Text 11: Manchmal haben Frauen...

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Text 11: Manchmal haben Frauen...

Beitragvon TEAM-ANDRO Redaktion » 15 Jul 2013 13:02

Ich kann hier nicht antreten und erzählen, dass dieser Sport das Große Mehr für mich bedeutet, weil er mich aus irgendeiner Scheiße gerettet hat. Soziales Elend, psychische Störungen, Liebeskummer … also diese Lebensgeschichten, die zu Geschichten taugen. Tatsächlich bin ich wohl eher eine von denen, die auf der Sonnenseite des Lebens geboren sind und nie gegen nennenswerte Widerstände ankämpfen mussten. Womit soll ich jetzt die Seiten füllen? Vielleicht ist das hier eine gute Idee: Ich bin einer Randgruppe zugehörig. Zumindest in diesem Milieu. Ich besitze zwei X-Chromosomen.

In unserer Gesellschaft stellt diese genetische Merkmalsausprägung manchmal fast einer Art Erbkrankheit dar. Faktisch gesehen ist da mit der Gleichstellung natürlich schon alles getan worden, was juristisch getan werden muss (ich bin nicht eine von denen, die eine Frauenquote in der freien Wirtschaft als notwendige Bedingung einer vollkommenen Emanzipation sieht). Praktisch gesehen müssen wir uns immer noch durchbeißen durch einen Wall aus Respektlosigkeit. Die Sexismusdebatte ist nach medialer Zeitrechnung schon wieder eine Ewigkeit her, aber vielleicht erinnert ihr euch noch daran. Man kann die Diskussion für müßig erachten, aber für mich besitzt sie durchaus eine gewisse soziologische Daseinsberechtigung. Ich gönne den Jungs da draußen unsere freizügigen Fotos, Filmchen und Facebook-Profile von Herzen und auch die verheißungsvollen Ausblicke in der Einkaufsstraße oder im Hörsaal. Aber es ist so verdammt anstrengend! So anstrengend, immer nur an diesem eindimensionalen Maßstab gemessen zu werden. Am meisten ärgert mich aber zugegebenermaßen, dass es auch noch unsere eigene Schuld ist.

Fünfeinhalb Jahre am Eisen liegen jetzt hinter mir. Ich trage immer noch Kleidergröße XS/S. Ich würde immer noch gegen jeden männlichen World of Warecraft-Süchtigen im Armdrücken versagen, und mir liegen immer noch keine Anfragen durch Betreiber von Kuriositätenkabinetten vor. Und das, obwohl ich sogar schon mal (wenn auch mit bescheidenem Erfolg) in die Unterwelt des Wettkampf-Bodybuildings abgetaucht bin! Aber das kann niemand wissen, der nicht meinen Namen googled. Ein freundlich-neugieriges: „Welchen Sport machst du? Du siehst so durchtrainiert aus“ ist schon die höchste Anerkennung, die ich im realen Leben erfahre. Das mag vielleicht etwas dünn erscheinen angesichts von 6 Trainingseinheiten die Woche, Dauermuskelkater und Dauerdiät. Mir bedeutet es alles.

Eignet sich denn ausgerechnet dieser Sport, der ja seiner Definition nach ausschließlich der optischen Transformation dient, um aus dem Kreislauf ewiger Limitierung auf das Aussehen auszubrechen? Meine Erfahrung sagt: Ja! Wenn mir etwas am Herzen liegt, dann der unbedingte Drang, nicht langweilig zu sein. Mein BWL-Studium, mein Mainstream-Musikgeschmack („Charts halt“) und mein wenig experimenteller Kleiderstil helfen mir da nicht weiter. Aber diese eine Passion, die hebt mich immer wieder raus aus der Masse. Das zieht sich vom Smalltalk auf Partys bis zu Vorstellungsgesprächen, in denen die Unterhaltung mehr als einmal einen positiven Verlauf annahm, als wir auf meine Freizeitgestaltung zu sprechen kamen. Mein neuer Chef sagt mir jeden Tag, welche Powerpoints ich erstellen soll, welche Projektpartner zu kontaktieren sind und wann ich Feierabend machen darf. Aber ich habe ihm seinen Ernährungsplan geschrieben. Ich habe gelernt, dass nicht jeder Mann ein Rainer Brüderle ist. Dass sie gern einen Pickel mehr oder eine Körbchengröße weniger akzeptieren, wenn sie nur in ihrer Gegenüber (die Künstlerfreiheit erlaubt mir eine Verwendung des eigentlich maskulinen Substantives in weiblicher Form) einen Partner auf Augenhöhe gefunden haben. Es gibt eben zu viele Frauen und Mädchen, deren Persönlichkeit mit der Farbe von Haaren und Lidschatten enden. Und da ist es doch schon fast gnädig von den Männern und Jungs, dass sie sich aus diesem spärlichen Angebot noch das wenige Existente herauspicken. Klar, auch (oder grade?) ich lande immer wieder bei solchen, die nur wissen wollen, ob ich mich besonders spektakulär anfühle. Im Großen und Ganzen glaube ich trotzdem, dass sich mir heute mehr Hände entgegenstrecken als vor fünfeinhalb Jahren. Dass ich mehr Chancen bekomme und man es mir einfacher macht. Deswegen ist Bodybuilding für mich mehr als ein Sport! Weil, wenn man es richtig anstellt, Reis und Pute nicht ins soziale Abseits führen müssen. Ich bin keine staatlich anerkannte Männerflüstererin. Aber ich kann es nur allen Frauen empfehlen. Schon allein, weil jede(r) einen Charakter gebrauchen kann. Und irgendetwas, was ihn antreibt.


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Tommy Schneider
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Re: Text 11: Manchmal haben Frauen...

Beitragvon Tommy Schneider » 16 Jul 2013 14:15

Du sprichst mir aus der Seele...


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