Fleisch anstatt Gemüse?

Vegan ist für Pussies!

Die vegane Ernährung hat in den vergangenen Jahren eine zunehmende Aufmerksamkeit erlangt und wird längst nicht mehr nur von Menschen mit verfilzten Haaren und Holzsandalen betrieben, die sich nur mit selbstangefertigter Seife waschen. Auf der anderen Seite ist diese Ernährungsform für viele Menschen immer noch ein rotes Tuch und wird in polemischer und oftmals auch beleidigender Art und Weise kommentiert. Vegan ist für Pussies!

Dieses Statement ist kein Zitat, würde man aber fraglos auch der ein oder anderen Person der Bodybuildingöffentlichkeit spontan zuordnen wollen. Vegan bedeutet für viele immer noch die Vermarktung minderwertiger Proteinquellen. Doch was ist an diesen genannten Punkten dran? Ist Veganismus eine esoterische Mangelernährung, die findige Geschäftsmänner in die Fitnesswelt einbrachten oder hat diese genauso eine Berechtigung wie die altgedienten Meatheads? Schauen wir uns dies genauer an.

Fleischessen ist männlich!


Wer denkt, dass die Diskussion um Veganismus doch längst überholt sein sollte, da man in der eigenen Wahrnehmungsblase längst zu einem Urteil gekommen ist, mit dem man sich nicht länger befasst, der irrt. Veganismus ist auch im Jahr 2020 noch ein vielbeachtetes Thema. Sei es im Bücher- oder Supplementemarkt oder auch in der allgemeinen medialen Berichterstattung. Unter Anbetracht der aktuellen Diskussionen um die Zustände in Fleischfabriken erinnern sich einige vielleicht noch an einen Betrag, den Stern TV vor einem Jahr brachte. Darin wurden Fleischessern vegane Burger untergejubelt und die Produktion schnitt dies zu einem leicht verdaulichen Beitragshäppchen zurecht.


Wer sich nun ein Bild über die Stimmungslage der Nation machen möchte, muss nur in die Youtube-Kommentare schauen. Veganismus trifft eine empfindliche Stelle, was spätestens seit August 2019 wieder jedem ins Gedächtnis gerufen sein sollte, als die Diskussion um eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Fleisch das Sommerloch zu füllen wusste. Ein Anstieg um zwölf Prozent stand im Raum, was vermeintlich seriöse Medien wie den Spiegel zur Veröffentlichungen hinreißen ließ, dass damit die Sozialfrage gestellt werden würde. Der Mensch hat ein Grundrecht auf Bärchenwurst, wie wir seitdem wissen und wer soll sich das Schweinekotelett noch leisten können, wenn es statt 5,58 Euro pro Kilogramm plötzlich 6,20 Euro kostet?

Vermutlich immer noch so ziemlich jeder, der es möchte, denn der absolute Schweinefleischpreis liegt in Deutschland unter dem weltweiten Durchschnitt, so dass es nur wenige Länder gibt, in denen man aufgrund der Lohnniveaus in Deutschland mehr Zeit für sein Kilogramm Schwein arbeiten müsste. Dank der Corona-Krise wissen wir nun auch warum. Aber zurück zur Männlichkeit, die uns da genommen werden soll.

In der Soziologie wird im Englischen zwischen gender (soziales Geschlecht) und sex (biologisches Geschlecht) unterschieden. Während Letzteres am einfachsten zu ermitteln ist, indem man morgens unter der Dusche einmal zwischen seine Beine schaut, stellt das soziale Geschlecht einen bunten Mix an Normen und Werten im Zusammenhang mit unserem Rollenbild von Männern und Frauen dar. Während der Duschtest noch relativ eindeutige Ergebnisse hervorbringt, verläuft unsere Sozialisation sehr unterschiedlich ab. Sie ist primär durch unsere Kindheit und unser Elternhaus geprägt, erfährt im Laufe der Lebensjahre durchaus aber auch Veränderungen.

