Über angebliche Shootingstars und Überflieger vom Natur-Buffet

Mit Superfood zum Superman?

In letzter Zeit bin ich sehr häufig über den Begriff "Superfood" gestolpert. Wie immer in solchen Fällen ziehe ich scheinbar dringliche Themen der Menschheit für einen neuen Artikel in Erwägung, noch bevor die erste Google-Recherche erfolgte. Doch Wikipedia bremste meinen Tatendrank hier schnell: "Superfood ist ein Marketingbegriff" hieß es da einleitend. Auch dass die Trefferliste mit einem Block aus AdWords begann, sprach nicht gerade für tatsächliche Relevanz. Aber angenommen, es gäbe dieses Superfood: Was wäre es dann – und warum?

Superfood Definition

Viele und keine Offizielle, aber alles in die Richtung: Ein Lebensmittel ist dann ein Superfood, wenn es eine besondere Dichte an essentiellen (Mikro-)Nährstoffen pro Kilokalorie besitzt und sich nachweislich auffallend positiv auf die menschliche Gesundheit auswirkt.
Das ist kaum von Aussagewert, weder die "hohe Dichte" noch die „auffallend positive Wirkung“ kann an irgendwelchen sinnvollen Maßstäben abgelesen werden. Es ist also tatsächlich Werbung, keine Wissenschaft.
Lebensmittel werden häufig dann zum Superfood gepusht, wenn sich durch irgendein hingebogenes Studiendesign aufmerksamkeitserheischende Effekte nachweisen ließen, das sind üblicherweise: Verlängerung der Lebenserwartung, Schutz des Herzes und der Blutgefäße, Ankurbelung der Fettverbrennung und natürlich vorbeugende oder gar heilende Wirkung bei Krebserkrankungen (zu letztgenanntem siehe auch Hashtag: Verschwörungstheorien der Pharmaindustrie).

Liste der Superfood Vertreter

Wie viele Superfoods es gibt und noch geben wird, lässt sich nicht feststellen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie natürlichen Ursprungs sind, keine hochverarbeiteten und industriellen Lebensmittel also, sondern üblicherweise Früchte, Gemüse und Beeren oder diverse Pflanzenbestandteile wie Wurzeln, Blattwerk und Samen.


In dieser Liste sind daher auch nur einige von ihnen:

Die Himbeere

Ein Klassiker unter den Superfoods. Spätestens seit dem internationalen Bestseller "Krebszellen mögen keine Himbeeren" genießt die Beere besondere Aufmerksamkeit. Das Buch schreibt natürlich auch diversen anderen Lebensmitteln eine Wirkung zu, die ernsthaft infrage stellt, warum Mediziner in aller Welt noch mit diesen unangenehmen Chemotherapien herum eiern. Dass ausgerechnet die Himbeere im Titel landete, ist ihr Glück.

Angeblich kann die allen Beeren innewohnende Ellagsäure die Vermehrung von Krebszellen stoppen oder diese sogar abtöten. Wer sich mit dem Thema Krebs nicht auseinandersetzen muss und mag, für den könnten die sogenannte Himbeer-Ketone interessant sein. Diese sorgen für den typischen Geruch der Beere und sollen die Fettverbrennung auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Sie sind sogar in extrahierter Form als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich.

Die Aroniabeere

Beeren Teil 2. Diese auf dem deutschen Markt eher neu eingeführte Variante (, die ich persönlich bislang eher von Duschbädern kannte,) bietet ein sehr komplettes Vitamin-, Mineralstoff- und Säure-Profil. Besonders stark schlägt sie sich im Feld der – Achtung, ein weiteres Reizwort! – Antioxidantien.

Die Aroniabeere ist extrem reich an Anthocyane, ein sekundärer Pflanzenfarbstoff, der ihr ihre kräftige tief blaue Farbe verleiht. Einer dieser Stoffe also, die uns in Madonna-ähnlicher Weise zu ewiger Jugend konservieren und: natürlich Krebs bekämpfen!

Kleiner Wehrmutstropfen: Im rohen Zustand ist die sehr saure Beere kein wirklicher Genuss. Oder besser gesagt: Sie tendiert gen ungenießbar.

