Das größte Teilnehmerfeld aller Zeiten

Die Trivialisierung des Mr. Olympia

Knapp 400 Athleten und Athletinnen sind derzeit für den bedeutendsten Wettkampf im professionellen Bodybuilding qualifiziert. Diese immense Zahl bildet die zunehmende Popularität des Sports ab, ist aber auch eine Gefahr für die Reputation des Wettkampfs und die sportliche Fairness.

Ganze 388 Athleten und Athletinnen sind direkt für den Mr. Olympia qualifiziert (Stand 15. November), zuzüglich der Qualifikanten über die Punkteliste. Für den bedeutendsten Wettkampf des Sports, der einst mit nur einem Teilnehmer in einer Klasse begann, ein unfassbarer quantitativer Gewinn. Aber auch ein Grund zur Freude?


Inflation der Klassen


Anfänglich gab es, wie gesagt, nur eine einzige Klasse, später unterschied man zwischen Schwer- und Leichtgewicht. Es folgten das Frauenbodybuilding und die Fitness- und Figure-Klasse, dann die 212er-Klasse (anfänglich 202), Bikini, Men’s Physique, Women’s Physique, Classic Physique, Wheelchair Bodybuilding und zuletzt die Wellness-Klasse.

Man kann diese Entwicklung auf der einen Seite mit Fug und Recht begrüßen. Nicht jeder ambitionierte Athlet will aussehen wie Big Ramy, aber hat trotzdem Spaß an Wettkämpfen. Diese Chance hat er nun in der Men’s Physique oder der Classic Physique. Wie verbreitet diese Haltung ist, kann man auf jedem Wettkampf sehen: die Teilnehmerfelder sind insbesondere in diesen Klassen prall gefüllt.

Und auch der Mr. Olympia macht da keine Ausnahme: In der Classic Physique sind 61 Athleten direkt qualifiziert, in der Men’s Physique gar 65. Zum Vergleich: Im Open Bodybuilding sind es „nur“ 32, genauso in der 212. Ähnliches Bild bei den Frauen: Gleich 53 Athletinnen sind es in der Bikiniklasse. Es folgen Figure (36), Wellness (35), Women’s Physique (21), Fitness (20) und Women’s Bodybuilding mit 18 Athletinnen. Selbst in der recht neuen Kategorie Wheelchair Bodybuilding sind 14 Athleten direkt qualifiziert.
Eine Übersicht zu den Startern in der offenen Klasse gibt es bei den Kollegen auf RepOne.

Inflation der Pro Cards


Spätestens seit dem Split der IFBB Pro League und der IFBB Amateurliga erleben wir eine wahre Flut an Pro Qualifiern, die entsprechend auch eine quasi unüberschaubare Zahl an Profis hervorbringen. Konnte man vor zehn Jahren die Zahl der aktiven deutschen IFBB Pros an zwei Händen abzählen, dürften selbst Szenekundige Probleme haben, dies heute zu tun.
Ob die Pro Card durch diese Vielzahl an Wettkämpfen nun an Wert verliert oder nicht, darüber kann man trefflich streiten. Sicherlich war es früher deutlich schwerer, diesen Status zu erlangen, dafür ist die Zahl der aktiven Wettkampfathleten in den letzten Jahren quasi explodiert, sodass man sich über mangelnde Konkurrenz nicht beklagen kann.
Oder einfacher gesagt: Auch heute bekommt man keine Pro Card geschenkt.

Inflation der Pro Shows


Die logische Konsequenz vieler Pro Qualifier und damit verbunden, vieler neuer Profis ist eine enorme Zunahme an Pro Shows, denn irgendwo wollen und sollen die ganzen neuen Profis ja auch starten. Dass sich mit den Wettkämpfen (Qualifier wie Pro Shows) gutes Geld verdienen lässt, wirkt natürlich als Katalysator.

Heute vergeht kein Wochenende, an dem nicht irgendwo auf der Welt mindestens ein Wettkampf stattfindet. Das Positive daran: Konzentrierten sich die Shows früher primär auf die USA, ist die Landkarte der Shows deutlich internationaler geworden, was Reisezeiten und auch -kosten deutlich minimiert. Der Haken an der Sache: Aufgrund des aktuellen Qualifikationsmodus qualifizieren sich eben auch unzählige Athleten und Athletinnen für den Mr. Olympia.

