Die andere Seite der Medaillie

Die Schattenseiten des Fitness-Lifestyles

Der Körperkult hat längst die Mitte der Gesellschaft erreicht. Jeder C-Promi, der aussieht als würde er nicht gleich beim Versuch, eine Bierkiste zu heben, umkommen, verscherbelt heute sein "Ultra-Xtreme-6 Minuten zum Traumbody-Programm" ans fitnessbegierige Volk und eine ganze Industrie verdient sich dumm und dämlich mit der simplen Marktstrategie, immer nutzlosere Trainingsgimmicks mit immer cooleren Namen zu versehen. Die gesamte Bevölkerung ist vereint in der Sehnsucht nach einem athletischen Körperbau und überfüllt die Bazillionen von Studios, die noch immer wie Pilze aus dem Boden schießen.

Dabei sollte sich der eine oder andere hinsichtlich seiner neu entdeckten Körperlichkeit ernsthaft fragen, ob er überhaupt dazu bereit wäre, die Konsequenzen seines sportlichen Handelns zu tragen. Für den Großteil der Gymgänger erledigt sich der Traum von Muskeln ohnehin irgendwo zwischen der Planungsphase und den ersten Feldversuchen.

Aber was ist, wenn man tatsächlich die nötige Disziplin aufbringt und irgendwann seinem Ziel zumindest halbwegs nahe gekommen ist? Der Laie mag sich das Leben ab diesem Zeitpunkt wie eine Art endloses Hip-Hop Video vorstellen, im Jacuzzi sitzen und sich von halbnackten Unterwäschemodels den Bizeps betatschen lassen. Doch die Realität sieht leider meist anders aus.

Denn einen guten Körper zu besitzen hat, neben den unbestrittenen Vorteilen (Körperkraft, sieht geil aus), durchaus auch einige Nebenwirkungen die dem motivierten Jüngling bekannt sein sollten, solange es noch nicht zu spät ist, das explosionsartige Anschwellen der Skelettmuskulatur zu verhindern…

Sie werden dich anfassen!

Viele kennen diesen schlimmen Moment, wenn du den Fehler gemacht hast, die Frage, ob du trainierst, zu bejahen, nur um Sekunden später den unvermeidlichen Griff zum Bizeps zu verspüren. Meist folgt darauf die Aufforderung "Spann‘ mal an!" und ab hier wird es dann richtig unangenehm.

Foto: Matthias Busse

Einerseits bist du von so viel unverhofftem Körperkontakt und Aufdringlichkeit mindestens peinlich berührt, andererseits möchtest du dann irgendwie doch nicht enttäuschen. Also spannst du eben doch an, nur um dich Sekunden später aufgrund der eigenen Oberflächlichkeit selbst zu verabscheuen. Du kannst jedenfalls davon ausgehen, dass nicht jeder das pädagogische Mantra "Geschaut wird mit den Augen, nicht mit den Fingern" verinnerlicht hat.

Apropos Betatschen:
Orte, an denen größere Gruppen von Frauen über 30 und Alkohol aufeinandertreffen sind nach Möglichkeit zu meiden oder notfalls ausschließlich im Parka zu betreten!
Ansonsten heißt es: Renn um dein Leben!

Sie werden über dich urteilen!

Hat man sich erstmal als Hantelschwinger geoutet, fühlen sich Menschen aus dem näheren Umfeld oftmals ungefragt dazu berufen, dich durch tägliche Motivation beim Erreichen deines Ziels zu unterstützen.
In den meisten Fällen bedeutet dies, dich unaufgefordert und schonungslos zu kritisieren, sobald sie den Eindruck haben, du seist außer Form (völlig unabhängig von ihrer eigenen Verfassung).
Machst du eine Diät, hat das unweigerlich zur Folge, dass Menschen dich mit besorgtem Gesichtsausdruck fragen werden, ob du nicht mehr trainierst, schließlich warst du mal viel massiger.

