Wie viel ist zu viel?

Stehen Frauen auf Muskeln?

Eindruck bei den Mädchen zu machen, das ist das Hauptmotiv, das viele junge Männer überhaupt zum Training im Fitnessstudio bringt. Und so ganz lässt der Wunsch nach Anerkennung durch das andere Geschlecht uns ja nie los. Aber steht die moderne Frau denn überhaupt auf Muskeln? Und wenn ja: Wie viel Muskelmasse darf es denn sein?

Der perfekte Mann: Es kommt doch auf die Größe an


Bevor wir uns der Muskulatur widmen, kommen wir zunächst zu einer harten Wahrheit: Frauen bevorzugen große Männer. Das dürfte jeder Leser schon geahnt (oder je nach eigener „Ausstattung“ auch befürchtet) haben und die Wissenschaft bestätigt unsere Erfahrungswerte.

Foto: Thomas Koch

Die „perfekte Größe“ ist dabei schwer zu beziffern. Diese variiert je nach Erhebungsmethode und auch zwischen den Ländern. In Ländern mit im Durchschnitt sehr großen Männern (z.B. Spitzenreiter Niederlande: 1,83 Meter) ist frau natürlich angesichts der vorhandenen Auswahl anspruchsvoller. In solchen mit kleinen (Schlusslicht Ostimor: 1,60 Meter) wird weniger streng gerichtet.

Zudem bewerten Frauen Männer auch in Abhängigkeit von ihrer eigenen Größe. So kam eine Studie der Universität Groningen zu dem Schluss, dass Frauen einen Größenunterschied von 21 cm zwischen sich und ihrem Partner als ideal empfinden (interessant: Männer geben sich schon mit 6 cm zufrieden).

Aber na ja, an unserer Größe lässt sich ja ohnehin nichts ändern. Kommen wir also zum eigentlichen Thema dieses Artikels: Wie sieht es aus mit der perfekten Muskulatur?

Die Ratio ist wichtig


Der perfekte Bizepsumfang? Die perfekte Brust? Die ideale Schulterbreite? Alles kaum zu pauschalisieren. Es gab und gibt hierzu immer wieder Untersuchungen, die jeweils zu unterschiedlichen Zahlen kommen – aber immerhin gleiche Tendenzen zeigen.

In einer Studie sollten Studentinnen und Studenten ein vorgegebenes 3D-Image des jeweils anderen Geschlechts nach eigenen Vorlieben bis zur Perfektion modellieren. Heraus kam im Durchschnitt ein Mann mit einem BMI von 24,5 und einem, auch das überrascht nicht, V-förmigen Oberkörper. Das Verhältnis von Taille zu Hüfte sollte 0,86 und das von Taille zu Brust 0,77 betragen.

Die Betrachtung von Verhältnissen ist offensichtlich sinnvoller als die Suche nach perfekten Umfängen einzelner Körperteile, denn in ein stimmiges Gesamtbild ist natürlich auch die Körpergröße einzubeziehen. Auch das ist keine Neuigkeit: Große Athleten haben es schwer, massig auszusehen und z.B. eindrucksvolle Arme auszubauen. Der an einem 1,95 m großen Hünen halbwegs passable aussehende Bizeps kann an einem 1,65 Meter-Mann schnell „gedrungen“ wirken.

Es gibt sogar Autoren, die die Attraktivität des männlichen Körpers an seiner Übereinstimmung mit dem Goldenen Schnitt messen wollen. Das berühmte Verhältnis, das z.B. beim Bildaufbau in der Fotografie und Kunst angewendet wird, tritt in der Natur immer wieder auf und wird vom menschlichen Auge als besonders attraktiv empfunden.

The Golden Ratio beträgt als Zahlenwert ausgedrückt rund 1,6. Ein Schulter-Hüft-Verhältnis von 1,6 erscheint uns angeblich besonders ansehnlich, der Umfang des angespannten Oberarms sollte 1,6-mal dem Umfang des Handgelenkes entsprechen, der Oberschenkel 1,6-mal dem Kniegelenk usw.

Die Biologie hinter unserem Geschmack vs. gesellschaftlicher und medialer Einfluss


Wir sollten eigentlich genau das attraktiv finden, was auf Fruchtbarkeit und Vitalität schließen lässt. Nachwuchs zeugen, gemeinsam groß ziehen und uns selbst ernähren und verteidigen – mehr sollten wir evolutionsbiologisch gar nicht von unserem potenziellen Partner verlangen.

Frauen sind daher von Natur aus keine oberflächlichen Wesen, die sich mit einem starken Mann an ihrer Seite schmücken wollen. Sie suchen nach äußeren Merkmalen, die auf die oben genannten Eigenschaften schließen lassen. Muskulatur steht nicht nur für Stärke und Gesundheit, sondern auch für einen intakten Hormon- und insbesondere Testosteronhaushalt. Hier winkt also Fortpflanzungspotenzial.

