Broscience 2.0?

Studien besagen, dass...

Studien besagen, dass der folgende Text deinen Bizeps effektiver wachsen lässt, als jeglicher anderer. Acht zufällig ausgewählten erfahrenen Bodybuildern wurde dieser Text im Vorfeld zu lesen gegeben und es wurde festgestellt, dass ihr Oberarm Umfang den eines 5-jährigen signifikant überstieg. Schoenfeld wird die Ergebnisse des folgenden Textes in wenigen Tagen veröffentlichen, du kannst diese aber bereits heute erhalten und damit früher profitieren, als andere.

Moment, ich habe da eine Studie....

Im Rahmen meiner Recherchen in einem anderen Projekt hatte ich vor einige Zeit begonnen noch einmal intensiv sportwissenschaftliche, aber auch bodybuildingspezifische Literatur in die Hand zu nehmen, die sich die letzten Monate und Jahre in meinen Regalen angesammelt hatte. Gleichzeitig las ich mir einige Grundlagentexte durch, die ich in den letzten Jahren selbst verfasst hatte oder von anderen Autoren bei Team Andro eingereicht wurden. Ernüchternd stellte ich fest, dass sich der Wissensstand in den letzten Jahren nicht bahnbrechend weiterentwickelt hat.

Was Schoenfeld in Science and Development of Muscle Hypertrophy umfassend zum Thema Muskelaufbau in englischer Sprache darstellt und einen mit knapp 900 Studien schier erschlägt, wurde bereits in anderen Texten (teils vor knapp einer Dekade) zusammengefasst und beruhte schon damals auf verschiedenen bereits existierenden Quellen.

Der Kern des Wissens ist seitdem unverändert derselbe geblieben.
Selbstverständlich ist Schoenfelds Ausarbeitung umfassender und absolut empfehlenswert, wenn man einen detaillierten Überblick erhalten möchte.
Der praktische Mehrwert, der sich seitdem ergeben hätte, ist aber gleich 0. Das Buch verrät nicht mehr Geheimnisse über den Muskelaufbau, als es nicht bereits seit Jahren bekannt ist. Nochmals: Das soll den Wert dieses absolut empfehlenswerten Buches nicht mildern, sondern vielmehr verdeutlichen, dass die grundlegenden Erkenntnisse, die in der Praxis von Relevanz sind, keine Quantensprünge durchlaufen haben.

Foto: geralt / CC BY

Ähnlich, wie es eigentlich auch im Bereich der Ernährung ist. Dass wir das Gefühl haben, es hätte sich so viel getan, liegt vermutlich eher an der Tatsache, dass man früher dazu neigte sein Wissen im Studio vom Hören-Sagen zu erlangen und heutzutage das Gleiche in grün im Internet tut. Mit dem Unterschied, dass der Typ vor einem früher tatsächlich einen 50er Oberarm brauchte und er es heute nur noch in sein Profil eintragen muss. Wir kommunizieren in der Regel mit anonymen Nicknames und verlassen uns auf den Ruf innerhalb des Forums oder die vermeintliche Expertise vergangener Beiträge. Eigentlich nichts anderes, als wenn jemand früher 150 Kilogramm beim Bankdrücken auf Wiederholungen bewältigte.

Damit soll niemand diskreditiert werden. Ich bin selbst ein Kind des Bodybuilding- und Fitness-Internets, und dass jemand seine Anonymität schätzt, bedeutet nicht, dass die Person ein aufgeblasener Windbeutel wäre. Ich wollte damit nur ausdrücken, dass sich der Code und die Art und Weise, nach der wir Informationen erlangen und für uns filtern, die letzten Jahre scheinbar geändert hat.
Der Großteil liest noch immer nicht selbst, steckt in den Anfangsjahren seiner Trainingskarriere, so dass er nicht die Möglichkeit zum Abwägen mit praktischen Erfahrungen auf hohem Leistungslevel hat, oder ist weiterhin schlichtweg ungeduldig und will nicht denken, sondern nur lenken.
Eine Phase, die vermutlich jeder, der eine Dekade an Trainingsjahr durch- bzw. überlebt, irgendwann einmal durchschritten hat oder sich – aus welchen Gründen auch immer – sogar noch darin befindet.

