Team Andro Schreibwettbewerb 2013 - Platz 1

Sie nannten mich Bohnenstange

Als ich jünger war, nannten mich die Leute "Bohnenstange". Ich war schmächtig gebaut, war aber auch nicht gerade klein. Sah also aus wie ein Alien. Nicht die coole Sorte, wie in "Alien vs Predator", sondern mehr wie ET. Nur hatte ich nicht die besondere Eigenschaft von einem fernen Planeten zu sein. Dünne Arme und Beine, ein Adamsapfel, der herausstach wie ein Muttermal im Gesicht. Wenn ich kein Hemd anhatte, konnte man mit den Augen meine Rippen ablesen. Mir haben die Sprüche meiner Verwandten und Freunde nie etwas ausgemacht, ich bin ein Typ der gerne lacht, auch über mich selbst.

Mich mit einer Bohnenstange vergleichen? Alter Spruch, aber okay! Ich könnte mich wie ein Charakter aus einem Cartoon hinter einer Straßenlaterne verstecken? Das ist schon lustiger! Wenn ich mich seitlich hinstelle, sieht man mich nicht mehr? Das ist witzig!

Sie nannten mich Bohnenstange


Wenn Leute davon gesprochen haben, wie sie sich durch Bodybuilding verändert haben, dann haben sie auf mich gezeigt und gesagt "Ich war mal wie er". Es war nicht beleidigend gemeint und wurde auch nicht so aufgenommen. Leute haben das unbewusst gemacht, ohne zu merken, wie das eigentlich klingt. Ich war für die Leute die Personifikation des "Vorher"-Fotos.

Ich bin und war schon immer ein Bit-Schubser gewesen. Jemand der oft und gerne am Computer sitzt, bis in die frühen Morgenstunden. Jemand, der sich selbst daran _erinnern_ muss schlafen zu gehen, weil der Körper keinen Bock mehr hat, dir zu melden, wie müde du bist, da du es sowieso ignorierst. Ich hatte Angst vor Fremden, war antisozial, ging nie raus.

An einem Sommer, nicht lange her, schrieb ich über MSN mit einem Kumpel (nennen wir ihn M). M und ich lachten und scherzten viele Nächte durch. Ich half ihm bei seinen Problemen bei der Programmierung und wir beide versuchten gemeinsam neue kreative Webideen zu finden, um ein deutsch-türkischer Mark Zuckerberg zu werden.

Keines unserer Projekte ging jemals gut, aber es machte Spaß, es versucht zu haben. M war wie eine klischeehafte Darstellung eines Türken in einem Film: Er war mehr an seinem Körper interessiert, als an seiner Bildung. Er sah streng aus, hörte Hip-Hop, fluchte gerne auf Türkisch, hatte merkwürdige Vorstellungen von Ehre und Frauen. Aber er war ein netter und loyaler Kerl. Und er war gut gebaut.

Verdammt war er gut gebaut. Ich kannte M nur aus dem Internet. In den ersten Jahren unserer Freundschaft hatten wir uns nie gesehen, nicht einmal Bilder hatten wir ausgetauscht. Aussehen spielte keine Rolle. Wir wollten beide anonym bleiben, obwohl wir so viele Geschichten aus dem Leben des jeweils anderen kannten. Geschichten und Anekdoten, die man nur seinem besten Freund erzählen würde, aus Angst verurteilt und schief angesehen zu werden. Wenn man anonym ist, traut man sich eben mehr. An einem kühlen Sommertag lud ich ihn zu mir ein, damit wir endlich mal etwas gemeinsam machen konnten.

"Hört sich gut an, Bruder", sagte er. Er hatte immer diese Eigenart mich "Bruder" zu nennen, wie es so viele Türken machen. Ich konnte mich nicht dazu bringen, ihn auch so zu nennen. Es kam mir so ... kitschig und unehrlich vor.

Wie sich heraus stellte, wohnte er nicht so weit von mir weg. Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als ich vor meiner Wohnung wartete und hörte wie ein lautes Auto auf dem Parkplatz um die Ecke parkte. Man hörte wie der Beat die Fenster zum Beben brachte. Ich dachte mir schon: "Das muss er sein".

