Zuge eines Interviews für die britische Bodybuilding-Presse habe er seinen Spitznamen „Mr. Synthol“ erhalten.
Clark gilt heutzutage als Erfinder des Synthols, wobei es hierzu eher durch Zufall kam. Nachdem Esiclene nicht mehr erhältlich war, begann Clark seine eigenen Experimente, wie mit Hilfe der Injektion eines Öls ähnliche Effekte erzielt werden könnten.
Clark experimentierte vor allem mit Sesamöl, das er ausschließlich in die Waden injizierte und dadurch fast ein Bein verlor.

In Brasilien versuchten es junge Bodybuilder dagegen bereits Ende der 1980er mit Ölen, in denen die Vitamin A, D und E gelöst waren, nachdem Esiclene nicht mehr produziert wurde. Heutzutage gilt ein Mix aus 85 Prozent MCT-Öl, sowie Alkohol und dem Schmerzmittel Lidocain zu gleichen Teilen als typische Synthol-Mischung.

Wie sich Laienwissen zu Synthol etabliert


Während Chris Clark zu seiner Zeit noch Bücher über die Nutzung von Steroiden veröffentlichte und seine ersten Experimente für sich allein durchführte, informieren sich die Menschen heutzutage über das Internet. Zwar gibt es Veröffentlichungen in Fachmagazinen, die jedoch in erster Linie in der Wissenschaftscommunity bekannt sind. Vor dem Hintergrund des generellen Interesses von Bodybuildern an der Synthol-Thematik entwickelte sich ein Wissensvakuum, das durch Laienexpertisen in Internetforen gefüllt wurde.

Ob die Berichte von einer eigentlich unbekannten Person im Internet ernst genommen werden, hängt wiederum von der Glaubwürdigkeit, der Legitimation und dem Vertrauen ab, die ein Internetuser aufgebaut hat. Um diese Attribute zu erlangen, wird bei der Etablierung von Laienwissen auf sogenannte Ankereffekte zurückgegriffen. Der Ankereffekt ist ein psychologischer Prozess, bei dem begleitenden Informationen Einfluss auf die Bewertung der eigentlichen Inhalte genutzt werden.

Im Fall des Synthol-Missbrauchs ist es das Nutzen von anatomischen oder medizinischen Begriffen bei der Beschreibung der Handlung. Einer Person, die Schilderungen entsprechend aufarbeiten kann, wird eher eine gewisse Expertise zugeschrieben, als wenn dieselbe Person den Vorgang ungenau oder mit einem Alltagsvokabular beschreiben würde. Extremfallformulierungen dienen im Rahmen eines Diskurses dazu, gegensätzliche Ansichten zu widerlegen und den eigenen Standpunkt zu untermauern.

Die beschriebenen Mechanismen wurden durch Forscher bereits in Internetkommunikation aus den 2000er-Jahren im Zusammenhang mit der Nutzung von Synthol nachgewiesen und gelten bis heute.


Wirkung und Nebenwirkungen eines Synthol-Missbrauchs


Eine wissenschaftliche Untersuchung zum Synthol-Wirkmechanismus existiert nicht. Es wird jedoch in Wissenschaft und Bodybuildingcommunity davon ausgegangen, dass Synthol sich in den injizierten Bereichen einkapselt, nachdem die erste Entzündungsreaktion abgeklungen ist. Die Dauer des Effekts könne Monate oder sogar Jahre anhalten und sei auch von der Art des Öls, das verwendet wurde, abhängig.

Obwohl es keine medizinischen Dokumentationen von negativen Folgen aus einem Synthol-Missbrauch gibt, existieren eine Reihe an Berichten, in denen von Schlaganfällen, Lungenembolie, Hautprobleme oder Nervenschäden berichtet wird. Ein konkretes Fallbeispiel wurde in einem öffentlich lesbaren Paper 2020 veröffentlicht.

