Früher war alles besser?

Sportsmanship – Relikt einer vergessenen Zeit

Sport soll nicht nur den Körper formen, sondern auch den Geist – soweit die Idee. Füreinander einzustehen, kameradschaftlich zu agieren – das sollen Kinder in der gemeinsamen sportlichen Betätigung erleben und erlernen. In den heutigen Gyms finde man genau das nicht mehr, sagen Kritiker. Haben sie Recht?

"Es ist einseitig, wenn man immer nur schreibt, dass der Sport zu Kameraden mache, verbinde, einen edlen Wetteifer wecke; denn ebenso sicher kann man auch behaupten, dass er einem weit verbreiteten Bedürfnis, dem Nebenmenschen eine aufs Dach zu geben, oder ihn umzulegen, entgegenkommt, dem Ehrgeiz, der Überlegene zu sein, und überhaupt eine grandiose Arbeitsteilung zwischen Gut und Bös der Menschenbrust bedeute. "
Robert Musil

Bild: Bill Comstock

"Früher, da gab es in den Gyms noch Gemeinschaftsgefühl. Damals waren wir eine eingeschworene Familie. Aber heute…diese ganzen Fitness-Hipster-Kiddies haben davon doch gar keine Ahnung mehr!" Solche Klagen hört man nicht selten, wenn man sich mit erfahrenen Bodybuildern, Powerliftern und anderen Kraftsportlern unterhält. Sie beschreiben die Schattenseite des Fitness-Hypes, den wir momentan erleben – oder nur ihr persönliches Empfinden?

Jung und dumm

Genährt werden solche Kritiken vom dummen Verhalten einzelner Exemplare der Gattung "jung, fitnessbegeistert, Social Mediaaffin". Erst am vergangenen Wochenende war die Szene in Wallung, weil ein bekannter "Fitness-Youtuber" in seiner Instagram-Live Story ein Video postete, in dem sich über den von Verletzungen geplagten Ronnie Coleman lustig gemacht wurde. Zurecht!
Vor allen weiteren Ausführungen zu dem Thema, muss an dieser Stelle einmal klar gesagt werden, dass es sich bei diesem Clip, der mittlerweile entfernt wurde, um eine absolute Respektlosigkeit handelt.
Nicht weil Ronnie Coleman vielleicht der beste Bodybuilder aller Zeiten ist, nicht weil er acht Sandows gewonnen hat, sondern einfach weil er ein Mensch ist. Mir geht es hier nicht um Schwanzvergleiche im Stile von "Der hat schon Profiwettkämpfe gewonnen, da waren die Buben noch im Sack ihres Vaters." Mir geht es vielmehr darum, für ein grundsätzliches sportmännisches Umgehen miteinander zu werben, ob das Gegenüber nun Mr. Olympia ist oder Freizeitsportler.

Alt und nicht klüger

Nun ist es durchaus verständlich, dass in solchen Fällen reflexartig reagiert wird. Entsprechend fallen die Reaktionen – so richtig sie in der Sache auch sein mögen – häufig aus. In den meisten Fällen hat diese harsche Reaktion aus meiner Sicht jedoch weniger die Sache selbst als Grund, sondern vielmehr eine Personifizierung der ganzen Sache.

Ronnie ist eben nicht nur eine sportliche Legende, er repräsentiert auch eine Zeit und einen Lifestyle, den sich viele ältere Bodybuilder zurückwünschen. Das ist zunächst auch einmal völlig in Ordnung. Ich selbst komme mir teilweise wie mein eigener Großvater vor, wenn ich über eine FIBO laufe und einen Großteil der jungen Menschen, für die meist noch jüngere Menschen schreiend anstehen, nicht kenne, mich aber wundere, warum bei einem Flex Wheeler nichts los ist. Ich verstehe auch vieles dieser "neuen Zeit" nicht und ich bin noch nicht einmal vierzig. Doch gibt mir Unverständnis das Recht, über diese "Kids" zu urteilen?

Sport sollte verbinden

Hand aufs Herz: Jedem, dessen Herz sich einmal für Bodybuilding geöffnet hat, brennt dasselbe, wenn er Videos aus der "guten alten Zeit" sieht: Arnold und Franco im Gym, diese Gemeinschaft, dieser Lifestyle…beneidenswert.


Und ja, das ist es sicherlich in der Tat. In der Form wird man das heute kaum noch finden, alleine schon, weil solche Gyms wirtschaftlich kaum rentabel zu führen sind. Das ist schade, aber nicht die Schuld derer, auf die diese Wut, diese Enttäuschung oft abgeladen wird.

Hand aufs Herz: Welcher eingefleischte Eisenkrieger ist denn bereit, stark eingeschränkte Öffnungszeiten, schlechte Erreichbarkeit, höhere Preise etc. in Kauf zu nehmen, um solche Gyms zu erhalten. Und das ist kein Vorwurf, wir alle haben ein Leben neben dem Sport. Da könnte das alte Temple Gym im Nachbarort sein, wenn ich es jobbedingt nicht zu den Öffnungszeiten schaffe, dort zu trainieren, bringt mir das leider nichts.

