Inflation im Wettkampfsport?

Hat die Pro Card überhaupt noch einen Wert?

Die Pro Card galt stets als das ultimative Ziel eines jeden Bodybuilders. Sie zu erhalten, war – zumindest außerhalb der USA – extrem schwierig und nur wenigen Athleten vergönnt. Das hat sich in den letzten Jahren spürbar geändert. Doch ist damit nicht auch der Wert der Pro Card gesunken?

Wollte man noch vor einigen Jahren Profi-Bodybuilder werden, hatte man nur wenig Optionen: Man musste sich für einen Verband, damals in der Regel die NABBA oder die IFBB entscheiden und dort eine absolute Top-Platzierung bei einem der wenigen internationalen Wettkämpfe, in der Regel einmal jährlich EM und WM, nachweisen. Nachdem die NABBA stetig an Boden verlor, blieb eigentlich nur die IFBB, um sich den Traum vom Profistatus zu verwirklichen. Top-Athleten wie Dennis Wolf gingen diesen schweren Weg und stiegen später zur absoluten Bodybuilding-Elite auf.
Anzumerken ist, dass sich die Voraussetzungen für das erfolgreiche Beantragen einer Pro Card immer wieder einmal änderten. So reichte Markus Rühl und Ronny Rockel der Gesamtsieg bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft für den Erhalt der Pro Card. Später ging auch Steve Benthin diesen Weg und erhielt nach längeren Diskussionen mit dem Weltverband seine Profi-Lizenz.
In den folgenden Jahren nahmen die Wettkämpfe, die das Erlangen einer Pro Card ermöglichten, stetig zu. Die ersten Mr. Olympia Amateur-Shows wurden geboren, die Arnold Classic expandierte auf alle Kontinente, später folgten die Diamond Cups und viele andere Veranstaltungen.

Foto: Thomas Koch

So richtig Fahrt auf nahm die ganze Sache jedoch mit dem Split der IFBB Pro League von dem IFBB-Weltverband der Amateure, in Folge dessen die Pro League einen eigenen Amateur-Unterbau und die IFBB eine eigene Profi-Liga gründeten. Fortan mussten sich die Athleten nun entscheiden, ob sie weiterhin der IFBB die Treue hielten und die Chance nutzen wollten, Elite Pro zu werden oder ob sie sich der Pro League verschrieben und auf die ersten Pro Qualifier warteten. Weiterhin besteht natürlich auch noch die Möglichkeit, sich bei der PCA oder der WFF als Profi zu qualifizieren und für Natural-Athleten wurde mit der PNBA eine eigene Pro League gegründet.

Spätestens seit diesem Jahr sind also die Optionen, die ein ambitionierter Amateur hat, immens. Jeder Verband wirbt für seine Profi-Liga, was sich dann auch in den steigenden Zahlen der Qualifikations-Meisterschaften widerspiegelt. Nur um das klarzustellen: Es soll hier keineswegs darum gehen, die einzelnen Verbände gegeneinander auszuspielen oder diese zu ranken. Viel spannender erscheint die Frage, ob eine Pro Card unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch als etwas Besonderes angesehen werden kann.

Nicht nur die Anzahl der Shows ist gestiegen


Erschwerend kommt nämlich hinzu, dass die einzelnen Verbände die Zahl der Klassen massiv ausgebaut haben. Gab es früher einzig die Kategorien Bodybuilding Männer und Bodybuilding Frauen, gibt es heute zahlreiche weitere Kategorien wie Bikini, Men’s Physique oder Classic Physique. Als logische Konsequenz steigt damit natürlich auch die Zahl der Profis, wenn bei jeder Qualifikationsmeisterschaft in allen Klassen Pro Cards verteilt werden.

