"Lohnt" sich eine Steroidkur?

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abergau
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"Lohnt" sich eine Steroidkur?

Beitragvon abergau » 21 Nov 2012 23:48

Sinn und Unsinn einer Steroidkur: Lohnt's sich?

Kraftsportler und Bodybuilder lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:
  1. solche, für die Steroide kein Thema sind,
  2. solche, die vorbehaltlos alles schlucken und spritzen, was sie stärker oder breiter macht, und
  3. solche, die in puncto Steroidgebrauch nicht Fisch und nicht Fleisch sind (= die bislang keine Steroide verwendet haben, aber nicht grundsätzlich abgeneigt sind).
Was Athleten der Kategorie 1 angeht: Hut ab vor dieser Einstellung! Was Athleten der Kategorie 2 angeht: Wohl bekomm’s! Und was Athleten der Kategorie 3 angeht: Insbesondere für diese ist dieser Sticky gedacht. Und alle, die befürchten, dass jetzt ein hysterisches "Steroide-sind-Teufelszeug!"-Plädoyer folgt, dürfen unbesorgt weiterlesen: Hier geht es nicht um Verteufelung, sondern schlicht um ganzheitliche Information.

Warum kaum jemand Klartext spricht
Ganzheitliche Information zum Thema Steroide ist leider Mangelware - Internet hin, BB-Fachpresse her. Zwar gibt es genügend Infos zur Wirkungsweise von Steroiden, zur Marktlage und auch zu den Nebenwirkungen, aber bei einer der wichtigsten Fragen herrscht Unklarheit: Wie "haltbar" ist Steroid-Masse?

Machen wir uns nichts vor: Die wesentlichen Informationsquellen für Steroidinteressenten sind ihr jeweiliger Local Dealer oder irgendwelche schwarzen (oder grünen) Bücher – und beide sind, mit Verlaub, nicht die verlässlichsten. Der Dealer will vor allem seine Ware verkaufen, folglich hält er mit unbequemen Wahrheiten à la "Von dem, was du aufbaust, wird nicht viel übrig bleiben" eher hinter dem Berg, und die genannten Bücher schweigen sich zu der Frage, wie haltbar Steroidgewinne nach dem Absetzen sind, beharrlich aus. Eine verlässliche Auskunft könnten nur Athleten geben, die einmalig Steroide angewendet haben und danach im Training bei der Stange geblieben sind, aber diese sind schwer zu finden. Warum? Zum einen, weil die wenigsten Athleten nur einmal kuren. Zum anderen, weil diejenigen, die wirklich nur eine einzige "Spritztour" machen, nach dem Absetzen häufig auch das Bodybuilding Bodybuilding sein lassen und sich aufs Maulaffen-Feilhalten verlegen (und daher zum Thema "Wie haltbar sind Steroidgewinne bei fortgesetztem Training?" nicht viel Sinnvolles beitragen können).

Wirkungsweise anaboler Steroide
Um die Frage nach der Haltbarkeit von Steroidmasse beantworten zu können, muss man sich vor Augen halten, wie Steroide funktionieren. (Bezeichnenderweise ist vielen Anwendern die Wirkungsweise dessen, was sie sich da zuführen, gar nicht klar. Das ist bei bei den meisten Anti-Baby-Pille-Konsumentinnen zwar nicht anders, aber während selbst unbedarfte Frauen wissen, dass nach dem Absetzen der Anti-Baby-Pille mit Wirkungsverlust zu rechnen ist, glauben Steroidanwender häufig, dass die Fortschritte, die man mithilfe von Steroiden erzielt, mehr oder weniger von Dauer sind. Um es vorweg zu nehmen: Dem ist nicht so.)