Die Chlorella

Algen sind vielleicht nicht das Erste, was uns zum Thema "Superfood Liste" einfällt. Die Süßwasser-Pflanze Chlorella drängt sich jedoch derzeit massiv ins öffentliche Bewusstsein. Von allen Algenarten soll sie die nährstoffreichste sein, und dabei spielen die bis zu 60 % Proteingehalt noch die geringste Rolle (hier schrillen ohne nur bei Bodybuildern so richtig die Alarmglocken).

Sie soll außerdem Schwermetalle binden und die Ausleitung aus dem Körper begünstigen. Vielleicht interessant für Intensiv-Thunfisch-Konsumenten. Sogar gezielte Therapien für Patienten mit altertümlichem Zahnersatz sind gängig. Auch von einer erhöhten Spermaproduktion durch Chlorella ist zu lesen. Üblicherweise erfolgt eine Verabreichung in Pulver- oder Tablettenform.

Die Chiasamen

Leinsamen sind von mindestens vorgestern. Chiasamen hingegen sind – Superfood eben! Angewendet werden sie aber gleichermaßen vor allem in Müsli und Salaten oder als Topping für Süßspeisen etc., und sie sind ebenfalls überwiegend als kohlenhydratarme Omega-3-Quelle interessant.

Die Samen einer südamerikanischen Salbeiart sind besonders unter Ausdauersportlern beliebt und sollen eine konstante Energiezufuhr bei sehr langen Belastungen gewährleisten. Auch in Diätplänen halten sie nach und nach verstärkt Einzug: Studien zufolge helfen Chiasamen bei der Appetitkontrolle, sättigen dauerhaft und stabilisieren den Blutzuckerspiegel. Weitere Informationen können vertiefend ► hier nachgelesen werden.

Der Hanf

Sparen wir uns hier doch platte Witze und kommen wir gleich zum Wesentlichen: Hanf stellt eine Proteinquelle dar, die sich dem gemeinhin schlechten Ruf pflanzlichen Eiweißes wacker entgegenstellt. Als Pulver supplementiert bietet es eine gute Alternative zu anderen veganen Proteinquellen wie etwa Soja, das ja unter anderem für seine Einflussnahme auf den Hormonhaushalt in Verruf geraten ist.

Hanfprotein besitzt eine für vegetative Verhältnisse hohe biologische Wertigkeit (für diejenigen, die das immer noch interessiert) und ein attraktives Aminosäureprofil. Ein wesentlicher Bestandteil ist das Reserveprotein Edestin, das für viele positive Eigenschaften des Eiweißpulvers insgesamt verantwortlich wird: Es ist leicht verdaulich, gut verträglich und somit auch für Menschen mit empfindlichen Mägen und zu Unreinheit neigender Haut geeignet.

Am mehlig bis muffigen Geschmack scheiden sich die Geister. Die Verwendung ist eher in Smoothies (wer noch nicht auf die hippe Flüssignahrung umgestiegen ist, ist ohnehin nie in diesem Jahrtausend angekommen) als im normalen Shake gängig.

Die im Handel erhältlichen Pulver weisen auch nur einen Proteingehalt von ca. 50 % auf, zur Deckung eines hohen Tagesbedarfs werden also größere Mengen nötig. Andererseits ermöglicht der niedrige Eiweißanteil sogar eine Verwendung als Mehlersatz beim Backen.

Der Matcha-Tee

Hier noch einen für die Heißgetränke-Liebhaber unter uns. Galt Grüner Tee bislang schon als der Kracher schlechthin hinsichtlich seiner gesundheitsfördernden Wirkung, so spielt der Matcha-Tee noch einmal in einer ganz anderen Liga.


Er wird aus dem Pulver zermahlener Sencha-Blätter aufgegossen, wir haben es hier also mit einem Instant-Getränk zu tun. Dass die Nährstoffaufnahme intensiver ausfällt als beim gewöhnlichen Aufgussbeutel, klingt plausibel. Somit verstärken sich auch die Effekte des Grünen Tees angeblich rasant: Die Ankurbelung der Fettverbrennung und die aufputschende Wirkung.