Wir haben also drei Entwicklungen, die die Zahl der Profi-Athleten aktuell sprunghaft steigen lässt:
  1. Mehr Verbände, die Pro Cards verteilen.
  2. Mehr Klassen innerhalb der Verbände.
  3. Mehr Qualifikationsmeisterschaften aller Verbände.
Vielen stößt eben diese Entwicklung sauer auf, vor allem, weil die Zugänge zu den Qualifikationsmeisterschaften heute deutlich weniger reglementiert sind als früher. Galt es vor einigen Jahren zunächst einmal auf Regionalmeisterschaften zu überzeugen, um sich dort für die deutsche Meisterschaft zu qualifizieren und dann bei einem guten Abschneiden die Chance auf einen Start auf einer internationalen Bühne zu erlangen, kann heute im Grunde jeder Newcomer direkt zu einem Pro Qualifier gehen und dort starten. Das habe zur Folge, dass deren Qualität deutlich sinke, monieren Kritiker.

Masse statt Klasse?


Wer sucht, findet natürlich bei jeder Meisterschaft Belege für diese Aussage. Jedoch ist anzumerken, dass die Zahl derer, die gleich bei ihrem ersten Wettkampf nach der Pro Card greifen, sehr gering und oft auf echte Talente begrenzt ist, die sich eben gar nicht lange mit unterklassigen Wettkämpfen aufhalten wollen. Doch wie ist das zu bewerten?

Zunächst einmal muss man festhalten, dass das Wort Profi im Bodybuilding ohnehin irreführend ist. Gemeinhin werden als Profisportler solche bezeichnet, die ihren Sport hauptberuflich ausüben. Davon kann im Bodybuilding nur in den seltensten Fällen die Rede sein. Aus diesem Grund spielen Sponsorenverträge eine sehr große Rolle, doch ist es nur den wenigsten vergönnt, einen derart gut dotierten Vertrag zu ergattern, der es einem erlaubt, wirklich als Profi zu leben. Der Großteil muss sich also anderweitig Geld zum Lebensunterhalt besorgen.

Schon bevor die Zahl der Profis so stark anstieg, war ein Trend zu beobachten: Nicht wenige Sportler wollten die Pro Card vor allem als Marketinginstrument haben, um damit ihr Personal Training oder die Coachings zu bewerben. Dabei macht sich eine Profilizenz natürlich gut. Auch klar ist aber natürlich, dass das denen, die diesen Weg seit einigen Jahren bestreiten die zunehmende Konkurrenz durch jüngere Profis nicht wirklich gefällt. Jedoch muss angemerkt werden, dass die Bedeutung der Pro Card für das Marketing deutlich nachgelassen hat, was weniger an der Inflation der Profis denn an dem Siegeszug der sozialen Netzwerke liegt. Wer es schafft, sich hier eine Fanbase aufzubauen, dürfte davon deutlich mehr profitieren als von einer Profi-Lizenz.

Foto: Jan Thiede

Aber zurück zum sportlichen Aspekt: Für die meisten Verbände ist die Bestimmung der Zahl der Pro Cards eine durchaus diffizile Angelegenheit, denn auf der einen Seite bringen viele Profis zunächst einmal Geld ein (die Profi-Lizenz ist in den meisten Fällen kostenpflichtig), zum anderen besteht aber die Gefahr, die Leistungsdichte der Wettkämpfe zu schwächen, vor allem, wenn sich die Athleten für einen Verband entscheiden müssen. Nicht ohne Grund ist die Qualifikation zum Mr. Olympia eine sehr komplexe Angelegenheit und die Arnold Classic bis heute ein Einladungswettkampf.

Von den Schatten des Ruhms


Thomas Scheu gilt in Deutschland als absolute Legende, wohl auch, weil er trotz seiner vielfältigen Erfolge, die ihm mehrfach die Option gegeben hätten, Profi zu werden, Amateur blieb. Gleiches lässt sich von Manuel Bauer sagen. "Lieber ein guter Amateur als ein schlechter Profi", hört man in diesem Zusammenhang oft. Die Idee ist naheliegend:
Wer mit Ach und Krach seine Pro Card bekommen hat, wird es wohl schwer haben, auf der Profibühne Erfolge zu feiern.
Mal jenseits aller Sponsorenthemen ist das für einen Sportler, der naturgemäß einen gewissen Ehrgeiz hat, ein schwieriges Thema. Ist es die Pro Card wert, nur noch schlechte Platzierungen zu sammeln?