So passiert es, dass in den McFit und Co. dieses Landes alle Arten unterschiedlicher Sportler aufeinandertreffen und doch zumeist – wenn überhaupt – in friedlicher Koexistenz trainieren, abschätzige Blicke dennoch inklusive. Warum?

Wir sind alle Bodybuilder

Ich erinnere mich gut, wie vor einigen Jahren Albert Busek auf einer Internationalen Deutschen Meisterschaft das Mikrofon ergriff und sich an die Zuschauer wandte. Jeder, der mit dem Ziel trainiert, seinen Körper zu optimieren, sei ein Bodybuilder, so sein Credo. Eine Einstellung, die er unter anderem mit der Legende schlechthin Arnold Schwarzenegger teilt.

Interessanterweise teilen aber viele derer, die sich mit genau diesen Legenden identifizieren, diese Sichtweise nicht. Da wird gelästert, was das Zeug hält. Was erlauben sich auch bitte junge Kerle, in bunten Leggins und Muskelshirt zu trainieren? Früher hätte man sich so in kein Gym getraut.

Ohnehin: Bevor da kein 50er Ärmel war, wäre niemals der Pullover ausgezogen worden, viel zu peinlich. Wer so etwas von sich gibt, der offenbart eigentlich nur sein eigenes mangelndes Selbstbewusstsein und seine mangelnde Toleranz. Cool ist das nicht!

When worlds collide

Ich habe in den vergangenen 15 Jahren in vielen verschiedenen Gyms trainiert: Ketten, Hardcore-Gyms, Wellness-Tempel… Natürlich ist es immer schwierig, viele verschiedene Interessengruppen unter einen Hut zu bekommen und doch kann es gelingen. Die Voraussetzung hierfür ist aber Offenheit – auf allen Seiten.

Und damit tun sich viele schwer. Was mir oft aufgefallen ist: So sehr sich teils beklagt wird, dass Bodybuilding in der Öffentlichkeit so schlecht wahrgenommen wird, so sehr die Vorurteile immer und immer wieder diskutiert werden, so sehr aalen sich viele in genau diesen Stereotypen. Auffallen um jeden Preis – diese Disziplin beherrschen nicht nur junge Mädels in knapper Sportbekleidung. Viele Bodybuilder – zur Begriffsdefinition habe ich ja bereits etwas gesagt, sagen wir daher besser selbsternannte Bodybuilder – leben getreu dem Motto "Hauptsache auffallen".

Grundsätzlich ist das ja auch in Ordnung, aber dann – liebe Hardcore-Bodybuilder – beklagt Euch doch nicht über irgendwelche jungen veganen Mädels, die auf Instagram über ihre Bootygainz philosophieren. Ihr macht nichts anderes, außer vielleicht etwas weniger digital.

Reden hilft

Heute ist es nunmal so, dass sich eine viel heterogenere Menge an Menschen ein Gym teilt, als das vor vielleicht zwanzig Jahren der Fall war. Das verlangt von allen etwas Entgegenkommen. Diese Bereitschaft vermisse ich häufig.

"Wir haben’s erfunden!" wird dann wie in der Hustenbonbon-Werbung gerufen. Das ist auch nicht ganz falsch, aber was ändert es denn? Erwächst daraus ein Geburtsrecht eines jeden Bodybuilders, dass im Gym seine Regeln zu gelten haben? Wie wäre es denn, wenn einmal mehr miteinander denn übereinander geredet würde?

Bild: Sabrina Ernst

Gemeinsamkeiten gibt es

Bodybuilding ist auffällig. Wen das stört, der versteckt sich in möglichst weiten Klamotten, um nicht angesprochen zu werden. Die meisten aber, kokettieren ja durchaus mit ihrem körperlichen Erscheinen. Spannend ist an der Stelle, wenn man einmal die Vorurteile im Sinne von "Was schauen die Lauchs denn so verächtlich. Das hier ist mein Gym" einmal ablegt und wirklich mit den Menschen ins Gespräch kommt.

Egal ob Hardcore-Gym oder Wellness-Tempel, ich habe zu meiner aktiven Zeit in beiden trainiert. Und zumindest für letzteres reichte ein Classic Bodybuilder absolut aus, um als Exot zu gelten. Was ich jedoch irgendwann lernte: Wenn man einfach nett und freundlich ist, verändert sich ganz schnell ganz viel.

Auf interessierte Blicke muss man nicht zwangsläufig mit grimmigem Blick, einmal in die Ecke rotzen und brüllend die Hantel auf den Boden werfen reagieren. Man kann auch ganz freundlich in ein Gespräch einsteigen. Schnell stellt man fest: Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als man glaubt.

