Konstruktive Selbstkritik

Sei zufrieden mit Dir selbst!

Wir sind alle unzufrieden. Wir hassen unser Spiegelbild und geißeln uns selber dafür. Wir beschränken unser Essverhalten zur Selbstkasteiung und nehmen größtenteils Abstand von schädlichen Substanzen.

Was sich anhört wie selbstverletzendes Verhalten, ist in Wahrheit der Sport, den wir alle machen. Bodybuilding/Kraftsport. Abneigungen gegenüber den unserem Sport schädlichen Erlebnissen führen uns in eine selbstgewollte Isolation und bringen uns letztendlich unserem Ziel näher.

Gut, das war jetzt genug Pathos. In Wahrheit ist es eigentlich so: Eine innere Unzufriedenheit mit uns selber treibt uns zum Kraftsport. Das Bestreben nach Muskelmasse oder Kraft ist die Leitidee unserer Handlungen und dem ordnen wir eine Menge unter. Doch auch wenn Opfer gebracht werden müssen, kann man die Sache nicht nur negativ und verkniffen sehen.

Es gibt eigentlich zwei Arten der Selbstkritik und auf diese möchte ich hier eingehen:

Unzufriedenheit mit der Situation = negative Selbstkritik

Diese Form ist oft bei den meisten semi-erfahrenen Athleten zu beobachten. Sie machten die ersten Jahre ganz gute Fortschritte und der Weg wird ab sofort steiniger. Nach 3-5 Jahren sollte sich eigentlich jeder in diesem Stadium befunden haben oder sich momentan befinden. Unser semi-erfahrener Athlet hat die Anfänger hinter sich gelassen und sieht besser als der Durchschnitt aus, doch was entmutigt ihn? Die breiten Kerle im Studio/auf Wettkämpfen/auf Messen. Dieser Athlet reißt sich tagtäglich den Hintern auf und baut – verglichen mit seinen ersten Jahren – recht wenig im Jahr auf. Er fängt an zu zweifeln, ob sein Trainingsplan, seine Ernährung oder seine Supplementation ausreichend ist und ob sein Training hart genug ist, da sein Kumpel möglicherweise besser aussieht als er.

Der Effekt wird mit dem massentauglichen Internet in Extremform potenziert, denn jetzt sieht er noch mehr geheuchelte Naturalathleten, die alle besser aussehen als er und dies angeblich bereits nach ein bis zwei Jahren Training erreicht hatten. Hier muss ein Gespür für Bullshit entwickelt werden und ein Filter für negative Einflüsse. Bei der Recherche zu diesem Thema habe ich folgendes Zitat gefunden und es trifft die Sache perfekt: Selbstkritik - Saboteur deines Glücks.

Im Leben macht man Fehler. Das Leben hat Situationen, in denen man nicht rational entscheiden kann und leider leider hat man Flashbacks zu diesen Situationen und man fragt sich, ob die damalige Handlung richtig war. Die Sache ist jedoch: MAN KANN ES NICHT MEHR ÄNDERN. Kritik an der damaligen Handlung ist selbstzerstörend, weil man nichts machen kann, um es rückgängig zu machen. Wenn einmal angefangen wird damit, werden plötzlich Handlungen hinterfragt, die schon längst abgehakt schienen und jetzt neu aufgetaut werden. Das Ergebnis ist ein schlechtes Gewissen und Unzufriedenheit, die sich aufstaut und in den meisten Fällen nicht abgebaut wird. Selbstwertgefühl und Identifikationsfähigkeit mit der eigenen Handlung sinken und hier wird der Zustand sogar gesundheitsschädlich.

"Fehler machen ist menschlich. Das kann jedem passieren. Ich bin trotzdem ein liebenswerter Mensch. Jeder Mensch macht Fehler, das ist völlig normal."


Sage Dir diesen Satz in den beschriebenen Situationen. Wenn Dir die Selbstkritik immer noch nachhängt, platziere diesen Spruch an einem Spiegel des Hauses und sage ihn voller Sicherheit jeden morgen zu Dir auf.

