Was haben die eigentlich gegen uns?

Strg_F-Dokumentation kritisiert Kraftsport

Eine kürzlich vom YouTube-Kanal STRG_F veröffentliche Dokumentation sorgt für Verärgerung in der deutschen Fitnessszene. Der rund 21-minütige Clip will über die angeblich allgegenwärtigen Gefahren durch falsches Krafttraining aufklären. STRG_F gehört zum Mediannetzwerk „Funk“, das Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist. Einmal mehr kommt unser geliebter Sport im gebührenfinanzierten Programm schlecht weg. Was haben die eigentlich gegen uns?

„Kraftsport – Wie gefährlich ist falsches Training?“ – Darum geht es


Die Dokumentation wird von einem jungen Mann mit zugegeben etwas gewöhnungsbedürftigen Akzent eingesprochen. Die Einspieler der Anfangsszene zeigen, dass er selber durchaus ernstzunehmendes Krafttraining betreibt. Doch hierbei ist er nur um Haaresbreite einem Wirbelsäulenschaden entkommen, natürlich ausgelöst durch die tickende Zeitbombe unter den Übungen: das kreuzgefährliche Kreuzheben.


Er holt sich Meinungen von verschiedenen Experten ein, die die These vom riskanten Krafttraining gefällig unterstützen: ein Physiotherapeut, zwei Personal Trainer, ein Sportmediziner, ein Wissenschaftler der Sporthochschule Köln, eine „Geschädigte“.

Es geht um Deadlifts mit Hohlkreuz, Beinpresse mit X-Beinen, Bankdrücken mit Brücke – die Klassiker eben. Es erfolgt natürlich auch der obligatorische Besuch auf der Fibo (und auch Ralf Möller bekommt seinen Auftritt) sowie die Bitte um ein Statement der angeklagten Studioketten, die sich mehrheitlich natürlich nicht zu den Vorwürfen äußern wollen.

Liebes Strg_F-Team: Das ist daran falsch!


Die Dokumentation prangert den Umstand an, dass „Fitnesstrainer“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist – natürlich nicht zu Unrecht. Damit hört es aber auch schon auf mit der sinnvollen Beisteuerung zum Diskurs. Ansonsten steckt das Werk voller schlechter Recherche, Cherry Picking und Sachfehlern, darunter:
  • Es wird kritisiert, dass in einem 20-Euro-Discount-Studio kein hochwertiges Personaltraining angeboten wird – das ist aber natürlich auch bewusst nicht Teil ihres Dienstleistungsangebot.
  • In dem Versuch, die „korrekte Ausführung“ zu zeigen, unterlaufen den „Experten“ selber Fehler.
  • Verschleißerscheinungen werden auf eine einzelne Übung zurückgeführt, ohne die multifaktorielle Entstehung von Beschwerden (Regeneration, Bewegungsmangel im Alltag, Psyche, gewöhnliche Alterungserscheinungen etc.) zu berücksichtigen.
  • Die Brücke beim Bankdrücken wird als falsche und per se ungesunde Technik dargestellt. Beides ist falsch.

Die Reaktionen der Fitnessszene


Unter dem Video haben sich mehr als 2.500 Kommentare angesammelt, der Großteil hiervon kritisch bis hämisch. Schön zu wissen, dass das Publikum immer aufgeklärter zu sein scheint.

Die Zuschauer sind zunehmend genervt von der Panikmache, die die öffentlich-rechtlichen Medien immer noch schüren, sobald es um Krafttraining geht. Vor 30 Jahren, als der Kraftsportler noch ein verschrobener Exot war, mag das auch noch funktioniert haben. Mittlerweile sind aber Millionen von Deutschen selber im Fitnessstudio aktiv und haben gemerkt, dass einem doch nicht mit dem ersten Griff zur Hantelstange die Bandscheide rausspringt.

Die deutsche Elite-Powerlifterin Lea Schreiner, deren Bench Press exemplarisch für „schlechte Technik“ aufgegriffen wurde, kommentierte:
    „Wenn du 5fache deutsche Meisterin und mehrfache Rekordhalterin bist und als Negativbeispiel genannt wirst :-D“.
Gut, dass ihr Statement hier für die Ewigkeit festgehalten ist – die Szene wurde nämlich mittlerweile aus dem Video entfernt. Aber wer einmal lügt, dem glaubt man ja nicht mehr.

