Text 10: Bodybuilding - mehr als nur ein Sport

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Text 10: Bodybuilding - mehr als nur ein Sport

Beitragvon TEAM-ANDRO Redaktion » 15 Jul 2013 13:01

Disziplin, Durchhaltevermögen, Zufriedenheit mit sich Selbst, Ausgleich zum alltäglichen Trott, der einem im Schul- und Berufsleben zur Last wird.

Dinge, die sich verlockend anhören. Sehr verlockend sogar. Für Anwärter auf einen Platz des betreuten Wohnens. Für in die Jahre gekommene, auf dem Abstellgleis der Gesellschaft platzierte Rentner, die jedem Esoteriktrend nachjagen um vom lebensverlängernden Nektar zu kosten. Für Leute die psychisch nicht ganz auf dem Dampfer sind und selbst die Enten im Park von der Seite anfahren, weil diese besser gelaunt sind als man selbst. Ja solche Leute waren für mich die Zielgruppe der oben beschriebenen Errungenschaften. Diese Errungenschaften sollte ich jedoch primär durch das Bodybuilding, laut dieser ominösen Website mit der Molekülstruktur, empfohlen von einem guten Freund zum Trainingseinstand, gewinnen. Na Danke!

Disziplin?

Ich habe meine Hausaufgaben immer gemacht. Gut, 5 Minuten bevor die Stunde beginnt und eigentlich verfasst von jemand anderem. Kurz übernommen, wird schon richtig sein. Die mir erteilten Aufgaben liegen also immer vor. Ich habe Disziplin! Mehr davon brauch ich nicht!

Durchhaltevermögen?

Pass auf, du suchst dir willkürlich 3 Torten aus meiner Facebook-Liste aus, schreibst alle an und fragst nach meinem Durchhaltevermögen. Unter Garantie werden dir Alle bestätigen, dass ich locker 2 Minuten durchhalte! Hätten wir das also auch geklärt.

Zufriedenheit mit sich selbst?

Junge, ich bin der Babo. Zum achtzehnten Geburtstag haben meine Eltern mir meinen Ford Fiesta, brachiale 50 PS, Baujahr 1989 geschenkt, den ich seitdem mit Sportauspuff, Tieferlegung und Hifi-Anlage zum absoluten Pussy-Magnet gemacht habe. Und hast du Pussys, bist du zufrieden. Sagen zumindest alle. Noch fragen?

Ausgleich zum Schulleben?

Wie schon erwähnt. Über zu viel Stress in der Schule kann ich nicht klagen. Ich habe überall meine (Lern)stoff-Dealer, rühre selbst keinen Finger und schiebe mich so durch die Klausuren. Wird es mir doch einmal zu stressig, kann ich mich dank Volljährigkeit selbst entschuldigen und mach mir ein paar schöne Tage.

Schöner Mist. Hätte ich dieses Forum mal gefunden und mir vorher durchgelesen, welch’ bezaubernde Errungenschaften mich durch das Pumpen erwarten. Jetzt ist der Vertrag bei McBanane schon unterschrieben und ich hab mich verpflichtet, ein Jahr lang die Hälfte von meinem Taschengeld für eine Plastikkarte mit integrierter Zugangsberechtigung zum gelben Palast abzudrücken.

Ich wollte Muskeln und keine Esoterik! Schiebt euch eure Disziplin und den sonstigen Stuss da hin, wo die Sonne nicht scheint!

Für das halbe Taschengeld sollte dann aber auch was Retour kommen. Also 4 mal die Woche ab zum Fitti. Brust, Bizeps jeden Tag. Da gucken die Weiber drauf. Das muss wachsen. Mit jeder Wiederholung sah ich schon im Gym den Muskel wachsen. Gedanklich schon längst beim Vorglühen am Abend, bombardierte ich also jede Trainingseinheit Arme und Brust, gelegentlich auch mal den Bauch.

Die Zeit verging, das Abitur wurde mehr oder weniger glücklich bestanden und die freie Zeit danach wurde genutzt, um sich in der Kunst des Druckbetankens und einfach in den Tag leben zu üben. Man lebt ja nur einmal.

