No Brain - No Gain Med #4/2010

Propriozeptorisches Training

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Disclaimer - Hinweis zu Gesundheitsthemen
Jeder Körper ist individuell und daher erfordert jede Therapie eine vorausgegangene Diagnostik durch entsprechend ausgebildetes medizinisches Fachpersonal. Die Darstellungen von Krankheitsbildern und mögliche Therapieansätze sind immer als allgemeine Darstellung zu verstehen, welche individuelle Abweichungen nicht berücksichtigen kann. Entsprechende Beiträge auf Team-Andro.com dienen rein der Information und haben nicht die Intention, eine medizinische Untersuchung zu ersetzen.

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Heute werfen wir einmal einen Blick auf eine Trainingsform, mit der die meisten erst dann in Kontakt kommen, wenn der unschöne Fall einer Verletzung auftritt: dem propriozeptorischen Training. Was genau das ist und warum diese Trainingsform auch durchaus außerhalb des rehabilitativen Bereiches Sinn macht, soll im Folgenden verdeutlicht werden.

Übersicht

  1. Propriozeption – Was ist das überhaupt?
  2. Propriozeptorisches Training im Reha-Bereich
  3. Der Nutzen von propriozeptorischem Training für gesunde Athleten
  4. Übungsbeispiele

1. Propriozeption – Was ist das überhaupt?

"Propriozeption, auch Tiefensensibilität oder Eigenwahrnehmung genannt, ist die bewusste, teilbewusste und unbewusste Verarbeitung afferenter Informationen über die Gelenkstellung, -bewegung und -kraft durch das Zentrale Nervensystem."1

Im Grunde genommen ist die Propriozeption ein Teilaspekt der motorischen Fähigkeit Koordination und bildet somit die allgemeine Grundlage der motorischen Kontrolle des Bewegungssystems. Über verschiedene Rezeptoren (Propriozeptoren) steuert und kontrolliert das Zentrale Nervensystem (ZNS) die muskuläre Aktivität und die Gelenkstellung. Diese Rezeptoren liegen in den Muskeln, Gelenken, Sehnen und in der Haut. Folgend werden die wichtigsten Rezeptoren aufgelistet²:
  1. Pancini-Körperchen: Diese findet man in der Gelenkkapsel und in den Gelenkbändern. Sie reagieren auf Druck, genau genommen auf Druckänderungen. Ihre Funktion ist die dynamische Kontrolle der Gelenkbewegung, bzw. –geschwindigkeit.
  2. Ruffini-Körperchen: Auch diese findet man in der Gelenkkapsel und den Gelenkbändern. Neben Druck reagieren diese jedoch auch auf Zug und sorgen so für die statische und dynamische Kontrolle der Gelenkwinkelstellung und der Winkelgeschwindigkeit.
  3. Golgi-Apparat: Der Golgi-Apparat besteht aus den Golgi-Sehnenorganen und den Golgi-Organen. Man findet ihn am Übergang von Sehne zu Muskel und wiederum in der Gelenkkapsel und den Gelenkbändern. Der Golgi-Apparat reagiert auf mechanische Spannungsentwicklung und kontrolliert die Muskelspannung und die Kontraktionskraft, die Gelenkwinkelstellung und die Bewegungsrichtung.
  4. Muskelspindeln: Man findet sie innerhalb der Skelettmuskeln. Die Muskelspindeln reagieren auf Längenänderung, also die Dehnung und Kontraktion der Muskulatur. Sie messen und kontrollieren die Muskellänge.
  5. Freie Nervenendigungen: Diese sind in der Gelenkkapsel und den Gelenkbändern, den Sehnen und nahezu allen Geweben des Körpers zu finden. Die Art der wirksamen Reize ist variabel (mechanisch, chemisch oder thermisch). Sie geben Informationen über die Bewegungsgeschwindigkeit, beschleunigende und abbremsende Kräfte, die Bewegungsrichtung und die Gelenkposition.
  6. Nozizeptoren: Dies sind spezifische Schmerzrezeptoren, die man in den gleichen Geweben findet, wie die freien Nervenendigungen. Sie reagieren auf überschwellig gewebsbelastende oder gewebsschädigende Reize und geben Informationen über Gewebsschädigungen. Weiterhin entwickeln sie physiologische Adaptionen durch muskuläre Hemmmechanismen.
Auf der folgenden Abbildung wird die Lage der einzelnen Rezeptoren graphisch dargestellt:

Quelle: Gottlob, A.: Differenziertes Krafttraining mit Schwerpunkt Wirbelsäule, 2001; S. 63.
Quelle: Gottlob, A.: Differenziertes Krafttraining mit Schwerpunkt Wirbelsäule, 2001; S. 63.


