Mein Hintern und Rom

Die Reise zu einem knackigen Hintern

"Der Mensch will immer, dass alles anders wird, und gleichzeitig will er, dass alles beim Alten bleibt." - Paulo Coelho

Ich bin von Natur aus ein ungeduldiger Mensch. Diese Eigenschaft teile mich mit einer ganzen Anzahl Menschen in meinem Umfeld. Sei es die Kollegin, die immer mitten im Satz schon antwortet, weil sie den Rest meiner Frage nicht abwarten will oder der Herr am Rack, der einfach keinen weiteren Satz mehr auf seine Curls warten kann. "Denn meine ganze Squatterei über 5 Sätze bringt ihn noch ins katabole Fenster!"

Wir haben doch keine Zeit! Wann sollte das fertig sein? – Gestern! Der Beachbody sollte schon seit letztem Sommer stehen und warum fährt dieser Idiot nicht schneller? Ich muss doch hin, bevor der Drive-In schließt! *Ironie aus*

Ein knackiger Hintern das Ziel vieler Frauen | Foto: Frank-Holger Acker

Allein diese Zeilen zu schreiben, verursacht mir schon Hektik. Wir verlieren mit allem und jedem die Geduld. Wehe, du hast heute nicht gelebt! Wie? Nur rumgelegen? Verändere! Alles, dich, sofort!
Ein Blick in namhafte Frauenmagazine von 2005 (und jedem weiteren Exemplar der Reihe bis heute) zeigt uns, dass es Ungeduld besonders in einem Bereich schon immer gab: Diäten und Fitness. Angeprangert werden Kohlsuppe für 4 Wochen, der Cleanse, De-Tox mit Tomatensaft und dann kommt sofort das "Beach ready in acht Wochen"-Programm oder der "Ins Brautkleid passen in zwei Wochen"-Bauch-Beine-Po Kurs hinzu.
Die zeitlich enge Begrenzung dieser Aktionen fällt hierbei sofort ins Auge. Der einen Person mit Diät- und Trainingserfahrung aufgrund von Zweifel an der Seriosität, der anderen Person besonders, da sie große Veränderungen in maximal kurzer Zeit versprich und alles genau so schnell dann auch wieder zum Alltagstrott zurückfinden kann.

Die Erfahrung hat gezeigt: Es geht nicht nur schnell wieder alles dahin zurück, wo es vorher war, sondern auch fast immer darüber hinaus. Eine Lüge versteckt sich in der Vermarktung dieser Programme dennoch nicht. Nach 2 Wochen intensiver (Über-)Belastung und Mangelernährung passt frau tatsächlich ins vorher knappe Brautkleid hinein. Zwei Wochen später aufgrund des Jojo-Effektes auch noch – nur nicht mehr in der gleichen Größe.

Beach-ready ist man auch nach acht Wochen nur abhängig von der Ausgangssituation. Hab ich 2 Kilos zu verlieren und etwas den Bauch zu straffen, geht die Rechnung eventuell sogar auf. Frage ist jedoch: Fühle ich mich bei diesen Voraussetzungen genötigt eine stattliche Summe für solch ein Programm hinzublättern oder käme ich auch ans Ziel, wenn ich einfach mal acht Wochen FDH betriebe? Mit Glück und Disziplin hält der Beachbody sogar ein paar Tage in den All-inklusive-Urlaub hinein. Zurück zu Hause zeit sich jedoch, dass das Projekt Beachbody nächsten Jahr definitiv wieder gestartet werden muss und dann aber nochmal härter. Genauso, wie die Jahre davor.

Ironischerweise entwickelt sich im gleichen Zeitraum, in dem diese super schnellen Crash-Programme wie Pilze aus dem Boden schießen auch der Begriff der Nachhaltigkeit. Ob man nun auf die Plastiktüte bei Supermarktketten nicht mehr erhält oder die Baumwolle für das Tshirt eines Fashiondiscounters fair trade ist, wir fühlen uns gut damit. Nachhaltigkeit bedeutet das gut überlegte Einteilen von Ressourcen und die Abschaffung der "Nach mir die Sintflut"-Einstellung.
Wenn wir Nachhaltigkeit so chic finden, warum können wir diese denn nicht endlich mal auf unseren Fitness-Lifestyle übertragen?
Stattdessen hüpft man von einem Jojo-Effekt in den nächsten, natürlich nicht ohne dazwischen ohne Sinn und Verstand eine Phase mit 1000 kcal max einzuschieben. Nach der ersten Runde Fitnessstudio suchen wir nach dem Sixpack - noch einer - noch einer – wo bleibt denn dieses verdammte Sixpack? Ich essen doch schon nix und trainiere wie blöd seit mindestens 3 Wochen schon. Eine neue Hose von LaBellaMafia hab ich auch gekauft…

Die Blicke, die man geschenkt bekommt, wenn man die Illusion zerstreut, dass Crash-diäten und-trainieren nicht zu einem langfristigen Erfolg führen können, sind mit „überrascht“ noch wohlwollend umschrieben. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut und genau das gleiche gilt auch für den Bubble-Po oder das krasse Sixpack, das sich so viele wünschen. Klar, kann man unter aufbringen jeglicher Ressourcen kurzzeitig einen Erfolg sehen und wem das reicht, der kann an dieser Stelle aufhören zu lesen.

Ist der Wunsch jedoch die langfristige Veränderung dann kommt man schlichtweg nicht um das Erlernen der Geduld drum herum. So viele Athleten verdienen nicht nur aufgrund ihrer beeindruckenden Muskeln unseren Respekt, sondern auch für die Jahre (ja, da steht Jahre!) an Training, Tracking, Disziplin und Leidenschaft, die sie in die Formung ihres Körpers gesteckt haben. Wenn man also seinen Metabolismus nicht antrainiert, dass er nur minimalst Kalorien bekommt, sondern ihn auch seinen Bedürfnissen entsprechend füttert, vorkocht, plant und die Kalorien notiert, sorgt man nicht nur für die Grundlage der angestrebten Figur, sondern erlernt langfristig Überblick über seine Essgewohnheiten zu bekommen.Als nächstes steht dann die Optimierung und hoffentlich zuletzt die Entspannung mit dem Thema ohne Leid und Hunger an.

Wenn man regelmäßig zielgerichtet trainiert und sich bewegt, vielleicht ein Journal führt und sich auch die entsprechenden Pausen gönnt, strukturiert man den Körper Schritt für Schritt zum gewünschten Beach-Body um. Und das dauert nun einmal seine Zeit. Auf Dauer nackt gut aussehen ist viel Arbeit und fordert einem oft einiges ab. Für die Wenigsten ist das eine leichte Sache, weil sie mit einer super Genetik gesegnet sind. Wer etwas anderes glaubt, der macht sich was vor.

Wenn du also, so wie ich, irgendwann vor dem Spiegel stehst (oder standest) und es dir mal sowas von reicht mit dieser ätzenden Isolierschicht um die Hüften, dann kann ich dir sagen: Der Weg da hinaus ist nicht leicht, fordert Disziplin und viel Durchhaltevermögen. Aber der lange Weg ist es wert und er führt mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zu deinem Ziel, als jede Abkürzung.

Nach oben