Während früher gerne auf anekdotenhafte Geschichten nicht persönlich bekannter Stars der Szene verwiesen wurde oder der Großonkel des Trainingspartners herangezogen wurde, der mal irgendwann irgendwo eine Platzierung bei irgendeinem Verband erreicht habe – in der Regel Weltmeister oder Mr. Universe – sind es heute Studien, die herangezogen werden (müssen). Ein Argument ist nur so gut, wie die Studie, die dieses belegt.

Wissen verdoppelt sich alle 700 Tage... aber nicht in den Bereichen Training oder Ernährung

Aber woher kommt dieser Trend einer Generation, die in der Schule schon lange keine Bücher mehr selbst lesen muss, da Wikipedia ja alle wichtigen Informationen zusammenfasst? Hier mein (schmähender) Antwortversuch:

Wir leben, wie immer wieder gerne betont wird, in der Wissens- und Informationsgesellschaft, die spätestens in den letzten Jahren mit Verbreitung des Internets ihre 2.0 Variante erreichte. Informationen sind jedermann jederzeit verfügbar und die Antwort auf all unsere Fragen ist nur ein paar Klicks entfernt. Dieser schiere Luxus zieht jedoch gleichermaßen ein Problem nach sich: Nicht nur falsche Annahmen, führen zu falschen Ergebnissen, sondern auch falsche Fragen. Während Platon sich noch in seiner Bescheidenheit bewusst war, dass er eigentlich nichts weiß, ist diese Selbstreflexion heutzutage ein seltenes Phänomen – und ich spreche hier nicht vom Dunning-Kruger-Effekt.

Vor wenigen Jahren dauerte es fünf bis sieben Jahre, dass sich das Wissen der Welt verdoppelte. In einem Text aus dem Jahr 2013 zählte man bereits nur 700 Tage für den Verdopplungsprozess. Was uns dabei nicht täuschen sollte: Dies bezieht sich auf das Wissen sämtlicher Fachbereiche, nicht auf jeden Wissenschaftsbereich für sich.

Und fast noch wichtiger: Wer (vermeintlich) neues Wissen verstehen und einordnen will, muss sich des bisherigen Kenntnisstands und noch viel mehr der weiterhin bestehenden Grundlagen bewusst sein. Wer aber sein Halbwissen durch ziellose Fragen im Internet und selektives Lesen von spezifischen Artikeln zusammenbastelt, wird Probleme haben, das große Ganze zu erkennen.

Getrieben wird diese Entwicklung durch einen rastlosen homo sapiens, der Angst hat, einen Nachteil zu erlangen, weil er die neuste Entwicklung, die den Bizeps noch schneller zum Wachsen bringen würde, verpassen könnte. Alle anderen erreichen schließlich noch schneller Gainz als er. Dass sich manch einer auf den Kopf stellen kann und aufgrund der vorhandenen Muskelstruktur niemals mit dem Vorbild gleichziehen wird, dass er sich erwählt hat, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Dennoch verkommt das Verlangen nach dem Aufzählen möglichst vieler Studien zur liebsten Internetbeschäftigung und wir rücken vom eigentlichen Ziel des wissenschaftlichen Wissens ab: Der Soziologe Niklas Luhmann teilte die Welt in verschiedene Systeme auf, die dichotomen Codes unterliegen. Während es für die Medien "Information" und "Nicht-Information" war, lautete der Code für das System Wissenschaft "Wahrheit" oder "Nicht-Wahrheit".

Um letztere geht es aber längst nicht mehr im Rahmen von Internetdiskussionen. Zunehmend ist es nicht das Ziel, Wissen zu erlangen, sondern Neuigkeiten als erster zu erfahren. Das Bestehende langweilt. Texte, die nicht mit der neusten Studie um die Ecke kommen, die wiederum mehr Bizepswachstum verspricht, sondern Wahrheiten nur wiederholen, werden als lästig, unnötig oder Zeitverschwendung empfunden. Es interessieren keine Wahrheiten, Neuigkeiten müssen her!

Foto: qimono / CC BY

Vom Mehlwurm zur Zelle: Was sind Studien wert?

Wie diese Studien dann umgesetzt werden, kann die unterschiedlichsten Qualitäten haben. Im Ernährungsbereich geht es von der Hefezelle über den Mehlwurm hin zu Mäusen, Kaninchen, Schafen, der menschlichen Zelle und schließlich dem ganzen Menschen. Selten wirkliche Sportler. Nicht selten dagegen Dicke, Alte oder andere besondere Risikogruppen.

