Positive Affirmationen im Bodybuilding

Wie das Selbstwertgefühl unser Muskelwachstum beeinflussen kann (I)

Heute soll es mir um ein Thema gehen, welchem ich höchste Bedeutung für mein Leben, das zum großen Teil auch aus Bodybuilding besteht, beimesse. Eigentlich handelt es sich um zwei miteinander verbundene Themenkomplexe: das Selbstwertgefühl des Trainierenden zum einen. Zum anderen die sportartspezifische Möglichkeit, sich mit bewusst positiven Sätzen über psychologische Hürden hinwegzusetzen.

Das Selbstwertgefühl

Auf irgendeine Art und Weise weiß eigentlich jeder mit diesem Begriff etwas anzufangen. Ich möchte deswegen gar nicht so tief in die Problematik der Definition dieses Terms einsteigen.
Mit Selbstwertgefühl meine ich, wie eine Person sich selbst bewertet, wie viel Kompetenz und allgemeine Attraktivität sie sich zuspricht, ob sie sich selbst vertraut und wie hoch ihre Gewissheit ist, über einforderbare Rechte zu verfügen.
Ein niedriges Selbstwertgefühl oder gar Selbsthass bedeutet also, dass man sich wertlos bzw. minderwertig fühlt, keinen Grund weiß, warum einen andere mögen sollten, oder weshalb man Anerkennung verdient hätte.

Das ist fatal, denn das Bedürfnis nach Anerkennung und Selbstwertschutz ist neben den Bedürfnissen nach Bindung, Kontrolle, Lustgewinn und Kohärenz eine der 5 Grundsäulen psychischer Gesundheit, die wir instinktiv anstreben.

Bild: Matthias Busse

Die Bemühungen, die wir diesem Streben beimessen, erhöhen sich signifikant, wenn wir unterbewusst merken, dass uns dieses eine Bedürfnis ganz besonders fehlt. Zu erklären, wo mangelndes Selbstwertgefühl genau herrührt, ist schwierig. Selbst Wissenschaftler sind sich noch nicht einig, ob bereits eine genetische Veranlagung besteht, oder nicht. Fakt ist jedoch, dass das spätere Selbstwertgefühl in der frühkindlichen Phase entscheidend geprägt wird.

Die Bedeutung des Selbstwertgefühls für den späteren Bodybuilder

Wenn man sich in einem handelsüblichen Fitness-Studio dieser Tage so umschaut, trifft man mittlerweile eigentlich auf die ganze Bandbreite der Bevölkerung. Durchschnittliche Muckibuden sind schon lange keine schweißtriefenden Eisenkerker voller finsterer Fleischmonster mehr, sondern industriell durchgestylte Unternehmen, die auf Kundenorientiertheit setzen - und damit jegliche Art von Mitgliedern anziehen, die sich aus den verschiedensten Gründen an die Widerstandsgeräte oder Cardio-Tretmühlen begeben.

Ich verbringe recht viel Zeit im Studio (und ich trainiere in einem der größten Deutschlands) damit, andere Trainierende zu beobachten und bin der Meinung, dass nur ein relativ geringer Teil aus dem Grund trainiert, weil Widerstand und Belastung gesund sind, glücklich machen und unmittelbaren Spaß bereiten. Dafür gibt es einfach zu viele gelangweilte, gequälte und verzerrte Gesichter am Trizeps-Kabelzug und auf dem Liegefahrrad.

Ich schicke gleich mal vorweg, dass ich kein Psychologe bin, also verzeiht, wenn meine folgende Liste der Auswirkungen mangelnden Selbstwertgefühls auf Trainierende im Bodybuilding unvollständig ist:

Wer sich minderwertig fühlt, glaubt, Muskeln einfach nicht verdient zu haben

Ich will gleich mit dem schwersten Punkt anfangen, denn er betrifft sehr viele Menschen. Wer ehrlich in sich hineinhört und seine aktuelle persönliche Lage mit den Nachrichten aus Krisengebieten etc. vergleicht, der muss zwingend feststellen: Uns geht es scheiße gut!