Aus diesem Rollenverständnis heraus erwächst nicht nur unser Handeln gegenüber entsprechenden Personen, sondern vor allem auch unsere eigene (mehr oder wenige bewusste) Inszenierung gegenüber unserer Mitmenschen. „Wir alle spielen Theater!“, fasst es Erving Goffmann bekanntermaßen zusammen. Diese Selbstinszenierung hat nun ebenfalls eine Reihe von Ausprägungen, die wir sowohl gegenüber anderen präsentieren, aber auch gegenüber uns selbst. Wir konsumieren bestimmte Medien, wir nutzen bestimmte sprachliche Begriffe, wir kleiden uns auf eine gewisse Art und Weise und wir essen. In der Regel mehrfach am Tag.

Dabei wählen wir bestimmte Zeitfenster (Intermittent Fasting), vermeiden eventuell Makronährstoffe (Low Carb) oder verzichten auf ganze Lebensmittelkategorien. Sei es Gluten, vermeintlich unsaubere Lebensmittel oder eben auch tierische Produkte. Inwiefern man das Bedürfnis hat, diese Tatsache auch anderen Menschen mitzuteilen, ist dann Teil der Frage, inwiefern man eine bestimmte Verhaltensweise für das eigene Selbstbild oder für die Fremdwahrnehmung umsetzt, bzw. inwiefern man darauf Wert legt, dass unsere Mitmenschen dies wahrnehmen und uns somit darüber definieren.

Veganern wird häufig nachgesagt, dass diese deutlich häufiger dazu neigen würden, es ihrer Mitmenschen mitzuteilen. Ob dies tatsächlich der Fall ist, oder man insbesondere in der Vergangenheit schlichtweg nur häufiger in Situationen geriet, in denen man als Konsument zwangsläufig nach veganen Alternativen fragen musste, da diese nicht wie selbstverständlich verfügbar oder erkennbar waren, vermag ich nicht zu beurteilen. Auf der anderen Seite dürften junge, ambitionierte Fitnesssportler, die ihre Tupperdosen fast schon mit Stolz präsentieren und phasenweise vielleicht sogar bei Omas Geburtstag das Stück Kuchen meiden, wie der Teufel das Weihwasser, kein Stück besser sein.

Vor allem für Männer ist es oftmals Teil der eigenen Identität, dass sie Fleisch konsumieren. Fleischessen ist männlich! Diese alltagssoziologische Beobachtung wird auch durch die Medien in gewisser Regelmäßigkeit aufgegriffen und findet sich auch seit Jahren in der Literatur. Passend dazu besuchte Stern TV natürlich auch ein möglichst männliches Event und nicht etwa den regionalen Häkelverein homosexueller Männer in Kleinkleckersdorf. Diese Verbildlichung platzt bewusst förmlich vor plakativen Vorstellungen, die unangemessen sind.

Wer nun also versucht, (vornehmlich) Männern ihr Fleisch schlecht zu reden, sieht sich nicht nur einer in gewisser Weise sozialisierte Personengruppe gegenüber, sondern wird durchschnittlich auch nicht die klügsten Köpfe vor sich sitzen haben. Ebenso wie Fleischessen ein Accessoire der Männlichkeit darstellt, korreliert der Fleischkonsum mit dem Bildungsgrad. Ein Punkt, der ebenfalls keinesfalls neu wäre und dennoch seit Jahren immer wieder in den Medien gerne thematisiert wird.

Das bedeutet nicht, dass Fleisch essen dumm macht oder nur dumme Menschen Fleisch essen würden. Die Wirklichkeit ist kompliziert. Da bildungsfernere Menschen im Durchschnitt jedoch auch zu weniger gesundheitsfördernden Maßnahmen neigen, kann dies mit als ein Grund verstanden werden, dass man ohne Schwierigkeiten Studien finden wird, die Fleischessern eine kürzere Lebensdauer oder höhere Gesundheitsrisiken bescheinigen. Wer daraus den Schluss zieht, vegan sei zwangsläufig gesund, ist der wahre Dummkopf. Bärchenwurst ist nicht dasselbe wie Tatar von grasgefütterten Rindern.

Vegane Ernährung ist eine Form der Mangelernährung


Wer sich vegan ernährt, handelt oft aus Überzeugung. Während die ersten Veganer vor über 100 Jahren noch Argumente wie „Tierfleisch zu essen, ist nicht viel anders, als Menschenfleisch zu essen!“ anführten, geht es den meisten Veganer heutzutage um Tierwohl und den Respekt vor Leben. Beides fällt uns Endverbrauchern leicht auszublenden, denn während auf Zigarettenschachteln seit Jahren abschreckende Bilder gedruckt werden, muss sich bekanntermaßen niemand damit auseinandersetzen, wie männliche Küken lebendig geschreddert werden, auf wie wenig Platz Schweine ihr gesamtes Leben verbringen, oder dass die Milchproduktion einer Kuh eine Schwangerschaft voraussetzt. Dies schreibe ich als jemand, der selbst Fleisch, Eier und Milchprodukte konsumiert.