Das hat zum Teil mit Ethik, zum Teil mit Wirtschaftlichkeit und zum Teil mit bewusster Simplifizierung der Forschung zu tun. Eine Hefezelle erlaubt direktere Beobachtungen, als der komplexe menschliche Körper, wenn es um einzelnen Prozesse geht. Genauso wie eine Maus kürzere Lebenszyklen aufweist, als ein Mensch (der sich zudem auch noch weigert, die Studien zur völligen Ausschließung sonstiger umweltbedingter Einflussfaktoren im Laborkäfig zu verbringen), so dass hier schneller bestimmte Abläufe untersucht werden können.

Sind Tierstudien denn angesichts dessen 1:1 auf den Menschen übertragbar? Natürlich nicht. Und niemand weiß, was genau wie und in welchem Verhältnis gilt.

Während noch vor gut einem Jahrzehnt die allgemeine Annahme herrschte, die Mäuse-DNA wäre mit der des Menschen zu 99 % identisch, musste diese Zahl nach neusten Erkenntnissen deutlich unter die des Schweins korrigiert werden.

In der Praxis führt das zu unterschiedlicher Geruchswahrnehmung, Gehirnleistung, Tumorentwicklung … aber auch sportspezifische Aspekte, wie eine komplett unterschiedliche Muskelfaserverteilung und damit unterschiedlichem Stoffwechsel der arbeitenden Muskulatur sind weit weniger vergleichbar, als lange Zeit vermutet.

Und selbst unter uns Menschen ist die Variation unglaublich groß. Sogenannte Single Nucleotide Polymorphismus (SNPs), von denen mehr als eine Variante in unserem Erbgut vorhanden ist, können beispielsweise für einen individuellen Mehrbedarf an Vitamin C, D, K oder auch Folsäure sorgen.

Studien an "Leistungssportlern"

Aber auch Sportstudenten, "erfahrene Bodybuilder" oder "Powerlifter" sind nicht immer das, was Otto-Normal-Internetuser sich darunter vorstellt: Jeder ist eingeladen den Blick in das eigene Fitnessstudio zu werfen. Die Menschen, die sich dort zum Teil seit Jahren körperlich bewegen, entsprechen in der Masse längst nicht mehr dem Ideal, dem der junge Studienzitierer hinterherjagt.

Oder ein Blick in die Hörsäle von Sportstudenten. Der durchschnittliche Bizepsumfang wird kaum größer ausfallen als bei den Soziologen. Vielleicht haben die Wirtschaftswissenschaftler sogar einen größeren und wären die geeigneten Studienteilnehmer. Diese müssen aber sich keinen Schein verdienen, indem sie mit mehr oder weniger Motivation an einer Studie teilnehmen und machen, was der Versuchsaufbau hergibt. Muskelwachstum bewegt sich durch einzelne Trainingseinheiten im praktisch nicht messbaren Mikrobereich und summiert sich über Wochen.

Aber wer hält es schon aus, wochenlang mit hundertprozentiger Motivation die Vorgaben eines Versuchsaufbaus auszuhalten? Vertraut man den Abbruchzahlen der kostenlosen Coaching-Aktionen auf Team Andro schleppt sich kaum ein Viertel nach 20 Wochen ins Ziel. Wer davon wiederum die gesamte Zeit über mit voller Intensität bei der Sache war bzw. sein konnte, ist dann auch noch eine andere Sache.

Leistungssportler, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, verlassen sich auf ihre Trainer und begeben sich nicht in die Hände eines Wissenschaftlers, der eine bestimmte Forschungsfrage untersuchen will. Womöglich noch in die Vergleichsgruppe, von der der Forscher keine Veränderung erwartet.

Also werden Sportler retrograd befragt oder Probanden herangezogen, die mehr extrinsisch als intrinsisch motiviert sind und die Sache nur irgendwie hinter sich bringen wollen.

Dafür stehe ich mit meinem Namen

Und dann macht es auch keinen Unterschied, wenn man vermeintliche Koryphäen der Szene zitieren lässt. In Pubmed.com sind für Brad Schoenfeld für das Jahr 2017, das etwa zur Hälfte um ist, bereits 20 Einträge zu finden. Ein umtriebiger Typ, möchte man meinen. Wer allerdings bereits selbst einmal ein seriöses Studiendesign inklusive Versuchsplanung, Pre-Test, Umsetzung und Auswertung umgesetzt hat, wird nicht um Zweifel herumkommen, wie jemand innerhalb von 6 Monaten 20 verschiedene Studien stemmen konnte. Die Antwort: das tat er natürlich nicht.