Diese Frage muss natürlich jeder Athlet für sich beantworten. An dieser Stelle kommt erschwerend hinzu, dass eine gesunde Selbsteinschätzung im Bodybuilding eher spärlich verteilt ist. Diese Tatsache zeigt aber auch, dass die Inflation der Pro Cards in der Leistungsspitze kaum zu Veränderungen führt. Denn wer dahin vorstoßen will, der muss auch in der Lage sein, Top-Amateure zu schlagen. Dass die Leistungsdichte in der Spitze durch die vielen Pro Qualifier aufgeweicht wird, ist daher ein Ammenmärchen.

Was aber durchaus zutreffend ist, ist die Feststellung, dass bei kleineren Pro Shows egal welchen Verbandes die Leistungsdichte stark variiert. Auf der einen Seite sind da Top-Athleten, die wegen der Preisgelder oder wichtiger Qualifikationspunkte antreten, auf der anderen Seite eben meist auch Athleten, deren Leistung nicht annähernd an das Niveau der Erstgenannten heranreicht.


Früher war alles besser?


Eine Umkehr der aktuellen Entwicklung ist nicht in Sicht, schon weil es als sehr unwahrscheinlich gelten kann, dass sich mit der IFBB Pro League und der IFBB Amateur Liga die beiden größten Akteure wieder zusammenfinden. Nicht wenige Athleten sehen die Vielzahl der Möglichkeiten jedoch auch als großen Gewinn an, sind doch Profi-Wettkämpfe in der Regel besser dotiert als Amateur-Shows. Daher besteht die Möglichkeit, sich zunächst einmal für eine vermeintlich schwächere Profi-Liga zu qualifizieren und dort mit Wettkämpfen zumindest etwas Geld zu verdienen, solange man dabei ist, seinen Körper weiter aufzubauen. Denn der spätere Wechsel zu einem anderen Verband ist ja nicht ausgeschlossen. Auch umgekehrt bietet die Situation Athleten, deren Karriere den Höhepunkt überschritten hat, die Chance, auch weiterhin Erfolge zu erzielen, eben in einem vermeintlich schwächeren Verband.
Letztlich ist diese Debatte aber wie so oft auch durch viel Neid geprägt. Denn mal ehrlich: Wem tut es weh, wenn ein junger Athlet ohne Umwege nach der Pro Card greift?
Selbst wenn er sie erhält, muss er sich dann immer noch im Feld der Besten beweisen. Das Risiko, zu scheitern, ist dabei also deutlich höher. Kritik, dass die Athleten sich heute kaum noch hocharbeiten müssen, ist sehr häufig von solchen Athleten zu hören, die genau dabei gescheitert sind. Ein Schelm…

Grundsätzlich sollte man aber vor allem zwischen solchen Athleten unterscheiden, die den Wettkampfsport zum Spaß betreiben und solchen, die wirklich Ambitionen haben, ganz an die Spitze zu kommen und damit ernsthaft Geld zu verdienen. Für letztere ist ein taktisches Vorgehen sicherlich ratsam, vor allem auch um im Kampf um die Pro Card nicht zu viel Zeit und Ressourcen zu verschwenden. Den letztlich fragt niemand mehr einen Topathleten, wo und wann er seine Pro Card erhalten hat und wie dort das Teilnehmerfeld war. Für Hobbysportler ergibt sich aus der aktuellen Situation noch eine ganz andere spannende Perspektive: Die Zahl attraktiver Wettkämpfe steigt enorm an, da die Verbände und Veranstalter natürlich um die Athleten kämpfen.

In diesem Sinne: Leben und leben lassen!

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