Herzerkrankungen als häufigste Todesursache

Sterben immer mehr Profibodybuilder im jungen Alter?

Mit Cedric McMillan starb vor kurzer Zeit erneut ein Profibodybuilder. Mit seinem Sieg bei der Arnold Classic 2017 zählte McMillan zu den Top-Athleten der IFBB, was seinen frühen Tod menschlich wie sportlich zu einem großen Verlust macht. Doch der Schwergewichtsbodybuilder aus Mamplewood ist längst nicht der einzige IFBB Pro, der in einem Alter verstarb, in dem andere mitten im Berufsleben stehen. Shawn Rhoden, George Peterson, Dallas McCarver, John Meadows, Luke Sandoe… Die Liste an Athleten, die in den letzten Monaten verstarben, lässt sich scheinbar beliebig erweitern, so dass zuletzt immer wieder die Frage aufkam, ob heutzutage mehr Profibodybuilder an Herz- oder Nierenproblemen sterben, als es früher noch der Fall war.

Fotos: Andreas Volmari, Matthias Busse, Matthias Busse

Die verschiedenen Bodybuildingzeitalter


Dass die heutigen Körper, die auf den großen Bodybuilding-Bühnen zu sehen sind, nicht nur mit ein paar Haferflocken und etwas Proteinpulver erreichbar sind, sollte jedem klar sein. Doch auch berühmte Bodybuilder der Generation rund um Arnold Schwarzenegger nutzen bereits chemische Unterstützung, um die angestrebten Muskelberge zu erreichen. Dies war zweifelsfrei kein Ersatz für hartes Training und eine zielführende Ernährung, aber letztendlich eine Notwendigkeit, um ein gewisses Maß an Muskelmasse überhaupt erreichen zu können.

Wie weit der Ge- und Missbrauch von synthetisch hergestellten Hormonen und Medikamenten zurückgeht, ist nur schwer zu sagen. Dennoch wird das Bodybuilding heutzutage grob in vier Zeitalter unterteilt, die sich in unterschiedlichen Punkten unterscheiden. Die Nutzung von Anabolika ist einer davon.

Das Bronzezeitalter


Begonnen hat alles im Bronzezeitalter, das durch Athleten wie Eugene Sandow, Charles Atlas oder Georg Hackenschmidt geprägt wurde. Schon damals trainierten die Athleten mit schweren Gewichten und verfolgten unterschiedlichste Ernährungsstrategien. Sandow vermarktete zeitweise sogar ein Kakao-Pulver, das wie ein Nahrungsergänzungsmittel vermeintlich den Muskelzuwachs fördern würde. Steroide spielten in der damaligen Zeit jedoch noch keine Rolle. Dies ist schlichtweg auch dadurch bedingt, dass Testosteron erst seit 1935 im Labor hergestellt werden kann.

Das Silberzeitalter


Ungefähr zu dieser Zeit begann auch das Silberzeitalter des Bodybuildings mit Athleten wie Reg Park, Steve Reeves oder John Grimek. Letzterer wurde nie auf einem Bodybuildingwettkampf geschlagen und starb erst 1998 im hohen Alter von 88 Jahren. Während heutzutage hohen Splits im Training verbreitet sind, trainierten die Athleten des Silberzeitalters vornehmlich Ganzkörpereinheiten, die von schweren Grundübungen geprägt waren.

Auch die Nutzung von leistungssteigernden Substanzen fand in dieser Zeit bereits statt, wobei der Gebrauch von Anabolika erst 1974 auf den Dopinglisten des IOCs gesetzt wurde. Frühere Verbote, die durchaus existierten, scheiterten an der Nachweisbarkeit eines entsprechenden Missbrauchs.

Die goldene Ära des Bodybuildings


Ende der 1960er begann die goldene Ära des Bodybuildings. Trainings- und Ernährungsmethoden wurden verfeinert. Bodybuilding wurde insgesamt kommerzieller und der Gebrauch von unterstützenden Substanzen nahm weiter zu. Dennoch schienen die Athleten der damaligen Zeit weiterhin eine gewisse Balance zu bewahren. Arnold Schwarzenegger, Franco Columbu, Lou Ferrigno oder Serge Nubret erreichten alle ein Alter Jenseits der 70.


Mit Ray und Mike Mentzer gibt es jedoch auch aus dieser Zeit bereits prominente Beispiele für einen frühen Tod. Die beiden Ausnahmeathleten verstarben innerhalb von nur 38 Stunden und deckten bereits damals zwei tragische Formen ab, die auch heutzutage regelmäßig im Fokus der Diskussionen stehen. Während Mike am 10.06.2001 im Alter von 49 Jahren am Herzstillstand verstarb, erlag Ray Mentzer am 11.06.2001 einem Nierenversagen.

