Der aktuelle Stand zu Süßstoffen

Kann man Süßstoffe bedenkenlos nutzen?

Wo wenn nicht in einem Bodybuilding-Portal lohnt es sich, mal wieder einen Artikel über künstliche Süßstoffe zu bringen? Süßstoffe scheinen ja immer ein bisschen zu schön, um wahr zu sein - kalorienfrei, zahnfreundlich, preiswert und vor allem: Mental befriedigend. Kein Wunder, dass immer noch viel Skepsis im Umlauf ist im Zusammenhang mit den handelsüblichen Vertretern. Dabei ist der aktuelle Forschungsstand, wie eigentlich meistens, immer noch so uneindeutig, dass sich weder die Zweifler noch die Befürworter final bestätigt fühlen können.

Was sind eigentlich noch mal Süßstoffe?


Süßstoffe sind spezielle Kohlenhydratverbindungen, die synthetisch erzeugt werden. Ihre Kaloriendichte ist zwar vergleichbar mit der von anderen Süßungsquellen wie Fructose oder Haushaltszucker, allerdings ist die Süßkraft um so viel höher, dass geringste Menge zum Erzielen einer gewöhnlichen Süße von Speisen und Getränken ausreichen.


So kann beispielsweise ein ganzer Liter Cola mit wenigen Milligramm eines künstlichen Süßstoffes gesüßt werden - nach gewöhnlicher Rezeptur wären hierzu 100 Gramm Zucker (dies entspricht 200 Prozent der von der WHO empfohlenen Tageshöchstmenge!) notwendig. Der Kaloriengehalt kann dank Süßstoff von 400 Kalorien pro Literflasche auf unter 1 kcal gebracht werden.

Derzeit sind in der EU 19 Süßstoffe zugelassen. Zu den bekanntesten Vertretern zählen dabei Aspartam, Sucralose und Acesulfam K.

Verursache Süßstoffe Heißhunger?


Der wohl häufigste Vorwurf, den Süßstoffe sich gefallen lassen müssen, ist eine angeblich appetitanregende Wirkung. Das Gehirn lasse sich nicht so einfach austricksen und wenn auf süßen Geschmack nicht die entsprechende (schnell verfügbare) Energie folgt, reagiert die Psyche mit noch mehr Gier nach Zucker und Kalorien.

Tatsächlich haben australische Forscher in einer Studie mit Fruchtfliegen, denen für mehrere Tage künstlich gesüßtes Futter angeboten wurde, festgestellt, dass die Fliegen ihre Kalorienzufuhr um etwa 30 Porzent erhöhten, als ihnen wieder natürlich gesüßtes und normal-energiedichtes Futter angeboten wurde. Die Forscher fanden in diesem Zusammenhang einen Mechanismus im Belohnungszentrum des Gehirns, der Süße und Energiedichte aufgenommener Nahrung abgleicht und bei extremen Dysbalancen die Empfänglichkeit für natürliche Süße, und damit die Motivation zur Nahrungsaufnahme, steigert. Und weil die Fruchtfliege in ihrer Komplexität keine große Nähe zum Menschen aufweist, wurde das Experiment an Mäusen wiederholt und konnte in seinen Resultaten bestätigt werden.

In einer anderen Studie wurden Ratten in zwei Gruppen aufgeteilt, von dem die eine zwei jeweils natürlich-kalorienreich gesüßte Getränke, die andere ein natürlich und ein künstlich gesüßtes über mehrere Tage erhielt. Nach dem Fütterungszeitraum zeigten die Ratten, die das synthetische Getränke erhalten hatten, gegenüber der Kontrollgruppe eine gesteigerte Kalorienaufnahme und waren nicht mehr gut in der Lage, ihre Zufuhr an die physische Aktivität anzupassen. Die Forscher schlussfolgern, dass das uns antrainierte Gefühl für den Zusammenhang zwischen Süße und Energiedichte von Nahrungsmitteln durch Süßstoffe verloren gehen kann.

