The Gift

Phil Heath: Ein Rückblick auf seine Karriere

Phil Heath zählt zu den erfolgreichsten Bodybuildern aller Zeiten: Heath dominierte die Mr. Olympia-Bühne in den 2010er-Jahren nach Belieben. Der Seriensieger begeisterte durch eine überragende Linie und Ästhetik, einen Körper ohne erkennbare Schwächen. Zum Publikumsliebling wurde The Gift allerdings nicht.

Phil Heath - ein Bodybuilding-Shootingstar


Phil Heath wurde 1979 in Seattle im Bundesstaat Washington geboren. Er wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen auf.

Seine sportlichen Wurzeln liegen in der Leichtathletik – genauer gesagt im 100- und 200 Meter-Sprint - und auf dem Basketballfeld, wo er es zu Highschool-Zeiten auf ein national hohes Niveau brachte. Phil beeindruckte die Trainer schon als Jugendlicher durch seine Zielstrebigkeit, Disziplin und Eigenmotivation. Wie in den USA üblich, wurde er von Talentscouts entdeckt und erhielt ein Stipendium für die University of Denver. Hier nahm er 1998 ein Studium auf, das am ehesten mit der deutschen Fachrichtung Wirtschaftsinformatik vergleichbar ist.

Foto: Matthias Busse

Wer heute Fotos des jungen Basketballer Phil Heath betrachtet, dem kann seine schon damals auffallend gut ausgeprägte Muskulatur gar nicht entgehen. Die außergewöhnliche physische Präsenz mag auch notwendig gewesen sein, um einen körperlichen „Makel“ auszugleichen: Mit nur 1,75 Meter dürfte Phil stets der mit Abstand kleinste Spieler auf dem Feld gewesen sein.

Ob es trotzdem zu einer NBA-Karriere gereicht hätte, diese Frage wird für immer unbeantwortet bleiben müssen. Motiviert durch Freunde, die im Oktober 2002 an einem Bodybuilding Wettbewerb teilnahmen, versuchte sich Phil an seinem ersten eigenen Bühnenauftritt auf der NPC Northern Colorado 2003.

In der „Light-Heavyweight“-Klasse belegte er auf Anhieb den ersten Platz. Und im Gesamtklassement gleich auch. Und so ging es immer weiter: Sämtliche Auftritte in der renommierten amerikanischen Amateurliga NPC beendete Phil ganz oben auf dem Siegertreppchen. Der quasi aus einer Laune heraus geborene Wechsel vom Basketball zum Bodybuilding hatte sich als goldrichtige Entscheidung herausgestellt.

The Gift auf Kurs zum Mr. Olympia


So richtig in Fahrt kam Phils Karriere 2005, als er die NPC USA Championship gewann und sich damit, inoffiziell, zum besten Amateur-Bodybuilder Amerikas kürte. An diesem Punkt wurde Hany Rambod auf das Jahrhunderttalent aufmerksam. Rambod trainierte zum damaligen Zeitpunkt Jay Cutler, einen Dauergast auf dem Podium des Mr. Olympia.

So befand sich Phil bald in bester Gesellschaft: Unter der professionellen Betreuung durch Rambod konnte er weiter am Aufbau der Muskelmasse arbeiten, die für die vorderen Plätze in der IFBB-Pro League unverzichtbar ist. Der Fokus des Teams lag zunächst auf Cutler, der später die Dominanz von Ronnie Coleman durchbrach und den Mr. Olympia viermal für sich entscheiden konnte. Die Ungleichverteilung der Aufmerksamkeit sorgte aber keinesfalls für Unmut, im Gegenteil verband Phil und Cutler nicht nur eine fruchtbare Trainingspartnerschaft, sondern bald auch eine tiefe Freundschaft.

Ab 2007 war auch Phil Heath erfolgreich bei den Profis des IFBB unterwegs. Seinen ersten Mr. Olympia 2008 beendete er hinter dem Zweitplatzierten Cutler auf dem dritten Rang – ein herausragendes Ergebnis für einen Rookie.

Phil Heath – der neue Mr. Olympia Seriensieger


Doch das Team um Coach Rambod war trotz zweifacher Podestplatzierung nicht zufrieden mit dem Ausgang. Die Tatsache, dass Dexter Jackson Cutler die Sandow abgenommen hatte, führte zu einer Fokussierung auf Cutlers Comeback in 2009. Mit Erfolg: Im Folgejahr ging der Titel wieder an Jay. Phil belegte allerdings einen eher enttäuschenden fünften Platz, der sowohl auf fehlende Muskelmasse als auch mangelnde Härte und Trockenheit zurückzuführen war. In puncto Proportionen begeisterte The Gift allerdings weiterhin die Szene. Etwas ganz Großes bahnte sich an.

