Proteinbedarf und -konsum bei Sportlern - Teil1

Ein Artikel von Journal of the International Society of Sports Nutrition. 3(1):7-27, 2006.
von Jacob Wilson und Gabriel J. Wilson
California State University East Bay, Hayward, CA.
Kontaktadresse jwilson@abcbodybuilding.com
Eingereicht 24. März, 2006/Akzeptiert 18.April, 2006
Journal of the International Society of Sports Nutrition©. A National Library of Congress Indexed Journal. ISSN # 1550-2783


KURZFASSUNG

Innerhalb der letzen Jahre wurde eine Fülle von Studien veröffentlicht, welche sich mit dem Proteinkonsum befassen. Es wurde dringend notwendig, all diese Informationen zusammenzufassen, um einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu erhalten, der auch als Basis für weitere Untersuchungen dienen kann. Aus diesem Grund liefert dieser Artikel eine fundamentale Analyse zum Thema Proteinbedarf und Proteinkonsum bei Kraftsport betreibenden Athleten. Dieser Artikel deckt folgende Themen ab:
  • Proteinbedarf Kraftsport betreibender Athleten
  • Einfluss des Proteinkonsums auf die Stickstoffbilanz der Muskulatur
  • Optimales Timing des Proteinkonsums relativ zum Training
  • Optimales Schema der Proteinzufuhr
  • Wie sollte Protein über einen Zeitraum von 24 Stunden konsumiert werden und welche Proteinquellen sollten wann eingesetzt werden
  • Zusammenspiel von Proteinkonsum mit Stickstoffbilanz und Kraftleistung
  • Einfluss der Kombination von Protein und Kohlenhydraten auf Insulinspiegel und Stickstoffbilanz
  • Die Effizienz von Proteinsupplements im Vergleich zu Eiweiß aus natürlichen Proteinquellen
Das Ziel dieser Veröffentlichung ist es, den Leser mit praktischen Informationen zur Optimierung der Proteinzufuhr zu versorgen und ihn dazu zu befähigen, diese Informationen fundiert an andere weiter zu geben.

Schlagworte: Sportsupplements, Protein, Widerstandstraining, Proteintiming

EINLEITUNG

Während der letzten Jahre kam es zu einer explosionsartigen Zunahme der Veröffentlichungen zum Thema Sporternährung. Die Untersuchungen und Studien zu diesem Thema untersuchten die Optimierung einer aus natürlichen Nahrungsmitteln bestehenden Ernährung und die Effizienz der Kombination verschiedener Supplements mit dieser natürlichen Form der Ernährung.

Einzelne Themengebiete, welche zu größeren Diskussionen geführt und starkes Interesse geweckt haben, beschäftigten sich sowohl mit der richtigen Zufuhr natürlicher Lebensmittel als auch dem Konsum von Proteinsupplementen. In diesem Zusammenhang wurde eine Anzahl von Punkten, wie z.B. der Proteinbedarf, mit Hilfe umfangreicher Experimente genauer untersucht. Insbesondere wurden zahlreiche Faktoren identifiziert, welche die Bestimmung des Proteinbedarfs für einen Kraftsport betreibenden Athleten besonders kompliziert machen(1).

Faktoren die nachgewiesenermaßen einen Einfluss auf die Effizienz einer jeden Proteineinnahme umfassen:
  • Den Zeitpunkt der Proteinzufuhr(1-4)
  • Das Schema der Proteinzufuhr(1)
  • Die Menge des zugeführten Proteins(5)
  • Die Menge gleichzeitig (z.B. in Form von Kohlenhydraten) zugeführter Energie(6)
  • Die Qualität des zugeführten Proteins(7)
Das Zusammenspiel dieser Faktoren ist absolut essentiell für Forscher, die versuchen eine Ernährungsweise zur Optimierung der Stickstoffbilanz der Muskulatur und der sportlichen Leistungsfähigkeit Kraftsport betreibender Athleten zu finden. Es wurde deshalb immer wichtiger alle bereits bekannten Informationen zusammen zu fassen. Das Ziel dieses Artikels ist die kritische Analyse der aktuellen Erkenntnisse zu diesen Themen und deren Zusammenhang mit dem Proteinbedarf Kraftsport betreibender Athleten.