Voller Kühlschrank, Dach über dem Kopf, gesund, sicher, sozial abgepolstert, die Freiheit zu reisen und sich Luxusgüter leisten zu können – noch nie ging es einer Fülle von Individuen so gut, wie heute.
Selbst der Sonnenkönig Ludwig XIV. musste in Versailles auf einem zugigen Plumpsklo kacken, Xerxes der gottähnliche Weltherrscher hat weniger nackte Frauen gesehen, als ein pickliger 14jähriger an einem einzigen einsamen Online-Abend - unser Leben ist besser als das, was sich die Leute früher als das Paradies vorgestellt haben.
Wer sich dessen bewusst ist, muss sich unweigerlich fragen: Womit habe ich das verdient? Es ist doch reiner Zufall, dass ich in die heutige Zeit und dann auch noch ins wohlhabende Mitteleuropa hineingeboren wurde! Ist das nicht ungerecht, dass Milliarden von Individuen niemals die echte Chance hatten, sich um ihre Gesundheit, geschweige denn um ihr Aussehen kümmern konnten, weil sie in jeder Sekunde ihres Lebens vor dem jämmerlichen Verrecken standen?

Die Gefahr ist an der Stelle groß, sich aus falsch angebrachter Solidarität mit Menschen, die schlechtere Bedingungen hatten, als wir, einfach nicht zu trauen, ein besseres Leben mit mehr Gesund- und Schönheit zu führen. Doch das ist abwegig. Wir sollten nicht vergessen, dass es vielen Menschen beschissener geht, als uns. Wir sind dazu geschaffen, glücklich, stark und leistungsfähig zu sein. Es wäre fahrlässig, aus guten Bedingungen kein tolles Leben zu machen!

Dass Muskeln zu einem tollen Leben gehören, brauche ich hier wohl niemandem zu erzählen. Sie verbessern alles. Oder hat man jemals davon gehört, dass Stärke ein Nachteil sei?

Es "den Anderen" zeigen wollen

Ein Minderwertigkeitsgefühl muss nicht zwingend etwas Schadhaftes sein. Im Zuge der doppelten Negierung ("Minus mal Minus wird Plus") kann aus mangelndem Selbstwertgefühl mal guter charakterlicher Einstellung ein überdurchschnittlicher Trieb erwachsen, "es den anderen zeigen zu wollen".

Ohne anmaßend klingen zu wollen, zähle ich mich selbst zu dieser Gruppe. Als Kind dürre, ängstlich und zurückgezogen - daraufhin Opfer diverser Hänseleien und Gewalttaten - erstarkte in mir die Überzeugung, mittels Training aus meiner Opferrolle herauszuschlüpfen. Ich wollte mich einfach nicht mehr in das vermeintliche Schicksal fügen, der psychische und physische Mülleimer anderer, aber körperlich stärkerer Opfer zu sein.

Bild: Matthias Busse

Mit der physischen Stärke kam später auch die psychische dazu - so dass ich heute in der Lage bin, andere Opfer aus ihrer akuten Lage zu befreien.
Mein Antrieb aus mangelndem Selbstvertrauen erweckte überdurchschnittliche Energien, ohne die ich diesen Weg nie geschafft hätte.
Im Übrigen führte die Wissenschaft ein bemerkenswertes Experiment durch, in der eine besonders ängstliche Spezies Affen gezüchtet wurde, deren Nachfolgegeneration zu verschiedenen Müttern verteilt wurde. Einige der ängstlichen Affen kamen zu normalen Müttern, andere zu Supermüttern, die sich durch Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein auszeichneten.

Genetisch waren alle Affen-Babies gleich dispositioniert, doch diejenigen, welche von den Supermüttern aufgezogen wurden, entwickelten sich zu späteren Führern in der Affen-Hierarchie. Sie wurden zu einfühlsamen, psychisch starken und emotional stabilen Tieren, während ihre Artgenossen, die bei normalen Müttern aufwuchsen, ängstlich blieben und weit unten in der Hierarchie rangierten.
Insbesondere, wer sich als Kind körperlich ausgeliefert, schutzlos und verletzbar wahrgenommen hat, benutzt eine hypertrophierte Muskulatur für ein imposanteres Erscheinungsbild. Obwohl der gleiche verletzliche Charakter in ihm steckt, als er noch ein 70 kg leichter, bartloser Bubi war, würde sich niemand mehr trauen, den mittlerweile 110 kg schweren, tätowierten Glatzkopf mit der bösen Miene blöd von der Seite anzuquatschen.
Da der Betreffende natürlich mitkriegt, dass er mit zunehmend imposanterer Figur scheinbar immer unverletzlicher und "stärker" wird, hört das Verlangen nach Mehr nicht auf - im Gegenteil. Selbst Riesen fühlen sich winzig und zu schmal, weil die Psyche einfach nicht mitgewachsen ist.

