Ich will kein Hündchen mehr sein!

Die satte Zufriedenheit

Wir alle kennen es: In der Büro-Pause ein leichtes Hüngerchen verspürt und schon steht man vor dem hauseigenen Süßigkeiten-Automat und zapft den Schokoriegel seiner Wahl. Zu Hause hat man keinen Bock mehr auf nervliche Anstrengung, also zieht man sich stundenlang halblustige Youtube-Filmchen, die Promi-News der Privatsender, Online-Games oder eine anspruchslose Action-DVD rein, bis es endlich Abend wird und man sich mit halblegalen XXX-Videos in den Schlaf wedelt.

Es gibt viele Formen, wie uns unsere Triebe durch den Alltag steuern - und wenn man sich einmal von außen beobachtet, dann wird man feststellen, dass wir größtenteils wie ein Hündchen am Gängelband unseres Geistes herumgeführt werden.

Foto: Matthias Busse

Unser modernes Leben in den westlichen, demokratischen Industriestaaten bietet uns so gut wie keine Widerstände mehr gegen das ungezügelte Ausleben unserer Triebe und Zwänge. Süßigkeiten und Alkohol gibt es im spottbilligen Überangebot, das Internet ist in so gut wie allen Facetten frei nutzbar, Eltern haben Angst / nicht die Kraft ihre Kinder zu erziehen und die Politik ist oftmals nur noch Beobachter einer sich ständig ins Privatleben der Bürger ausbreitenden Industrie.

Unsere Triebe sind eigentlich etwas Gutes

Es ist mittlerweile eine Binsenweisheit: Unsere ureigenen Triebe nach Süßem, Salzigem, der schnellen Befriedigung und Faulheit haben einen überlebenswichtigen, aber auf unsere heutigen Lebensbedingungen nicht mehr passenden Sinn:

Sie steigerten den unwiderstehlichen Drang danach, unsere Art zu erhalten. Kalorien, Einfachzucker, Sexualpartner und -gelegenheiten, sowie Zeiten der Ruhe waren zu früheren Zeiten wahrscheinlich großteils Mangelware. Jede sich bietende Gelegenheit musste ausgiebig genutzt werden - und je öfter man Fressen, Kopulieren und Faulenzen konnte, umso wahrscheinlicher überlebte man. Die Triebe waren ein Erfolgsrezept.

Da die Zivilisation aber wesentlich schneller wandlungsfähig ist, als die Natur (deren Produkt sie eigentlich ist), gibt es mittlerweile ein riesiges Spannungsfeld. Die Zivilisation ist dazu da, unser Leben nach den Trieben auszurichten - denn Triebe sind der Motivator unserer Kultur. Und der Mensch ist ein Meister der Kultur.
Kultur bedeutet dabei eben nicht nur Theater, Schulbildung und Ethik - sondern auch Fastfood, Bordelle und Massenkonsum.
Dabei ist die Entwicklung evolutionsbiologisch absolut sprunghaft passiert: Unsere Großeltern wuchsen mit Autos, ab den 50er Jahren stabiler Nahrungsversorgung und einem Wohlfahrtsstaat auf.

Unsere Eltern bekamen dann Supermärkte, echte Wahlen, nichtkörperliche Arbeit und das eigene Vorstadthäuschen dazu.

Wir verfügen zusätzlich über Internet, Fastfood und SUVs. Meine Kinder kennen gar kein Leben ohne Handy, Überbehütung und Markenklamotten.

Wir haben uns immer mehr an ein Leben gewöhnt, das sich unserer Faulheit, dem Ego und schnellen Bedürfnisbefriedigung angepasst hat. Wer genug Geld mit seinem 12-Stunden-Bürojob verdient, wird auf geselligen Abenden als King angesehen. Oft genug ist das mitgeführte Kind ein verwöhntes Konsumäffchen und rutscht dadurch wesentlich schneller in die Karriere-Mühle.

Wollen wir so leben?

Man könnte sich nach dieser Kurzanalyse natürlich fragen: Was ist so schlimm an diesem Lebensstil? Es läuft doch - und wenn man angenehm angetrunken ist, ist man doch auch glücklich ...

Und an der Stelle muss ich zugeben: Viele Menschen fühlen sich tatsächlich wohler im Goldenen Käfig. Problem: Die Verbindung zu unserem archaischen Ich, zum Tier in uns, flaut ab. Und damit verliert man immer mehr den Kontakt zu seinen Gefühlen.

Und wer hier mit Macho-Gelaber á la "Gefühle sind was für Weicheier" kommt, der tut mir herzlich leid - denn er kennt einfach (noch) nicht die Macht der Gefühle, die zum persönlichen Glück und Selbstbewusstsein führen. Er ist einfach nur erfolgreich abgestumpft.

In uns schlummert ein gewaltiges Potenzial zum Glücklichsein - das man in unserer modernen Zivilisation weitgehend nicht oder nur ersatzweise durch Drogen oder ähnliches ausschöpft.

Vom Hündchen zum Herrchen

Eingangs habe ich das Beispiel gebracht, dass ein triebgesteuerter Mensch wie ein Hündchen von seinem Geist an der Leine herumgeführt wird. Dieses Sinnbild ruft mir immer wieder vor Augen, dass ich unabhängig, frei und glücklich sein will. Der Preis der Freiheit, Sinnlichkeit und des Glücks ist aber der Verzicht - und die Aufgabe besteht darin, im Verzicht keinen Verlust mehr zu sehen, sondern die Chance für ein besseres Leben!