Synthol-Freaks: Die Erben von Gregg Valentino


Einer größeren Öffentlichkeit wurde Synthol erstmals durch Gregg Valentino bekannt, der in verschiedenen Massenmedien seine körperliche Verwandlung präsentierte. Rückblickend mag er auch der Grund sein, das Synthol heutzutage auch unter Bodybuildingfans so viel Verachtung erntet. Gregg Valentino galt als Witzfigur, die das Bodybuilding nicht nur in ein schlechtes Licht rückte, sondern geradezu lächerlich gemacht habe.

In einem Interview in den 2000ern behauptete Valentino, nie Synthol verwendet zu haben, sondern eine Mischung aus Testosteron und Equipoise. Vielmehr behauptete Valentino, der selbst Synthol verkaufte, dass die Substanz praktisch nutzlos sei. Gleichzeitig machte der US-Amerikaner sich dafür stark, dass Synthol keine weitere Ächtung im Profi-Bodybuilding erfahren würde. Wenn Athletinnen der unterschiedlichsten Klassen Silikon-Brüste haben dürften, spräche auch nichts gegen kosmetische Anpassungen im Männerbodybuilding.

Gregg Valentino verdient seinen Lebensunterhalt weiterhin in der Bodybuildingszene, präsentiert sich aber längst nicht mehr in derselben Form wie früher. Dafür rückten andere Personen die Wirkung von Synthol in den Fokus der Öffentlichkeit. Arlindo De Souza, Kirill Tereshin oder Valdir Segato sind allesamt Namen, die man möglicherweise nicht sofort erkennt. Ihre Bilder gingen allerdings durch das Internet und begegneten vielen Nutzern früher oder später.

Wie schon Gregg Valentino haben die genannten Personen allesamt deformiert wirkende Gliedmaßen, die wie misslungene Photoshop-Experimente wirken. Ein anderes Bild bieten dagegen Profi-Bodybuilder, die bei der Synthol-Nutzung ein Gesamtbild im Auge behalten.

Synthol im Profi-Bodybuilding


Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Esiclene bereits in den 1980ern zur Erzeugung eines plastischeren Looks genutzt wurde, wäre es naiv anzunehmen, dass Synthol im Wettkampfbodybuilding heutzutage keine Rolle spielt. Dennoch positionierten sich Athleten und Fans in der Vergangenheit zum Teil sehr unterschiedlich zu dieser Thematik.

Milos Sarcev gab die Nutzung von Synthol öffentlich zu, bedauere diese rückblickend jedoch. Ähnlich warnte auch Chris Cormier zuletzt in einem Interview vor dem Synthol-Missbrauch. Er selbst habe es sich in die Waden gespritzt und warnte heute vor Nervenschäden durch die Anwendung des Öls.

Rich Piana, der 2017 verstarb und mit seinem comichaften Look viel Aufmerksamkeit auf sich zog, behauptete, dass Profibodybuilder inzwischen kein Synthol nutzen, sondern auf Nolotil zurückgreifen würden. Das Schmerzmittel habe einen ähnlichen Effekt wie Esiclene und würde somit wenige Tage vor dem Wettkampf eingesetzt werden, bevor die erzeugte Schwellung wieder folgenlos zurückgegangen sei. Dass Piana mit seiner Einschätzung nicht richtiglag, lassen aktuellere Meldungen vermuten.

Bereits 2021 wurde Hadi Choopan die Nutzung von Synthol in seinen Schultern unterstellt. Ein Jahr später kam es zum Streit zwischen Mahdi Parsafar, dem frühere Manager von Hadi Choopan, un dem IFBB Pro. Parsafar titulierte Hadi Choopan daraufhin öffentlich als „Mr. Synthol“ und erhärtete damit die Vorwürfe. Als eine der wenigen öffentlichen Reaktionen aus der Szene heraus, trat Ian Valliere dem Iraner zur Seite. Der kanadische Profi stellte nochmals heraus, dass schon in den 90ern Esiclene und Nolotil im Bodybuilding genutzt wurden. Den meisten Nutztern würde man es schlichtweg nicht ansehen, dass Schwachstellen mit Hilfe von kosmetischen Spritzen ausgeglichen wurden.


Hinweis: Der Autor dieses Artikels schrieb verschiedene Bücher zu den Themen Training und Ernährung, bietet individuelle Einzelbetreuungen an und führt auf Patreon ein Podcast-Magazin.

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