Studienübersicht

Verursacht Aspartam Krebs?

Süßstoffe waren noch nie Everybody’s Darling. Doch das unbestrittene Stiefkind unter ihnen ist Aspartam. Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet, dass man von Aspartam Krebs bekommen würde. Warum glauben das eigentlich alle? Und ist da was Wahres dran?

Was genau ist überhaupt Aspartam?


Aspartam ist ein Süßungsmittel. Süßungsmittel bzw. Süßstoffe sind nicht mit Zuckeraustauschstoffen zu verwechseln. Sie sind chemisch nicht mit dem Zucker verwandt und werden synthetisch hergestellt. So entsteht Aspartam aus einer Verbindung der Aminosäure Asparaginsäure und Phenylalanin. Der Stoff ist kalorienarm und weist die 200-fache Süßkraft von Haushaltzucker auf. Er kann daher in geringsten Mengen verwendet werden und süßt praktisch kalorienfrei.


In welchen Produkten ist Aspartam enthalten?


In der EU ist Aspartam seit den 80er-Jahren unter der E-Nummer E 951 als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen. Es darf in Speisen, Getränken, Nahrungsergänzungsmitteln und als Tafelsüße benutzt werden. Aspartam wird mehr als 5000 Produkten weltweit verwendet und zählt damit zu den populärsten Süßstoffen überhaupt. Bekannte Produkte mit Aspartam sind Light-Drinks wie Coca Cola oder Pepsi light.

Ist Aspartam krebserregend?


Kommen wir zur Frage aller Fragen: Ist Aspartam krebserregend?

Aspartam wurde bereits in den 60er-Jahren entwickelt und es dauerte einige Jahrzehnte, bis sich das Misstrauen gegen das Produkt verhärtete. In den späten 90ern führte eine Pionierstudie Untersuchungen an Ratten durch, die von ihrer achten Lebenswoche an bis zum Tod mit Aspartam in unterschiedlich hohen Dosen gefüttert wurden. Es zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen der aufgenommenen Menge Aspartam und der Entstehung bösartiger Tumore insbesondere bei weiblichen Raten. Krebsarten wie Leukämie, Harnleiter- oder Nierenkrebs traten gehäuft auf.

Es folgten weitere Studien, zum Beispiel eine, die die Aspartam-Fütterung schon im Fötus-Stadium der Ratten begann. Auch hier wiesen die Tiere bei der Obduktion nach ihren natürlichen Tod erhöhte Krebsraten auf. Schweizer Wissenschaftler zeigten an männlichen Mäusen erhöhte Lungenkrebsraten und geschlechtsunabhängig eine vermehrte Bildung von Leberkarzinomen.

Extreme Verzehrmengen


Die besorgniserregenden Effekte stellten sich jedoch erst ab einem Tagesverzehr in Größenordnungen von 20 mg Aspartam je Kilogramm Körpergewicht ein. Dies entspräche bei einer 60 Kilogramm-schweren Frau etwa 6 Liter Cola light am Tag.

Die Urheber der Studien argumentieren zwar, dass die durch die EU als unbedenklich eingeschätzte Tagesmenge sogar doppelt so hoch liegt, nämlich bei 40 mg je Kilogramm Körpergewicht (in den USA sind es sogar 50 mg) – das spricht aber eher für eine ziemlich großzügige Bemessung der Lebensmittelaufsichtbehörden als für ein hohes Risiko durch Aspartam. In der Praxis sind weder 50 noch 40 noch 20 mg Aspartam je Kilo Gewicht ein realistisches Szenario, sondern nur Bruchteile davon. Wir Menschen nehmen also deutlich weniger Aspartam zu uns, als es bei den Ratten der Fall war.

Methodische Schwächen


Die Tierversuche sind ohnehin von vielen Wissenschaftlern methodisch kritisiert worden. Unter anderem wird debattiert, dass die an Krebs erkrankten Nagetiere auch auffällig häufig bestimmte Infekte aufwiesen und es kaum zu entschlüsseln ist, ob sich die Tumorerkrankungen infolge des Aspartamkonsums oder als Resultat der Infektionserkrankungen entwickelt haben.

Kein Nachweis erhöhter Krebsraten beim Menschen


Zur Beantwortung derart komplexe Fragestellungen wie eine mögliche Entstehung von Krebs durch einen Zusatzstoff, sind Ratten und Mäusen nur bedingt hilfreich. Weder beträgt die Lebenserwartung eines Menschen nur ein bis zwei Jahre, noch kann er von Geburt bis Tod in unter Laborbedingung mit stets konstanter Fütterung zum Ausschluss aller sonstigen Einflussfaktoren gehalten werden.

Wir sind in unserem langen Leben so vielen Umweltgiften ausgesetzt, dass sich Krebserkrankungen unmöglich auf einen einzigen Faktor zurückführen lassen. Von genetischen Dispositionen will ich gar nicht erst anfangen!