Da wir allerdings ein Bodybuilding-Forum sind, versuche ich dies nun aufs Training zu übertragen.

Selbstverständlich denken wir, dass wir in unserer Trainingszeit eigentlich mehr hätten erreichen können. Sei es an purer Masse, Definition oder Kraft. Doch die Frage ist: verglichen mit wem? Man kann zwei Körper nur bedingt vergleichen, denn schon alleine die Biochemie zeigt, dass es keine identischen Körperfunktionen gibt, sondern jeder Körper seine Eigenheiten hat. Vergleiche mit anderen sind im ersten Moment vielleicht toll, wenn man durchs Freibad geht und Mr. Joe Hühnerbrust sieht. Doch wer sagt, dass diese Person überhaupt trainiert? Keiner, aber auf eine perfide Art und Weise findet man es unterbewusst geil besser auszusehen. Von diesen Gedanken löst man sich im Laufe der Trainingsjahre, doch ich beobachte es immer wieder bei den Jugendlichen in meinem Studio.

Der Großteil der Vergleiche macht ebenfalls unglücklich wie die Selbstkritik im Leben und ist garantiert schädlich für die Motivation. So finde ich auch einen Übergang zu der zweiten Form der Selbstkritik (ist das nicht ein unfassbar genialer Übergang? Das gibt einen Euro in die Übergangs-Kasse).

Selbstaufbauende Selbstkritik

Ein Paradoxon. Als man mir diese Formulierung das erste Mal präsentierte, dachte ich an einen schlechten Scherz. Der Begriff "Kritik" hat allerdings einen zu negativ gefärbten Charakter und im wahrsten Sinne bedeutet "Kritik" "die Kunst der Beurteilung, des Auseinanderhaltens von Fakten, der Infragestellung in Bezug auf eine Person oder einen Sachverhalt."

Stellt man sich objektiv neben sein Tun und beurteilt mit Verstand die vergangenen Ereignisse (fürs Training also Trainingsplan, Ernährung, Verletzungen), dann kann man so zu einem beurteilenden Entschluss kommen, die Zukunft besser zu gestalten. Konkret bedeutet dies, wenn ich mich mit meinem neuen Trainingsplan im Laufe der letzten zwei Jahre mehrmals verletzt hatte, meine Schulter immer noch schmerzt und auch ich mir auch irgendwie immer mehr die Knie bandagieren muss, ich meine Intensität und meine Frequenz wohl einmal neu modulieren muss. Im Umkehrschluss, wenn man in den letzten zwei bis drei Jahren beachtliche Fortschritte machte und sich immer mehr oder weniger gesund fühlte, dann scheint das momentane Programm ausgezeichnet zu funktionieren und auch wenn der Kerl mit dem 48er Ärmel im Studio besser ist als man selbst, der eigene Weg läuft perfekt und allein daran kann man den Erfolg/Misserfolg festmachen. Daher finde ich im Forum es auch immer problematisch wenn jemand Fotos zeigt und der Kommentar kommt, dass es für die Trainingsjahre eine schlechte Ausbeute wäre. Gewiss, wer seit 10 Jahren trainiert und nicht über Körpergröße -100 wegkommt, macht was falsch, doch eigentlich kann man die körperliche Entwicklung nicht wirklich allgemeingültig bewerten.

Abschluss

Wenn Du die beschriebenen Kritikpunkte auf Dich übertragen kannst, dann löse Dich einmal davon und schaue Dich im Spiegel an. Sicher ist der Weg noch lang und Perfektion gibt es nicht, doch an einer Stelle musst man sich selbst auf die Schulter klopfen können und sagen, dass man im Vergleich vor ein paar Jahren viel viel schlechter ausgesehen hat. Das Betrachten alter Fotos oder Logbücher ist hier eine große Hilfe und es wird keinem Schaden einfach mal glücklich zu sein.

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