Das Training eines Elite-Polizisten

Testvorbereitung und Aufnahmetest für das Spezialeinsatzkommando

Um die Spezialeinheiten der Polizei ranken sich viele Mythen. Wer steckt hinter den Sturmmasken einer Elite, die für die heikelsten Aufgabenfelder unserer Exekutiven gerufen wird? Und vor allem: Welches Training ist notwendig, um ständig in Extremsituationen bestehen zu können? Wir haben mit einem Kommando-Angehörigen des Landes Sachsen-Anhalts gesprochen, um ein wenig Licht in das Dunkel rund um einen sagenumwobenen Berufszweig zu bringen.

Fangen wir einmal bei den Anfängen an: Warum bist du überhaupt Polizist geworden?


Ich wollte, wie so viele, schon als Kind Polizist werden. Ich bin in Sachsen in einem Brennpunktviertel aufgewachsen, von daher hatte die Polizei immer eine gewisse Präsenz in meinem Alltag. Mich haben immer die Wasserwerfer gegen die Demonstranten sehr beeindruckt. Ich fand die Uniformen cool und dass es quasi eine „Armee des Guten“ gab, und da wollte ich mitmachen.

Foto: Feuerwehr Wiesbaden / CC BY

Wie sah dann dein Werdegang bei der Polizei aus, bevor du ins Kommando gekommen bist?


Nach dem Abitur musste ich erstmal meinen Grundwehrdienst leisten. Nach meiner Zeit als Thüringer Panzergrenadier habe ich gleich mein Studium für den gehobenen Polizeivollzugsdienst bei der Landespolizei Sachsen-Anhalt begonnen.

Meine erste Verwendung nach dem Studium war dann die sogenannte Beweis- und Festnahmeeinheit BFE. Die sind zum Beispiel dafür zuständig, Rädelsführer aus Demos oder Hooligans aus Fußballfanmassen rauszuziehen. Bei einem Einsatz im Rauschgiftmilieu habe ich mich bei einem Widerstand gegen eine Festnahme verletzt. Die gesuchte Person hat meinen Augapfel glatt mit dem Zeigefinger durchstochen. Ich war dann monatelang stark sehbehindert und wäre sogar fast aus ganz aus dem Polizeidienst ausgeschieden.

Ausgerechnet in dieser Situation habe ich mich beim Kommando beworben. Ich war grade erst 23 und ja nahezu dienstuntauglich, die wollten mich eigentlich schon an der Tür abweisen. Aber es gab da einen Beamten, der mir zugehört hat und mir eine Chance geben wollte. Ich hatte dann einen knappen Monat Zeit, mich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Wie durch ein Wunder ist mein Auge dann auch über Nacht geheilt!

Wie sportlich warst du denn damals, bzw. wie hatten dich Studium und der Dienst bei Bereitschaftspolizei schon auf die hohen Anforderungen im Kommando vorbereitet?


Dazu muss ich gleich sagen, dass Sport bei der Polizeiausbildung gar nicht so groß geschrieben wird wie viele denken. Man hat Rettungsschwimmen und einsatzbezogene Selbstverteidigung, aber wirkliche Sportskanonen werden an den Polizeiakademien nicht geformt. Wir hatten eine jährliche Normabnahme im Kraftsportbereich, das waren einfach nur 6 Klimmzüge und 3 Wiederholungen Bankdrücken mit 80 Prozent des Körpergewichtes. Und 80 Prozent waren in meinem Fall so 50 Kilo, weil ich als Hungerhaken vom Bund zurückgekommen war.

In den Praxissemestern war das dann noch schlimmer. Da kam dann noch der Schichtdienst dazu und meine Kollegen waren alle um die 50 und keiner hat sich in irgendeiner Weise für Sport und Fitness interessiert. Ich war in einem Revier dafür zuständig, den nächtlichen Dönerteller zu besorgen, und in einem anderen hatten wir eine Gemeinschaftskasse für billige Frankfurter Würstchen.