Leider bleibt diese Zeit nicht für ewig, sodass der Start in die Ausbildung und somit in das Berufsleben nicht lang auf sich warten ließ. Bis 12 Uhr schlafen? Bis in die Nacht mit den Jungs einen drauf machen? Ohne Verpflichtungen das tun was man will? Jetzt nicht mehr!
Ab Sofort wird ab halb 7 im Büro gesessen, sich in die Riege der kopflosen Sesselfurzer eingereiht und gewartet bis einem die Seele durch die eintönige Sachbearbeitertätigkeit komplett entzogen wurde. Die Laune sinkt, die Motivation zu Unternehmungen innerhalb der Woche geht gegen 0 und am Wochenende ist der Wunsch nach Erholung im Bett und vor dem Fernseher größer, als der Antrieb mit den Freunden auf die Piste zu gehen. Irgendwie durch den Tag kommen und schnell wieder Schlaf bekommen lautet das Motto. Leben, wo bist du hin?

Doch Moment, irgendwo arbeiten die noch nicht vom Alkohol getöteten Hirnzellen. Irgendwo im Hinterkopf blinkt ein Lämpchen. Da war doch was. „Zufriedenheit mit sich Selbst, Ausgleich zum alltäglichen Trott“ aus dem blauen Forum. Da sowieso zur Zeit keine anderen Lösungsansätze für meine lethargische Lebensweise in Aussicht sind, kann man den Versuch ja mal wagen. Ich bin sowieso seit einem Jahr der Beste im Studio. Zumindest für den Betreiber. Ich zahle meinen Beitrag monatlich, weiß jedoch nicht einmal mehr genau, wo sich meine Eingangsberechtigungs-Plastikkarte-mit-Bananenlogo befindet. Geben wir dem ganzen Bodybuilding-Andro-Esotherik-Gemisch also eine Chance.

Die ganzen Leute im Forum empfehlen mir für den Anfang einen Ganzkörperplan. Verstehe zwar nicht warum, aber ich habe es mir so ausgesucht. Ich habe mir vorgenommen, den Weg einzuschlagen, der mir zu mehr Zufriedenheit verhelfen soll. Ab ins Studio und den Plan durchgezogen. Nach dem Training fühle ich mich anders. Das Gefühl kenne ich auch nicht von früheren Trainingseinheiten. Ich habe 60 Minuten im Studio gearbeitet, habe mir keine Gedanken über die Probleme in meinem Leben gemacht und konnte abschalten. Auch jetzt nach der Einheit, habe ich die alltäglichen Probleme zwar wieder im Gedächtnis, sie wirken jedoch abgeschwächt und nicht wirklich relevant für mich. Ich fühle mich zufrieden, das Forum hat Recht behalten. Da ist er, der Ausgleich zum Alltag. Es hat mich infiziert.

Die durch das Training ausgeschütteten Endorphine verbessern meine Laune, treiben mich zu neuen Höchstleistungen und anderen Zielsetzungen. Ich will mehr. Mehr Selbstzufriedenheit. Mehr Ausgleich. Mehr Problembetäubung. Und weil Team-Andro mir den Weg geebnet hat, kann es nicht schaden sich weiterhin auf Empfehlungen des Forums zu fokussieren. Ich lese mich mehr und mehr ein, versinke zunehmend in die Welt des Bodybuildings.

Neben dem Training soll auch die Ernährung zu mehr Erfolg, Gesundheit und daraus resultierend Zufriedenheit führen. Wird schon stimmen, denk ich mir und stelle meine Essgewohnheiten um. Anstatt dem Chinamann gibt es ab jetzt in der Mittagspause Geflügel und Gemüse. Das Gefrierfach bekommt auch neue Tapeten. Tiefkühlpizzen und 5-Minuten-Lasagne weichen gefrorenen Beeren, Broccoli und einem Monatsvorrat an magerem Fleisch. Nach 2 Wochen fehlt mir mein Junkfood. Doch ich mache weiter. Was bringt mir die kurzzeitige Geschmacksexplosion wirklich? Ist die 5 Minuten Befriedigung durch Fast Food und Geschmacksverstärker mit einem dauerhaften Gefühl der Zufriedenheit mit dem eigenen Körper und Leben aufzuwiegen? Für mich auf keinen Fall. Hier ist sie, die Disziplin.

Nach weiteren 2 Wochen disziplinierter Ernährungsweise und dem Ausprobieren verschiedener Rezepte mit gesunden Nahrungsmitteln fehlt mir das goldene M und Luigis 5-Käsesorten-Pizza nicht mehr. Die Disziplin hat gesiegt. Durch die Umstellung auf eine strukturierte und gesunde Zufuhr von Nährstoffen kommen weitere Erfolge.