Wie wirken nun Steroide? Bekannt ist, dass sie eine gesteigerte Proteinsynthese bewirken - allerdings macht das den Muskelaufbau-Braten gar nicht fett. Würde sich die Steroidwirkung auf die gesteigerte Proteinsynthese beschränken, so wären Dianabol-only-Anwender nach 6 Wochen nur unwesentlich schwerer und stärker als vorher, und Methandienon hätte nicht den Ruf, den Ärmel schneller dick zu machen, als man "Leck’ mich fett, bin ich breit!" sagen kann. Außer für eine erhöhte Proteinsynthese sorgen Steroide vor allen Dingen auch für eine verstärkte Glykogeneinlagerung in den Muskeln, und das ist schon interessanter, denn diese gehen mit deutlichen Flüssigkeitsansammlungen einher. Diese Flüssigkeitsansammlungen führen zu einer Vergrößerung der interfibrillären Zwischenräume, und das hat zwei begrüßenswerte Effekte: 1. Das Muskelvolumen vergrößert sich, und 2. die Kraft steigt aufgrund der reduzierten Reibung der Muskelfasern an. Des Weiteren erhöhen Steroide auch die Creatinphosphatsynthese in den Muskelzellen - das ist u. a. der Grund dafür, warum bestimmte Steroide wie etwa Stanozolol einen Athleten stärker machen, ohne ihn in gleichem Maße massiger zu machen. Die höhere Leistungsfähigkeit ermöglicht ein intensiveres Training mit höheren Gewichten, was langfristig wiederum das Muskelwachstum verstärkt.

Zusammengefasst:
  • Steroide bewirken zwar einen verstärkten Eiweißaufbau, doch dieser Effekt ist insbesondere bei Kurzkuren zu vernachlässigen.
  • Der eigentliche Grund für einen schnelleren Masseaufbau unter Steroideinwirkung sind Wassereinlagerungen.
  • Da sich unter Steroideinwirkung die Muskelkraft erhöht, wird mittelbar – nämlich über den "Umweg" eines intensiveren und schwereren Trainings – auch der Eiweißaufbau stärker angeregt. Dieser Effekt kommt allerdings nur bei längerfristigen Steroidanwendungen zum Tragen.
Wie’s aussieht, ist eine kurzfristige Steroidanwendung – d. h. eine nur wenige Wochen dauernde Kur – in puncto echter Muskelzuwachs also nicht besonders effektiv. Das ist keine neue Erkenntnis, aber es ist wichtig, sie hier vorerst festzuhalten.

Die Kehrseite der Medaille
Bekanntlich haben anabole Steroide den unschönen Effekt, dass sie die endogene Testosteronproduktion drosseln bzw. bei längerfristiger Anwendung (und kurzfristige Anwendungen sind ja, wie oben dargelegt, nicht zielführend) gänzlich zum Erliegen bringen. Solange gekurt wird, fällt das nicht weiter auf, denn die Hormondosen, die im Rahmen einer Steroidkur zugeführt werden, liegen ohnehin deutlich über der endogenen Produktion. Nach dem Absetzen wird’s allerdings haarig: Fällt die Zuführung des exogenen Testosterons plötzlich weg, so steht der Athlet quasi von heute auf morgen mit einem niedrigen Testosteronspiegel und einer praktisch nicht vorhandenen körpereigenen Testosteronproduktion da. Zwar lässt sich der totale "Crash" durch vernünftiges Absetzen vermeiden, aber um die poststeroidale hormonelle Schmalhansküchenmeister-Phase kommt kein Steroidanwender herum. Fies: Den schlechten Hormonstatus kann bzw. darf man nicht einmal durch ein Mehr an Training ausgleichen, denn auf ausuferndes Training reagiert der Körper mit einer hohen Cortisol-Ausschüttung. Hohe Cortisol-Ausschüttungen sind bei niedrigem Testosteronspiegel aber Gift für den Erhalt der Muskelmasse, deshalb sollte man seine Trainingseinheiten nach einer Steroidkur tunlichst kurz halten. Da man mit wenig Testosteron im Blut aber ohnehin eher Lust auf stundenlanges Gute-Zeiten-schlechte-Zeiten-Gucken als auf stundenlanges Trainieren hat, fällt das Kürzertreten im Training kaum einem Athleten in der Post-Cycle-Phase schwer. Dass die Kraftleistungen in dieser Phase dann auch eher rückläufig sind, liegt auf der Hand.