Der Mensch ist harmoniebedürftig

Die Einwände, die jetzt kommen, kenne ich: "Die wissen ja eh alles besser – Internetheros" etc. und ja, diese Fälle gibt es. Man mag es kaum glauben, aber es gibt Idioten unter Fitness-Hipstern, wenn ich die einmal so bezeichnen mag. Es gibt auch Idioten unter Rentnern, unter Hausfrauen und – kein Witz – auch unter Bodybuildern. Aber das ist in der Regel nicht die Mehrheit.

Was viele vergessen: Bodybuilding ist für 99 Prozent von uns einfach nur ein Hobby. Ja, es ist ein Lifestyle dies das, aber dennoch: Es ist ein Hobby. Was sollen Hobbies? Richtig, Spaß ma-chen!

Egal was jetzt manche rufen werden, eine miese Stimmung im Gym macht keinen Spaß. Das Gute: Man kann diese Stimmung maßgeblich beeinflussen: durch das eigene Verhalten.

Im Sport sollte es immer um Fairness, Ethik, Respekt und Kammeradschaft gehen. An dieser Stelle mag sich bitte jeder einmal selbst fragen, ob er im Gym diese Kriterien erfüllt. Wenn nein, wird es vielleicht einmal Zeit, grundlegende Dinge zu überdenken.

Vorbild Olympia

Derzeit finden in Pyeongchang in Südkorea die olympischen Winterspiele statt. Ob man nun mit den Sportarten etwas anfangen kann oder nicht, gerade vor dem hier diskutierten Thema lohnt es sich, ab und an mal hereinzuzappen. Und ja: Auch hier gibt es Unsportlichkeiten.

Dennoch: Betrachtet man das große Ganze, berücksichtigt man, um was es hier geht, dann wird man an vielen Stellen eine Lektion über ein angemessenes Miteinander unter Sportlern erfahren.

Was Musil sagt

Eingangs wurde der östereichische Schriftsteller Robert Musil zitiert. Musil hält dem edlen Gedanken des Sports als zentrale Funktion im Rahmen des Menschwerdens den intrinsischen Drecksack entgegen. Drecksack ist hier für mich nicht negativ belegt, vielleicht gehe ich zu weit, aber ich würde ihn in der Nähe von Nietzsches "es" ansiedeln.

Die Frage, die man sich hier stellen muss, ist die, ob das denn nun wirklich ein Gegensatz ist. Spannenderweise sind häufig die härtesten Sportarten diejenigen, in denen Werten wie Fairness eine ganz besondere Bedeutung zukommt, man denke beispielsweise an Rugby. Was heißt das aber nun fürs Gym?

Für viele ist das Gym, das Training eine Befreiung. Endlich loslassen, vielen Verpflichtungen und Regeln entfliehen. Denn: Eisen ist ehrlich. Wer mit einem gesunden Ehrgeiz trainiert, der kennt dieses Verlangen, der Überlegene zu sein. Das ist menschlich. Ohne diesen Drang gäbe es keine Spitzenleistungen.

Die Kunst der Selbstkontrolle

Etwas, das Spitzensportler besser können als na-hezu alle anderen Menschen, ist auf den Punkt alles andere auszublenden, den Fokus rein auf die bevorstehende Aufgabe zu lenken, alle Motivation, allen Druck, alle Aggression auf diesen Punkt zu fokussieren. Im Gym erlebt man häufig, dass genau das nicht funktioniert.

Da wird Fokus mit Attitüde verwechselt: "Sobald ich das Gym betrete, bin ich im Tunnel…eigentlich schon am Parkplatz…zu Hause, wenn ich die Tasche packe…ich weiß gar nicht mehr, wie Tageslicht aussieht. " Wer sich so verhält, der wird natürlich von Kameradschaft wenig mitbekommen.

Der Witz ist nämlich: Schaut man sich mal alte Videos von Arnold und Co an, dann waren die dann in ihrem Tunnel, wenn es darauf ankam. Dazwischen wurde durchaus mal munter geplauscht.


Etwas Offenheit zeigen

Man wird sicher nicht mit jedermann im Gym best buddy werden. Das ist auch nicht nötig. Wenn sich aber alle ein Stück weit bewegen, die Scheuklappen ablegen und anfangen zu reden, dann wird das automatisch die Stimmung im Gym heben. Und nicht nur das: Es wird auch das Verständnis füreinander fördern.

Viele Rentner finden es beispielsweise sehr spannend, wenn ambitionierte Athleten trainieren. Sie scheuen nur den Kontakt, weil die Gegenseite sich bewusst abweisend verhält. Wer eine solche Offenheit zeigt, der sorgt dafür, dass miteinander statt übereinander gesprochen wird. Und nur dann kann es auch gelingen, gegenseitigen Respekt aufleben zu lassen. Für mich ein wünschenswertes Ziel.

Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter www.ironhealth.de! Ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!

Nach oben