Nimmst du nach der Diät wieder zu, heißt es, du seist aber fett geworden. Es ist jedenfalls immer wieder erfrischend von Bekannten, die man nur einmal im Jahr sieht, mit einem abschätzigen Blick eine ebenso profunde wie vernichtende Körperanalyse zu erhalten. Wie schwer kann es schließlich schon sein, das ganze Jahr über massiv und mit einem KfA von 8 % rumzulaufen, pfff…

Sie werden dich kleinreden wollen!

Wenn man sich die Kraftangaben diverser Internetuser so ansieht, sollte man meinen, die Studios in Deutschland könnten sämtliche Kurzhanteln unter 40 kg auch gleich einmotten.
Denn wir sind eine Nation von Monstern, Genetikwundern und Ausnahmetalenten. Doch wer glaubt, im wahren Leben würde man keinem Kraftsport-Seemansgarn begegnen, vergisst dabei eins: die Vergangenheitsform ist das Internet des kleinen Mannes!
Der Prototyp für diese These wäre ein rundlicher Herr um die 50, der ebenfalls mal "sportlich aktiv" war und dir bei jeder sich bietenden Gelegenheit permanent zu verstehen gibt, was für ein Weichei du doch bist.

Um dies zu unterstreichen, werden bei den Geschichten über sein Training in den "guten, alten Zeiten" nonchalant Kraftwerte eingeflochten, die selbst aktuelle IPF Rekorde wie Aufwärmsätze erscheinen lassen. Leider wurde seine verheißungsvolle Karriere irgendwann durch eine Sportverletzung / schwierige Scheidung / Schatzsuche in Nicaragua oder ähnlichem beendet.

Egal wie unglaubwürdig es auch erscheinen mag, jeder der schon mal ein Studio von innen gesehen hat, wird dir weismachen wollen, dass er zu seiner Zeit ein ganz anderes Kaliber war als du heute und nur aufgehört hat, weil er sonst einfach zu muskulös geworden wäre (ein oft unterschätztes Problem, zwinker, zwinker).

Außerdem scheint offenbar jedermann mindestens einen Vater, Bruder, Onkel oder Kumpel zu haben, neben dem du wie eine Witzfigur aussiehst, selbst wenn du regelmäßig beim Mr. O in den Top 3 landest. Du musst dich einfach darauf einstellen, dass je stärker du wirst, desto mehr werden Leute versuchen dir klarzumachen, wie schwach du eigentlich bist.

Sie werden in dir einen kostenlosen Personaltrainer sehen!

Das andere Extrem sind die Menschen die sich, meist angetrunken auf Partys, durch deinen Anblick plötzlich an ihre eigenen Neujahrsvorsätze und deren klägliches Scheitern erinnern und spontan von einer überschwänglichen Motivation zu trainieren, gepackt werden.
Was dann als harmloses Geplänkel über die Themen Fitness und Muskelaufbau beginnt, endet fast zwangsläufig damit, dass du genötigt wirst, ein zweistündiges Referat über Training und Ernährung zu halten.
Und eine Zeitlang empfindet man dieses Interesse noch nicht als nervtötend, man hilft ja schließlich gern und dieses Thema quasi aus der Sicht des Nachher-Bildes zu erläutern schmeichelt ja auch dem Ego.

Aber eines Tages wirst du zurückblicken auf ungezählte Stunden der immer selben Fragen und Antworten, an die Stapel an Plänen die du für Bekannte erstellt hast, deren Trainingslaufbahn nur eine Woche andauerte und an die wiederkehrenden, ermüdenden Diskussionen die du führen musstest (Ich muss Beine nicht trainieren, weil Fussball! / Sind das nicht zu wenig Bizepsübungen? usw.). Und irgendwann ist auch der enthusiastischste Freizeit-Coach an dem Punkt, an dem er sein Gegenüber nur noch bei den schmalen Schultern packen will, ihn schütteln und brüllen: "Ich bin doch nicht eure Fitness-Nutte! Kauft euch ein verdammtes Buch oder geht ins Internet!!!"


Sie werden dich für Schwerstarbeit missbrauchen!

Wenn es in z.B. deiner Firma keinen Gabelstapler gibt, man aber eigentlich einen brauchen würde, wird man das benutzen, was einem Gabelstapler am Nächsten kommt, also dich!

