Pyridox… WHAT?

Was kann eigentlich dieses Vitamin B6?

Pyridoxalphosphat (kurz PALP) ist die biochemische Bezeichnung für das Vitamin B6. Während der eine sich jetzt vielleicht an das letzte Mal erinnert, als er auf die Inhaltsstoffe seiner ZMA-Dose geschaut und sich dabei gewundert hat, was dieses Vitamin eigentlich bei Zink und Magnesium zu suchen hat, kennt es der andere vielleicht nur, weil`s doch von den B-Vitaminen eh so viele mit lauter Nummern gibt.

Aufgaben von Vitamin B 6


Kurz – oder auch schön kompliziert – gesagt, bestehen die Aufgaben von Vitamin B6 in den vier Bereichen:
  1. Transaminierung
  2. Decarboxylierung
  3. Aldolspaltung und
  4. Glykogenabbau.
Diese vier Vorgänge erledigt PALP jedoch nicht etwa ganz alleine, sondern indem es an Enzyme im Körper bindet und somit als sogenannte „prosthetische Gruppe“ die chemischen Reaktionen ermöglicht.

Sprechen wir das also mal Schritt für Schritt durch.


Vitamin B6 und die Transaminierung

Im Rahmen dieses chemischen Vorgangs kann durch eine Transaminase (Endung „–ase“ deutet immer auf ein Enzym hin) eine alpha-Ketosäure in eine alpha-Aminosäure umgewandelt werden.

Ein einfaches Beispiel hierfür wäre: Aus der Ketosäure Pyruvat, welche das Endprodukt des Glukoseabbaus ist, kann eine Transaminase mit Hilfe von Vitamin B6 aus Pyruvat Alanin bilden, welches eine unserer essenziellen Aminosäuren darstellt. Das geht übrigens auch umgekehrt.

Dem aufmerksamen Leser wird gleich aufgefallen sein: AHA! Vitamin B6 kann also Kohlenhydrate in Proteinbestandteile umwandeln – und eben umgekehrt. Oder besser gesagt ist an diesen notwendigen Prozessen beteiligt.

Vitamin B6 und die Decarboxylierung

Ich weiß nicht, ob ich mich zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich behaupten würde, dass kaum ein Reaktionsschritt an mehr unterschiedlichen Stoffwechselwegen des gesamten Organismus beteiligt ist, als die Decarboxylierung. Dieser Reaktionsschritt ist zwar nur einer unter mehreren wichtigen jedes Stoffwechselweges, doch wäre ohne die einfache Abgabe eines CO2-Moleküls so einiges niemals möglich:
    Pentosenbildung: Pentosen sind Zuckermoleküle mit 5 C-Atomen (die altbekannte Glucose hat 6 Stück davon). Schön und gut, aber wofür brauchen wir die jetzt? Tatsächlich sind diese C5-Körper wichtige Bestandteile des ATPs, der DNA und RNA, sowie von verschiedensten Reduktionsäquivalenten in unserem Körper, die die Macht besitzen, giftige Endprodukte anderer Stoffwechselwege ungefährlich werden zu lassen. Also halten wir fest: Vitamin B6 sorgt für Energie, gesunde Gene und gesunde Zellen.
  1. Umwandlung von Zuckern: In unserem Körper zirkulieren verschiedenste Zucker mit drei bis sieben C-Atom langen Kohlenstoffketten. Für den Abbau des Zuckers im Rahmen der Glykolyse können allerdings nur die C6-Zucker verwendet werden. Daher müssen kleinere oder größere Zuckermoleküle über mehrere Schritte, die ebenfalls eine Decarboxylierung beinhalten, in C6-Körper umgewandelt und dem Glucoseabbau zur Verfügung gestellt werden.
  2. Bereitstellung von NADPH/H+: Was ist nun das schon wieder? Die Bedeutung dieses Moleküls an sich zu besprechen, würde wohl den Rahmen des Artikels sprengen. Für den Moment ist deshalb wichtig zu wissen: NADPH/H+ kann Elektronen abgeben, die unter anderem für die Biosynthese von Steroidhormonen unerlässlich sind.
  3. Synthese von Neurotransmittern: Decarboxylasen können mit Hilfe von Vitamin B6 aus essentiellen Aminosäuren sogenannte Neurotransmitter herstellen. Um nur zwei aus vielen Beispielen zu nennen, wäre da das allseits bekannte Dopamin, welches aus der Aminosäure Tyrosin durch die Abgabe eines CO2-Moleküls synthetisiert werden kann und unser Belohnungssystem im Gehirn stimuliert. Außerdem hätten wir noch das Serotonin, welches aus der Aminosäure Tryptophan hergestellt wird und im Volksmund auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird.
  4. Hämbildung: „Häm“ nennt sich das zentrale Molekül des Hämoglobins, an dem unsere roten Blutkörperchen den Sauerstoff binden und transportieren können. Auch dieses Häm muss natürlich in unserem Körper erstmal gebildet werden, woran mehrere verschiedene Decarboxylasen, wovon jede einzelne Vitamin B6 benötigt, beteiligt sind. Und wie wären wir jemals überhaupt leistungsfähig, wenn wir niemanden hätten, der unseren Sauerstoff in jede hinterste Ecke unseres Blutkreislaufes bringen würde?
Es gäbe noch unzählige weitere Synthesen oder auch Abbauwege, an denen Vitamin B6 an Decarboxylasen gebunden eine enorme Bedeutung zukommt, doch da sich unser Kurzzeitgedächtnis ja nur fünf bis sieben Fakten auf einmal merken kann und sich in den nächsten Punkten auch noch so einiges Wissenswertes befindet, beende ich die Odyssee der Decarboxylierungen im menschlichen Organismus an dieser Stelle und schiffe weiter.

