Die ständige Rechtfertigung für den BB-Lifestyle

Aus dem Tagebuch einer Kraftsportlerin

Das Leben eines Bodybuilders oder auch bereits jenes des ambitionierten Freizeitsportlers zeigt sich nicht nur im Kampf mit den eigenen Schwächen und Grenzen als kräftezehrend, sondern auch im Umgang mit den mehr oder weniger interessierten Menschen im eigenen Aktionsumfeld. Berichten bereits die männlichen Anhänger des exzessiven Eisensportes von fehlendem Verständnis innerhalb gleichgeschlechtlicher Freundeskreise, trifft es die weiblichen Verfechter von Brokkoli und Hähnchen noch etwas härter. "Anders" zu sein, war bereits in der Grundschule mutig.

Ging man damals meist noch selbstverständlich mit der Masse, um cool zu sein, gestaltet sich im Laufe der Ausbildung eines individuellen Selbst der eigene Weg meist als weniger geschmeidig. Hat man seine Berufung im Kraftsport und dem dazugehörigen Lifestyle gefunden, wird man auf die erste soziale Probe gestellt, die einen darin prüfen will, wie ernst es einem mit dem Sport nun wirklich ist (Achtung, an Klischees wird nicht gespart).

Jeder wird doch bereits die Reaktionen vernommen haben, die in Folge auf eine zum Mittagessen mitgebrachte Tupperdose voll mit Hähnchen, Reis und Brokkoli auf die hungrige Sportlerin einprasseln. Die vom Fastfoodrestaurant zurückkehrende Burgerliebhaberin bleibt dagegen in ihrem Handeln unbeachtet.

Wer ist nicht schon einmal vom Morgencardio zurückgekehrt und hat dabei die feierwütige Meute auf ihrem der Ausnüchterung dienenden Fußweg ins Bett überholt?

Wer durfte sich nicht mindestens einen Kommentar dazu anhören, wie man denn die frühsten Morgenstunden damit verschwenden könne, eine Runde durch den Regen zu rennen - vor dem Frühstück!?

Handele es sich hierbei aber um das Verhalten des sexy Nachbarn, dessen Sixpack wir im Sommer über den Zaun blinzelt begutachten dürfen, ist der frühmorgendliche Lauf legitim.
Dass Männer für ihre Körper schuften, ist sexy, stark und macht die Männlichkeit doch erst aus. Das Alphamännchen, welches in der Notsituation in der Lage ist, das hilflose, bedrohte Weibchen zu beschützen, steht also im Sinne der Steinzeit bereit. Auch wenn sich nach und nach eine Entwicklung vollzogen hat, in der das Weibchen sich selbst versorgen und insbesondere selbst verteidigen kann. Ganz und gar ist das weibliche Geschlecht noch nicht im Gym angekommen und wenn doch, wird es immer noch etwas kritisch beäugt. All dies in der Hoffnung, man könne ihm beim Kniebeugen ein wenig behilflich sein (lasst es bitte, wenn wir eure Hilfe brauchen, werden wir uns melden).
Fakt ist: Auch wir Frauen müssen für unseren Körper arbeiten. Wenn nicht sogar hormonbedingt ein wenig mehr.

Foto: Frank-Holger Acker

Mindestens genauso hart züchten wir uns unsere Hinterteile heran und trimmen unsere Körpermitten für den Sommer zurecht. Auch wir wollen gesund und stark sein. Warum ist es immer noch nötig, dass wir uns rechtfertigen, wenn auch wir uns dieser Aufgabe vollends widmen und es ernst meinen? Wir reden manchmal nicht nur viel, wir arbeiten auch mindestens genauso hart an uns.

Die ernsthafte Athletin ist mit den folgenden Situationen vertraut

Das Abweichen von der persönlichen Daily Routine bringt uns oftmals Situationen, in der wir unsere Tupperdose im Kreise anderer öffnen und ihren Inhalt an gleicher Stelle verspeisen müssen.

Hierbei handelt es sich meist um Dienstreisen, Studienfahrten oder sonstige Unternehmungen in sport- und ernährungsspezifisch heterogenen Gruppen. Das Mittagessen wird zum Verhör, das Glas Wasser steigt am gemeinsamen Abend in den Ring gegen die Flasche Sekt oder eine Flasche Bier. Dass der Abend häufig auch in den Augen mancher zu verfrüht verlassen wird, das steht außer Frage.
Auffallend ist: Wenn die Athletin ihre Werkzeuge schärft, ihrem Körper jene Nährstoffe zuführt, die sie gesund halten und stark machen, wird dies oftmals in der breiten Masse zum Thema des Abends.
Die Athletin, auf der Anklagebank sitzend, wird zur Verteidigerin ihres Lebensstils.

Während die Anklage ihre Leber zu einer Nachtschicht verdonnert, erläutert die Angeklagte ein weiteres kräftezehrendes Mal ihre guten Absichten. Ihre persönlichen Ziele. Ihre Träume. Die Reaktionen reichen von einem müden Lächeln, dem sich zuweilen auch der Funke von Mitleid entnehmen lässt, bis hin zur Verurteilung zur Wahnsinnigkeit.

Ironischerweise spiegelt auch die Reaktion der Athletin auf das ihm entgegengebrachte Urteil in gewisser Weise Mitleid wider. Weiß die Bodybuilderin doch, trotz oder gerade wegen des persönlichen Kampfs an Grenzen und Bergen, wie gewinnbringend sich der Sport auf die persönliche Entwicklung ausgewirkt hat.