Wann immer es in Zukunft etwas Schweres, Sperriges und / oder Unhandliches zu schleppen, tragen oder verrücken gibt - wenn du greifbar bist kannst du dir sicher sein, dass der Job an dir hängenbleibt. Und zwar nicht nur bei der Arbeit sondern in deinem gesamten alltäglichen Umfeld.
Die jeweiligen Schuldigen meinen es oftmals noch nicht einmal wirklich schlecht mit dir. Vielmehr scheint die Meinung vorzuherrschen, Kraftsportler würden in Ihrer Freizeit nichts lieber machen als Waschmaschinen über 4 Stockwerke eines Altbaus zu befördern.
Um die erfolgreich an dich delegierte Schwerstarbeit auch noch als Gefallen zu tarnen, wird (im Schwäbischen) gerne noch ein "Do brauchsch koi Fitness-Studio meh!" oder ähnliche Kalauer hinterhergeschoben.

So oder so wird dein Leben fortan dem eines Packesels ähneln. Und da sag nochmal einer, stark zu sein hätte keine Nachteile. Hüte dich besonders vor Umzügen. Am besten suchst du dir deine Freunde gleich nach deren Wohnsituation aus (Optimal: Eigentumswohnung im EG)!

Egal ob du stoffst oder nicht, …du stoffst!

Wenn du mal ein paar Jahre trainiert sowie auf deine Ernährung geachtet hast und dir nicht einmal vorgeworfen wird Steroide zu nehmen, muss etwas gewaltig schiefgelaufen sein in deinem Vorgehen.

bstverständlich ist klar, dass heute nicht überall "Natural" drinsteckt, wo es auch draufsteht, insbesondere wenn es um viel Geld geht.
Aber andere des AAS-Konsums zu beschuldigen scheint mittlerweile eine Art Trendsport geworden zu sein und es werden schon Personen Vorwürfe gemacht, die ich noch nicht mal verdächtigt hätte überhaupt Sport zu treiben.
Wenn man natürlich auf 1,80 m 100+ fettfreie Kilos verteilt, bekommt jede Empörung über diese Pauschalverdächtigungen einen etwas heuchlerischen Beigeschmack.

Aber heute es reicht schon vollkommen aus, seine Körpergröße – 100 in Kilogramm bei guter Form zu erreichen, um den meisten Leuten suspekt zu erscheinen. Anfangs nimmst du das noch als Kompliment wahr aber irgendwann schwillt dir einfach jedes Mal der Kamm, wenn dir zum x-ten Mal einer dieser "Jetzt mal unter uns…"-Fragen gestellt wird.

Nicht einmal wegen dem Stoffverdacht selbst, sondern vielmehr weil man dir die harte Arbeit und Disziplin, die du investiert hast, abstreitig machen will (siehe auch "Sie werden dich kleinreden wollen"). Aber du wirst nichts daran ändern können, dass Verdächtigungen und Pauschalverurteilungen teil deines Lebens sein werden. Besonders bitter sind diese, wenn sie von Personen kommen, die es eigentlich besser wissen sollten.

Ach ja, wenn man dich fragt, was du von Jungs wie Kai Greene, Dennis Wolf und Co. hältst, lauten die für die breite Masse einzig akzeptablen Antworten etwa wie: "Viel zu viel, unnatürlich, geradezu widerlich". Gibst du dich hingegen als Fan zu erkennen, bist du quasi schon "enttarnt".

Über diese Punkte hinaus hält das Leben als fleischgewordene Michelangelo-Skulptur durchaus noch weitere Tücken auf Lager. Aber bereits jetzt sollte so manchem klargeworden sein, dass dieses Leben kein Zuckerschlecken ist (weil kurzkettige Kohlenhydrate).

Wenn du bereit bist mit diesen Folgen zu leben dann schwing dich weiter an die Hantel! Wenn nicht, ist es noch nicht zu spät zu reagieren und deine Ernährung (Protein raus, Rest hoch) sowie dein Training (nur noch Restdays) anzupassen, dann wird das schon!

Viel Erfolg,

euer Ebiator

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