Die Wahrheit über die "Haltbarkeit" von Steroid-Muskelmasse
Der verbesserte Muskelaufbau unter Steroideinwirkung resultiert also vorwiegend aus Flüssigkeitsansammlungen und aus einer größeren Leistungsfähigkeit, und beides löst sich nach dem Absetzen wieder in Wohlgefallen auf; zudem kann man weniger oft und weniger lange trainieren – wie wahrscheinlich ist es da, dass die zusätzliche Muskelmasse erhalten bleibt? Muskelaufbau ist letztlich ein adaptiver Vorgang, d. h., er richtet sich nach der muskulären Beanspruchung – und wenn diese Beanspruchung sich verringert, dann verringert sich auch die Muskelmasse, so liegen nun einmal die Dinge. Schon der gesunde Menschenverstand legt also nahe, dass Steroidmasse nicht zur Gänze haltbar ist.

Zu klären bleibt, ob man nach dem Absetzen wirklich ALLES wieder verliert, oder ob man als Einmal-und-nie-wieder-Steroidanwender am Ende vielleicht trotzdem bessere Karten hat als ein All-time-natural-Athlet. Gerade junge Bodybuilder, die vom Erreichen ihres genetischen Limits noch viele Lichtjahre entfernt sind, betonen schließlich gern, dass sie während der Steroidanwendung ja immerhin trainieren würden, und dieses Training müsste ja auch ohne Steroide in einem gewissen Wachstum resultieren. Wie der Hase in der Realität oftmals läuft bzw. wo er im Pfeffer liegt, will ich an einem konstruierten Beispiel deutlich machen:

Die Athleten Norbert Natural und Stefan Stoffer (beide 18 Jahre alt, beide 75 kg) beginnen zur selben Zeit mit dem Bodybuilding.
  • Beide trainieren 1 Jahr lang natural. Nach dem einen Jahr wiegen beide 85 kg.
  • Im zweiten Jahr greift Stefan zu Steroiden, Norbert trainiert natural weiter.
  • 4 Monate später hat Stefan einen deutlichen Gewichtsvorsprung: Er wiegt 95 kg – hat also noch einmal 10 kg dazugewonnen –, während Norbert erst bei 87 kg ist (= 2 kg Zunahme). Stefan hat außerdem einen dickeren Ärmel und drückt 20 kg mehr auf der Bank als Norbert.
  • Nach 8 Monaten und abgeschlossener Absetzphase sieht die Sache allerdings anders aus: Norbert marschiert auf die 90 kg zu, während Stefan wieder auf 87,5 kg zurückgefallen ist. Da Stefan zudem 15 kg seines Bankdrück-Vorsprungs wieder eingebüßt hat und Norbert sich um 5 kg steigern konnte, liegen beide jetzt leistungsmäßig gleichauf. Stefans Testosteronproduktion ist allerdings noch nicht vollständig wiederhergestellt, deswegen baut er von jetzt an langsamer auf als Norbert.
  • Am Ende des 2. Jahres wiegt Norbert solide 90 kg, während Stefan auf seinen 87,5 kg hängengeblieben ist. Zudem drückt Norbert mehr als Stefan, und Stefan hat hässliche Pickelnarben auf den Schultern sowie Ärger mit der Freundin.
Fazit: Stefan Stoffer hat nicht alles verloren, was er während der Steroidkur aufgebaut hat - ihm sind unterm Strich 2,5 kg geblieben, die er natural in kürzerer Zeit hätte aufbauen können (Norbert hat's ja vorgemacht). Er steht damit also schlechter da als Norbert und hat von den Steroiden bis auf ein paar Wochen Siegerstimmung und möglicherweise gesundheitlichen Spätfolgen im Grunde nichts gehabt.