Auch in der Wissenschaft stehen Menschen mit ihrem guten Namen zur Verfügung. Die Motivationen können unterschiedlich sein. Erhöhung der eigenen Reputation, Unterstützung weniger bekannter Kollegen oder was auch immer. Eine schon lange bekannte Gewissheit in der Wissenschaftsforschung ist, dass man dort mit Namen ähnlich imponieren kann, wie vor 30 Jahren im Studio mit dem Heranziehen von Profibodybuilder XY als vermeintliche Autorität. Wissenschaftliche Veröffentlichungen unterliegen längst denselben Mechanismen, wie die eingangs angeprangerten Vorgänge in Internetforen.

Es wird bei der Bewertung, ob etwas veröffentlicht wird und damit Aufmerksamkeit erlangt, nicht selten nicht nach Wissen und Nicht-Wissen unterschieden, sondern nach neu oder nicht-neu. Das bedeutet nicht, es würde sich um einen willkürlich agierenden Kasperleverein handeln, aber ist auch nicht der elitäre Kreis der Gesalbten im Elfenbeinturm der Erkenntnis.


Kleine Anmerkung an dieser Stelle: Da ich bereits darauf hingewiesen wurde, dass die Aufmerksamkeitsspanne einiger Menschen an dieser Stelle bereits herausgefordert wurde: Schoenfelds oben angesprochenes Buch ist – wie dort extra betont – jeden der Cent der fast 40 Euro wert und sollte sich längst in deinem Besitz befinden und gelesen worden sein.

Entsprechend handelt es sich nicht selten um so spezielle Konstruktionen, dass diese in der Praxis nur wenig tatsächliche Relevanz haben oder von Forscherseite nur als vorsichtige Hinweise interpretiert werden, um im Internet dann als neuste Erkenntnis dargelegt zu werden.

Der gesunde, vorsichtige Fortschritt wäre kein Problem, wenn der Konsument im Netz die Informationen einordnen könnte oder sich mit dieser überhaupt erst auseinandersetzen würde. Während der Großteil mit dem alleinigen Aufführen von Studien bereits befriedigt ist, liest der übrige Rest in den meisten Fällen kaum mehr als ein Abstract. Ohne zu reflektieren, inwieweit der Versuchsaufbau mit der eigenen Realität in Zusammenhang stehen könnte.

Studien sind wichtig, sie zu verstehen aber noch mehr

Diese zum Teil leicht polemischen Ausführungen rissen bewusst viele Gedanken nur kurz an, ohne diese abschließend zu diskutieren. Das alles soll nicht falsch verstanden werden:

Studien und die Diskussion über deren Ergebnisse sind wichtig. Um dies aber angemessen umzusetzen, bedarf es einer gewissen Grundlage, die man sich mit dem Lesen von 2, 3 oder 4 seriösen Büchern zu dieser Thematik aneignen sollte – und dann schon schnell Überschneidungen feststellen wird.

Hier liegt der große Vorteil, denn der Inhalt der grundlegenden Literatur mag nicht die neuste Studie beinhalten, die vor drei Tagen Erkenntnisse zu bulgarischen Kugelstoßerinnen mit einem Holzbein veröffentlichte, aber dreht das Fähnchen auch nicht hektisch mit jedem Lüftchen, sondern kann als das verstanden werden, was eine umso größere Aussagekraft hat: eine Meta-Auswertung, die im besten Fall mit Erkenntnissen aus der echten Trainings- und Ernährungspraxis abgeglichen wird.

Wer sich davor aber verschließt, nicht bereit ist 100 oder 200 Euro und ein paar Stunden Lesen in einem Sportlerleben zu investieren, und sich dennoch im Internet emsig an Diskussionen beteiligt, macht nichts anderes als ein Blinder, der versucht über Farbtöne zu philosophieren. Ohne jemanden damit auf die virtuellen Füße treten zu wollen.

Hinweis: Der vorliegende Text wurde zunächst als Podcast veröffentlicht. Alle Folgen findet man auf thecoachcoachcorner.de. Weiteres zum Autor auf seiner Facebookseite.

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