Warum Wachstum zum Problem wird


Nun könnte man ja argumentieren, dass mehr Aktive doch super sind, die Konkurrenz stärken und mehr Zuschauer locken. Doch genau das ist leider nicht oder nur sehr begrenzt der Fall. Hierfür gibt es mehrere Gründe:
  1. Endlose Judgings: Schon heute ziehen sich die Finals des Mr. Olympia über einige Stunden, von den Prejudgings ganz zu schweigen. Zuschauerfreundlich ist das ganz sicher nicht, weder im Stream, noch live, zumal ein exakter Zeitplan kaum möglich ist.
  2. Unfaire Judgings: Deutlich schwerwiegender: Bei teils über 60 Athleten in einem Feld ist es fast nicht möglich, diese wirklich fair zu bewerten. Das soll keinerlei Kritik an den Judges sein, die ganz sicherlich ihr Bestmöglichstes tun, es liegt einfach in der Natur der Sache. In solch großen Feldern gibt es üblichweise zu Beginn Eliminationsrunden, in denen normalerweise immer fünf Athleten in numerischer Reihenfolge verglichen werden. Die Judges suchen zumeist nur den Besten des Vergleichs heraus, sodass man bei 60 Athleten am Ende bei zwölf Glücklichen ankommt. Was aber, wenn gleich im ersten Vergleich der spätere Sieger neben dem Zweitbesten des ganzen Feldes steht? Wie präsent ist das den Judges bei der hohen Leistungsdichte am Ende des zwölften Vergleiches? Will man die Show nicht komplett zeitlich ausufern lassen, sind Wunschvergleiche im Grunde nur bei den Top 10 möglich. Das ist nachvollziehbar, für die Athleten und Athletinnen aber undankbar.
  3. Logistische Probleme: Eine solch große Zahl an Menschen muss auch untergebracht werden, jedoch sind die Backstagebereiche hierfür in der Regel nicht ausgelegt.

Ein möglicher Ausweg


Doch gibt es Alternativen? Wer über die Reduzierung der Pro Qualifier fabuliert, ist schlicht weltfremd. Dafür ist das Geschäftsmodel zu gut. Bodybuilding befindet sich da in bester Gesellschaft: Im Fußball tummeln sich in der Champions League bis zu fünf Vereine eines Verbandes, die Formel 1 weitet den Rennkalender genüsslich aus. Profisport ist ein Business, damit müssen sich auch die arrangieren, die der „guten alten Zeit“ hinterhertrauern.

Und doch gibt es einen recht einfachen Weg, trotz der Vielzahl an Profis und der sicherlich nicht weniger werdenden Pro Shows, die Teilnehmerzahl beim Mr. Olympia zu begrenzen:
Es bedarf schlicht einer Anpassung der Qualifikationsrichtlinien.
Warum bedeutet jeder Sieg gleich die Qualifikation zum Mr. Olympia? Könnte das nicht Tier 1-Shows wie der Arnold Classic oder der New York Pro vorbehalten sein? Bei den tiefer angesetzten Shows gäbe es dann „nur“ Punkte, dafür würde die Anzahl der vergebenen Punkte im Vergleich zu den Zweit- und Drittplatzierten erhöht, beispielsweise auf 20 für den Sieg bei einer Tier 2-Show, 5 Punkte für den zweiten und 4 Punkte für den dritten Platz. So könnte man die Zahl der Direktqualifikationen drastisch reduzieren und wie viele Athleten man über das Punktesystem zulässt, kann man ja steuern.

Was würde das bedeuten? Zum einen würde es dafür sorgen, dass die Tier 1-Shows wirklich wieder Highlights mit Topathleten in Topform werden. Denn nur wer hier gewinnt, hat sein Ticket sicher. Die Variante, sich auf einer vermeintlich schwachen Show das Ticket zu holen, wäre dahin. Da die Anzahl der Tier 1-Shows aber begrenzt ist, würden nach wie vor viele Topathleten zu kleineren Shows kommen, um ihr Punktekonto zu füllen.

Zum anderen würde es aber auch dafür sorgen, dass in das Punktesystem deutlich mehr Spannung kommt und wir wieder mehr Topathleten auf mehr Shows sehen würden. Dass das natürlich auch eine Kehrseite hat, soll nicht verschwiegen werden: Es reduziert natürlich die Chance, sich früh zu qualifizieren und dann den kompletten Fokus auf den Mr. Olympia zu legen und steigert die Zahl der Shows, die die meisten Athleten und Athletinnen absolvieren müssen, was klar eine gesundheitliche Belastung ist. Das individuelle Risikomanagement müsste neu kalkuliert werden. Und doch wäre es eine Chance, dem Mr. Olympia wieder mehr Exklusivität und Zuschauerfreundlichkeit zu verleihen, ohne der Vielzahl von Athleten die Chance zu rauben, sich zu qualifizieren.

Denn eines soll abschließend noch einmal klar gesagt werden: Es ist völlig legitim, das aktuelle System zu nutzen, um sich den Traum von einer Teilnahme am Mr. Olympia zu ermöglichen. Und auch wenn ein jeder Wettkampfsportler wohl das Ziel hat, zu gewinnen, ist es eben so, dass das für den allergrößten Teil in unerreichbarer Ferne ist.

Aber warum deshalb darauf verzichten, einmal auf dieser Bühne zu stehen? Bei jeder Olympiade treten über 90 Prozent der Athleten an, wohlwissend, dass sie nicht den Hauch einer Chance auf den Sieg haben. Das ist absolut nachvollziehbar und sollte kein Anlass zur Kritik sein.

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