Können sich Steroide überhaupt lohnen?
Angesichts dieser Sachlage steht die Frage "Kann sich eine Steroidkur überhaupt je lohnen, wenn man doch praktisch alles wieder verliert?" breitbeinig im Raum. Sie zu beantworten, ist indes nicht so einfach - genauso gut könnte man nämlich fragen, ob sich ein Ausflug nach Disney-World überhaupt "lohnen kann", wenn man doch nicht für immer da bleiben darf. Hier wie dort hängt es eben davon ab, was man sich von der Geschichte verspricht. Konkret: Wer sich von einer Steroidanwendung nur temporäre (!) Zuwächse verspricht - etwa, weil’s ihm nur um eine Wettkampf-Teilnahme/ein Foto-Shooting/eine Filmrolle als Captain Fantastic geht - und gut damit leben kann, dass er anschließend wieder zurückfällt, wird zumindest nicht enttäuscht werden bzw. bekommt das, wofür er bezahlt. Auch für diejenigen, die dauer-"on" sind, weil sie ihre Brötchen mit ihrem sportlichen Äußeren oder mit ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit verdienen, rechnet sich u. U. der Gebrauch von Sterioden (bzw. gehört er zwingend zum Spiel). Wer hingegen weder eine Wettkampfteilnahme plant noch zu den Man-Strippern, Profi-Sportlern oder Türstehern dieser Welt gehört, sondern nur "stoffen" möchte, um endlich die 80-kg-Körpergewicht-Marke zu knacken – und auch noch glaubt, dass er dieses Gewicht dann natural halten kann –, sollte sich die Sache tunlichst zweimal überlegen.

Warum gibt es dann aber so viele Ex-Stoffer, die ihre Steroid-Masse angeblich komplett konservieren konnten? Dieses Phänomen hat im Wesentlichen folgende Gründe:
  1. Viele Ex-Stoffer lügen – schlicht und ergreifend. Die Behauptung, dass man seit Jahren "clean" sei, ist oft reines Palaver. Am Ende stellt sich dann heraus, dass der Betreffende alles unter einem halben Gramm pro Woche gar nicht mehr als stoffen ansieht, und dass er mit 250 mg fleißig "on" bleibt.
  2. Die nächste Kur wird so schnell nachgeschoben, dass die Zuwächse aus der vorherigen Kur noch nicht komplett wieder verschwunden sind. Wer jahrelang "on" war, dann 3 Monate Pause macht und anschließend wieder loslegt, ist nach den 3 Monaten natürlich noch nicht wieder beim Natural-Status angelangt. Nach einem kompletten Jahr "off" sieht die Sache allerdings anders aus.
  3. Der Unterschied zwischen Masse und Muskelmasse wird verkannt. Viele Steroid-Neulinge nehmen in ihrer ersten Kur nicht nur Wasser und Muskelmasse, sondern auch ordentlich Fett zu. Nach dem Absetzen wird auch noch ambitioniert gegen die Katabolie angefressen, und am Ende sind sie sogar schwerer als während der Kur. Die Optik ist dann allerdings buchstäblich eine "glatte Enttäuschung".
Abschließend bleibt zu sagen, dass eine Steroidanwendung stets eine zweischneidige Sache ist, über deren Sinn bei Nicht-Profis und Nicht-Wettkämpfern sich gelinde gesagt streiten lässt. Gewiss: Es gibt eine Studie, aus der hervorgeht, dass auch einmalige Kuren morphologische Veränderungen auf zellularer Ebene hervorrufen, die nach dem Absetzen erhalten bleiben und den späteren Wiederaufbau von Muskelmasse möglicherweise erleichtern (Eriksson [Schweden, 2008]: "Strength training and anabolic steroids"). Es gibt eine andere Studie, die besagt, dass Steroidanwendungen die Gefäßneubildung und damit die Kapillarisierung auf Jahre hinaus verschlechtern, was dem Neuaufbau von Muskelmasse eher abträglich ist (Paschoal, de Cassia Marquetti, Perez [Brasilien, 2009]: "Nandrolone inhibits VEGF mRNA"). Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. In jedem Fall gilt: Rübe einschalten und das Für und Wider miteinander abwägen, ehe man die erste Spritze aufzieht – sonst ist’s von vornherein Essig mit dem Öl.

Steroide anzuwenden, bedeutet also in der Regel, kurzfristig (!) und unter Inkaufnahme gesundheitlicher Nachteile Fortschritte zu machen (und anschließend wieder zurückzufallen) - oder dauerhaft das Leben eines Junkies zu führen. Letzteres ist enorm riskant und kann die Lebensdauer signifikant verkürzen. Bei rationaler Betrachtung der Sachlage ist der Gebrauch von Steroiden also gelinde gesagt nicht zu empfehlen.
Hinweis (in der Signalfarbe Rot; vielleicht nützt's was): Ich bitte darum, mir keine Fragen zum Thema Steroide per PN zu stellen - diese beantworte ich aus Prinzip nicht.


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