Zwar triumphiert der Matcha mit ca. 30 mg Koffein pro Tasse nicht deutlich über die Aufgussvariante, trotzdem schildern Anhänger des japanischen Edelgetränks eine langfristigere und gleichmäßigere Nachwirkung.

Doch Matcha-Tee kann noch mehr! Derzeit befasst sich die Alzheimer- und Parkinson-Forschung mit dem Potenzial der im Pulver enthaltenen Aminosäure L-Theanin, dem eine entspannende und förderliche Wirkung auf das Zentralnervensystem nachgesagt wird. Auch in Punkto Krebstherapie gibt es selbstverständlich Ansätze: Interessant ist hier insbesondere das Epigallocatechin-Gallat oder EGCG, ein im Mactha-Tee hochkonzentriert enthaltender Bitterstoff, der Präventivarbeit leisten soll.

Moringa

Dies ist nicht etwa ein lateinamerikanischer Tanz, sondern eine Art Wunderbaum aus den heißen und sandigen Gegenden unseres Planeten, wo er Naturvölkern schon immer eine Nahrungsgrundlage bietet. Nun erreicht der Moringa auch die Biomärkte der Ersten Welt.

Wiederum werden hier vor allem die pulverisierten Blätter angewendet, im Prinzip ließen sie sich aber auch in Salatform oder im gekochten Zustand essen. Zu dem "Wunderbaum" oder auch "der wichtigsten Pflanze der Welt" (…) bleibt nichts zu sagen, außer, dass sie einfach alle denkbaren Mikronährstoff in schwindelerregender Konzentration enthält und hochgradig entzündungshemmend wirken soll.

Und zu guter Letzt: Was ist von dem Phänomen Superfood zu halten?

Nun ja. Neutralität und Unvoreingenommenheit waren noch nie so Meins. Aber was Ernährung angeht habe ich selbst zu viel ausprobiert und zu viele Jahre entbehrungsreich gelebt, als dass ich noch an ein Wunder, eine Abkürzung zum Olymp des Wohlbefindens glauben würde. Und ich weiß, dass ich es hier mit einer aufgeklärten Leserschaft zu tun habe. Und der geht es ja genauso.
"Essen hat kein Label. Produkte haben Label", lautet eine Grundregel in der Paleo-Diät (und ja, auch diese ist argumentativ nicht wasserfest). "Superfood" drückt Lebensmittel aber einen klaren Stempel auf. Es fällt auf, dass jedes der genannten Lebensmittel, so natürlich sie im Ansatz eigentlich sein mögen, sofort in Pulver-, Gel-, Kapsel- und Pillenform gepresst wurde.
Wie angesprochen führen Google-Suchen nicht an erster Stelle zu seriösen Informationen, sondern zu fragwürdigen Online-Shops für all diese Leute, die nicht mehr wissen wohin mit ihrem Geld.

Ja klar, es wachsen schon Dinge an den Bäumen, Sträuchern und Stauden dieser Welt, dass man sich eigentlich für jede Fertiglasagne im Einkaufswagen gleich dreimal schämen sollte. Das heißt noch lange nicht, dass wir uns ins Bockshorn jagen sollten von Studien an Ratten, Einzellern, mit Mikrostichproben, aberwitzigen Verabreichungsmengen oder einer Eintönigkeit der Ernährung, die außerhalb der klinischen Glasglocke ohnehin nicht geschieht. Auch der Vergleich von Krebsraten in Probandengruppen nach jahrzehntelanger Beobachtung ist angesichts der Komplexität unserer Umwelteinflüsse nicht einen Cent der vermutlich wahnwitzigen Forschungsgelder wert.

Die hier aufgeführten Beispiele decken nur einen Bruchteil dessen ab, was sonst noch als Superfood deklariert wird: Heidelbeeren, Kokosnusswasser, Acai-Beere, Weizengras, Granatapfel, Quinoa … da muss sich doch irgendwann ein Gedanke aufdrängen: Wenn alles Superfood ist, ist nichts Superfood!

Mein persönliches Superfood ist wahrscheinlich auch deines: Alles, was Mama kocht. Das tut nämlich so richtig gut!

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