Ich erinnere mich an ein Plakat des Deutschen Verbandes der Sonnenstudiobetreiber, auf dem es hieß „Bis heute gibt es keinen einzigen bestätigten Fall einer Hautkrebserkrankung, die aus der Sonnenbankbenutzung entstanden ist.“ Cleveres Marketing – entbehrt nicht einer gewissen Logik.

Das gleiche Argument könnte auch die Tabakindustrie ins Feld führen, wenn es ihr denn nicht verboten wäre. Denn es ist wahr: In der Geschichte der Onkologie war noch keine Tumorzelle so freundlich uns mitzuteilen, warum sie entstanden ist.

Alles, was wir haben, ist am Ende des Tages Statistik. Ab einer bestimmten Korrelation wird ein kausaler Zusammenhang angenommen bzw. der Zufall ausgeschlossen. Aber danach sieht es im Falle von Aspartam und Krebs bisherigen Studien und Metastudien zufolge zum Glück nicht aus.

Also alles cool? Was ist mit den Abbauprodukten?


Ein weiterer Kritikpunkt setzt an den Substanzen an, die bei der Verstoffwechselung von Aspartam entstehen, darunter das Abbauprodukt Methanol und sein Metabolit Formaldehyd. Diese sollen toxisch wirken und unter anderem Kopfschmerzen, Allergien, Epilepsie und, natürlich, Krebs auslösen.

Die European Food Safety Authority (EFSA) hat 2012 nach immer lauter werdenden Bedenken einen Call for Paper durchgeführt. Nach der Auswertung von über 2000 Veröffentlichungen und Datensätze erfolgte eine Neubewertung des Risikos durch Aspartam – und auch diese kam zu dem Schluss, dass sich weder eine krebserregende Wirkung von Aspartam noch ein toxischer Effekt seiner Abbauprodukte biochemisch wie statistisch nachweisen lässt.


Kann ich Aspartam also bedenkenlos benutzen?


Die Angst vor Krebs ist immer diffus und lässt sich nie zweifelsfrei ausräumen. Dieses Schicksal teilt sich Aspartam z.B. auch mit Milch. Sind einmal Gerüchte in der Welt, lässt sich die Reputation eines Lebensmittels nie wieder komplett herstellen – dieses Schicksal teilen sich Lebensmittel wiederum mit Menschen.

Wir sollten alle grundsätzlich danach streben, möglichst unverarbeitete Lebensmittel zu konsumieren. Praktisch 100 Prozent aller Aspartam-haltigen Produkte fallen nicht in diese Kategorie und sollten daher vor allem aus diesem Grund nicht in Massen konsumiert werden.

Dennoch, aber das ist nur meine persönliche Meinung, hat eine mit Aspartam gesüßte Cola gegenüber dem zuckerhaltigen Original die Nase vorn. Denn für die schädliche Wirkung von Zucker gibt es nun wirklich genug Evidenz.

Aspartam – Zusammenfassung


Der Süßstoff Aspartam zählt seit den 80ern zu den populärsten Süßungsmittel der Welt. Er ist unter Verbrauchern und Verbraucherschutzen aber auch gleichzeitig der unbeliebteste und wird insbesondere immer wieder mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht. Der Verdacht basiert auf Studien mit Ratten, die eine auffällig erhöhte Tumorrate nach täglicher Süßstofffütterung aufwiesen. Die Experimente arbeiteten allerdings mit unrealistisch hohen Mengen und wiesen methodische Schwächen auf. An Menschen ließ sich statistisch kein signifikant erhöhtes Aufkommen von Krebserkrankungen nachweisen. Auch andere Befürchtungen wie die Giftigkeit von Abbauprodukten lassen sich nicht belegen.

Aspartam bleibt daher wie alle Süßstoffe ein zucker- und kaloriensparendes Werkzeug, das sich vor allem in der Diät zur mentalen Befriedigung sinnvoll einsetzen lässt. Insgesamt sollte es aber unser Ziel sein, uns möglichst naturbelassen zu ernähren.

Quellen

  • Haighton et al.: Evaluation of aspartame cancer epidemiology studies based on quality appraisal criteria. Regulatory Toxology and Pharmacology, 2019.
  • Landrigan, Philip; Straif, Kurt: Aspartame and cancer – new evidence for causation. Environmental Health, 2021.
  • Millstone, Erik; Dawson, Elisabeth: EFSA’s toxicological assessment of aspartame: was it even-handedly trying to identify possible unreliable positives and unreliable negatives? Arch Public Health, 2019.
  • Sofritti et al.: Aspartame administered in feed, beginning prenatally through life span, induces cancers of the liver and lung in male Swiss mice. American Journal of Industrial Medicine, 2020.
  • Soffritti et al.: Life-Span Exposure to Low Doses of Aspartame Beginning during Prenatal Life Increases Cancer Effects in Rats. Environmental Health Perspectives, 2007.
  • Soffritti et al.: First Experimental Demonstration of the Multipotential Carcinogenic Effects of Aspartame Administered in the Feed to Sprague-Dawley Rats. Environmental Health Perspective, 2006.

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