Ich weiß noch, wie wir einmal auf eine Neonazi-Geburtstagsfeier gerufen wurden. Ich bin dann zwischen drei gewaltbereite Glatzen geraten und die haben tatsächlich von mir abgelassen – aus Mitleid! Der eine hat gesagt „Also wenn ihr in Zukunft nur noch so was schickt – dann gute Nacht.“ Das war so ein Aha-Erlebnis. Ich habe dann mit Taekwondo angefangen und wie im schlechten Film mit Liegestützen und einem 40 Kilogramm-Zementsack trainiert.

Bei der BFE hatte ich dann das erste Mal Kollegen, die teilweise richtig aufgepumpte Brecher waren. Bei denen habe ich mir dann Rat zum Training eingeholt und ich habe dann auch mit Grundübungen wie Kniebeugen oder Kreuzheben angefangen. Auch die Ernährungssituation ist da etwas besser geworden. Polizisten bekommen für die langen Tage Einsatzverpflegung zugeteilt, die eigentlich immer richtig erbärmlich ist, meistens fettige Salamibrötchen und Snickers oder so was in die Richtung.

Die Jungs haben dann Eiweißriegel oder hartgekochte Eier und Magerquark mitgenommen. Es gab auch richtige Stilblüten, zum Beispiel hatten wir mal einen Wettkampf um den krassesten Eiweißshake. Da hatte jemand dann 200 Gramm Proteinpulver zu einem Brei verrührt und sich reingequält. Von den Flatulenzen im T4-Bulli bin ich bis heute traumatisiert.

Du hattest also einen Monat Zeit bis zur Aufnahmeprüfung. Wie sah deine konkrete Vorbereitung aus?


Ich musste das Training natürlich immer noch an meine Augenverletzung anpassen, um die nicht wieder zu verschlimmern. Ich hatte einen Mentor, ein Ehemaliger von der GSG9 (Anmerkung: Die GSG9 ist die Spezialeinheit der Bundespolizei), der hat mir viele Tipps gegeben und Übungen gezeigt, die wichtig sind, aber auch keinen konkreten Trainingsplan geschrieben. Das meiste habe ich in Eigenregie gemacht.

Ein Monat ist auch wirklich wenig Zeit! Ich habe das disziplinierteste Training meines Lebens durchgezogen: Morgens Krafttraining, mittags Kickboxen, abends Ausdauersport. Ich hatte vor allem Defizite bei der Ausdauer, Kraft ging noch einigermaßen. Am meisten haben mir Intervallläufe gebracht, die habe ich buchstäblich bis zur Kotzgrenze gemacht. Ansonsten hab ich noch viel für den Parcours-Teil vom Einstellungstest trainiert, Gymnastikübungen am Rack, am Baum und am Seil.


Und jetzt das Spannendste: Wie lief der Aufnahmetest für das Kommando ab?


Der Test hat drei Tage gedauert.

Am ersten Tag gab es erstmal die polizeiärztliche Untersuchungen. Da wird einfach die ganz grundsätzliche Gesundheit gecheckt: Lungenvolumen, orthopädische Gesundheit, Sehkraft, Gebiss etc.

Danach gab es einen juristischen Test. Da muss man zeigen, dass man sich im Strafrecht sehr gut auskennt, vor allem im Schusswaffengebrauch. Man muss ja später in extremen Stresssituationen innerhalb von Sekunden wissen, was man darf und was nicht.

Die Sporttests finden dann am zweiten Tag statt.

Es ging los auf einer Laufbahn im Stadion. Ein 200 Meter-Sprint mit Schussweste und Helm. Danach war gleich der Krafttest. Da geht es um Maximalkraft und Kraftausdauer. Hier auch wieder die maximalen Wiederholungen mit 80 Prozent des Körpergewichtes im Bankdrücken, wie auch während des Studiums. Ich meine, man musste mindestens 13 Wiederholungen schaffen. Ansonsten noch: Mindestens 10 Klimmzüge. Maximale Anzahl an Situps in 60 Sekunden. Maximale Anzahl an Dips in 60 Sekunden – 22 war da die Minimalanforderung. Und Standweitsprung. Ich glaube, da musste man mindestens 2,60 Meter schaffen.