Die 80er Jahre als Übergangsphase


Während wir heutzutage fraglos in der Zeit der Massemonster angekommen sind, bildeten die 80er Jahre eine Art Übergangszeit zwischen dem goldenen Zeitalter und dem heutigen Bodybuilding. Neben Tom Platz oder Rich Gaspari wird insbesondere Lee Haney vielen Bodybuildingfans auch heute noch ein Begriff sein. Noch bevor Ronnie Coleman es schaffte, einen Mr. Olympia Titel mehr als Arnold Schwarzenegger zu gewinnen, kürte Lee Haney sich 1991 mit acht Siegen zum zwischenzeitlichen alleinigen Rekordhalter.

Auch die Top-Athleten der damaligen Zeit sind heutzutage fast alle noch am Leben. Einzig Sonny Schmidt und Mohammed Benaziza weilen nicht länger unter den Lebenden. Schmidt erreichte 1991 den sechsten Platz beim Mr. Olympia und gewann 1995 den Masters Olympia. Er erlag 2004 im Alter von 50 Jahren dem Krebs.

Benaziza starb dagegen bereits 1992 im Alter von 33 Jahren an Herzversagen. Wenige Stunden zuvor stand er noch beim Grand Prix in Holland auf der Wettkampfbühne. Ihm gelang zweimal ein fünfter Platz beim Mr. Olympia.

Massemonster durch massig Steroide?


Mit Beginn der 1990er wandelte sich schließlich das Bild des Profibodybuildings. Konnte Lee Haney 1991 noch ein letztes Mal den Mr. Olympia für sich entscheiden, läutete der sechsfache Mr. Olympia Dorian Yates im Folgejahr eine neue Ära ein. Der Brite machte nie ein Geheimnis um die Nutzung von Dopingmitteln. Insbesondere der Einsatz von HGH (Wachstumshormonen) gilt heutzutage als Grund für den Wandel des Bodybuildings.

Auch wenn es Athleten wie Dexter Jackson oder Shaw Rhoden jeweils gelang einen Olympia-Titel zu gewinnen, obwohl sie nicht die Prototypen der Massemonster waren, profitierten beide rückblickend vor allem von einem Leistungsvakuum. Jackson wurde im Folgejahr erneut durch Jay Cutler geschlagen. Rhoden besiegte einen zunehmend schlechter gewordenen Phil Heat und verpasste seine Titelverteidigung 2019 wegen Vergewaltigungsvorwürfen. Es ist allerdings unklar, ob er gegen den in Kuwait hochgezüchteten Brandon Curry 2019 tatsächlich gewonnen hätte.

Wie so oft im Leben gilt: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Nicht nur das Bodybuilding selbst veränderte sich. Auch die Zahl der Athleten, die bereits in frühen Jahren verstarben, stieg seitdem zunehmend an. - Zumindest könnte man dies meinen. Aber ist es tatsächlich so?

Der Tod des Andreas Münzer


Während die Liste an prominenten Beispielen, die früh verstarben, für alle vorherigen Phasen des Bodybuildings mehr oder weniger leer blieb, füllt sie sich seit der Ära der Massemonster zunehmend. Einer der bekanntesten Athleten, der dem Medikamentenmissbrauch frühzeitig Tribut zollen musste, war Andreas Münzer. Dem österreichischen Bodybuilder war kein Sieg bei einem Profi-Wettkampf vergönnt. Dennoch existiert bis heute ein gewisser Mythos um seinen niedrigen Körperfettanteil auf Wettkämpfen.

Doch Münzers Tod wurde auch weit über die Grenzen des Bodybuildings hinaus bekannt. Der Spiegel widmete dem Österreicher, seinem Lebensweg und schließlich dessen Ende eine eigene Titelstory, die auch 16 Jahren später noch abrufbar ist. Neben Münzers „Spezialitätencocktail“ wurden insbesondere seine Organveränderungen in den Medien dokumentiert, die einen bizarren Widerspruch verdeutlichten. Während Münzer von außen betrachtet einen makellosen Körper besaß, erreichte er diesen Look nur mit Hilfe von Raubbau an demselben.


Münzer starb am 14.03.1996 bei seiner Rückkehr aus den USA an inneren Blutungen. Sein Elektrolytehaushalt war nicht im Gleichgewicht und die Nieren waren geschwollen. Was in diesem Zusammenhang häufig nicht erwähnt wird, ist der Punkt, dass Münzer in den USA zuvor an der Arnold Classic sowie der San Jose Pro Show teilgenommen hatte.

