Alle Jahre wieder

Trainieren mit Erkältung

Es lässt sich nicht mehr leugnen. Ich bin offiziell in der Silberrücken-Fraktion angekommen. Das ist poetisch für: Ich bin ein alter Sack! Seit etwa zehn Jahren war ich nicht krank. Nicht mal ein leichter Schnupfen. Und jetzt das! Eben noch das blühende Leben und dann drei Wochen Bettruhe mit Hafersüppchen und Brennesseltee. Das Grauen. Das Schlimmste daran sind nicht die Halsschmerzen, die laufende Nase mit Husten, Fieber, Kopfdruck, Übelkeit und dem ganzen quälenden Drumherum… Das Schlimmste - und ich spreche hier von der Hölle - ist, dass man nicht TRAINIEREN kann!

Die Grippewelle 2017/2018 rollt über Deutschland. Wie das Robert-Koch-Institut vermeldet, sind bis dato weit über 6000 bestätigte Influenzafälle übermittelt worden. 14 Grippetote gab es seit Beginn des Winters. Die Grippe-Aktivität steigt weiterhin bundesweit, dennoch liegen die Werte laut RKI insgesamt (noch) im Rahmen.

Bild: Frank-Holger Acker

Mit schöner Regelmäßigkeit hören wir Fitnesstrainer dann immer wieder dieselbe Frage:
Kann man mit einer Erkältung trainieren?
Klar, kann man… aber sollte man auch? Die Kunst dabei ist es, auch das zu praktizieren, was man predigt.

Die alte Sportlerregel "Eine Erkältung muss man ausschwitzen!" (also am besten mit Thermo-Kombi stundenlang durch den Winterwald stratzen) steht inzwischen auf den Grabsteinen unzähliger übereifriger Sportskanonen. Ich übertreibe nicht.

Deshalb mein Rat: Mit einer Infektion, gleich welcher Art, grundsätzlich kein Training, gleich welcher Art. Ich weiß, das wird vielen Gymaholics, Eisen-Junkies und Ausdauer-Freaks nicht schmecken. Ich selbst bin da, wie gesagt, keine Ausnahme.

Warum du dein Training pausieren solltest

Ein Körper, der mit einer Infektion zu kämpfen hat und dessen Immunsystem auf vollen Touren läuft, sollte nicht unnötig mit zusätzlichem Trainingsstress belastet werden. Sportliche Anstrengung, egal in welcher Form, ist IMMER ein Stressfaktor; schon für einen gesunden Menschen.

Man sollte sich vor Augen halten, dass ein produktives Training mit einem überlasteten System nicht möglich ist. Weder die Infektion kann sich bessern, noch erzielt man einen positiven Trainingseffekt. Im Gegenteil.

Man versucht als Athlet ständig, irgendeinen Grund FÜR ein Training zu finden, indem man sich auf alle möglichen Faustregeln und Veteranen-Tipps beruft, selbst wenn diese noch so sehr an den Haaren herbeigezogen werden müssen.

Da ist zum Beispiel die alte Nacken-Regel: Bei Symptomen, die oberhalb des Nackens auftreten (wie Husten, Triefnase, Kopfschmerzen) könne man bedenkenlos trainieren. Bei allem, was darunter ist (Bronchitis, Mandelentzündung, Gliederschmerzen) sollte man auf Training verzichten.

Da fragt man sich natürlich, was um alles in der Welt einen Sportler anficht, unbedingt mit Kopfschmerzen trainieren zu wollen. Vielleicht sollte man in dem Fall tatsächlich erstmal ärztliche Hilfe suchen - allerdings nicht wegen der Erkältung, sondern wegen des Verdachts auf pathologische Sportsucht.

Das alte Argument, Sport stärke das Immunsystem, gilt übrigens nur für moderate körperliche Aktivität - also sogenannten positiven Stress. Leistungssport mit hoher Belastung, egal ob Marathonlauf oder hochintensives Krafttraining, schwächt die Abwehrkräfte und das ZNS - zumindest temporär - überdeutlich und nachweislich.

Ein gravierender Leistungseinbruch ist bei ein paar Tagen Trainingspause sicher nicht zu befürchten. Und da man eben durch Sporttreiben auch keine Linderung erfährt, warum sich nicht einfach mal ein wenig Ruhe und Erholung gönnen?

Wann kann ich wieder trainieren?

Um selbst einschätzen zu wollen, wie schlimm oder harmlos der Schnupfen gerade ist, bleibt für Laien - besonders, wenn sie trainingsgeile Fitnessfanatiker sind - immer ein Vabanquespiel.

Selbst bei leicht erhöhter Temperatur riskiert man Herz-Rhythmus-Störungen, Verletzungen oder im schlimmsten Fall eine Herzmuskelentzündung, die zum Tod führen kann. Das ist kein Spaß! Ich selbst habe einen guten Freund und Sportkameraden an genau dieses Phänomen verloren. Das Fieberthermometer ist also Pflicht.
Mehr zum Thema Herzmuskelentzündung? In ihrem Artikel erklärte Ulrike Hacker bereits vor 5 Jahren alles Wissenswerte dazu: Myokarditits
Kannst du eine einfache Erkältung ohne ärztliche Diagnose von einer richtigen Grippe oder einem Infekt unterscheiden? Respekt! Ich nicht.

Mein Rat: nach Abklingen der Erkältungsbeschwerden sollte man, je nach Schwere des Krankheitsverlaufs, mindestens ein bis zwei Wochen warten, bevor man wieder ins Training geht, wobei man erstmal locker beginnt und nach und nach Intensität bzw. Umfang steigert. Passionierte Kraftsportler können sich ja diese Pause auch einfach als "strategische Dekonditionierung" schönreden. Das hilft.

In diesem Sinne, kommt gesund durch den Winter!

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