Somit nehmen die aus den Rezeptoren gewonnenen Informationen über drei Sinne Einfluss auf den Stütz- und Bewegungsapparat:
  1. Der Stellungssinn: Er beinhaltet alle Informationen über die Stellung der einzelnen Gliedmaßen im Raum.
  2. Der Bewegungssinn: Er informiert über die Richtung und Geschwindigkeit einer Bewegung.
  3. Der Kraftsinn: Er gibt Auskunft über die aufzubringende Kraft.
Aber auch andere Informationen fließen in die Informationsverarbeitung des ZNS: das visuelle System, also die Augen, wie auch das vestibuläre System, also das Gleichgewichtsorgan im Innenohr steuern ihre Informationen bei. Aus all diesen eingehenden Informationen entsteht eine sinnvolle und koordinierte Bewegung, wobei dieser Prozess weitgehend ohne willkürliche Einwirkung abläuft. Die Informationsübermittlung von den Rezeptoren zum ZNS erfolgt hierbei über afferente Nervenbahnen, die Übermittlung der daraus resultierenden Bewegungs- und Aktivierungsanweisungen erfolgt über efferente Nervenbahnen.

Die folgende Abbildung verdeutlicht die Funktion der einzelnen Rezeptoren auf die Körperstabilität:

Quelle: Häfelinger, U./Schuba, V.: Koordinationstherapie – Propriozeptives Training, 2002; S. 23
Quelle: Häfelinger, U./Schuba, V.: Koordinationstherapie – Propriozeptives Training, 2002; S. 23


Ein sehr anschauliches Beispiel für die Bedeutung der Propriozeption ist die wohl jedem bekannte Stufe zu viel oder zu wenig. Wohl jeder ist schon einmal nachts eine Treppe herabgestiegen und hat eine Stufe zu viel oder zu wenig erwartet. Erwartet man eine Stufe zu viel, sind die entsprechenden Strukturen noch nicht auf einen Bodenkontakt vorbereitet, die Muskulatur, insbesondere des M. quadriceps femoris noch nicht entsprechend kontrahiert und somit kann das Körpergewicht nicht optimal abgefedert werden. Erwartet man eine Stufe zu wenig, kommt der "Tritt ins Leere". Die entsprechenden Strukturen verrichten ihre Arbeit, es kommt aber nicht der erwartete Widerstand.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Abhängigkeit von dem vestibulären und visuellen System. Dies lässt sich einfach veranschaulichen: Stell Dich einbeinig hin. Sollte normalerweise nicht so ein großes Problem sein. Geschafft? Gut, dann nun das Gleiche unter Ausschluss des visuellen Systems, sprich: Augen zu! Und? Immer noch so einfach? Dann legen wir nochmal nach: Augen schließen und den Kopf schnell schütteln. Wer jetzt noch wirklich stabil steht, kann davon ausgehen, dass seine Propriozeption überdurchschnittlich gut ausgeprägt ist. Das werden aber die wenigsten sein…

2. Propriozeptorisches Training im Reha-Bereich

Wer schon einmal eine Verletzung des Bewegungssystems erlitten hat, dem wird das propriozeptorische Training nicht neu sein, denn es ist fester Bestandteil des nachfolgenden Reha-Trainings. Und das hat einen guten Grund: Die meisten Verletzungen des aktiven und/oder passiven Bewegungssystems haben eine Immobilisation verschiedenster Strukturen zur Folge. Dies hat Konsequenzen, welche im Folgenden für die wesentlichsten Strukturen ausgewählt dargestellt werden.

Immobilisationsfolgen der Muskulatur

  • Atrophie (Abnahme des Muskelquerschnitts)
  • Kraftverlust
  • Verschlechterung der nervalen Innervation
  • Verschlechterung des lokalen Muskelstoffwechsels
  • Verschlechterung der intermuskulären Koordination
  • Verschlechterung der Muskelausdauer
  • verminderte Flexibilität

Immobilisationsfolgen des Knorpels

  • Verschlechterung der Knorpelernährung durch ausbleibende Diffusion
  • Vermindertes Wasseraufnahmevermögen
  • Verlust an KnorpelgrundsubstanzAbsterben von Knorpelzellen

Immobilisationsfolgen des Kapsel-Band-Apparates

  • Reduzierte Kapseldurchblutung
  • Verklebung der Kapsel
  • Schrumpfen der Gelenkkapsel
  • Rückgang der Gelenkbeweglichkeit
  • Veränderte Arthrokinematik
  • Verschlechterung der Propriozeption
  • Längenzunahme der Bandstrukturen
  • Abnahme von Zug- und Reißfestigkeit der Bandstrukturen
  • Abnahme der Faserdicke
An dieser Stelle ist anzumerken, dass die vorgestellten Immobilisationsfolgen nur eine Auswahl der möglichen Immobilisationsfolgen sind und keineswegs alle auftreten müssen. Vielmehr nehmen unzählige Einflussfaktoren, wie das biologische Alter, die Art der Verletzung, die Ernährung, Stressfaktoren etc. Einfluss auf das Eintreten und den Grad des Eintretens dieser Konsequenzen einer Immobilisation. Eines aber kann man mit Sicherheit festhalten: Strukturen, die nicht bewegt werden, degenerieren!