STRG_F selbst reagierte mittlerweile mit einem Statement unter dem Video, das aber auch eigentlich nur Öl ins Feuer gießt. Im Wesentlichen beweist es nur, dass es sich um einen dürftig recherchierten Beitrag fern jeder journalistischer Neutralität handelt. Genau das würde man aber vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich erwarten.

Zu der Dokumentation existieren natürlich auch Reaction-Videos u.a. auf den Kanälen von Pascal Su oder Coach Stef. Vielen Dank für die Mühen!

Stereotypen und Leberschäden


In den großen Medienhäusern scheint die Zeit irgendwie stehen geblieben zu sein. Bodybuilder sind da immer noch hirnlose Außenseiter, die selbstverständlich auch alle ohne Rücksicht auf Verluste Steroide spritzen. Seit dem legendären „Daniel“-Video ist nicht viel passiert in einigen Köpfen. Oder seit dem ikonischen Steve Benthin-Beitrag, der uns allen weiszumachen versuchte, dass 50 Gramm Protein am Tag die Leber „flach ballern“.

Ok, zugegeben, das war eine Produktion des Privatfernsehens. Mit High-Protein hat das Staatsfernsehen aber auch so seine Fehden, wie erst kürzlich wieder ein schlechter Beitrag des WDR-Formats QUARKS.
Was haben die eigentlich für ein Problem mit uns?
Ich will ja nicht wie ein Querdenker klingen, aber ist hier die Lobby der Pharmakonzerne involviert, die einer sportscheuen, alternden Gesellschaft später Insulin und Herzmedikamente verkaufen will?

Oder war das systematische Kraftsport-Bashing der letzten Jahre gar schon eine Vorarbeit zur berühmten Kampagne #besonderehelden, mit der die Bundesregierung die Bevölkerung zur Hochphase der Pandemie auf die Couch schicken wollte? Aber jetzt, wo der Lockdown hinter uns liegt – was soll dann noch dieser STRG_F-Film?

Es geht auch besser


Das war natürlich nicht ernst gemeint. Es gibt auch durchaus einige Positivbeispiele der jüngeren Zeit. Die SWR-Doku über den schnellen Muskelaufbau des Nationalspielers Leon Goretzka zum Beispiel: filmisch toll gemacht, gut recherchiert und ohne fiesen Unterton in unsere Richtung. Oder der BR-Beitrag „Krafttraining für alle“, der ungefähr zeitgleich mit dem STRG_F-Fail erschien, ebenso wie „Leben für die Muskeln“, das sympathische Portrait eines Wormser Bodybuilders in der SWR Landesschau.


Es tut sich also doch was. Rein statistisch müssen ja in den Redaktionen der Sender mittlerweile auch diverse Fitnessstudiogänger sitzen. Irgendwer sollte dann in der Redaktionssitzung schon die Hand erheben, wenn mal wieder ein durchweg negativer Beitrag geplant wird.

Und doch rutscht immer mal wieder so was wie der STRG_F-Bullshit durch. Hierbei muss aber auch gesagt werden, dass die eigentliche Botschaft eine allgemeine Kritik am Geiz-ist-Geil-Konsum war. Wer billig kauft, bekommt auch billig – aber weil das so Common Sense ist, wird es in eine dramatische Story mit Röntgenbildern von kaputten Wirbelsäulen verpackt. Andernfalls klickt ja niemand.

Letztendlich bleibt es hoffentlich nur ein Ausrutscher inmitten einer eigentlich positiven Tendenz der Berichterstattung. Aber jede Veröffentlichung, die Angst vor Krafttraining macht, ist eine zu viel. Sie ist Wasser auf die Mühlen von Bedenkenträgern und allen, die sowieso immer gern nach Ausreden suchen. Und wer sitzt dann wirklich in der Mehrheit beim Orthopäden? Natürlich genau diese Sportmuffel.

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