Das hämmernde Verlangen zwingt dann förmlich zu Maßnahmen, die weiteres Wachstum erwirken sollen. Solche Leute sind besonders anfällig für das überdosierte Einsetzen von Substanzen, Training auf Verschleiß und besonders viel Aggression.

Die Psychologie nennt die Handlungsweise, einem psychischen Mangel aktiv entgegenzuwirken "Annäherungsverhalten". Dessen Gegenpart ist das:

Vermeidungsverhalten - der Schutzpanzer

Menschen, die ihren Selbstwert nicht aktiv verbessern können, versuchen ihn wenigstens zu schützen. Sie sind meist von Geburt an introvertiert und zeichnen sich dadurch aus, dass sie ständig irgendwelche Fotos mit Stinkefingern und "I don´t give a fuck" bei Facebook posten.

Da kann man getrost genau vom Gegenteil ausgehen: Es nimmt sie überdurchschnittlich stark mit, was andere über sie denken. Ihr Selbstwert hängt maßgeblich davon ab, ob sie durch Bezugs- und andere Personen Zustimmung und Anerkennung bekommen.

Die Ursache in diesem Verhalten ist damit verknüpft, dass in den Anfängen der Menschheit das Überleben nur in der Gruppe gesichert werden konnte.

Ein Häuflein 1,50 m großer, halbverhungerter Bartträger musste tagelang hinter Nashörnern, Waldelefanten oder schnelleren Tieren herrennen, um nur genug Nahrung zum Überleben zu finden. Ein schwacher, einzelner Mensch ohne Hilfe eines Rudels wäre schlichtweg verhungert. Es war essenziell, akzeptiertes Mitglied einer Gruppe zu sein - andernfalls drohte der Tod.

Das Bedürfnis, akzeptiert zu werden und Teil einer Gruppe zu sein, hat sich natürlich bis heute erhalten. Das Selbstwertgefühl vieler heutiger Menschen speist sich daraus, in der Hierarchie irgendeiner Gruppe weit oben zu stehen:
Es ist manchmal schon echt seltsam, wie viel sich ALDI-Filialleiter, Feuerwehr-Vorsitzende, oder Ortsgruppen-Vorsteher einer 500-Seelen-Gemeinde auf ihre Position einbilden. Man beobachte mal nur den Platzhirsch im örtlichen Fitness-Studio - da kommt genau dieses Bild zum Tragen.
Doch was bleibt Menschen übrig, die es nicht schaffen, sich in hohe soziale Positionen zu arbeiten? Sie müssen lernen, sich eine Schutzwand mit einem Bereich dahinter aufzubauen, den niemand betreten kann. Der ist zwar einsam und leer, aber eben unverletzbar, wie die Herzkönigin aus "Alice im Wunderland".

Bild: Matthias Busse

Der Körper dieser Menschen soll eine uneinnehmbare Festung werden: breit, robust und ohne Durchkommen. Bereits am äußeren Erscheinungsbild soll gefiltert werden, dass möglichst wenig Menschen überhaupt an sie herantreten.
Im Gym neigen diese Leute zu autoaggressivem Verhalten. Sie wollen sich nicht aktiv äußern, sondern richten ihre negative Energie nach innen. Brachiales Muskelversagen, erzwungene Wiederholungen bei 10 Übungen pro Muskelgruppe, sehr hohe Trainingsfrequenz und an sich eine schmerzorientierte Einstellung zu Training und Ernährung treten in dieser Gruppe gehäuft auf.
Des Weiteren neigen sie ebenso dazu, sich untertänigst in eine bestehende Gruppe an Trainierenden einzureihen, kopieren blind die Trainingspläne von viel fortgeschritteneren Athleten oder beteiligen sich z.B. am Bankdrücken eines viel Erfahreneren, aber dennoch mit dem gleichen Arbeitsgewicht.