2010 kam es dann zum ersten direkten Showdown zwischen den beiden Trainingspartnern Phil und Cutler, den Cutler ganz knapp für sich entscheiden konnte. Phil zeigte sich als fairer Verlierer und freute sich aufrichtig für seinen Freund.

Und konnte ihn im Folgejahr sogar erstmalig hinter sich lassen: 2011 gewann The Gift seinen ersten Mr. Olympia-Titel vor dem zweitplatzierten Jay Cutler. Der Beginn einer langen Siegesserie auf der legendären Bühne von Las Vegas. Bis einschließlich 2017 gewann Phil Heath sieben (!) Titel in Folge, lies damit unter anderem Bodybuilding-Legenden wie Arnold Schwarzenegger oder Dorian Yates hinter sich.

Im Kleinkrieg mit Kai Greene


Rambod hatte also seinen ehemaligen Champion von einem Talent aus den eigenen Reihen ablösen lassen – eine langfristig angelegte Strategie, die hervorragend aufgegangen war. Und die Wachablösung verlief ganz freundschaftlich, ohne böses Blut und „Beef“. Was nach echtem Sportsgeist klingt, langweilte die Bodybuildingfans allerdings schnell – man war Konkurrenzkampf und Drama wie die Fehde zwischen Cutler und Coleman gewöhnt. Die Cutler-Heath-Harmonie bot da deutlich weniger Entertainment.

Doch das Publikum musste nicht lange auf den nächsten Kleinkrieg warten. Mit Kai Greene trat ein neues Supertalent in direkte Konkurrenz mit Phil. Die beiden unterschieden sich zum einen körperlich stark voneinander. Phils berühmte Linie und Ästhetik traf auf Greenes extreme Masse.

Aber auch die Persönlichkeiten der beiden Sportler drifteten weit auseinander. Während Phil seinen neu erworbenen Reichtum gern durch entsprechende Statussymbole wie Uhren oder Sportwagen zur Schau stellte, verkörperte Greene den bescheidenen, harten Arbeiter aus ärmlichen Verhältnissen, der weiterhin in einer heruntergekommenen Wohnung in Brooklyn lebte. Der eine war von Kindesbeinen an in die professionellen, behüteten Strukturen der Athletenförderung eingebettet gewesen – der andere stand nahezu symbolisch für den American Dream.

Überflüssig zu sagen, dass die Herzen der Fans Kai Greene zuflogen, während Phil immer mehr ins Abseits geriet. Dieser wurde in der Defensive sichtlich nervös, sendete provokante Botschaften an seinen Konkurrenten und manifestierte die Situation dadurch zunehmend. An dieser Stelle sei der Fairness halber gesagt, dass Phil auch zu den ersten der Generation von Sportlern gehörte, die sich an der Selbstdarstellung in den Sozialen Medien versuchen mussten. Eine neue Teildisziplin des Sportlerdaseins, die es noch auszuloten galt.

Der Konflikt zwischen den beiden fand seinen Höhepunkt beim Mr. Olympia 2014, als bereits bei der Pressekonferenz am Vorabend erste Unruhen entstanden. Bei dem eigentlichen Showdown auf der Bühne provozierte Phil Greene durch ständige körperliche Annäherungen, auf die dieser wenig souverän und aggressiv reagierte.

Auch wenn Greene Phil in puncto Sympathien immer weit hinter sich ließ: Die Kampfrichter sahen in allen Fällen The Gift auf Platz 1 des Starterfeldes. Erst 2018 folgte die Wachablösung durch seinen Landsmann Shawn Rhoden. Greene selbst ließ sich nach dem Eklat von 2014 nie wieder beim Mr. Olympia blicken. Ob dies auf Phil zurückzuführen ist, darüber können wir nur spekulieren.

Foto: Matthias Busse

Wie geht es weiter mit The Gift?


2020 kündigte Phil nach zweijähriger Abstinenz seine Rückkehr auf die Mr. Olympia-Bühne an. Hier belegte er einen dritten Platz, der aber nach Meinung vieler Fachleute wohl vor allem auf der Ehrfurcht des Kampfgerichtes vor dem großen Namen zurückzuführen war. Formtechnisch konnte The Gift nicht an seine Glanzzeiten anknüpfen.

Ob und wie er seine Sportlerkarriere weiterführen wird, ist zum derzeitigen Zeitpunkt offen. Bei einem geschätzten Nettovermögen von mehr als 7 Millionen US-Dollar sollte keine finanzielle Motivation mehr bestehen. Es passt aber nicht zur Person Phil Heath, die Bühne mit einer zweitklassigen Version seiner selbst zu verlassen. Die Fans dürfen also auf ein Comeback hoffen – vielleicht mit dem besten Phil aller Zeiten.

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