Proteinbedarf Kraftsport betreibender Athleten

In einer kürzlich durchgeführten Metastudie zum Proteinbedarf definierten Rand und Kollegen den Proteinbedarf gesunder Erwachsener als "die kontinuierliche Zufuhr von Nahrungsprotein, die ausreichend ist, um eine ausgeglichene Stickstoffbilanz bei einer gesunden Person mit normaler Körperzusammensetzung bei einer Energiebalance (Gleichgewicht von Energiezufuhr und Verbrauch) und moderater körperlicher Aktivität zu erreichen(8)".

Der Proteinbedarf einer Person wird als gedeckt angesehen, wenn die Menge des an über die Nahrung zugeführten Stickstoffs gleich der ausgeschiedenen Stickstoffmenge ist (ausgeglichene Stickstoffbilanz)(8-10). Wenn die Menge des zugeführten Stickstoffs die Menge des abgegebenen Stichstoffs überschreitet, spricht man von einer positiven Stickstoffbilanz. Dieser Zustand wird allgemein als anaboler Zustand angesehen(9). Übersteigt die Menge des ausgeschiedenen Stickstoffes die Menge des zugeführten Stickstoffes, spricht man von einer negativen Stickstoffbilanz. Bei negativer Stickstoffbilanz wird von einem Abbau von Körpereiweiß ausgegangen (kataboler Zustand)(9).

Basierend auf dieser Definition liegt die empfohlene tägliche Proteinzufuhr (RDA), welche für 97,5 % der Bevölkerung ausreichend ist, bei 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht(8,9). Kraftsport betreibende Athleten konsumieren jedoch in der Regel unter der Annahme, dass ihr Proteinbedarf den des Durchschnittsbürgers übersteigt, erheblich größere Proteinmengen als diese empfohlene Menge(11-14). Aus diesem Grund untersuchte eine Anzahl von Studien, basierend auf der Stickstoffbilanz, den Proteinbedarf von Sportlern.

Es ist an dieser Stelle jedoch wichtig zu erwähnen, dass eine Anzahl von Problemen mit der Verwendung der Stickstoffbilanz als Marker für den Proteinbedarf, sowohl bei Sportlern als auch bei Nichtsportlern, in Verbindung, gebracht wird.(1,12,13) Als Beispiel hierfür führte Wolfe(18) an, dass die Atemfrequenz und die damit in Verbindung stehende Menge der ein- und ausgeatmeten Luft während sportlicher Aktivität so stark ansteigen kann, dass eine exakte Messung der Stickstoffausscheidung über die Atemluft unmöglich wird. Tomé und Kollegen postulierten weiterhin, dass der Stickstoffverlust durch Blähungen, starkes Schwitzen und eine Überschätzung der Stickstoffzufuhr zu falschen Ergebnissen führen können(19). Ein weiteres Problem wurde von Wolfe und Kollegen identifiziert, welche herausfanden, dass leichte sportliche Aktivität die Verbrennung der Aminosäure Leucin erhöht, ohne dass es zu einer Erhöhung der Harnstoffproduktion kommt(20). Eine mögliche Erklärung hierfür besteht darin, dass der beim Leucinabbau frei werdende Stickstoff für den Aufbau nichtessentieller Aminosäuren oder anderer Körperproteine wiederverwendet wird(1, 20-22). Wenn dies der Fall sein sollte, könnte es sein, dass der Proteinbedarf zur Aufrechterhaltung des Muskelgewebes unterschätzt wird.

Es ist weiterhin wichtig zu erkennen, dass der minimale Proteinbedarf nicht mit der optimalen Proteinzufuhr gleichgesetzt werden kann. Kraftsportlern und Bodybuildern geht es um eine Stimulierung der Muskelhypertrophie, die weit über dem liegt, was für die reine Erhaltung der Muskulatur notwendig ist(1).

