Der Pro-Maker

Stefan Kienzl: der Boss unter den Coaches

Bodybuilding ist kein Sport, in dem um Coaches ein großer Personenkult betrieben wird. Einer hat es dennoch geschafft, in den letzten Jahren zu teilweise größerer Bekanntschaft zu gelangen als viele seiner Schützlinge: der Österreicher Stefan Kienzl. Spätestens seit er deutschsprachige Athleten in das Finale des Mr. Olympia gebracht hat, ist er in der europäischen Szene zum Star hinter den Stars geworden.

Foto: Youtube

Radsport und Rockstarleben: So kam Stefan Kienzl zum Bodybuilding


Stefan Kienzl wurde am 12. April 1981 in Wolfsberg im österreichischen Kärnten geboren. Er war, was angesichts seiner heutigen medialen Präsenz erstaunlich, ein sehr schüchternes Kind. Sportliche Begeisterung zeigte er jedoch schon von Kindesbeinen an. Bis ins Teenageralter fuhr er auf nationaler Ebene erfolgreich Mountainbike.

Als 16-Jähriger hing Stefan Kienzl, der aus einer Musikerfamilie stammt, das Radfahren an den Nagel und verschrieb sich ganz seiner Heavy Metall-Band. Mit dieser Leidenschaft ging auch das typische Rockstarleben mit wilden Partys, schlechter Ernährung und sportlicher Inaktivität einher. Der Lebensstil zog sich bis weit in seine Studentenzeit hinein. So geriet Kienzl in ein Übergewicht, wog schließlich untrainierte 110 Kilogramm.

Zum Weihnachtsfest 2002 schenkte sein Bruder ihm eine Zehnerkarte für ein Fitnessstudio. Hier begann Stefan Kienzl ganz klassisch zum ersten Januar mit dem Training. Es sollte Liebe auf den ersten Blick werden: Stefan Kienzl betrieb voller Begeisterung bis zu zwei Stunden Cardio und drei Stunden Krafttraining am Tag. Bis zum April hatte er mehr als 35 Kilo abgenommen, konnte innerhalb kürzester Zeit mehr als 100 Kilogramm heben und beugen (seine späteren Bestleistungen standen bei 290 Kilo im Kreuzheben und 300 kg in der Kniebeuge).

Stefan Kienzls eigene Wettkampferfahrung


Sollte jeder Trainer selbst einmal Wettkampfathlet gewesen sein? Die Frage wird in der Bodybuildingszene mit Leidenschaft diskutiert. Stefan Kienzl weiß in jedem Fall aus erster Hand, was hinter dem Bühnenauftritt steckt: 2004, mit nur einem Jahr Trainingserfahrung, gab er sein Debüt auf der Österreichischen Meisterschaft. Hier wurde er, mittlerweile 74 Kilogramm leicht, Dritter in der damaligen „Body Fitness Klasse“, dem Vorgänger des Classic Bodybuilding.

2006 unternahm Stefan Kienzl einen erneuten Anlauf. Er wog jetzt 86 Kilo in bühnentauglicher Form und belegte den zweiten Platz auf der nationalen Meisterschaft und den 14. bei den Weltmeisterschaften. Keine desaströsen Ergebnisse, doch Stefan Kienzl musste sich seine erheblichen Defizite eingestehen. Durch zahlreiche Verletzungen aus seiner Zeit als Radsportler – unter anderem ein Abriss des Brustmuskels und ein Wirbelsäulenbruch – war ihm ein ausgewogener Muskelaufbau am ganzen Körper unmöglich. Zudem leidet er infolge einer chronischen Erkrankung an zahlreichen Lebensmittelallergien, die ihm die Diäten erschweren. Ohne die Aussicht auf Partizipation in der Spitze verlor Stefan die Motivation und gab das aktive Wettkampf-Bodybuilding auf. Den Weg nach oben sollte er später bekanntlich in anderer Funktion schaffen.

So wurde Stefan Kienzl zum Starcoach


Aller Mittelmäßigkeit zum Trotz hatte Stefan Kienzl schon als Athlet bemerkt, dass ihm sein wissenschaftlicher Zugang zum Sport einen Vorteil verschaffte. Der Musterschüler hatte 1999 die Matura mit Auszeichnung abgelegt und bis 2004 Medizin studiert. Kurz vor dem Examen brach er den Studiengang ab und wechselte zu den Ernährungswissenschaften, denen er sich bis 2007 widmete. Wiederum ohne Abschluss unternahm er noch einen Ausflug in die Betriebswirtschaft, ehe er sich 2009 selbstständig machte. Gemeinsam mit einem Freund gründete er das Therapiezentrum Body Consultants, das bis heute Bestand hat.