Danach ging es zum Sparring. Da musste man über drei Runden gegen einen erfahrenen Kampfsportler antreten. Die Beurteilung sah so aus, dass man in eine von drei Leistungskategorien gesteckt wurde. Es ging dabei nicht um irgendwelche Kampftechniken. Die wollten sehen, ob man mutig oder ängstlich reagiert. Die hatten ja bewusst einen übermächtigen Gegner ausgesucht.

Direkt nach dem Sparring, als man eigentlich schon völlig kaputt war, gab es dann gleich den 5000 Meter-Lauf. Den muss man unter 23 Minuten schaffen. Später im Lehrgang wird aber eigentlich erwartet, dass man 5 Kilometer unter 20 Minuten läuft.

Dann gab es eine Stunde Mittagspause und danach den Parcours. Das ist ein bisschen wie bei Ninja Warrior. Bockspringen, Klimmzug, Hüftaufschwung, Untertauchen, Japan Test, Stangenklettern und so weiter. Man musste an einem Seil, das so 4 bis 5 Meter lang war, in 30 Sekunden dreimal hochklettern. Das war für mich schon fast das Anspruchsvollste.

Am dritten Tag sind dann die psychologischen Tests. Da sind wir zur Feuerwehrakademie gefahren für den Höhentauglichkeitstest. Da musste man einen Hochspannungsmast hochklettern und dann in 25 Meter Höhe über einen Balken balancieren, der halb so breit ist wie dein Fuß. Man ist zwar gesichert, aber an einem lockeren Seil, das man gar nicht merkt. Oben stand eine Psychologin und hat mit uns den Stroop-Test durchgeführt. Ich war da gleich als erstes dran und ich kann echt sagen, dass ich noch nie in meinem Leben solche Angst hatte!

Danach kam der Klaustrophobietest. Da musste man im Dunkeln durch enge Röhren klettern und es gab Rauch und Sirenen und so Dinge, die einem in der Dunkelheit Angst machen sollten. Das ist mir nicht so schwer gefallen, das fand ich eigentlich eher lustig. Dann gab es noch einen Feuertest, bei dem man mit einer brennenden Decke rumrennen musste und sich dann durch Wälzen am Boden löscht.

Danach kommen noch ein paar psychologische und kognitive Sachen. Erstmal hat man ein psychologisches Gespräch, da wurden einem etwa 45 Minuten lang Fragen gestellt, zum Beispiel: „Ekeln Sie sich manchmal vor anderen Menschen?“ und das musste man dann auf einer Skala von 1 bis 5 beantworten. Nach einer Weile haben sich die Fragen dann sinngemäß wiederholt, im Beispiel etwa „Jemand im Raum putzt sich die Nase, finden Sie das eklig?“ Und da musste man aufpassen, keine widersprüchlichen Antworten zu geben. Sonst wäre man ja als Lügner enttarnt worden.

Dann gab es noch einen Aufmerksamkeitstest. Wir mussten uns so 15 Minuten lang ein Video von einer McDonald’s Filiale angucken und dann hinterher dazu Fragen beantworten. So was wie: Wie viele Menschen sind reingekommen? Wie viele sind rausgegangen? Was hatte die Frau an, die mit zwei Männern da war?

Zum Schluss gab es noch ein Rollenspiel. Da sind wir mit dem Streifenwagen vorgefahren und haben dann irgendeine Situation vorgefunden, zum Beispiel häusliche Gewalt, Mann bedroht Frau mit dem Messer.

Danach gab es dann das Auswertungsgespräch. Bei mir hatte es ja gereicht.


Woran scheitern die meisten Bewerber?


Der Test wird zentral für alle ost- und norddeutschen Landespolizeien durchgeführt. Wir hatten richtig viele Bewerber, eine höhere dreistellige Zahl. Die allermeisten sind schon bei der ärztlichen Untersuchung gescheitert. Ich würde sagen, das sind fast 80 Prozent.

In Teil 2 des Interviews geht es um den sechsmonatigen Lehrgang nach der Einstellungszusage, Training und Ernährung im Kommandoalltag und um die physischen und psychischen Voraussetzungen, die jeder Interessierte mitbringen sollte.

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