Chemische Östrogene

Schadet Plastik im Alltag dem Testosteronspiegel?

Testosteron ist nicht nur das männliche Sexualhormon, sondern bei Männern wie Frauen einer der entscheidenden Faktoren, wenn es um den erfolgreichen Muskelaufbau, aber auch Lebensfreude und mentalen Antrieb geht. Neben genetischen und altersbedingten Einflüssen auf unseren Testosteronspiegel, die wir nicht ohne Weiteres beeinflussen können, übt unser Verhalten im Alltag ebenfalls einen wichtigen Einfluss auf den Spiegel des Steroidhormons aus. Ein Faktor, der immer wieder in die Diskussion gerät, ist die übermäßige Nutzung von Plastik und der daraus vermeintlich resultierende negative Einfluss auf Testosteron. Was ist an dieser Befürchtung dran?


Es gibt unterschiedliche Plastik-Varianten


Zunächst einmal sollte beachtet werden, dass Plastik nicht gleich Plastik ist. Das Material kann auf verschiedenste Weisen hergestellt und genutzt werden und ist im Alltag aus unterschiedlichen Chemikalien zusammengesetzt. Kritisch wird erst dann, wenn sogenannte Xenoöstrogene enthalten sind. Unter diesem Begriff werden synthetisch hergestellte chemische Verbindungen zusammengefasst, die eine östrogenartige Wirkung auf den Körper ausüben. Wenn man so möchte, sind es also die industriellen Verwandten der Phytoöstrogene, die in Pflanzen wie Soja enthalten sind.

Dieser Artikel ist einer von 66 Cues aus dem 2019 veröffentlichten Buch Biohacking für Bodybuilder, Kraft- und Fitnesssportler.
Im Zusammenhang mit Plastik sind vor allem die Xenoöstrogene Phtalate, besser bekannt als Weichmacher, und Biphonal A, kurz BPA, von Bedeutung.

Weichmacher lassen das Material Plastik namensgebend weich und formbar werden, so dass Plastikflaschen, Einkaufstüten, aber auch beispielsweise PVC-Böden die uns bekannte Beschaffenheit haben. BPA ist dagegen nicht nur in Plastikgeschirr, sondern auch in andere Bereichen des Alltages zu finden, wie beispielsweise auf dem Thermopapier von Kassenbons. Jedes Mal, wenn wir diese in die Hand nehmen, kommen wir mit BPA in Kontakt. Dennoch liegt die tägliche Aufnahme von BPA gemäß Schätzung der Senatskommission zur gesundheitlichen Bewertung von Lebensmitteln bei maximal 1 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und soll für Phthalate in einem ähnlichen Bereich liegen.

Xenoöstrogene aus dem Plastik wirken schwächer


Zum Vergleich werden im asiatischen Raum durch die sojahaltige Ernährung täglich 15 bis 50 mg Phytoöstrogene pro Tag konsumiert, in westlichen Ländern liegt die Menge durchschnittlich dagegen unter 2 mg. Für eine 100 Kilogramm schwere Person stehen diesen 2 mg maximal 0,1 mg BPA entgegen.

In diesem Zusammenhang muss zudem auf die geringere Wirksamkeit von Xenoöstrogenen im Vergleich zu Phytoöstrogenen hingewiesen werden. Während die Bindung der pflanzlichen Östrogenstoffe 100 bis 10.000 mal schwächer ist, muss die Konzentration der Xenoöstrogene sogar bis zu 100.000-fach höher als Östrogen liegen, um eine Bindung an den Rezeptoren nachzuweisen.

Im Körper wirken Xenoöstrogene zudem in unterschiedlichen Geweben nochmals unterschiedlich stark, so dass von Untersuchungen an Uterusgewebe von Ratten nur bedingt Rückschlüsse auf den menschlichen Organismus möglich sind. Entsprechend gibt es, bis auf wenige Ausnahmen wie DES, das früher bei Schwangerschaften in großen Mengen verabreicht wurde, bisher keine Nachweise kausaler Zusammenhänge zwischen dem alltäglichen Konsum von Xenoöstrogenen und möglichen gesundheitlichen Folgen.

Wer sich Artikel, die das Gegenteil behaupten, genauer anschaut, wird schnell feststellen, dass dort beispielweise Studien zitiert werden, in denen Ratten täglich 200 mg pro Kilogramm Körpergewicht an BPA gegeben wurde. Zur Erinnerung: Das ist die 200.000-fache Menge dessen, was wir normalerweise pro Tag konsumieren. Es gibt vermutlich keinen Stoff auf dieser Erde, der bei 200.000-facher Konsumenge nicht schädlich wirkt.

Plastik im Trinkwasser


Auch Trinkwasser ist keinesfalls von Xenoöstrogenen verseucht, wie es bereits in der Vergangenheit immer mal wieder diskutiert wurde. In wiederholten Untersuchungen wurden beispielsweise Höchstwerte von weniger als 25 ng Ethinyloestradiol je Liter festgestellt. Um den für Kinder geltenden Grenzwert von 2 Mikrogramm täglich zu erreichen, bei dem hormonelle Wirkungen nachweisbar wären, müssten 80 Liter pro Tag getrunken werden. Jüngste Untersuchungen wiesen sogar deutlich geringere Verunreinigungen des Trinkwassers nach.

Insgesamt muss somit festgestellt werden, dass die Wirkung von Xenoöstrogenen im Rahmen eines normalen Alltages auf den Menschen nach aktuellem Kenntnisstand als unwahrscheinlich eingestuft werden können. Toxikologische Einflüsse auf die Umwelt wie beispielsweise Reproduktionserfolg bestimmter Tierarten in bestimmten Lebensräumen oder allgemein der Umweltschutz sollten allerdings dennoch gute Gründe dafür sein, dass wir einen bewussten Plastikkonsum an den Tag legen und wann immer es geht auf recycelbare Alternativen setzen. Wer allerdings mit einem niedrigen Testosteronspiegel kämpft, wird dieses Problem aufgrund anderer Ursachen haben.


Hinweis: Der Autor dieses Artikels schrieb verschiedene Bücher zu den Themen Training und Ernährung, bietet individuelle Einzelbetreuungen an und führt auf Patreon ein Podcast-Magazin.

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