Es gibt kein Leben ohne Sport

Dr. Andro: Sportaktivität im Lebensverlauf

"Sprechstunde bei Dr. Andro" - in dieser Rubrik hier bei Team-Andro nimmt Dr. Andro es für euch mit den sport- und medizinwissenschaftlichen Datenbanken dieser Welt auf. In Ausgabe 4 seiner Kolumne setzt er sich ausnahmsweise mit einem aktuellen Artikel aus der Welt der Sozialwissenschaften auseinander. In der März-Ausgabe der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie veröffentlichte der Heidelberger Soziologe Thomas Klein den Artikel Determinanten der Sportaktivität und der Sportart im Lebenslauf. Dr. Andro schaute genauer hin.

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Disclaimer: Die hier zur Verfügung gestellten Informationen dienen ausschließlich Informationszwecken.

Für die Richtigkeit der Informationen aus den hier zitierten Artikel ist der Autor dieser Kolumne nicht verantwortlich. Die Rechte an den hier in Auszügen zitierten Studienergebnissen liegen bei den jeweiligen Autoren.

Die Rückschlüsse, die aus den Studienergebnissen im Hinblick auf bestimmte, teilweise dem Forschungsinteresse der Autoren nicht entsprechende Fragestellungen gezogen werden, sind nicht Teil der entsprechenden wissenschaftlichen Arbeiten.

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Sportliche Aktivitäten sind ohne Frage bei vielen Usern von Team-Andro.com ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Gerade im Bodybuilding neigen selbst Hobbyathleten dazu neben dem Training auch ihre Ernährungsweise oder gar ihren Tagesablauf auf den Sport abzustimmen und tragen damit dazu bei, dass der Sport, wie auch Klein für sportlich Aktive allgemein feststellt, wichtiger Teil ihres Lebensstils wird.

Mit mehr als 4,5 Millionen Mitgliedern in deutschen Fitnesstudios (Stand 2006) hat sich zudem die Motivation zu trainieren nicht erst seit Fitnessketten wie McFit weg vom Wettkampf hin zu gesundheits- oder aussehenfördernen Gründen verschoben. Laut Klein ist diese Veränderung sogar bereits seit den 60ern bzw. 70ern des vergangenen Jahrtausends zu beobachten.

Und während der Einzelne, vielleicht sogar leistungsorientierte Hobbysportler möglicherweise schon das ein oder andere Mal die Mainstreamtrainierenden in seinem Stammstudio beklagt hat, die wie Eintagsfliegen in einem gewissen Abschnitt ihres Lebens die Hantelbänke besetzen scheinen, um wenige Monate später nie wieder gesehen zu werden, findet laut Klein in der Soziologie eine Analyse der Trainingsmotivation immer häufiger unter der Perspektive des jeweiligen Lebenslaufs statt. Klein untersuchte für sein Paper in der aktuellen Ausgabe der KZfSS insbesondere "inwieweit Sport durch Veränderungen in diesen Lebensbereichen einen veränderten Stellenwert bekommt, der sich auf das Aktivitätsniveau und auf die Wahl der Sportart auswirkt"(Klein 2009: 3).

Überblick über bisherige Erkenntnisse

Da der Artikel, aus Sicht von Team-Andro-Mitgliedern leider, auf Sport allgemein und nicht auf den Fitnesssport oder gar Bodybuilding bezogen ist, gibt Kleine zu Beginn seines Artikels einen allgemeinen Überblick bisheriger Erkenntnisse, die nicht unreflektiert auf das Hanteltraining übertragen werden können. Dennoch sollen diese an dieser Stelle der Vollständigkeit wegen dargestellt werden.

Generell stellt Klein fest, dass bereits in der Vergangenheit ein starker Unterschied bei den sportlichen Aktivitäten unter den sozialen Schichten zu beobachten war, wobei die Ursachenforschung sich oftmals auf das ökonomische und kulturelle Kapital der Probanden konzentriert hatte. Um es einfach auszudrücken, haben aus ökonomischer Perspektive Menschen der höheren Schichten potentiell mehr Sportarten zur Auswahl, vor allem teurere wie beispielsweise Golf. Zudem entsprechen langfristige Ziele oder Regeln, wie sie im Sport oft einzuhalten sind, eher den Wertorientierungen höherer Schichten.

So geht Klein davon aus, dass, solange ökonomisches Kapitel der ausschlaggebende Faktor wäre, bei preiswerten Sportarten wie Joggen oder Wandern keine Unterschiede zu erwarten wären. Inwieweit dies auf das Bodybuilding zutrifft, wäre zumindest ansatzweise über einen Vergleich von sozialstrukturellen Daten Deutschlands mit den Erhebungsergebnissen von Beispielsweise Boos und Kollegen überprüfbar.