Weiterhin gibt es Hinweise darauf, dass eine ausgeglichene Stickstoffbilanz bereits bei einer Proteinzufuhr eintreten könnte, die weit unter der liegt, welche für eine Optimierung der Körperzusammensetzung und der sportlichen Leistungsfähigkeit benötigt wird(1, 23).

Auch wenn diese Probleme bekannt sind, ist es trotzdem wichtig die Ergebnisse von Studien, welche auf einer Auswertung der Stickstoffbilanz beruhen, zu analysieren, da diese Methode immer noch den primären Ansatz für die Bestimmung des Proteinbedarfs bei Erwachsenen darstellt, was daran liegen dürfte, dass es bis jetzt keine zuverlässige oder anerkannte Alternative hierfür gibt(8). Interessant sind insbesondere Studien, bei denen die Stickstoffbilanz mit sogenannten Tracermethoden kombiniert wurde(13).

Diese Tracermethoden beruhen aus der Zufuhr von Aminosäuren, welche durch radioaktive Kohlenstoff-, Wasserstoff- oder Stickstoffatome markiert wurden. Die Zufuhr erfolgt so lange, bis die Zufuhr der markierten Atome gleich der Ausscheidung der markierten Atome ist (stabiler Zustand)(24). Wenn dieser Zustand eingetreten ist, kann die Rate der Aminosäurenoxidation und des Proteinabbaus im Körper bestimmt werden, indem die Menge des radioaktiven Kohlen- bzw. Stickstoffes in Urin oder Atem gemessen wird(24).

Für die Bestimmung des Proteinbedarfs Kraftsport betreibender Athleten relevante Studien

Die folgenden Abschnitte befassen sich mit für die Bestimmung des Proteinbedarfs für Kraftsportler und Bodybuilder relevanten Studien. In einer klassischen Studie untersuchten Tarnopolsky und Kollegen(15) die Auswirkungen einer hohen Proteinzufuhr im direkten Vergleich zu den Auswirkungen einer niedrigen Proteinzufuhr bei Bodybuildern mit mehr als drei Jahren intensiver Trainingserfahrung. Die Bodybuilder durchliefen zwei Phasen: einmal mit hoher und einmal mit niedriger Proteinzufuhr. Während der Phase mit hoher Proteinzufuhr konsumierten die Probanden 2,77 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Das Training bestand aus einem 3 Tage Splitprogramm mit je einer Trainingseinheit für Oberkörper, Körpermitte und Beine. Pro Körperteil wurden 3 bis 5 Sätze zu je 8 bis 12 Wiederholungen durchgeführt. Jede Trainingseinheit hatte eine Dauer von ca. 75 Minuten. Während der Phase mit niedriger Proteinzufuhr wurde eine isokalorische Diät mit einer Proteinmenge von 1,05 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag konsumiert.

Während der Phase mit niedriger Proteinzufuhr kam es bei zwei Probanden zum Auftreten einer negativen Stickstoffbilanz. Eine lineare Regressionsberechnung zur Bestimmung der Proteinmenge, welche zur Erhaltung einer ausgeglichenen Stickstoffbilanz notwendig ist, kam zu dem Ergebnis, dass Bodybuilder hierfür 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zuführen müssen.

Wenn proteinarme mit proteinreichen Ernährungsformen verglichen wurden, kam man zu dem Ergebnis, dass die Stickstoffbilanz bei hoher Proteinzufuhr signifikant weiter im positiven Bereich lag als bei niedriger Proteinzufuhr (13.35 Gramm einbehaltener Stickstoff im Vergleich zu 1.06 Gramm einbehaltener Stickstoff). Überraschenderweise wurde jedoch keine signifikante Veränderung bei der fettfreien Körpermasse festgestellt. Die Autoren der Studie vermuten, dass dies an einer Überbewertung der Stickstoffeinlagerung liegen könnte.

Tipton und Wolfe(1) stellten die Vermutung auf, dass die Proteineinlagerung zu gering ausgefallen war, um sie messen zu können. Diese Erklärung klingt plausibel, wenn man berücksichtigt, dass es sich bei den Probanden um erfahrene Bodybuilder handelte, welche sich in einer "Erhaltungsphase" befanden und dass jede Phase der Studie nur 10 Tage andauerte.