Im Rahmen einer physiotherapeutischen Nachbetreuung wird immer versucht, die vorliegenden Immobilisationsfolgen zu vermeiden, sofern sie noch nicht eingetreten sind, oder zu lindern und bestenfalls vollständig zu therapieren, wenn sie schon akut sind. Leider sind die Kassen der Krankenversicherungen leer und es wird immer weniger Krankengymnastik verschrieben. An dieser Stelle möchte ich dazu aufrufen, auf eine krankengymnastische Nachbehandlung zu pochen und diese auch wahrzunehmen.

Insbesondere Kraftsportler neigen dazu, nach einer Verletzung primär die muskulären Immobilisationsfolgen im Auge zu haben. Entsprechend sieht die Trainingsgestaltung aus. Was dabei leider viel zu kurz kommt, ist das Aufbautraining von Knorpel- und Kapsel-Band-Strukturen.

In unserem Zusammenhang ist natürlich vor allem die Verschlechterung der Propriozeption von Interesse, welche mit einer Störung der Kraftsinnes, also der Muskelkraft, des Stellungssinnes, also der Gelenkstellung, des Bewegungssinnes, also der Bewegungskontrolle, des Vibrationssinnes, also der Dämpfung und des Lagesinnes, also der Stellung des Körpers im Raum umschrieben werden kann. Diese tritt vor allem bei Verletzungen und/oder Erkrankungen der Gelenke auf, da hier sensorische (afferente) Strukturen häufig mitbetroffen sind. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die motorischen (efferenten) Strukturen. Die Stilllegung im Vorfeld oder im Anschluss an die Behandlung tut dann ihr Übriges.

Praktisch äußert sich das entstandene verschlechterte sensorische Feedback in Funktionsdefiziten, was sich durch eine verminderte motorische Kontrolle des betroffenen Gelenks bemerkbar macht, einfach formuliert: Der Körper hat verlernt die betreffende Muskulatur rechtzeitig anzuspannen. Dies kann zu Scherkräften im Gelenk führen, die wiederum den Knorpel und den Kapsel-Band-Apparat schädigen können.

Wie bereits angedeutet, ist propriozeptorisches Training in der Regel fester Bestandteil der physiotherapeutischer Nachbehandlung von Verletzungen des Bewegungsapparates. In diesem Zusammenhang wird die Trainingsdurchführung von qualifiziertem Fachpersonal überwacht. Die verordneten physiotherapeutischen Behandlungen im Anschluss an eine solche Verletzung reichen jedoch oft nicht aus um die volle Leistungsfähigkeit wieder zu erlangen, es sei denn, man ist privat krankenversichert. Der große Rest muss im Anschluss entweder die Weiterbehandlung selbst bezahlen, oder führt das Training eigenständig weiter. Dies sollte in jedem Fall mit dem Therapeuten abgesprochen werden, allgemein kann man sich an folgenden Regeln orientieren:
  • Das Training sollte erst bei absoluter Schmerzfreiheit, einer vorhandenen Alltagsbelastbarkeit und bei intaktem Gleichgewichtssinn ausgeführt werden.
  • Propriozeptorisches Training sollte immer im ausgeruhten Zustand erfolgen.
  • Je nach Leistungsfähigkeit kann eine Trainingseinheit zwischen 15 und 20 Minuten dauern.
  • Es ist immer auf eine achsengerechte Körperhaltung zu achten.
  • Die Progression erfolgt von statischen Stabilisierungsübungen hin zu dynamischen Übungen.
  • Es empfiehlt sich eine Haltedauer von anfangs 5-15s, die später ausgedehnt werden kann; bei dynamischen Übungen sollte der Wiederholungsbereich zwischen 5 und 25 liegen.
  • Wichtiger als die Progression ist die Qualität der Bewegungsausführung.
  • Es empfiehlt sich, auch mit geschlossenen Augen zu trainieren, um so das visuelle System auszuschalten.