Was den Geschlechterunterschied angeht, so ist der Frauenanteil unter Sportlern laut Klein immer noch geringer. Er begründet dies dadurch, dass diese in der Vergangenheit oftmals vom Wettkampfsport noch ausgeschlossen waren. Dennoch ist es gerade im Fitnessbereich so, dass der Frauenanteil inzwischen größer ist, als bei den Männern, wie Müller-Platz und Kollegen feststellten, so dass dem Hantelsport auch hier eine gewisse Sonderrolle anzuerkennen wäre.

Auf weitere sozialstrukturelle Details, was die sportliche Aktivität allgemein betrifft, soll an dieser Stelle bewusst verzichtet werden und der interessierte Leser statt dessen auf die einschlägige soziologische Literatur verwiesen werden.

Kommen wir also zur Methode, die Klein für seine Datenerhebung nutzte.

Methode und Daten

Um eine Lebenslaufanalyse rückblickend zu ermöglichen, ist, wie dem Leser sicherlich bereits bewusst ist, ein entsprechender Datensatz mit Probanden in einem gewissen Alter nötig. Dieser lag dank der Studie Ein aktives Lebens leben – Alter und Altern in Baden-Württemberg aus dem Jahr 2006 nun erstmals zur Analyse vor. In der Studie wurde per Zufallsstichprobe 2002 Personen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren aus Baden-Württemberg befragt. Klein schloss zudem 311 der Befragten aus seiner Analyse aus, da diese aufgrund ihres Migrationshintergrundes nicht ihre volle Lebenszeit in Westdeutschland verbrachten. Auch wenn es sich bei der vorliegenden Analyse streng genommen nur um eine Länderanalyse handelt, weist Klein doch darauf hin, dass aufgrund bisheriger Erkenntnisse über die Sozialstrukturdaten B-Ws und der BRD durchaus Rückschlüsse auf Gesamtdeutschland gezogen werden.

Kernelement der retrospektiven Befragung war die Erfragung der Sportaktivitäten über den gesamten Lebenslauf, wobei die Kriterien galten, dass die Sportart mindestens einmal pro Woche und mindesten ein Jahr lang ausgeübt werden sollte. Die Sportarten wurden dabei offen abgefragt, wobei Laufen/Joggen, Walking, Fahrradfahren, Ausdauertraining an Hometrainern und Bahnenschwimmen durch vorhergehende Frage ausgeschlossen wurden. Zudem wurden Randsportarten wie Angeln oder zum Wellness-Bereich zählende Aktivitäten wie Yoga nicht weiter berücksichtigt.

Insgesamt stellte Klein unter diesen Einschränkungen eine sportliche Aktivität von 59% unter den Befragten fest - wohl gemerkt in einem Alter zwischen 50 und 70 Jahre!

Ergebnisse

Wer jetzt die Anfangs angesprochenen Eintagsfliegen, was sportliche Aktivität betrifft, erwartet, wird mit Kleins Auswertung zumindest auf die sportliche Aktivität allgemein bezogen nun das erste Mal überrascht werden. Bis zum Alter von 18 Jahren, also dem Ende der Schul- oder Ausbildungszeit, erfolgte ein starker Anstieg der sportlich aktiven Personen unter den untersuchten Jahrgängen. Danach erfolgt jedoch keinesfalls ein Abfall, sondern vielmehr ein weiterhin stetiger, wenn auch schwacher Anstieg bis hin in den Altersbereich von 50 bis 60 Jahren.

Bei den Frauen ist der Anstieg in den jüngeren Jahren deutlich schwächer, jedoch schließt der Anteil der sportlichen aktiven Frauen bis ins hohe Alter klar auf. Der Autor sieht in diesem Anstieg bzw. dem hohen Anteil auch im hohen Anteil unter anderem ein erstes messbares Ergebnis des Fitness-Trendes, wie er seit Jahren durch Deutschland geht.

Doch die Ursachen liegen keinesfalls daran, dass Seniorenturnvereine oder Ü50 Fußballvereine befragt wurden und die Befragten damit zum Großteil Ausnahmesportler wären. Vielmehr macht Klein selbst deutlich, dass ein Wechsel der Sportart im Laufe des Lebens erfolgen kann und macht dies am Beispiel Fußball deutlich.

Während in der Jugendphase fast 15% der befragten Männer noch Fußball spielten, verringert sich der Anteil im Alter von 40 Jahren auf 5% um dann schließlich im Alter von 60 fast den Nullpunkt zu erreichen. Individualsportarten dagegen gewinnen mit zunehmendem Alter und damit auch mit zunehmenden Verpflichtungen und abnehmender körperlicher Fitness an Bedeutung, wie Klein anhand von Joggen, Schwimmen und Radfahren zeigt.