Auf ähnliche Art und Weise untersuchte Hegsted(16) eine Anzahl von Studien, welche mit Kindern, schwangeren Frauen und erwachsenen Männern durchgeführt wurden. Er fand heraus, dass Proteinkonsum bis hin zu einer Menge von 0,5 Gramm Stickstoff pro Kilogramm Körpergewicht (entsprechend 3,1 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht) eine "augenscheinliche Einbehaltung" von 20 % der über dem Erhaltungsbedarf zugeführten Stickstoffmenge zur Folge hatte.

Wie jedoch Tarnopolsky und Kollegen(15) nahe legten, spiegeln diese Ergebnisse nicht proportional die Veränderungen der Körperzusammensetzung wieder. Dies gilt insbesondere für schwangere Erwachsene. Die Forscher vermuteten vielmehr, dass diese Ergebnisse auf einer Unterschätzung der Stickstoffausscheidung beruhen.

Wie die Experimente von Tarnopolsky und Kollegen(15) hatten die von Hegsted(16) analysierten Studien nur eine Dauer von wenigen Tagen oder Wochen, was generell zu kurz ist, um statistisch signifikante Veränderungen der fettfreien Körpermasse festzustellen. Weiterhin spiegelt die Stickstoffeinbehaltung nicht direkt Veränderungen der Muskelmasse wieder, da ein großer Teil des Stickstoffs für die Herstellung von Plasmaproteinen wie Albumine verwendet wird(1).

Während einer weiteren Studie von Tarnopolsky und Kollegen(13) wurde die Reaktion von 13 Kraftsportlern mit 3 bis 9 Monaten Trainingserfahrung und Nichtsportlern auf eine proteinarme (0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag), eine moderat proteinreiche (1,4 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag) und eine proteinreiche Ernährung (2,4 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag) untersucht. Unter Verwendung der linearen Regression wurde ein Proteinbedarf von 0,69 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag für Nichtsportler und von 1,4 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag für Kraftsportler festgestellt. Zusätzlich zur Bestimmung der Stickstoffbilanz wurden Tracermethoden verwendet, um die Gesamtproteinsynthese des Körpers zu messen. Die Ergebnisse der Studie wiesen darauf hin, dass sich die Gesamtproteinsynthese von niedriger zu moderater Proteinzufuhr erhöhte. Es wurde jedoch kein signifikanter Unterschied bzgl. der Gesamtproteinsynthese zwischen moderater und hoher Proteinzufuhr festgestellt.

Mit steigender Proteinzufuhr stieg auch die Oxidation von Leucin, was darauf hindeutet, dass ein großer Teil des zusätzlich zugeführten Proteins zur Energieversorgung heran gezogen wurde.

Ein Faktor, welcher von den Autoren der Studie erwähnt wurde, war, dass das zusätzliche Protein von moderater zu hoher Proteinzufuhr in Form von Wheyprotein zugeführt wurde, wodurch die Proteinqualität der Ernährung mit hoher Proteinzufuhr besser war, als die der Ernährung mit moderater bzw. niedriger Proteinzufuhr. Die Forscher äußerten die Vermutung, dass dies zu einer Unterschätzung des Proteinbedarfs geführt haben könnte. Es ist weiterhin wichtig anzumerken, dass die schnelle Absorptionsgeschwindigkeit von Wheyprotein generell zu einer verstärkten Oxidation von Aminosäuren führt(25, 26), was auch der Grund für den starken Anstieg der Leucinoxidation sein könnte. Der Unterschied des ermittelten Proteinbedarfs zwischen dieser Studie und der Studie von Tarnopolsky und Kollegen(15) könnte auch auf den Unterschied bei der Trainingserfahrung der Probanden zurückführbar sein. Es wird vermutet, dass Kraftsportler mit größerer Trainingserfahrung Protein effizienter verwenden können (27). Diese Behauptung wurde von Lemon und Kollegen(27) untermauert, da diese herausfanden, dass Bodybuilding Neulinge am Anfang des Trainings bei einem Proteinkonsum von 1,35 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag eine negative Stickstoffbilanz aufwiesen (-3,4 Gramm Stickstoff). Bei einem Proteinkonsum von 2,62 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag wiesen dieselben Probanden eine positive Stickstoffbilanz (+8,9g) auf. Unter Verwendung negativer Regression wurde die Proteinmenge, welche zur Aufrechterhaltung einer ausgeglichenen Stickstoffbilanz notwendig war, auf 1,6 bis 1,7 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag berechnet.