Foto: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft

Allerdings versuche ich meinen Konsum tatsächlich bewusst umzusetzen. Ich esse selten Fleisch und versuche, wenn es mir möglich ist, die bestmöglichen Haltungsbedingungen zu bezahlen. Meine Eier werden mir inzwischen von Hühner gelegt, die ich aus der Tierrettung übernommen habe, nachdem diese im Legebetrieb aussortiert werden sollten und an dem Tag, an dem es eine geschmacklich tatsächlich gleichwertige Alternative zu Milch(produkten) gibt, bin ich der Erste, der diesen Wechsel vollziehen wird. Insbesondere Milch, Quark und Käse sind Lebensmittel, die ich in zugegeben großen Umfang zu mir nehme, da sie mir aber auch schlichtweg schmecken. Mein Protein könnte ich auch anders erhalten, vegane Quellen gibt es schließlich zur Genüge. Richtig? Jain.

Generell sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass wir als Bodybuilder und Kraftsportler in der Regel einen Proteinkonsum umsetzen, der unseren Bedarf mehr als ausreichend deckt, wobei die Zufuhr über den minimalen Bedarf hinaus ohne Frage eine Vielzahl an Vorteilen bieten kann, die an dieser Stelle nicht thematisiert werden sollen. Man sollte dabei vor allem beachten, dass Aminosäuren, aus denen Protein besteht, nicht nur für den Muskelaufbau notwendig sind, sondern auch einige Hormone aus Aminosäuren bestehen und Aminosäurenkonstrukte als Transportprotein wichtige Aufgaben im Körper erfüllen.

Vegane Lebensmittel enthalten vor allem weniger schwefelhaltige Aminosäuren, aber auch andere Aminosäuren würden bei einer sehr einseitigen veganen Proteinzufuhr auf Dauer nur mangelhaft zugeführt werden. Die einfache Lösung besteht darin – egal ob vegan oder nicht – pro Tag mindestens drei große Proteinquellen zu kombinieren. Also Erbsen, Sojaquark und Haferflocken als Veganer oder eben Quark, Eier und Fisch als Nicht-Veganer. Wer dann noch jeden Tag andere Proteinquellen nutzt und die im Bodybuilding üblichen Mengen konsumiert, wird auch als Veganer keine mangelhafte Proteinzufuhr erleiden.

Fast schon bedeutender und oftmals ein übersehener Faktor ist allerdings der sogenannte PDCAAS-Wert. Dieser trifft eine Aussage über die Verdaubarkeit von Proteinen. Während Ei und Whey jeweils den Wert 1 besitzen, liegt dieser für Weizen bei 0,43. Seitan hat sogar nur einen Wert von 0,25. Wer seine Proteinzufuhr also zu großen Teilen über Seitan decken wollen würde, müsste davon größere Mengen zu sich führen, als von Eiern, Fleisch oder Whey-Protein. Nur Nährstoffe, die auch tatsächlich im Dünndarm aufgenommen werden, stehen dem Körper auch zur Verfügung.

Inwiefern die genannten Zahlen für einen selbst gelten, ist auch von physiologischen Gegebenheiten abhängig. Magengröße, Länge des Dünndarms – und damit Gelegenheit zur Aufnahme, und weitere Einflussfaktoren sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich, wie ich bereits vor Jahren in meinem Buch Ernährung für (Kraft-)Sportler hinwies.

Nicht nur Protein ist das Problem


Wenn wir uns von der Makronährstoffdiskussion lösen, gibt es immer noch einige Herausforderungen, die bei einer dauerhaften veganen Ernährung beachtet werden müssen, wenn sie über kurz oder lang nicht zu Problemen führen sollen. Bezüglich der Mikronährstoffzufuhr sollte die unzureichende Versorgung mit Vitamin B12, sowie die besondere Aufmerksamkeit bezüglich der Eisen- oder Kalziumzufuhr inzwischen bereits bekannte Punkte sein, die Menschen mit einer bewusst veganen Ernährung bedenken. Gleiches gilt für die ausreichende Omega-3-Zufuhr.