Apropos Belohnungszentrum: Forscher der Yale-University benennen hier eine weitere Funktionalität, nach der erst die Aufspaltung von kurzkettigen Kohlenhydraten in ihre direkt verwertbare chemische Form zu Dopaminausschüttung, und damit zur Aktivierung des Belohnungszentrums, führt. Dieser Prozess fehlt bei der Aufnahme von Süßstoffen. Wer, so die Forscher, regelmäßig Süßstoff verwendet, greift im Zustand von Hunger und Energiedefizit häufiger instinktiv zu „echtem Zucker“ in großen Mengen.

Nun sind Mäuse und Ratten dem Menschen wohl physisch näher als die Fruchtfliege. Mit der Komplexität des menschlichen Verstandes und unseres sozialen Umfeldes hat das Leben einer Laborratte aber immer noch wenig gemein. Wir sind nicht auf externe Fütterungen angewiesen, wir können uns belesen, meal-preppen, Apps benutzen und so planen, dass der Heißhunger einfach nicht kommt, dem Gehirnstoffwechsel zum Trotz. Wir können unser Belohnungszentrum auch in Diätzeiten durch die schönen Künste, ein gutes Gespräch oder ein HIIT-Training bewusst aktivieren. Das Thema Heißhunger durch Süßstoffe mag daher in der Theorie belegt sein. Für den selbstbestimmten Menschen kann es aber nicht in dieser Einfachheit übernommen werden.

Aber Süßstoffe verursachen doch Krebs, oder?


„Krebs“ bleibt ja das Buzzword Numero Uno der Ernährungswissenschaften.
In einer immer noch in Schwarz und Weiß unterteilten Welt scheint es nur zwei Arten von Lebensmitteln zu geben: Die guten, die Krebs vorbeugen (oder sogar heilen!) und die schlechten, die Krebs verursachen.
Künstliche Süßstoffe zählen da ganz klar zu den bösen Jungs!

Der Ursprung dieses Glaubens lässt sich weit in das Jahr 1970 zurückführen. Hier zeigten Laborratten eine stark erhöhte Anfälligkeit für Blasenkrebs, nachdem sie wochenlang mit großen Mengen Cyclamat und Saccharin gefüttert worden waren. Dabei erhielten die Versuchstiere 2,6 Gramm Süßstoff pro Kilogramm Körpergewicht - bei einem 80 Kilogramm schweren Menschen entspräche dies 208 Gramm und damit rund einem Liter flüssigen Flüssigsüßstoff pro Tag (allein bei dem Gedanken daran sollte sich der halbwegs vernünftigen Leser vor Ekel schütteln).

Nun ja, für das Spiel mit recht lebensfernen Konsummengen war die Wissenschaft ja schon immer bekannt. Dennoch: Die Krebsrate unter den Ratten lag bei 10 Prozent, eine Zahl, die auch der medizinische Laie als alarmierend einschätzen sollte. Maßlosen Gebrauch sollte man also wohl doch bleiben lassen (allerdings schon allein aus Gründen des guten Geschmacks. Und zweitens gilt dies für jedes Lebensmittel).

Es gibt aber auch bessere Nachrichten: Eine Metastudie kam zu dem Schluss, dass kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Entstehung von Krebs und dem Konsum von Aspartam besteht. Ausgerechnet Aspartam, das ja einen besonders lausigen Ruf genießt. Ein aktuelle Studie aus dem Dezember 2019 kam gar zu dem Schluss, dass Saccharin ein bestimmtes Enzym unwirksam machen kann, das für das Überleben von Tumorzellen essentiell ist. Plot Twist!