Studien basierend auf Körperzusammensetzung und Leistungsfähigkeit

Die bisher beschriebenen Studien dauerten nur einige Wochen an, wogegen eine ganze Anzahl neuerer Studien längere Studienzeiträume verwendeten und mehr Wert auf die Feststellung der Leistungsfähigkeit legten.

In diesem Zusammenhang untersuchten Falvo und Kollegen(28) den Einfluss einer proteinreichen Ernährung (2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag) und einer relativ proteinarmen Ernährung (1,24 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag) auf die Leistungen beim Bankdrücken und Kniebeugen im 1RM Bereich (1 RM bedeutet, dass man mit dem gegebenen Gewicht genau eine Wiederholung ausführen kann, bevor das Muskelversagen eintritt) bei erfahrenen Kraftsportlern über einen Zeitraum von 12 Wochen. Während es keinen signifikanten Unterschied bei der Leistung beim Bankdrücken im 1 RM Bereich gab, konnten die Teilnehmer der Gruppe mit höherer Proteinzufuhr die Trainingsleistung bei den Kniebeugen im 1 RM Bereich stärker verbessern (23.6 ± 13.6 kg), als die Teilnehmer der Gruppe mit niedrigerer Proteinzufuhr (9.09 ± 11.86 kg).

In einer ähnlichen Studie von Vukovich und Kollegen(29) wurden 51 weibliche und männliche Probanden in zwei Gruppen eingeteilt, welche an einem sechs Monate dauernden Widerstandstrainingsprogramm teilnahmen. Eine Gruppe erhielt 40 Gramm eines Wheyprotein Supplements zweimal täglich, wogegen die zweite Gruppe ein mit Kohlenhydraten versetztes Placebo erhielt. Die Probanden der Supplementgruppe erhielten die doppelte Proteinmenge (2,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag) der Proteinmenge der Placebogruppe (1,1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag).

Die Teilnehmer in der Supplementgruppe konnten über den Zeitraum der Studie signifikant bessere Kraftsteigerungen beim Bankdrücken und Beinpressen verzeichnen, als die Teilnehmer in der Placebogruppe (siehe Abbildung 1)
Eiweißartikel1
Abbildung 1: Prozentuale Kraftsteigerung beim Bankdrücken und Beinpressen der Gruppe mit hoher Proteinzufuhr (HP) und der Gruppe mit niedriger Proteinzufuhr (LP) über einen Zeitraum von 6 Monaten. Die Daten wurden der Studie von Vukovich und Kollegen(29) entnommen.

Kürzlich teilten Burke und Kollegen(30) 36 Probanden in eine Wheyprotein Gruppe (WP), eine Wheyprotein und Kreatin Gruppe (WPC) und eine Placebogruppe ein. Das Wheyprotein wurde in einer Menge von 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht zusätzlich zum mit der normalen Nahrung aufgenommenen Protein verabreicht. Es stellte sich heraus, dass der Zuwachs an magerer Körpermasse bei der WPC Gruppe am größten war und dass die WP Gruppe mehr magere Muskelmasse aufbauen konnte, als die Placebogruppe. Derselbe Trend spiegelte sich auch bei der Entwicklung der Körperkraft wieder.

Die zitierten Studien geben einen Hinweis darauf, dass der Proteinbedarf für Kraftsportler die Empfehlungen für die Proteinzufuhr bei Normalbürgern weit übersteigt. Eine Reihe von Studien respektierter Autoritäten zeigen, dass der Proteinbedarf für Kraftsportler im Bereich von 1,2 bis 2,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht liegt (siehe Tabelle 1)(1, 7, 14, 23, 24, 31 – 33).