Gemäß Nasser El Sonbaty litt Münzer bereits Jahre zuvor an einem Geschwür, habe dieses aber vor seinem Tod zuletzt nicht untersuchen lassen. Hätte Münzer sich einer engeren Untersuchung beim Arzt unterzogen oder seinem Körper vor der Abreise nach Deutschland etwas Ruhe gegönnt, wäre es damals möglicherweise nicht zum Tod des Österreichers gekommen. Doch das ist selbstverständlich nur Spekulation.

Die Liste verstorbener Bodybuilder ist lang…


Münzer war jedoch nur der Anfang, auch wenn spätere Todesfälle den Medien nur selten eine ausführliche Meldung wert war. Art Atwood, von dem ein bearbeitetes Wettkampffoto noch heute als Meme im Internet kursiert, starb 2011 im Alter von 37 Jahren an einem Herzinfarkt. Gleiches gilt für den deutschen IFBB Pro Frank Hillebrand, der 45 Jahren alt wurde.

Greg Kovacs erlag 2013 mit 44 Jahren einem Herzinfarkt. Ebenso auch Mike Matarazzo, der 2014 im Alter von 47 Jahren starb. Nasser El Sonbaty überlebte 2014 im Alter von 47 Jahren die Komplikationen eines Herz- und Nierenversagens nicht.

In der jüngeren Vergangenheit blieben vor allem Baito Abbaspour (2015), Rich Piana (2017), Dallas McCarver (2017), Pit Trenz (2019), Luke Sandoe (2020), John Meadows (2021), George Peterson (2021), Shawn Rhoden (2021) sowie Cedric McMillan (2022) im Gedächtnis. Weitere, weniger prominente Beispiele, werden im Internet auf unterschiedlichsten Listen aufgeführt.

Ist die Liste wirklich so lang?


Doch ist die Liste an toten Profibodybuildern wirklich so lang, wie man meinen könnte? In den weiter oben beschriebenen bronzenen, silbernen und goldenen Phasen des Bodybuildings war der Sport noch mehr eine Randerscheinung, als er es bis heute ist. Erst seit den 80ern nehmen am Mr. Olympia jährlich mehr als ein dutzend Athleten teil. Schwarzenegger siegte 1971 sogar ohne jegliche Konkurrenz. Gleiches gilt für Sergio Olivia 1968.

Nachdem die IFBB sich im September 2017 von der NPC, der nordamerikanischen Amateurliga, trennte und damit auch eine eigene, bis heute unbedeutende Pro League gründete, vergab die NPC im ersten Jahr fast 1.000 neue Pro Cards, die theoretisch den Weg bis zum Mr. Olympia eröffneten. Auch wenn ein großer Teil davon nie die Profi-Bühne betrat oder einen der vorderen Plätze erreichen konnte, verdeutlicht dies, wie viel mehr Menschen heutzutage Bodybuilding auf einem kompetitiven Niveau betreiben.

Auch wenn der Flaschenhals bis zur Weltspitze weiterhin eng bleibt, gelingt es entsprechend auch mehr Athleten bis ganz nach oben und damit in den Fokus der Öffentlichkeit. Das dies wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der ein oder andere entgegen jeder Vernunft seine Gesundheit für den Wettkampfsport übermäßig aufs Spiel setzt, ist eine plausible Annahme. In Anbetracht der Entwicklungen der letzten Jahre ist es – so zynisch sich dies in Anbetracht der aufgelisteten Namen lesen mag – eher erstaunlich, dass nicht noch mehr Athleten vorzeitig verstarben.

Die Sterblichkeit von Profibodybuildern liegt im normalen Bereich


Die Online-Plattform TheBarbell.com aktualisierte im November 2021 ihre Datenbank an toten Schwergewichtsbodybuildern. Sie sammelten die Namen der Teilnehmer der wichtigsten Profi-Wettkämpfe und listete so 478 Personen auf. Von diesen 478 Athleten waren 60 verstorben.

Verglichen mit der Sterbetafel der US-amerikanischen Sozialversicherung, lag die Mortalitätsrate der Profibodybuilder bei 12,6 Prozent. Die Sterblichkeit der amerikanischen Bevölkerung derselben Jahrgänge bei 13,5 Prozent. Deutlich höher lag dagegen das Sterblichkeitsrisiko für Pro-Wrestler, wie im verlinkten Artikel genauer erläutert wird!