Ich will gleich vorab verraten, dass diese Strategie auch zu einem besseren Körper im Sinne des Bodybuildings führen kann!

Zunächst gilt es, seine größten Trieb-Schwachstellen herauszufinden. Das erkennt man am besten daran, womit man viel gedankliche Zeit verbringt, bzw. wobei man öfters ein schlechtes Gewissen bekommt.
Beispiele:

Wer ständig nascht, einen stets bereiten Süßigkeitenschrank hat und / oder in Pausen und bei kleinstem Hunger zuckerhaltige Sachen futtert, der neigt sicher auch dazu, seinen KFA nicht kontrollieren zu können. Sein Geist führt ihn immer zu Schokolade und Co. Braves Hündchen!

Ein Bierchen nach Feierabend, ein Gläschen Wein mit Freunden, ein Kurzer in der Kneipe, zum Entspannen auch mal ein Whiskey, beim Lesen ein Gläschen ... "aber eigentlich trinke ich ja nie!". Alkohol ist eine Massendroge, die zu allen möglichen Zwecken missbraucht wird: Mut antrinken, Konflikte vergessen, Rauschzustände zum Feiern etc. pp. Irgendwann ist die Gefahr, dass man auch allein viel trinkt, sich ständig Gelegenheiten zum Trinken sucht, oder gleich seinen Freundeskreis nach dem Alkoholkonsum aussucht. "Schatzi, hast du schon wieder eine Flasche Wein alle gemacht?" Braves Hündchen!

Im Gespräch schnappte ich einmal auf, dass angeblich 90 % der männlichen Jugendlichen regelmäßig Pornofilme im Internet konsumieren. Dabei bewirkt die außerordentliche Stimulation durch unnatürlich "attraktive" Frauen eine völlige Realitätsverschiebung bei den Konsumenten. Nur die wenigsten Frauen des realen Lebens können da optisch mithalten. Geschweige denn biologisch. Im Internet muss man sich weder anstrengen, um Befriedigung zu erlangen, noch ist der Akt selbst aufwändig. Hinlegen, auswählen, rubbeln - fertig. Und das im Alter von 20 am besten dreimal am Tag. Lernt Herr Einhandsegler dann mal eine echte Frau kennen, ist das Risiko hoch, dass die Antenne eher nach Süden zeigt, weil er es nicht gewöhnt ist, sich beim Akt zu bewegen und vor allem, dass kein ständiger Wechsel der Reize mit unterschiedlichsten Frauentypen, Sexstellungen und diversen Abartigkeiten stattfindet. Die Folge ist oft schwindendes Selbstwertgefühl, Rückzug, Schüchternheit oder sogar Depression. Also geht es wieder vor die Flimmerkiste, denn da kann es sein Geist jedem dauerwilligen Stück Fleisch "besorgen". Braves Hündchen!
Ich habe diese 3 Beispiele bewusst ausgewählt, da sie den größten Einfluss auf den gewillten Kraftsportler haben.

Das Zucker-Hündchen kriegt seinen KFA nicht unter Kontrolle (oder nur mit 2 Stunden Cardio am Tag), das Alkohol-Hündchen zerstört seine Zellen, neuronale Fähigkeiten und die Regeneration und das Porno-Hündchen hält seinen Testo-Spiegel konstant flach, wird schüchtern und weich.

Foto: Matthias Busse

Optimiere deine Bodybuilding-Erfolge!

Es gibt also viel zu tun! Denn wie ich die Sache sehe, leiden die meisten von uns an mehreren Hündchen!
Um nach dem Erkennen seiner größten Baustellen weiterzukommen, bedarf es vor allem erstmal Willenskraft. Denn wenn man jahrelang unwillig seinen Trieben nachgegangen ist, wird man all das nicht in 24 Stunden wieder ausbügeln. Ein Fettsack wird auch nicht durch einmal Reis und Hähnchen ripped.
Dennoch kann es gerade in diesem Bereich auch sehr schnell gehen! Ich empfehle dringend, ein Tagebuch zu führen, indem man nicht nur relevante Dinge hineinschreibt (also z.B. wie vielen Süßigkeiten man widerstehen konnte), sondern auch psychische Befindlichkeiten - z.B. ein anhaltendes Motivationstief, oder aber erste sichtbare Erfolge und veränderte Stimmungszustände.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass man bei Bekämpfung aller seiner Abhängigkeiten automatisch das Gefühl bekommt, freier, glücklicher und energiegeladener zu sein. Es lohnt sich, dies aufzuschreiben - vor allem für Rückblicke!

Um anhaltend motiviert zu bleiben, sein Hündchen zu erziehen und sich selbst zum Herrchen zu machen, sind Erfolge unabdingbar. Aus dem Grund ist es gut, dass sie meist recht schnell kommen. Ich rede hier von etwa 1 – 3 Wochen, in denen man signifikante Verbesserungen bemerken wird. Soviel sei versprochen! Je länger und intensiver man seinen Trieben erlegen war, umso eher machen sich Erfolge bemerkbar.

Zum Ende hin möchte ich noch einmal das Sinnbild vom Hündchen bemühen:
Jedes Mal, wenn ich vor einer Pralinenschachtel, einem erotischen Bildchen oder der vierten unnötigen Flasche Bier im Kreise der Kollegen stehe, dann denke ich daran, wie mein Geist an der Leine zerrt und mir einflüstert: "Braves Hündchen!"

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