AutorEmpfohlene tägliche Proteinzufuhr
Batheja(33)1.2-2.2 g
Kreider(32)1.3-1.8 g
Lemon(14)1.2-1.7 g
Lemon(23)1.6-1.8 g
Lemon(24)1.5-2.0 g
Wolf(18)Aufgrund der Vielzahl der involvierten variablen Faktoren nicht ermittelbar
Tripton(1)Aufgrund der Vielzahl der involvierten variablen Faktoren nicht ermittelbar
Phillips(7)12-15% der Gesamtkalorien

Tabelle 1: Übersicht über die Empfehlungen aus 8 wissenschaftlichen Veröffentlichungen (inkl. Kapitelangabe) bzgl. der Proteinzufuhr für Sportler.

Weitere variable Faktoren, die einen Einfluss auf den Proteinbedarf haben

Es ist gut fundiert belegt, dass die Energiezufuhr einen substanziellen Einfluss auf die Stickstoffbilanz hat (der Leser wird hierfür auf folgende hervorragende Veröffentlichungen verwiesen: Milward(34) und Munro(35)). In einer kürzlich erschienenen Veröffentlichung fasst Milward dieses Thema wie folgt zusammen: "Es müssen weitere Studien zum Energiebedarf durchgeführt werden, denn wenn der Energiebedarf unterschätzt wird, führt dies zu einer Überschätzung des Proteinbedarfs und umgekehrt." Das logische Grundprinzip besagt, dass eine Reduzierung der Energiezufuhr dazu führt, dass vermehrt gespeicherte Aminosäuren zur Energieversorgung heran gezogen werden(23). In diesem Zusammenhang analysierten Pellot und Kollegen (wie bei Milward(34) zitiert) den Einfluss einer variierenden Kalorienzufuhr im Bereich von 2100 bis 4200 Kalorien bei einer Serie von Studien, welche den täglichen Proteinbedarf untersuchten. Sie fanden heraus, dass der Proteinbedarf, der für eine ausgeglichene Stickstoffbilanz benötigt wird, bei einer Zufuhr von 30, 45 und 60 kcal / Kilogramm Körpergewicht bei 1,42 ; 0,87 ; und 0,32 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag lag. Nach ihrer Berechnung benötigt ein 90 Kilo schwerer Mann bei moderater körperlicher Belastung bei einer Kalorienzufuhr von 2700 kcal (30 kcal / Kilogramm Körpergewicht) 123 Gramm Protein pro Tag, um eine ausgeglichenere Stickstoffbilanz zu erreichen. Wird die Kalorienzufuhr auf 4000 kcal / Tag (45 kcal / Kilogramm Körpergewicht) erhöht, fällt hierdurch der Proteinbedarf auf ca. 80 Gramm pro Tag ab. Aus diesem Grunde könnte die Kombination von reduzierter Kalorienzufuhr und vermehrter körperlicher Aktivität den Stickstoffbedarf (und damit den Proteinbedarf) stärker erhöhen als bisher angenommen.