Frauen, die keine Periode mehr haben, und Männer sollten zudem auf ihre Cholin-Zufuhr achten. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Vitaminoid, also ein Nährstoff, der ähnlich wie ein Vitamin für den Körper wichtige Aufgaben erfüllt. Cholin ist für den Fettstoffwechsel der Leber von Bedeutung. So sehr, dass in Untersuchungen gesunde Männer, die eine cholinarme Ernährung erhielten, eine Fettleber entwickelten. Cholin wiederum ist vor allem in Eigelb enthalten. Pflanzliche Quellen sind Sojabohnen und Weizenkeime, wobei Sojabohnen wiederum Phytoöstrogene enthalten, die unterschiedlich stark bei Menschen wirken können. Frauen, die ihre Periode haben, produzieren wiederum ausreichend Östrogen, das im Körper über Umwege für eine Produktion von Cholin sorgt.

Als Letztes möchte ich noch kurz das Thema Anti-Nährstoffe ansprechen. Damit sind Nährstoffe gemeint, die unerwünschte Wirkungen nach sich ziehen. Phytoöstrogene, also pflanzliche Stoffe, die wie Östrogen wirken, sind ein häufig zitiertes Beispiel, aber auch Gluten oder Lektine (in Weizen, aber auch in Hülsenfrüchten enthalten) sind Nährstoffe, die je nach Veranlagung und Konsummenge zu Problemen führen können. Das gilt allerdings auch für den übermäßigen Konsum von gesättigten Fettsäuren und Purin durch tierische Lebensmittel.

Solange keine Allergien oder Unverträglichkeiten bekannt sind, sollte eine vielseitige Ernährung die beste Wahl sein. Wer Zahlen lesen möchte, könnte sich erst einmal an mindestens 30 verschiedenen Lebensmitteln pro Woche und 50 pro Monat orientieren. Wer dann noch möglichst unverarbeitete vegane Lebensmittel einkauft und diese selbständig zubereitet, macht bereits sehr viel richtig.


Vegan nur für Pussies?


Die Antwort sollte klar sein. Wenn jemand eine Pussy ist, dann derjenige, der mit solcher Abfälligkeit über Menschen urteilt, die ethische Prinzipien verfolgen. Dennoch ist Veganismus alles andere als eine optimale Ernährungsform. Im Gegenteil bringt diese eine Reihe an Herausforderungen mit sich, die auf dem Papier – wie hier ansatzweise angedeutet – zwar berücksichtigt und geplant werden können, in der Praxis jedoch nicht zwangsläufig so funktionieren müssen, wie man es sich denkt.

Insbesondere wenn sich Mängel erst Monate oder Jahre später in unterschiedlichen Symptomen äußern, wird es schwierig, die Ursache zu finden, zumal die Unterschiede in unserem Genpool in Prozenten ausgedrückt nicht gravierend, aber im wirklichen Leben doch groß genug sind, um zu unterschiedlichsten Ergebnissen zu führen. Ob jemand Gluten verträgt, wie die Dickdarmbakterienzusammensetzung ist, ob sogenannte SNPs bestehen, die einen Mehrbedarf bestimmter Mikronährstoffe erzeugen können, wie lang der Dünndarm ist und vieles Weiteres sind unveränderliche Voraussetzungen, die sich mit unseren Alltag, unseren Lebenswandel und weitere Faktoren vermischen.

Wer sich vegan ernährt, ernährt sich oftmals auch bewusster, in jedem Fall ethischer, jedoch generell nicht gesünder. Die optimalere Ernährung würde eher eine ausgewogene Mischkost darstellen, im Rahmen derer nach bestmöglichen ethischen Standards auf tierische Produkte zurückgegriffen wird. Das kostet Geld und führt zwangsläufig zu einem eingeschränkten und bewussteren Konsum tierischer Lebensmittel. Ich rede dabei vor allem von Fleisch, Eiern und Milchprodukten.



Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung an. Weiteres erfahrt ihr unter become-fit.de oder schaut einfach bei seinem Podcast-Magazin TheCoachCoachCorner vorbei.

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