Die stille Gefahr

Sportsucht im Bodybuilding

„Mal ganz ehrlich: Du bist doch schon so ein bisschen süchtig nach Sport, oder?“ Diese Frage wurde mir in Smalltalks schon ausgesprochen oft gestellt. Und dir, wenn du ein wenig fitter aussiehst als der Durchschnitt, garantiert auch. Dabei unterstelle ich längst nicht allen Gesprächspartnern Neid und den verzweifelten Versuch, das eigene schlechte Gewissen durch ein „aber das kann ja auch nicht das Richtige sein“ zu beruhigen. Meistens steckt wohl wirklich Neugierde oder gar Sorge hinter der Frage. Denn zugegeben: Sportsucht ist real. Wie sieht es denn bei dir aus?

Die Definition von Sucht


Ich hatte gehofft, eine offizielle Definition des Suchtbegriffs von hoheitlicher Stelle zu finden, zum Beispiel von der WHO oder dem Bundesgesundheitsministerium. Das ist mir nicht gelungen – abstrakte psychische Erkrankungen mit all ihren Grautönen lassen sich eben schwer in Worte fassen.

Die American Society of Addiction Medicine definiert Sucht wie folgt (frei übersetzt):
„Sucht ist eine behandelbare, chronische Krankheit, die ein komplexes Wirkungsgefüge zwischen Hirnströmen, genetischen Anlagen, Umwelt und individueller Lebenserfahrungen umfasst. Betroffene konsumieren Substanzen oder zeigen Verhaltensweisen, die zwanghaft werden und häufig trotz negativer Auswirkungen fortgeführt werden.“

5 Symptome der Sucht


Kompakte Informationen fand ich dann in einem Paper zweier amerikanischer Wissenschaftler, die aus 52 Studien fünf prägnante Punkte einer Sucht extrahierten. Es gibt übrigens noch diverse andere Checklisten, aber greifen wir uns einmal diese raus, vor allem da sie sich auch gut auf nicht-stoffliche Abhängigkeiten anwenden lässt:

Foto: Andreas Volmari

Exzessive Beschäftigung

Neben dem Konsum des Suchtmittels oder der Ausübung der jeweiligen zwanghaften Tätigkeit kreisen die Gedanken ständig um die Abhängigkeit. Planung, Vorbereitung und ggf. Erholung (z.B. Kater nach Alkoholkonsum) beanspruchen große zeitliche und mentale Kapazitäten. Alle anderen Bereiche des Lebens werden hierdurch beeinträchtigt.

Kurzfristige Befriedigung

Unmittelbar auf Konsum oder Tätigkeitsausführung folgt ein Moment der totalen Befriedigung. Das Gefühl der Belohnung ist sehr viel intensiver, als es jemals durch Nicht-Suchtmittel erzielt werden könnte. Die Befriedigung hält jedoch nur kurz an und der „Normalzustand“ der Psyche erscheint im Kontrast umso trostloser.

Kontrollverlust

Der Kontrollverlust zählt zu den bittersten Symptomen einer Sucht. Süchtige verspüren durchaus den Wunsch, ihr Verhalten zu durchbrechen, sind aber machtlos. Handlungen werden automatisiert, Impulse können zunehmend schlechter kontrolliert werden.

Negative Auswirkungen

Süchte ziehen zwangsweise negative Konsequenzen nach sich, physisch, psychisch, sozial, finanziell, etc. Problematisch ist, dass die extreme Befriedigung (siehe 2.) immer unmittelbar eintritt und die negativen Auswirkungen mittel- oder langfristig, sie lassen sich daher sehr gut verdrängen und verleugnen.

Andersartigkeit

Süchte führen dazu, dass sich der Betroffene andersartig fühlt, häufig bis hin zur totalen Entkoppelung von der Gesellschaft. Viele Suchterkranke berichten allerdings, sich schon vor Beginn der Abhängigkeit als Außenseiter wahrgenommen zu haben, so dass hier Ursache und Symptom schwer voneinander zu trennen sind.

Die Suchtmerkmale bei Bodybuildern


Die Diagnose Sportsucht ist schwer zu fällen und das Leiden erfährt bislang auch wenig Aufmerksamkeit in der angewandten Psychologie. Wie bei allen verhaltensbezogenen Abhängigkeiten ist der Grat zwischen normal und zwanghaft ein schmaler.

Schauen wir uns noch einmal unsere 5 Kriterien an:

Exzessive Beschäftigung im Sport

Klar, wer leidenschaftlich beim Sport dabei ist, schaut in seiner Freizeit bei den einschlägigen Fitness-YouTubern vorbei, engagiert sich im Team Andro-Forum, befasst sich oft auch mit Trainingswissenschaften und Trainingsplanung. Das alles gehört zum Lifestyle und geht auch Menschen, die anderen z.B. kreativen Hobbies nachgehen, nicht anders.