M drückte mit einem Finger die schreckliche Hip-Hop Musik weg, in dem zwei Jugendliche ziemlich detailreich beschrieben, wie sie sich gegenseitig die Mütter befriedigen. Dann stieg er aus dem Auto. Ich weiß noch, wie er um die Ecke kam, mit seinen verdammt breiten Schultern. Man, hat das lange gedauert bis er komplett um die Ecke war.

Ich sah seinen rechten Arm an der Ecke, starrte auf meine Uhr und wieder zurück, und er war immer noch nicht da. So breit und muskulös hatte ich ihn nicht erwartet, obwohl ich aus seinen Erzählungen schon wusste, dass er trainierte. Und er wusste, dass ich es nicht tat.

Wir haben uns begrüßt, umarmt und ein paar Scherze gemacht. Ich erzählte ihm, wie bewundernswert ich sein Aussehen finde und wie überrascht ich bin. Er ersparte sich die Kommentare über meine Körperstatur.
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    "Gut, dass du das selbst ansprichst, Bruder", sagte er. "Ich habe einen Termin für ein Probetraining bei McFit für dich gemacht"
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McFit? Ich? Ich hätte mich doch nicht einmal getraut da einzutreten, geschweige denn neben all den muskulösen Männern zu trainieren, während mich kurvige Frauen von der Seite anstarren und über mich urteilen. Ich lehnte ab. "McFit ist nichts für mich. Ich habe keine Ahnung von allem!" sagte ich.

"Da gibt's einen Trainer der dich betreut. Und ich bin auch dabei. Dann lernst du wie das alles geht."

Ich lehnte ab, aber er bestand darauf. Keine Ahnung wie er es hingekriegt hat, da ich nicht der Typ bin, der gerne nach draußen geht, geschweige denn zu McFit. Aber ich habe nach langem hin und her zugestimmt. Und ich bin tatsächlich hingegangen.

Die Trainerin bei McFit war nett und hat mir alles detailreich erzählt, als M erwähnte, dass ich gar keine Ahnung von der Materie hätte. Ich habe an diesem Tag so sehr trainiert, dass ich noch tagelang meine Arme nicht komplett ausstrecken konnte.

Sie nannten mich Bohnenstange


Dann gingen wir zu mir. Wir haben getrunken und gegessen, haben uns über alte Zeiten unterhalten (genau genommen, über Chats die wir zusammen hatten). Als wir dort auf dem Balkon saßen, mit der Abendsonne am Horizont, verdeckt durch die verdreckten Häuser gegenüber, erkannte ich wie gut wir uns kannten, obwohl wir uns nie begegnet zuvor waren.

"Du hast ziemlich viele Bücher", bemerkte M, als er vom Balkon aus in mein Arbeitszimmer schaute. "Worüber ist das alles?"
"Informatik ... und generell Wissenschaft. Das da drüben sind Romane".
"Cool", sagte er, und an seinen Augen konnte ich ablesen, dass er es tatsächlich cool fand.

Er ging in das Zimmer und nahm sich aus dem Regal ein Buch über funktionale Programmiersprachen und begann darin zu blättern. Nicht lange hatte es gedauert, und er saß bereits schweigsam in meinem Lesesessel und war in das Buch vertieft.

Von dem Tag an, trafen wir uns regelmäßig. Er hielt meine Motivation zum Trainieren auf Höchstniveau. Wenn ich einen Tag versäumte, weil ich mich selbst gut genug betrügen konnte, um nicht zu trainieren, rief er an, und hakte so lange nach, bis ich meine erbärmliche Tat zugegeben hatte.
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    "Ich muss lernen", sagte ich.
    "Du redest Bullshit. No Excuses", entlarvte er.
    "Ich muss arbeiten"
    "Rede keinen Scheiß, Bruder. No Excuses"
    "Ich fühle mich nicht gut"
    "Nach dem Training fühlst du dich besser. No Excuses"

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Jedesmal wenn ich einen Grund nannte, pflegte er immer in seinem gebrochenen Englisch zu sagen: "No Excuses". Keine Ausreden. Er hatte Recht, das waren alles nur bescheuerte Ausreden, um nicht zu trainieren, und lieber vor dem Rechner zu sitzen.

Er zeigte mir auch, wie man mit fremden Menschen spricht, etwas wozu ich mich nicht getraut hätte, wie bescheuert das auch klingen mag. Fremde Menschen machten mir Angst. Aber M war so locker. Er hielt Smalltalk und brachte Menschen zum Lachen, die so aussahen, als hätten sie nie zuvor gelacht.