Dann ist da wieder eine andere Metastudie, die den Süßstoff-Krebs-Zusammenhang untersuchte und eine positive Korrelation für einige Krebsraten (z.B. Leukämie, Kehlkopfkrebs) und negative Korrelation für andere (Eierstock- und Brustkrebs) errechnete. Allerdings war die Anzahl der berücksichtigten Studien nach Anlegung des Kriterienkatalogs auf fünf (!) zusammengeschmolzen und die Autoren selber schlussfolgern, zu keiner Schlussfolgerung gekommen zu sein.

Generell lässt sich sagen, dass mehrere Studien an Säugetieren eine erhöhte Anfälligkeit für Krebserkrankungen nachwiesen. Allerdings nicht in allen Fällen und gewöhnlich auch nur, wenn extreme Mengen gefüttert worden. In den 50 Jahren, die seit der Blasenkrebs-Studie ins Land gegangen sind, sind die Wissenschaftlicher mehrheitlich darin übereingekommen, dass bei maßvollem Konsum keine Zusammenhänge zwischen Krebs und Süßstoff bestehen und sich die anderweitig schlussfolgernden Untersuchungen an Ratten und Mäusen nicht auf den Menschen übertragen lassen.

Wie immer gilt: Die Entstehung von Krebs ist sehr komplex und in unserem allgemein hochgradig toxischen Umfeld begünstigen so viele Faktoren sein Aufkeimen, dass ein einzelner unmöglich isoliert werden kann.


Ist Süßstoff schlecht für den Magen-Darm-Trakt?


Bekannt ist, dass Süßstoff in großen Mengen abführend wirkt. Viele Menschen mit empfindlichen Mägen meiden Süßstoff - vermutlich nicht zu Unrecht. Vor allem das Stichwort Darmflora spielt hierbei eine gewichtige Rolle.

Beispielsweise wies eine amerikanische Studie nach, dass in Sportgetränken enthaltene Süßungsmittel die Darmflora angreifen und Darmbakterien, die eigentlich unsere Verbündeten im Leibesinneren sein sollten, toxisch werden lassen können. Die gestörte Darmflora kann zum Beispiel zu Glukose-Intoleranz und Insulistinresistenze führen, beides Vorstufen von Diabetes Typ 2.

Die Forschung steht in diesem Fachgebiet ganz allgemein noch am Anfang, bisherige Erkenntnisse senden aber eine beunruhigende Botschaft. Falls Süßstoffe, die ja typische Diabetiker- und Diät-Produkte sind und gerade die Insulinsensitivität durch die Reduktion des Zuckerkonsums verbessern sollen, den genau gegenteiligen Effekt haben, sind wir wohl zum Umdenken gezwungen. Um diesen Punkt aber positiv abzuschließen: Wer sich generell ausgewogen ernährt und seine Kohlenhydratzufuhr halbwegs im Griff hat (und idealerweise noch körperlich aktiv ist), braucht sich um eine Diabetes Typ 2-Erkrankung, allen Darmbakterien zum Trotz, sehr wahrscheinlich keine Sorgen zu machen.

Sorgt denn Süßstoff nun für einen Insulinausstoß oder nicht?


Insulin ist bekanntlich das anabolste Hormon von allen und per se nicht unser Feind - immer wollen wir es aber auch nicht haben, da es z.B. die Fettverbrennung blockiert oder zu unkontrollierten Blutzuckerabfällen führen kann.

Ob der Austausch von Zucker durch Süßstoff den Insulinausstoß komplett verhindert, wird seit Anbeginn des Internets heiß diskutiert. Studien mit Ratten zeigten Insulinaustöße nach Süßstoffkonsum, andere Studien zeigen keine unmittelbare Reaktion des Endokrinischen Systems. Wer einen Diabetiker zu seinem Bekanntenkreis zählt, kann diesen ja mal nach dessen Erfahrungen fragen - und wird wahrscheinlich auch uneindeutige Aussagen erhalten.
Erstens werden Süßstoffe häufig ohnehin nicht separat konsumiert, sondern zum Beispiel in Eiweißpulver, Quark, Süßspeisen oder Getränken - und hier führen schon die anderen enthaltenen Makronährstoffe (ja, auch Protein!) zu Insulinausschüttungen, so dass die Diskussion um den Effekt von Süßungsmitteln müßig ist. Zweitens ist die Insulinausschüttung ohnehin abhängig von vielen Faktoren wie dem Fasten-Status oder auch dem mentalem Zustand.
Die Frage ist also einmal mehr nicht eindeutig zu beantworten.