Obwohl ich die Zuwächse genieße, mich beim Training gut fühle und von Einheit zu Einheit Steigerungen verzeichnen kann, fühle ich mich zunehmend eingeschränkt. Ich habe mich sozial isoliert, habe mich auf das Training fokussiert und meine Ernährung plangenau befolgt. Belohnt wurde ich mit einem Körper, weit über dem Durchschnitt der Couchpotatoe-Bevölkerung. Aufgeben musste ich hierfür jedoch viele soziale Kontakte, feuchtfröhliche Abende und Erfahrungen, die man nur einmal im Leben machen kann. Ohne darüber nachzudenken und wahrscheinlich als Kurzschlussreaktion reduzierte ich das Training von damals 4 Einheiten pro Woche auf 0. Der Kopf rebellierte. So viel verpasst durch dieses blöde Training, so viel Zeit verschwendet. Ab jetzt wird wieder gelebt.

Ganze 2 Wochen und 5 Kilogramm Masse, basierend auf ausschweifendem Alkoholkonsum, durchgemachten Nächten und unglaublichen Mengen an industriell verarbeiteten, den nichtnachdenkenden Durchschnittskonsumenten süchtig machendem Junkfood später, kam die Einsicht, dass dieses erwünschenswerte Leben wohl doch nicht so wünschenswert war. Die Gedanken um das sinnlose in den Tag hinein leben ohne einen wirklichen Sinn dahinter zu erkennen wurden intensiver und überschüssige Energie sammelte sich im Körper.

Ein schlauer Mensch erkennt eine Situation, wenn sie schon einmal da war. Ich erkannte Meine: Lethargie, Sinnlosigkeit, Antriebslosigkeit, Frust. Ja, das kannte ich. Das alles war schon einmal da, bevor ich mich dem disziplinierten Training widmete. So dauerte es nicht lange bis ich wieder unter der Langhantel stand und das Training wieder aufgenommen wurde. Mir wurde Beständigkeit gelehrt. 4 Prozent mehr Körperfett waren der Preis mir zu sagen, dass ich auch in schweren Situation durchhalten muss. Ausrutscher können passieren, solange man sich fängt und weitermacht. Überraschung! Willkommen im Land des Durchhaltevermögens.

Der gewitzte Leser wird wohl den roten Faden erkannt haben. „Disziplin, Durchhaltevermögen, Zufriedenheit mit sich Selbst, Ausgleich zum alltäglichen Trott, der einem im Schul- und Berufsleben“. Klingelt’s?
Charaktereigenschaften, von denen ich bevor ich mit dem Training begonnen habe dachte, sie seien nur da, um spießigen Menschen eine Daseinsberechtigung zu geben, bilden heutzutage die Basis meines Lebens, über das ich mich zur Zeit nicht beklagen kann. Ich bin ausgeglichen, zufrieden, verbessere meinen Körper wöchentlich und pflege nebenbei noch mein soziales Umfeld. Man muss wahrscheinlich alle Facetten und Extreme des Bodybuildings selbst durchlaufen, um letztendlich die für sich geeignete Dosis zu finden. Doch ist es nicht das, was uns, die beständigen Studiobesucher, von dem Neujahrsvorsatz-Pumper oder dem Von-Mai-bis-Juli-Sommerbody-Heinz unterscheidet?

Insgesamt entscheidet letztendlich der eigene Charakter, ob man vom Virus infiziert wird und akzeptiert, dass Bodybuilding mehr bedeutet als nur ein paar Stunden in der Woche zu opfern und sich ins Studio zu schleppen, oder ob man für mindestens 1 Jahr eine Cashcow für den Studiobetreiber darstellt. Ich für meinen Teil bin froh, mich dem Lifestyle verschrieben zu haben und mein Leben in geordneten Strukturen zu sehen, die mir ganz nebenbei noch einen nett anzuschauenden Körper, ein weitaus größeres Selbstwertgefühl und einen Mittelpunkt im Leben schenken.

Deshalb ist Bodybuilding mehr als nur ein Sport.
Es ist ein Way of Life.


Wer die Werbung nicht mag, der kann sie in seinen Persönl. Einstellungen ausschalten.
 


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