Interessant wäre an dieser Stelle eine Untersuchung, was das Hanteltraining betrifft, da das trainieren mit Gewichten neben dem leistungsorientierten Powerlifting und Bodybuilding präventiv durchaus bis ins hohe Alter ohne Probleme durchführbar wäre. Generell kann Klein aber keinen signifikanten Hinweis darauf finden, dass mit steigendem Alter der sportliche Einstieg eher gemieden wird oder der Ausstieg gar wahrscheinlicher wird.

Bildung und Art des Erwerbs haben nach Klein dagegen durchaus einen Einfluss auf die sportliche Aktivität. Personen, die mindestens das (Fach-)Abitur besitzen, neigen zu 30% weniger zum Abbruch der sportlichen Aktivität im Laufe des Lebens. Andererseits kann eine berufliche Tätigkeit durchaus bremsend auf den Einstieg in den Sport sein, wenn es sich dabei um eine körperliche Aktivität handelt sogar um so mehr.

Der größte Killer, was die sportliche Aktivität betrifft, ist jedoch, man mag es kaum glauben, der Beginn einer Partnerschaft. Die Wahrscheinlichkeit die Sportschuhe an den Nagel zu hängen, steigen im Jahr, in dem eine Partnerschaft eingegangen wurde, um 70%. Mehr durcheinander bringt das sportliche Leben dagegen nur noch ein Umzug. Im Jahr des Umzuges steigt die Wahrscheinlichkeit eine sportliche Aktivität zu beginnen um 94%, wogegen die Wahrscheinlichkeit, dass bisher sportliche Aktive aussteigen, bei 78% liegt. Die nahe liegende Vermutung, dass das höhere Alter zu höheren Ausstiegsraten führt, konnte Klein jedoch, wie bereits angedeutet, nicht bestätigen.

Was die Eingangs angesprochenen ökonomischen Beschränkungen betrifft, so konnte aufgrund einer zu geringen Fallzeit bei teuren Sportarten keine detaillierte Aufschlüsselung erfolgen. Lediglich Tennis konnte näher analysiert werden, wobei hierbei jedoch kein Zusammenhang festgestellt werden konnte. Bei Sportarten, die jedoch allgemein als gesundheitsfördernd angesehen werden, konnte der Autor einen Zusammenhang zu einem höheren Bildungsniveau feststellen, was für das Argument des kulturellen Kapitals bei der Auswahl und Durchführung sportlicher Aktivität spricht.

Fazit

Auch wenn der Artikel Kleins nicht speziell auf das Hanteltraining eingeht, sondern das Sportverhalten allgemein untersuchte, kam er zu interessanten Ergebnissen. Wer einfach ausgedrückt sein Sportleben mit dem Beginn der Erwerbstätigkeit oder einer Partnerschaft vereinbaren kann, hat, dafür sprechen Kleins Auswertungen, gute Chancen auch im hohen Alter noch auf die eine oder andere Weise sportlich aktiv zu sein.

Dennoch ist zu beachten, dass Klein für seine Analyse die Daten von Jahrgängen hatten, die deutlich anders aufgewachsen sind, als spätere Jahrgänge. Ein Vergleich des Anteils der sportlich Aktiven zwischen dem baden-württembergischen Datensatz im Alter von 15 bis 20 Jahren und den heutzutage sportliche aktiven 15- bis 20-jährigen wäre interessant. Damit könnte die Couchpotatoe-Kritik, die auf deutsche Jugendliche immer öfter bezogen wird, eine erste Überprüfung erfahren.

Doch, wie bereits einige Mal angedeutet, wäre auch eine spezielle Erhebung für den Hantelsport ohne Frage interessant, wenn auch vermutlich in dem Umfang, wie Klein Daten zur Verfügung standen, eher unwahrscheinlich, so dass lediglich Vermutungen möglich sind.

Überträgt man jedoch die Tatsachen, dass Hantelsport sehr individuell planbar ist und durchaus im hohen Alter auch präventiv genutzt werden kann, so bleibt die Hoffnung, dass bei entsprechender Verschonung von ernsthaften Verletzungen, wir alle noch ein langes und Eisen erfülltes Leben haben werden. Keep on pumping.

- Euer Dr. Andro



Quellen:

  • Boos et al. (1998): Medikamentenmissbrauch beim Freizeitsportler im Fitnessbereich. Dt Ärztebl; 95: A-953–957.
  • Klein, Thomas (2009): Determinanten der Sportaktivität und der Sportart im Lebenslauf. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jahrgang 61, Ausgabe 1, S. 1-32.
  • Müller-Platz et al. (2006): Doping beim Freizeit- und Breitensport. Gesundheitsberichtserstattung des Bundes, Heft 34 LINK.

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