Nicht in Ordnung sind aber beispielsweise die folgenden Verhaltensweisen:
  • Jedes andere Thema wird als irrelevant empfunden und ignoriert, auch schulische oder berufliche Inhalte. Der Geist verroht.
  • Menschen mit anderen Interessen werden als „minderwertig“ empfunden und gemieden.
  • Durch das Training wird ein dauerhaft angeschlagener körperlicher Zustand hergestellt, der sonstige Freizeitaktivitäten massiv einschränkt. Das gesamte Leben wird um den Sport herum geplant (z.B. der Verzicht auf Feierlichkeiten am Wochenende, um am nächsten Tag fit für das Training zu sein).
Anmerkung: In diese Kategorie passt besonders gut alles rund um das Thema zwanghafte Beschäftigung mit dem Essen, die ja häufig mit Sportsucht einhergeht (Oder auch die Sportsucht mit dem gestörten Essverhalten. Die Psychologie spricht auch oft von der sogenannten Sekundären Sportsucht, bei der das exzessive Sporttreiben eine Begleiterscheinung einer Essstörung ist). Dies bietet allerdings Stoff für einen eigenen Artikel und soll hier daher nicht weiter vertieft werden.

Kurzfristige Befriedigung bei Sportsuch

Zugegeben, das Gefühl nach einer normalen Trainingseinheit im Fitnessstudio ist nicht mit den Effekten des Rauschmittelkonsums vergleichbar. Zudem geht es im Sport ja eher um die langfristigen Effekte als den kurzfristigen Kick.

Dennoch ist der Ausstoß von Glückshormonen nach dem Sport bekanntlich existent und ja im Prinzip auch wünschenswert, wird sogar zur Therapie von Depressionen eingesetzt. Die Jagd nach dem Endorphinrausch ist wohl auch nicht das Hauptmerkmal von Sportsüchten, könnte aber z.B. im High Intensity Training durchaus eine Rolle spielen. Alarmzeichen hier sind:
  • Der Körper wird in jeder Einheit bis ans Limit getrieben.
  • Gemäßigte Einheiten – die eigentlich die Regel sein sollten und nicht die Ausnahme – werden als Zeitverschwendung wahrgenommen und hinterlassen den Sportler unzufrieden und mürrisch.
  • Auch kürzeste Phasen ohne hochintensives Training führen zu starken Verstimmungen. Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten können keine Ablenkung mehr bieten – auch solche nicht, die in der Vergangenheit einmal viel Freude bereitet haben.
Foto: Andreas Volmari

Kontrollverlust bei Sportsucht

Sportler sind bekannt für Disziplin und eine stillschweigende Arbeitermentalität. Mit dem zitternden Junkie auf dem Weg zum nächsten Schuss lassen sie sich auf den ersten Blick kaum vergleichen.

Dennoch werden auch Sportsüchtige mehr und mehr von ihrer Abhängigkeit vereinnahmt und gesteuert, auch wenn sich dies subtiler zeigt:
  • Ruhetage werden nicht eingehalten. Ein nicht zu ertragendes schlechtes Gewissen treibt den Betroffenen trotz anderweitiger Planung ins Training.
  • Jede Trainingseinheit verkommt zum Wettkampf. Auch, wenn ein lockeres Training auf dem Plan stand, werden Leistungen ausgereizt, auch über Schmerzgrenzen hinaus.
  • Das Trainingspensum wird sukzessive erhöht, gleichzeitig nimmt das Gefühl zu, immer noch zu wenig zu tun.

Negative Auswirkungen durch Sport

Hier wird es kompliziert. Denn während Rauchen garantiert das Krebsrisiko erhöht oder jeder Kauf (Kaufsucht) immer ein Loch ins Budget reißt, hat Training per se ja keine gesetzten negativen Auswirkungen. Wie immer macht hier aber die Menge das Gift.

Es gilt zu erkennen, wann eine an sich „gute“ Verhaltensweise ins Negative umschlägt. Du manövrierst dich in zukünftige Schwierigkeiten, wenn das Folgende auf dich zutrifft:
  • Das Training wird dauerhaft zu schwer und hart gestaltet, sodass Verschleiß an den passiven Strukturen des Bewegungsapparates billigend in Kauf genommen wird.
  • Verletzungen und Schmerzen werden ignoriert oder sogar mit Schmerzmitteln ruhig gestellt.
  • Erkältungen und sonstige Krankheiten werden ignoriert.
  • Das private und familiäre Umfeld wird vernachlässigt.
  • Training wird über Schule, Studium oder Beruf gestellt, mit entsprechenden Konsequenzen.
  • Alle sonstigen Aktivitäten, die für die mentale Gesundheit unabdinglich sind – z.B. Umfeldwechsel durch Reisen, Lesen, gutes Essen etc. – werden vernachlässigt.