Ein weiterer variabler Faktor, der den Proteinbedarf beeinflusst, ist die Dauer intensiven Trainings. Von besonderem Interesse ist hierbei eine Trainingsdauer, welche die in bisherigen Studien zur Bestimmung des Zusammenhangs zwischen Stickstoffbilanz und Widerstandstraining verwendete Trainingsdauer überschreitet. In den meistzitierten Studien zu diesem Thema(13, 15, 27) übersteigt die verwendete Trainingsdauer in der Regel nicht die 75 Minuten. Dies verleitet McArdle und Kollegen zu der Aussage, dass "wissenschaftliche Untersuchungen den Proteinbedarf für Sportler, welche täglich 4 bis 6 Stunden einer Variante des Widerstandstrainings durchführen, noch nicht bestimmt haben.(12)."
Es soll an dieser Stelle auch darauf hingewiesen werden, dass zum Widerstandstraining zusätzlich durchgeführtes Ausdauertraining den Proteinbedarf weiter erhöhen könnte(27). Um diese zu demonstrieren, ließ Consolazi(36) Probanden eine Kombination von Widerstandstraining und Ausdauertraining über einen Zeitraum von 40 Tagen durchführen. Die Probanden wurden in zwei Gruppen eingeteilt, von der eine 2,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht/pro Tag zu sich nahm, wogegen die Proteinzufuhr bei der zweiten Gruppe nur bei 1,4 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag lag. Die Forscher fanden heraus, dass bei der Gruppe mit hoher Proteinzufuhr die Stickstoffbilanz positiver und der Zuwachs an magerer Körpermasse größer ausfielen als bei der Gruppe mit geringerer Proteinzufuhr, und das obwohl die Zufuhr von 1,4 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag bei der Gruppe mit geringerer Proteinzufuhr im Vergleich zur Empfehlung für die Proteinzufuhr beim Normalbürger recht hoch war. Lemon und Kollegen(27) postulierten, dass diese Studie unterschiedliche Sachverhalte vermischt, da Ausdauertraining die Verbrennung von Protein stärker erhöht, als Widerstandstraining. Weiterhin verstärken sowohl Ausdauertraining als auch Widerstandstraining die Proteinsynthese, was Lemon und Kollegen(27) zu der Schlussfolgerung führte, dass die additive Wirkung von Widerstandstraining und Ausdauertraining den Proteinbedarf im Vergleich zu Widerstandstraining alleine erhöhen könnte. Weitere Untersuchungen an Sportlern, die Widerstandstraining und Ausdauertraining kombinieren, könnten wichtige neue Erkenntnisse bringen.

Es ist wichtig zwei kritische Punkte weiter zu untersuchen, die Lemon und Kollegen(27) in ihrer Veröffentlichung ansprachen. Als erstes hoben die Autoren die Bedeutung der erhöhten Proteinsynthese durch das Training hervor, und als zweites vermuteten sie, dass sich die kurzzeitigen Erhöhungen der Proteinsynthese, welche bei unterschiedlichen Arten von sportlicher Betätigung beobachtet werden können, additiv verhalten. Diese brachte Lemon(23) dazu, die Bedeutung verschiedener Maßnahmen oder Supplements zu untersuchen, welche die normale anabole Reaktion auf das Training potenzieren könnten. Es gibt z.B. Hinweise darauf, dass Kreatin die Proteinsyntheserate nach einer Trainingseinheit erhöhen kann(23, 37). Diese zusätzliche Anregung der Proteinsynthese könnte auf einer verstärkten myofibrillaren Hydration(38, 39) oder einer verstärkten Anregung, ausgelöst durch eine erhöhte Trainingskapazität(23), beruhen.

Es ist wichtig die additiven Effekte der kurzfristigen Erhöhung der Proteinsynthese hervorzuheben. Man vermutet, dass wenn eine Person eine ausreichende Menge an Aminosäuren zu sich nimmt um den spezifischen Bedarf zu decken, eine weitere Erhöhung der Proteinsynthese durch eine verringerte Proteinsyntheserate in den Zeiten nach der Absorption ausgeglichen wird(40). Diese Vermutung steht jedoch im Wiederspruch zu Forschungsergebnissen, die zeigen, dass eine starke Erhöhung der Proteinsynthese der Skelettmuskulatur (= muscular protein synthesis = MPS) additiv zur normalen MPS ist und dass es anscheinend nicht zu einer Kompensation während der Nacht kommt(40).

In diesem Zusammenhang könnte eine Erhöhung der Trainingshäufigkeit die individuelle Kapazität einer Person zur Verwendung von Aminosäuren für die Proteinsynthese erhöhen, was einen Teil der Zuwächse an fettfreier Körpermasse erklären könnte, welcher bei erfahrenen Gewichthebern beobachtet werden kann, die ihr Trainingspensum von einer Trainingseinheit auf zwei Trainingseinheiten pro Tag aufteilen(41 – 43).

Teil 2 des Artikels findet ihr hier.

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