Der Nutzen von propriozeptorischem Training für gesunde Athleten

Auch außerhalb des rehabilitativen Bereiches hat propriozeptorisches Training seine Berechtigung. Der Sinn hier besteht vor allem in der Prävention. Es ist nachweisbar, dass Propriozeptionstraining die Sensomotorik verbessert. Konkret bedeutet das, dass das Zusammenspiel zwischen ZNS und der Muskulatur optimiert wird, was in einer schnelleren Muskelkontraktion resultiert. Das ist vor allem für dynamische Sportarten wie beispielsweise Fußball interessant.
Einerseits haben Fallstudien gezeigt, dass sensomotorisches Training die Ballführung verbessern kann3, weiterhin ist der Nutzen für die Verletzungsprävention immens. Eine Fallstudie an Basketballern beschreibt einen Zuwachs an Agilität durch die verbesserte Koordination.4

Jeder, der schon einmal eine Verletzung des Bewegungsapparates erlitten hat, weiß, dass die Verluste von Muskelmasse und Kraft erheblich sind und einen um Monate zurückwerfen können. Vor dem Hintergrund dieses Wissens sollte man sich überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, ein paar Minuten in der Woche dem Training der Propriozeption zu widmen, zumal diese auch bei Gesunden in der Regel nicht sonderlich gut ausgeprägt ist, da größtenteils auf das visuelle und vestibuläre System zurückgegriffen wird.

Übungsbeispiele

Propriozeptorisches Training beginnt im Fuß. Fußfehlstellungen oder –schwächen können eine Kettenreaktion von funktionellen Veränderungen auslösen und somit Beschwerden auch in weit entfernten Gelenken verursachen.

Propriozeptorisches Training für die unteren Extremitäten sollte immer barfuß stattfinden, wobei eine physiologische Fußhaltung einzunehmen ist: der kurze Fuß nach JANDA, welcher folgendermaßen aufgebaut wird:
  • Barfuß einen stabilen Stand einnehmen.
  • Die Füße gleichmäßig belasten.
  • Die Zehen, die Ferse und der Klein- und Großzehenballen haben Bodenkontakt.
  • Die Zehen werden leicht gespreizt, das Fußgewölbe hochgezogen. Ein Krallen der Zehen ist zu vermeiden.
Ist diese Fußhaltung eingenommen. Steht ein Partner zu Verfügung, kann das Training mit leichter Impulsgebung (leichte Schubser an verschiedenen Stellen der Körpers) zunächst im Zweibeinstand, später im Einbeinstand begonnen werden. Dies kann durch ein Schließen der Augen intensiviert werden.

Im Folgenden kann eine Intensivierung durch verschiedene Hilfsmittel wie ein Airexkissen, ein Wackelbrett, ein Therapiekreisel, ein Posturomed uvm.. erreicht werden. Im Grunde kann man hierbei nach der Regel "desto instabiler, desto intensiver" gehen. Dennoch ist darauf zu achten, dass die Qualität der Übungsausführung immer gewahrt werden muss.

Im weiteren Verlauf lassen sich auch diverse Kräftigungsübungen mit dem propriozeptorischen Training verbinden, so beispielsweise Zugübungen jeder Art am Kabelturm oder mit einem Theraband und Beinpressen beidbeinig und einbeinig. Auch das Fangen eines Balles kann eine wirkungsvolle Trainingsvariante sein.

Für das Training der Rumpfmuskulatur bieten sich Gymnastikbälle an. Ein anfängliches Training könnte hier aus dem Sitzen auf einem Ball ohne Bodenkontakt mit den Füßen bestehen. Auch hier sind die Steigerungsmöglichkeiten vielfältig, bis hin zu einbeinigem Kniestand bei zusätzlicher Armbewegung. Auch die Arbeit mit dem Gymnastikball lässt sich mit diversen Zug-, Druck- und Rumpfübungen kombinieren.

Ein weiteres nützliches Hilfsmittel kann ein Flexi-Bar sein, welches sinnvoll in die bereits genannten Übungsvarianten eingebaut werden kann. Zunächst einmal sollte man aber im stabilen Stand die Nutzung des Gerätes erlernen.

Vielen mag das Trainingszubehör lächerlich erscheinen, trainieren doch sonst die dicken Muttis im Kursraum mit diesen Geräten. Doch lohnt es sich, hin und wieder über seinen Schatten zu springen, ein verringertes Verletzungsrisiko sollte Anreiz genug sein.

Literatur:

  1. Quante, M./Hille, E.: Propriozeption: Eine kritische Analyse zum Stellenwert in der Sportmedizin. In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 50 (1999) 10, S. 306-310.
  2. Froböse, I./Nellessen, G./Wilke, C. (Hrsg.): Training in der Therapie; 2003.
  3. http://bond.ewz.ac.at/opacdata/0050037865.pdf
  4. http://www.tone-si.com/clanki/sportDE.pdf


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