Andersartigkeit durch den Sport

>Sind wir nicht alle besondere Schneeflocken? Hobbys sind immer auch Subkulturen und das Gefühl der Einzigartigkeit schweißt ihre Anhänger zusammen und sorgt richtig dosiert für Motivation und Erfüllung.

Ein Merkmal von Süchten ist aber, dass sie langfristig einsam machen. Trifft das auch auf dich zu?
  • Der Sportler fühlt sich von allen unverstanden.
  • Er glaubt, die alleinige Wahrheit zu kennen. Warnungen von Außenstehenden werden ignoriert.
  • Training wird zum Ersatz sozialer Kontakte. Eine nahezu persönliche Beziehung zum Sport entsteht, gewöhnliche zwischenmenschliche Bindungen sind kaum noch möglich. Im Fall von Trauer und Sorgen wird ein Training einem persönlichen Gespräch vorgezogen.
Gewiss gibt es Überschneidungen zwischen den Punkten und die aufgezählten Alarmsignale ließen sich zum Teil auch mehreren Kategorien zuordnen. Auch ist die Liste nicht als abschließend zu betrachten.

Hinzu kommen die angesprochenen gängigen vorangegangenen oder begleitende Süchte und –störungen wie Anorexia, Angststörungen, Adoniskomplex usw., die eine Diagnose allein anhand der genannten Kriterien unmöglich machen.

Sportsucht – bist du betroffen?


Und wann bist du nun sportsüchtig? Wenn du x Haken hinter die Aufzählungen gemacht hast? Und selbst wenn: Ab welchem Grad der Sucht ist sie denn überhaupt dramatisch? Ein bisschen Freak-Faktor ist doch die Voraussetzung, um Legendäres zu schaffen. Eine kaputte Schulter mit 90 ist doch ein angemessener Preis für den Spaß, den man jetzt beim Bankdrücken hat. Und diese „Freunde“, denen es nur ums Saufen geht, braucht doch eh kein Mensch. Saufen übrigens auch nicht.

Aber wie angemessen ist ein früher plötzlicher Tod durch eine Herzmuskelentzündung, die durch ständiges Training mit Infekten provoziert wurde? Und brauchst du nicht doch ein stabiles soziales Umfeld, einen Partner und familiäre Beziehungen?

Es liegt in der Natur von Süchten, dass sie wider besseren Wissens verleugnet werden. Noch der härteste Spiegeltrinker redet sich ein, er könne „ja jederzeit aufhören“. Wichtig ist, dass du selbstkritisch bleibst und dich immer wieder reflektierst, auch mal von außen betrachtest.

So einfach verwechselt man Disziplin und Zwang dann doch nicht. Oder die zur Erreichung aller Ziele notwendigen Entbehrungen und ein freudloses Dasein.

Hilfreich ist auch ein Blick in die Vergangenheit. Es gibt genetische Dispositionen für Suchterkrankungen (z.B. die Hirnstoffwechselaktivität im Belohnungszentrum), und wer hier schon eine Historie hat, muss wachsam bleiben. Sport ist ja in nicht wenigen Fällen auch nur eine Substitution für vorangegangene Abhängigkeiten, besonders häufig für Essstörungen.

Zum Schluss: Dies ist keine psychologische Beratungsplattform!

Ob du schon in die Suchtfalle getappt bist, können nur Fachkräfte beurteilen und gegebenenfalls die Situation auflösen. Lieber einmal zu oft nach Hilfe rufen als zu wenig.

Die Botschaft in diesem kleinen Artikel kann nur lauten: Nur, weil der Sportler gesünder aussieht als der Alkoholiker, ist sein Vorgehen nicht in jedem Fall konstruktiver. Sportsucht existiert. Warte nicht auf dein persönliches Aha-Erlebnis. Stell dir immer wieder die dem zeitlosen Filmdrama American History X entnommene Frage: Bessert sich durch das, was du tust, dein Leben? Wirklich?

Quellen

  • Glasner, S.: Motivation and addiction: The role of incentive processes in understanding and treating addictive disorders. Handbook of Motivational Counseling, 2004.
  • Haertzen et al.: Reinforcements from the first drug experience can predict later drug habits and/or addiction: Results with coffee, cigarettes, alcohol, barbiturates, minor and major tranquilizers, stimulants, marijuana, hallucinogens, heroin, opiates and cocaine. Drug Alcohol Depend, 2983.
  • Krivoschekov, S.; Lushnikov, O.: Psychophysiology of sports addictions (exercise addiction). Human Physiology, 2011.
  • Sussman, A.; Sussman, S.: Considering the Definition of Addiction. International Journal of Environmental Research and Public Health, 2011.

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