Sie tun alles, um dazuzugehören, ungeachtet der Konsequenzen. Diese Gruppe leidet sehr häufig an Verletzungen, mit denen sie aber gern auch mal angeben, wie hart sie doch trainieren.

Das Provozieren von Neid

Hierbei handelt es sich um eine Mischform aus den beiden vorangegangenen Punkten. Wir haben es hier psychologisch mit einem Verhalten zu tun, das "Annäherungs-Vermeidungs-Verhalten" genannt wird - ein Widerspruch, der sich gleich auflösen wird. So richtig aktuell ist er auch erst in letzter Zeit geworden und funktioniert nach dem Motto: "Mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Boot" - also dem klassischen Übertrumpfen des anderen.

Ich will mal vorwegschicken, dass es mir im Folgenden nicht um eine Wertung geht. Ich versuche, möglichst objektiv an die neuesten Entwicklungen rund um Facebook, Instagram, Snapchat und ähnliche heranzugehen. Bitte versteht das nicht als rein negative Kritik oder Angriff.

Es ist erst ein paar Tage her, als ich eine Fitness-Youtuberin persönlich kennenlernen durfte, was mir zunächst gar nicht klar war. Sie ist die neue Freundin eines Arbeitskollegen, 24, fit (aber nicht überdurchschnittlich), gut erzogen, ein wenig künstlich und affektiert, also rundum ... ein ganz normales Mädel unserer Tage.

Es gab mit ihr kaum etwas zu erzählen, außer dass sie ihren Urlaub danach ausrichten würde, wo man genug frisches Gemüse kaufen könne. Okay, gut, jeder hat seine Macken.

Trotz ihres Gemüse-Fetischs sieht sie allerdings nicht anders aus, als meine Freundin, die morgens Nutella, mittags Nudeln und abends Wurstbrot isst. Im Nachhinein erzählte mir dann ein weiterer Arbeitskollege, dass dieses Mädel online wohl recht erfolgreich wäre (knapp 11.000 Abonnenten bei Youtube - ich habe nachgesehen).

Mal davon abgesehen, dass dieser Athletin offensichtlich 11.000 Leute begeistert, regelmäßig dabei zusehen, wie sie actiongeladen Reis kocht, völlig überraschend Protein-Beutel auspackt oder Crosstrainer fährt, dass Jason Statham stolz wäre, muss doch finanziell etwas dabei herausspringen?! Aber Pustekuchen: Weder ein Sponsorenvertrag, noch Werbeeinnahmen oder sonstiges gleichen ihren Aufwand aus.
Mich überraschte auch die augenscheinliche Diskrepanz zwischen ihrem Verhalten in den Videos (selbstbewusst, überzeugend) und dem echten Leben (zurückhaltend, scheu). Bleibt also die Frage: Warum all die Mühe?

Die Antwort kann eigentlich nur "Bewunderung / Anerkennung" sein. Vor der Kamera kann sie nie direkt und persönlich kritisiert werden, was ihr die ideale Möglichkeit gibt, gleichzeitig unmittelbar unangreifbar zu sein, während sie doch gefiltert interagieren kann (über Kommentare, Likes, etc). Was nicht passt, wird ignoriert, verdrängt oder gelöscht. Alles schön allein und selbstherrlich vom Computer aus. "Hach bin ich gut, wieder 50 Abonnenten mehr".

Die Anzahl der Trittbrettfahrer ist da enorm.
Wer heutzutage trotz 3 Wochen Situps zu Hause schon so alles seinen eigenen Hardcore-Calisthenics-Motivation-Youtube-Kanal hat, ist echt bemerkenswert.
Hat man dann tatsächlich eine Handvoll Abos in der Tasche, gilt: "Neid ist die höchste Form der Anerkennung".

Glück eines Einzelnen, erkauft mit dem Unglück vieler anderer, mit manipulativen, realitätsverzerrenden Mitteln. So wird das Rad aus Wettbewerb und Neid immer am Laufen gehalten, was natürlich eine findige Wirtschaft auf den Plan ruft. Dauert bestimmt auch nicht mehr lang, bis die Freundin meines Arbeitskollegen zur lebenden Litfaß-Säule wird.

Welche anderen Möglichkeiten es dagegen gibt, soll in Teil 2 thematisiert werden.

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