Neben dem Studium hatte der Österreicher schon im berühmten Top Gym in seiner Wahlheimat Wien gejobbt und Wettkampfathleten betreut. Bis 2011 hatte er das Coaching aber eher als aufwendiges Hobby begriffen und vollkommen unentgeltlich angeboten – ein bemerkenswerter Zug in einer Szene, in der nicht wenige selbsternannte „Coaches“ ohne jede nennenswerte Qualifikation ihre Dienstleistungen kostspielig feilbieten.

Ab 2012 nahm Stefan Kienzl dann die Wettkampfbetreuung endlich gegen Vergütung in das Portfolio der Body Consultants auf. Heute ist der Kärntener hauptberuflich Trainer für Bodybuilder und Bodybuilderinnen aller Klassen und Verbände. Seinen Vorsitz der Österreichischen NABBA gab er 2007 auf und war danach noch als Wertungsrichter aktiv. Auch von diesem Insiderwissen um die Präferenzen und Politiken der Kampfgerichte können seine Trainees heute profitieren.

Stefan Kienzls Erfolge als Coach


Der Spitzname „österreichischer Pro-Maker“ kommt nicht von ungefähr: Die Liste von Athleten, die Kienzl sowohl im naturalen als auch im unterstützten Bodybuilding vom Amateur zur Pro Card-Inhaber brachte, ist endlos. Und auch in den Profiligen bis hin zur IFBB Pro League konnten sich Kienzls Methoden bewähren.

Zu Kienzls größtem Erfolg zählt der vierte Platz des deutschen Classic Physique Athleten Urs Kalecinski auf dem Mr. Olympia 2021. Mit Urs konnte Kienzl auch schon Profisiege auf der Tampa Pro 2021 sowie auf der Boston Pro und Kuwait Classic 2022 einfahren.

Mit dem Landsmann Fabian Mayr schickt Kienzl einen weiter Star der Classic Physique ins Feld, der schon zwei Profisiege und einen achten Platz beim Mr. Olympia verbuchen konnte und es in Österreicher zu einem kleinen Promistatus auch außerhalb der Bodybuildingnische gebracht hat.

Von 2021 bis 2022 betreute Kienzl auch den deutschen Schwergewichts-Bodybuilder Tim Budesheim, der es in diesem Zeitraum zu einigen Top-3-Platzierungen in der offenen Klasse brachte.

Stefan Kienzls Prinzipien


Athleten schätzen Kienzl für seine Transparenz und seinen Grundsatz der Nachvollziehbarkeit: Der Sportler soll stets darüber im Bilde sein, warum eine Entscheidung gefällt wurde und sein Mitspracherecht behalten. Stefan Kienzl wird vor allem mit dem HIT-Prinzip in Verbindung gebracht, ist hierauf aber keineswegs festgenagelt. Ein gutes Training basiert für ihn auf zwei Pfeilern: perfekte Aktivierung von Muskelfasern und Intensität.

Diäten gestaltet der Österreicher gern gemäßigt. Nach seiner Vorstellung sollen Bauchmuskeln auch in der Offseason sichtbar bleiben, um später radikale Kaloriendefizite zu vermeiden.


Stefan Kienzl abseits vom Coaching


Neben dem Coaching ist Stefan Kienzl in den sozialen Medien sehr aktiv. Seinem Instagram @bossofoutlaw folgen fast 55.000 User. Auf YouTube hat er 40.000 Abonnenten. Der Kanal wird von der Agentur gemanagt, die u.a. Schwarzwald John oder einst Hollywood Matze groß gemacht hat. Der Österreicher ist auch das Gesicht hinter der zu ESN gehörenden Marke VAYU, die für Premiumsupplemente mit High End-Inhaltsstoffen steht.

Im Jahr 2013 gab Stefan Kienzl, der verheiratet und Vater einer Tochter ist, übrigens noch einmal sein Bühnencomeback. Danach stellte er sein eigenes Training bis 2019 komplett ein. Mittlerweile soll er wieder unregelmäßig den Weg ins Fitnessstudio finden – wenn Zeit und mentale Kapazitäten bleiben. Denn wer den Coach einmal in all seiner Emotionalität am Bühnenrand gesehen hat, weiß: Hier steckt jemand all sein Herzblut in seinen Beruf.

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