Todesursache von Profibodybuildern


Die 60 verstorbenen Profibodybuilder erlagen keinesfalls allesamt Herzversagen. Die genaue Aufschlüsselung ergibt folgendes Todesursachen:
  • 25-mal Herz-Kreislauf (17 Herzinfarkte, 6 Herzinsuffizienz, 1 Vaskulitis, 1 Aneurysma)
  • 11-mal nicht näher bezeichnete natürliche Ursache (einschließlich 5 unveröffentlichter Ursachen)
  • 7-mal Krebs (2 Magen, 2 Leukämie, 2 nicht näher bezeichnet, 1 Haut)
  • 6-mal Niere (3 Nierenversagen, 1 Multiorganversagen, 1 fehlgeschlagene Nierentransplantation, 1 plötzlicher Rückgang/chronische Nierenerkrankung)
  • 6-mal unnatürlich (2 Morde, 2 Selbstmorde, 1 Überdosis, 1 Unfall)
  • 2-mal Gehirn (2 Alzheimer-Krankheit)
  • 2-mal Lunge (1 Talfieber, 1 Lungenentzündung)
  • 1-mal Leber (1 Leberversagen)
Neben den häufigen Nierenproblemen stechen vor allem die Herzerkrankungen in dieser Liste hervor. Mehr als Hälfte der Todesfälle, die auf Problem mit dem Herzen zurückzuführen waren, war auf Bodybuilder unter 45 Jahren zurückzuführen. Wie eine weitere Grafik der Seite Barbell.com verdeutlicht, ist der Tod aufgrund kardiovaskulärer Probleme tatsächlich deutlich überdurchschnittlich unter jungen Bodybuildern vertreten.


Warum macht das Herz so häufig Probleme?


Die Gründe, warum der Herz-Kreislauf zur Todesursache wird, können vielfältig sein und es soll an dieser Stelle keinesfalls über Einzelfälle spekuliert werden. Dennoch tragen Wachstumshormone und eine exogene Testosteronzufuhr nicht nur zum Wachstum des Bizeps sondern auch des Herzmuskels bei. Das größere Problem dürfte bei ambitionierten Sportlern allerdings die Gefahr einer Myokarditis sein.

Unter diesen Begriff fallen unterschiedliche Herzmuskelerkrankungen, die zu Entzündungen des Herzmuskels führen und statistisch gesehen ein größeres Sterberisiko ausmachen als Vergrößerungen des Herzmuskels. Aber auch kleinere Herzklappenprobleme, die unter normalen Umständen keine Probleme bereiten, werden in jungen Jahren oftmals nicht erkannt, wenn man als Sportler nicht regelmäßig ein Belastungs-EKG absolviert.

Hinzu kommt, dass die medizinische Versorgung in den USA nicht mit Deutschland zu vergleichen ist. Eine Krankenversicherung ist dort keine Selbstverständlichkeit. Selbst nach der Reformierung des Systems durch Obama waren im Jahr 2018 immer noch 28 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung. Dass der ein oder andere Profibodybuilder insbesondere in der Vergangenheit Geld in den Sport, aber nicht die Überwachung seiner Gesundheit steckte, ist zumindest naheliegend.

Hinzu kommt neben der Nutzung anaboler Hilfsmittel häufig auch der Konsum berauschender Substanzen. Der Mischkonsum mit möglicherweise verunreinigten Substanzen ist der Gesundheit zumindest nicht zuträglich. Gleiches gilt für einen zu geringen Fokus auf ein Training des Herz-Kreislauf-Systems, das jeder Bodybuilder ergänzend zum Krafttraining umsetzen sollte.

Darüber hinaus gibt es auch unter Bodybuildern Athleten, die genetisch schlichtweg ein höheres Risiko aufweisen. In der Familie von Dallas McCarver gab es beispielweise diverse Fälle von Herzkrankheiten wie Bluthochdruck und Arteriosklerose.

Es sterben nicht immer mehr Profibodybuilder im jungen Alter!


Auch wenn die gefühlte Wahrheit eine andere ist: Die gehäuften Meldungen an toten Profibodybuildern in den letzten Jahren sind keinesfalls ein Beweis dafür, dass immer mehr Athleten früher versterben. Vielmehr sind die deutlich größere Zahl an Bodybuildern auf Top-Niveau sowie die leichtere Verbreitung von Todesnachrichten mittels digitaler Medien die Hauptgründe für diesen Trugschluss.

Das ändert jedoch nichts daran, dass Herzkreislauferkrankungen überdurchschnittlich häufig der Grund für einen zu frühen Tod unter IFBB Pros ist. Ohne die Einzelfälle im Detail zu kennen, sind entsprechende Vorsorgeuntersuchungen sowie ein ergänzendes Cardiotraining die besten Präventionsmaßnahmen, um auch dieses Risiko so gering wie möglich zu halten.


Hinweis: Der Autor dieses Artikels schrieb verschiedene Bücher zu den Themen Training und Ernährung und führt auf Patreon ein Podcast-Magazin.

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