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Wir blenden zunächst mal aus, dass sich selbst die Präferenzen der einzelnen Frau je nach Status, Umfeld, biografischen Erfahrungen etc. über das Leben hinweg ändern (und dann auch noch zyklusabhängig auf Monatsbasis schwanken). Sonst wird es noch komplizierter.

Aber auch die gesamtgesellschaftlichen Vorlieben sind mitnichten in Stein gemeißelt. Der hochentwickelte Homo sapiens kann der Evolutionsbiologie ein Schnippchen schlagen. So entwickeln sich immer wieder Idealbilder, die eigentlich gar nicht so ideal sind. Die beliebte Blässe im Mittelalter etwa, die zwar eigentlich ein Zeichen von Krankheit ist, aber damals bewies, dass jemand nicht seinen Lebensunterhalt in der Feldarbeit verdienen musste. Mit Aufkommen der Medien und später Sozialen Medien setzte sich diese Entwicklung noch rasanter fort. Der Trend zum offensichtlich todkranken Magermodel der 60er-Jahre ist hier ein Beispiel. Später der Hashtag #tighgap auf Instagram usw.

Schönheitsideale sind also individuell und gesellschaftlich wandelbar. Das ist auch eine beruhigende Nachricht: Der durchtrainierte Körper mag zwar ein Aushängeschild der Überlebens- Fortpflanzungsfähigkeit sein, viele Frauen verbinden ihn aber, u.a. geprägt durch mediale Stereotypen, auch mit negativen Attributen wie Selbstverliebtheit oder Oberflächlichkeit.

Vom schlechten Gewissen zum Dad-Bod?


In einer Studie von 2016 kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass ein Körperfettanteil von 16 Prozent am Mann als besonders attraktiv empfunden wird. Das ist nicht besonders niedrig (nach einer Faustregel zeigt sich das Sixpack erst unterhalb von 13 bis 14 Prozent). Tatsächlich geht der Trend in den vergangenen Jahren, unter anderem befeuert durch Promis wie Frauenschwarm Leonardo DiCaprio, zum sogenannten „Dad-Bod“, also einem kräftigen, aber gern auch etwas runderen, weicheren Männerkörper. Dieser steht für einen aktiven Lebensstil, aber auch für die Fähigkeit zu Genuss, Gemütlichkeit und Geselligkeit.

Und mal ehrlich, liebe Frauen (ich bin ja selbst eine): Hält uns ein allzu sportlicher Mann nicht auch irgendwie den Spiegel vor, ist ein Mahnmal zur Erinnerung, dass wir selber auch mal mehr tun und ein bisschen weniger schlemmen sollten? Jede Frau schaut sich gern zu Unterhaltungszwecken das Fitnessmodel aus der Werbung an. Wer aber auf Partnersuche ist befürchtet hier – wenn vielleicht auch unterschwellig – schnell, dass Lebensstile nicht zusammenpassen und bestenfalls ein schlechtes Gewissen, schlimmstenfalls ständige Konflikte drohen.

… zum Abschluss: Was eigentlich zählt


Dieser Text muss natürlich mit dem obligatorischen Verweis enden, dass das Aussehen nur eine Nebenrolle bei der Partnerwahl spielt. Kämen nur muskulöse Männer zum Zuge, wäre die Menschheit ja auch schon längst ausgestorben. In der Realität sind natürlich ganz andere Kriterien ausschlaggebend. In Umfragen wechseln sich Humor, Zuverlässigkeit, Zärtlichkeit, Ehrlichkeit, Treue, Intelligenz usw. gegenseitig an der Spitze ab. Das reicht dann aber auch an Kitsch. Mach jetzt trotzdem den Computer aus und geh trainieren – wenn nicht für uns, dann aber erstrecht für dich selbst!

Quellen

  • Brierley et al.: The Body and the Beautiful: Health, Attractiveness and Body Composition in Men’s and Women’s Bodies. Plos One, 2016.
  • Cossley et al.: What Is an Attractive Body? Using an Interactive 3D Program to Create the Ideal Body for You and Your Partner. Plos One, 2012.
  • Little et al.: Social learning and human mate preferences: a potential mechanism for generating and maintaining between-population diversity in attraction. Philosophical Transactions of the Royal Society, 2011.
  • Persson, Roland: Big, Bad & Stupid or Big, Good & Smart. Jönkoping University Press, 2004.
  • Stulp et al.: Women want taller men more than men want shorter women. Personality and Individual Differences, 2013.

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