Machen Süßstoffe (sau-)dick?


Noch so ein Einwand, der sich hartnäckig hält und auf doch dünnem Eis steht: Aus der Tatsache, dass der Süßstoff Saccharin in der Schweinemast verwendet wird, schließt die deutsche Bevölkerung selbstbewusst, Süßstoffe würden auch den Menschen in die nächste Kleidergröße mästen. Dabei wird hier wohl der Begriff „Mast“ leichtfertig mit der Schweinaufzucht gleichgesetzt.

Tatsächlich wird laut dem Deutschen Lebensmittelverband Süßstoff zur Entwöhnung der Ferkel von der Muttermilch verwendet - das findet aber vor der Phase der Mast statt und dient nicht, wie fälschlich angenommen, der Appetitanregung.

Fazit


Süßstoffe sind eine so bequeme wie kostengünstige Möglichkeit, Zucker und Kalorien einzusparen. Dabei besitzen Süßstoffe kein besonders gutes Image und sollen unter anderem zu ungezügeltem Appetit führen oder Krebs verursachen. Das Krebs-Argument konnte durch die Forschung weitgehend entkräftet werden, die appetitanregende Wirkung ist und wird wohl aus methodischen Gründen auch nie mit letzter Gewissheit be- oder widerlegt werden.

Sollte sie aber existieren, so kann sie der aufgeklärte und selbstbestimmte Mensch gewiss in den Griff bekommen. Jüngere Forschungsgebiete wie die Beeinflussung der Darmflora sollten aufmerksam beobachtet werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt spricht nichts gegen die Integration von Süßstoffen in eine ausgewogene Ernährung. Natürlich in Maßen - aber das gilt ja für jedes Lebensmittel.

Quellen


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  • Biava et al.: Bladder tumors in rats fed cyclohexylamine or high doses of a mixture of cyclamate and saccharin. Science, 1970.
  • Bua et al.: “A Sweet Combination”: Developing Saccharin and Acesulfame K Structures for Selectively Targeting the Tumor-Associated Carbonic Anhydrases IX and XII. Journal of Medicinal Chemistry, 2019.
  • Harpaz et al.: Measuring Artificial Sweeteners Toxicity Using a Bioluminescent Bacterial Panel. Molecules, 2018.
  • Davidson et al.: Artificial Sweetener May Disrupt Body's Ability To Count Calories, According To New Study. ScienceDaily, 2004.
  • Malaisse et al.: Effects of artificial sweeteners on insulin release and cationic fluxes in rat pancreatic islets. Cell Signals, 1998.
  • Mallikarjun/Sieburth: Aspartame and Risk of Cancer: A Meta-analytic Review. Archives of Environmental & Occupational Health, 2015.
  • Nettleton et al.: Reshaping the gut microbiota: Impact of low calorie sweeteners and the link to insulin resistance? Physiology & Behavior, 2016.
  • Renwick/Molinary: Sweet-taste receptors, low-energy sweeteners, glucose absorption and insulin release. British Journal 2010.
  • Suez et al.: Non-caloric artificial sweeteners and the microbiome: findings and challenges. Gut Microbes, 2015.
  • Suez et al.: Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota. Nature, 2014.
  • Teff et al.: Sweet taste: Effect on cephalic phase insulin release in men. Physiology & Behavior, 1995.
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  • Wang et al.: Sucralose Promotes Food Intake through NPY and a Neuronal Fasting Response. Cell Metabolism, 2016.

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