Nach außen trägt sie ihren definierten, kraftvollen Körper, wodurch sie vielerorts neben Neid auch dem Urteil unterlegen ist, oberflächlich zu sein.

Viel wichtiger für den Athleten selbst ist jedoch die Entwicklung, die ein jeder Soldat mit dem Eisen im Inneren seines Selbst vollzogen hat und noch vollziehen kann. Hier liegt das Geheimnis und der wahre Reiz des Sportes.

Die Ausschöpfung der eigenen Kapazitäten auf psychischer Ebene mit Hilfe der Überwindung physischer Grenzen. Beim Überbieten der eigenen persönlichen Bestleistung notiert man sich nicht nur eine Zahl im Trainingsbuch. Beim Überbieten der eigenen persönlichen Bestleistung siegt man über einen Teil seines Ichs. Man siegt über den schwachen Teil.

Dieser wird ersetzt durch eine stärkere Komponente, die einem beweist, dass man zu mehr in der Lage ist, als ursprünglich vermutet, dass beim Erreichen der eigenen Grenzen nach oben hin noch viel Spielraum ist. Kein anderer Sport bringt den Menschen so sehr zum Inneren, zum Selbst, zur individuellen Bestimmung. Ein Mensch, der sich niemals ernsthaft dem Kraftsport zugewandt hat, wird nur schwer verstehen können, wie auch die Tupperdose einen essentiellen Teil zur Ausprägung der Persönlichkeit beiträgt.

Nur selten entpuppen sich Teile jener Anklage nach Anhörung der Athletin, wenn diese überhaupt erfolgt, als eine fortschrittliche Gruppe, die sich nach der Disziplin zu einem solchen Lebensstil sehnen. Dennoch - der Versuch des dauerhaften Freispruchs bleibt auch hier meist ein in der Ferne gelegener Traum für die Verhörte.
Darüber reden: Ja.
Sich selbst daran versuchen: Niemals.
Menschen ändern sich nicht. Erst recht nicht das Bild von sich selbst.

Frauen tun sich oftmals noch schwerer ein gleiches Geschlecht als Vorbild anzusehen. Da spreche ich auch aus Erfahrung. Oftmals sind Frauen Einzelkämpfer. Sind sie auch meist in Herden unterwegs, schlägt sich eine jede Frau am Ende des Tages doch alleine durch.

Dies prädestiniert sie nur noch mehr, sich ans Eisen zu wagen. Anders zu werden und anders zu sein. Ist die Arbeit an den eigenen Grenzen auch noch so anstrengend. Zeitaufwendig. Nervenaufreibend.

Jede Kraftsportlerin wird zuweilen an einem Punkt stehen, an dem sie sich fragt, ob der eingeschlagene Weg ein zielführender ist. Aber auch dieser Moment zwischen Kurzhanteln, Reis, Hähnchen und Brokkoli ist fester Bestandteil des Prozesses. Wer sich üben diesen Punkt hinwegsetzt, gegen die eigene Bequemlichkeit, für den eigenen Triumph, wird größere Früchte und Muskeln ernten als je zuvor - und die Persönlichkeit wird gleichauf wachsen.

Foto: Aliona Hilt

Gleichzeitig der Mut anders zu sein und anders zu bleiben

Muss der weibliche Bodybuilder sich für diese Entscheidung bei gemeinsamen Essen dafür erklären? Soll sie sich dafür rechtfertigen?

Der Mensch ist ganz alleine für seinen Weg verantwortlich. Man kann ihm eine Richtung vorgeben, jedoch wird er sie nicht einhalten. Für die meisten bedarf es mehr als eines anderen Menschen, dessen Lebensweg sich als der Zielführende darstellt, um die individuelle Richtung zu finden.
Die Orientierung an erfolgreichen Menschen mag auf dem Weg zum persönlichen Gipfel verlockend einfach sein, aber hier spielt ihm nicht selten eine der sieben Todsünden in die Karten: Neid.
Wird man nicht verachtet, wird man beneidet. Oder verbirgt sich womöglich hinter dem einem eben auch das andere?

Neid muss man sich verdienen, so sagt man. Ist das Unverständnis der breiten Masse vielleicht ein erstes Eingeständnis von Respekt, verpackt in Neid und dem Einsehen der eigenen Unzulänglichkeit?

Wenn wir die Masse und jenes Sport- und Ernährungsverhalten akzeptieren, welches als "normal" angesehen wird (hier denkt man vor allem an das Prinzip von drei Mahlzeiten am Tag), sollte dann nicht auch jede andere Form der Ernährung, zumindest hingenommen und nicht belächelt in Frage gestellt werden? Wieso ist eine den persönlichen Zielen angepasste Ernährung in den Augen der Masse fragwürdig, der schnelle Gang an die Imbissbude jedoch legitim? Gebe ich meinem Körper doch hier eher eine verminderte Zahl an brauchbarer Nährstoffe?

Es macht demnach den Anschein, dass es beinahe verpönt ist, seine Ziele strebsam zu verfolgen, seinem Körper etwas Gutes zu tun. Ist es auch hier der Neid nach eben dieser Charaktereigenschaft? Oder ist es weitaus weniger und damit "nur" Intoleranz?

Sicherlich ist der Bodybuilding-Lifestyle nicht jedermanns Sache. Jene, die sich darin ganz und gar nicht finden, sind oftmals jedoch auch diese, die unvoreingenommen den Lebensweg des anderen akzeptieren und befürworten. Die andere Seite der Anklage bedarf es auf ihre wahren Beweggründe zu untersuchen - oder ihnen das entgegen zu bringen, was der Sportler sich zuweilen wünscht: Jedem das Seine.

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