Als ich ihn danach fragte, wie er das anstelle, sagte er nur: "Das ist meine Kein-Scheiß-Geben-Philosophie". Seitdem machte ich das, was er mir gesagt hat: Ich gebe keinen Scheiß darauf, dass ich Angst habe. Es ist so einfach. Angst hat jeder, es passiert, es ist normal. Du lässt es einfach passieren, und akzeptierst es.
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Sie nannten mich Bohnenstange

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Beim Training, und ich habe keine Ahnung wie man die Höhe bei dem Sitz einstellt? Frag doch einfach den Typen neben dir! Eine leichte und offensichtliche Lösung für jeden, der nicht weiß wie es ist, verdammt introvertiert zu sein. Aber ich tat es. Ich fragte ihn, ohne Angst zu haben, was peinliches zu tun oder zu sagen. So ging es weiter.

Beim Bodybuilding hatte ich Menschen um mich, konnte mich aber auch entscheiden keinen Kontakt zu ihnen aufzubauen. Nach einer Weile grüßte ich die Leute, wenn ich ins Fitness-Studio eintrat. Sie grüßten mich zurück. Leute fingen mit mir Smalltalk an und ich hatte keine große Angst mehr ein Teil dieser Konversation zu sein.

Das war kein Bodybuilding mehr für mich, das war Therapie. Ich kam kaputt von der Uni zurück. Sofort zum Fitness und Stress abbauen. Ich hatte Angst vor einer Prüfung? Ich trainierte die Angst aus mir heraus. "No Excuses", hörte ich jedes mal die Stimme von M in meinem Kopf, wenn ich nicht trainieren wollte. Hatte ich einen Grund, um etwas nicht zu tun, was ich eigentlich tun sollte? Das waren nur billige Ausreden. No Excuses.

Wenn M beim Training dabei war, gingen wir danach zu mir und ruhten uns aus. Ich zeigte ihm das Neueste aus der Informatik, wir suchten Bugs in seinen Codes und ich zeigte ihm Wege Probleme besser zu lösen. Erst mehrere Monate später bemerkte ich, wie wichtig unsere Freundschaft geworden war. Ich stand vor dem Spiegel in meinem Arbeitszimmer, hatte den Oberkörper frei, um ein Foto von meinem Fortschritt zu machen. M lag auf dem Lesesessel, wie er es jedes mal tat, wenn wir bei mir waren.

Als ich das aktuelle Foto mit dem aller ersten verglich, stellte ich eine deutliche Transformation fest. Ich stieg auf eine Waage und war verblüfft. Ich hatte deutlich zugenommen, kein Untergewicht mehr. Muskulöser war ich auch geworden. Leute hatten angefangen, mir zu sagen, wie sehr ich mich verändert hatte und sie hatten verdammt Recht.

So viele Jahre hatte ich kein Sport getrieben, das hatte ich also verpasst. Ich fühlte mich toll und betrachtete mich noch einige Sekunden im Spiegel. Noch bevor ich den Erfolg an M vermelden konnte, sagte er: "Ich glaub, ich will auch studieren. Ich werde mich anstrengen, mein Fachabi zu kriegen." Ich war baff. "Aber ich weiß nicht ob ich das noch hinkriege, Bruder", fuhr er fort. "Meine Noten sind nicht besonders gut, und ich habe keine Zeit zum Lernen, weil ich nebenbei arbeiten muss und..."
"No Excuses", sagte ich grinsend.
Er hat gelacht und dann schweigend genickt.

In diesem Moment habe ich bemerkt, was aus uns geworden ist. Wir haben uns beide gegenseitig aufgebaut. Er hat mir gezeigt, wie man trainiert, hat mich motiviert und mir gezeigt, wie man die Angst vor allem verliert. Wieso man keinen Scheiß darauf geben sollte, wenn man Angst vor neuen Erfahrungen hat.


Ich zeigte ihm meine Welt der Informatik, der Wissenschaft, der Bücher. Er war mein Tyler Durden, und ich war für ihn eine nerdige Version von Tyler Durden.
"Ich schwöre, ich mag dich richtig Bruder", sagte er eines Tages.
"Ich mag dich auch Bruder". Ich nannte ihn zum ersten mal Bruder und es fühlte sich ehrlich an.
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Bilder: larryosan | Spiegelneuronen | Live Life Happy

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