Vitamin B6 und die Aldolspaltung

Hier kann ich mich kurzfassen, was jedoch nicht bedeutet, dass die Arbeit, die Aldolasen erledigen, weniger wichtig für uns ist. Im Gegenteil: Ohne sie würde der Glukoseabbau mitten im Vorgang abbrechen und nicht zu Ende gebracht werden können. Als Helfer brauchen diese Enzyme übrigens nicht nur das Vitamin B6, sondern auch Zink. Vielleicht fängt es gerade jetzt bei einigen an zu klingeln, was das Stichwort ZMA betrifft.

Vitamin B6 und der Glykogenabbau

Ein wichtiges Enzym des Abbaus der Zuckerspeicher im Körper stellt die sogenannte Glykogenphosphorylase dar. Glykogen an sich besteht aus vielen, vielen Zuckermolekülen, die im Rahmen des Glykogenaufbaus aneinandergekettet werden und so im Körper gespeichert werden können. Dabei kommt dann die Glykogenphosphorylase ins Spiel, indem sie mit der Hilfe von Vitamin B6 die aneinandergeketteten Zuckermoleküle wieder voneinander trennen kann und die können dann über weitere Mechanismen ins Blut abgegeben.

Vitamin B6 ist also an einer Reihe an wichtigen Abläufe im Körper beteiligt. Und genauso verheerende Nachteile birgt es, wenn wir einen Mangel erleiden.


Vitamin B6-Mangel


Zuerst die gute Nachricht: Esst ihr nicht gerade jeden Tag extrem zu wenig oder 100 % das Gleiche den ganzen Tag, habt ihr keine chronische Darmkrankheit oder seid zufällig hochgradige Alkoholiker, dann ist ein Vitamin B6-Mangel äußerst unwahrscheinlich.

Bevor sich hier jetzt aber die leicht genervte Frage „Oh man, wieso habe ich mir denn dann überhaupt diese Chemie hier angetan?“ in die Köpfe einschleicht, muss betont werden, dass der Vitamin B6-Bedarf bei proteinreicher Nahrung erhöht ist. Und da sich meiner Vermutung nach die allermeisten Leser hier wohl proteinreich ernähren, ist diese Info ja genau an der richtigen Adresse.

Als einfache Erklärung dafür erinnere ich mich gerne an die Worte meines Biochemie Professors, als er sagte: „B6 ist quasi DAS Vitamin für Aminosäuren. Es ist an der Synthese, am Abbau und an der gegenseitigen Umwandlung beteiligt.“

Und jetzt ist es Zeit für die weniger schönen Dinge: All das Gute kehrt sich beim Mangel nämlich wie so oft ins Schlechte um. Es resultieren also unter anderem Übererregbarkeit und daraus folgend das Krankheitsbild der Epilepsie, außerdem Blutarmut, verminderte Synthese von Neurotransmittern und damit einhergehend Depressionen, Psychosen oder Krankheiten wie Parkinson. Und für den Sportler selbst sehr interessant: Müdigkeit, (Muskel-)wachstumsstörungen durch verminderte Steroidhormonsynthese und Schädigung der Darmflora.
In der Regel geschieht kein isolierter Vitamin-B6-Mangel. Wenn dieser eintritt, besteht meist auch ein Mangel an weiteren B-Vitaminen. Aus diesem Sinn ist es sinnvoll, zu einem Vitamin-B-Komplex zu greifen.

Fazit


Dass Vitamin B6 im ZMA-Präparat also durchaus Sinn macht, müsste nebenbei erwähnt durch die Beispiele der Beteiligung an der Steroidsynthese (wobei ZMA als Präparat ja unterstützend wirken soll), sowie dem Zusammenspiel mit Zink hoffentlich nun grob klar geworden sein.

Viel wichtiger ist aber, dass man sich bewusst macht, dass Vitamin B6 im Körper an den verschiedensten und an enorm wichtigen Stoffwechselvorgängen beteiligt ist.

Egal ob Zuckerstoffwechsel, Proteinstoffwechsel (darunter auch neurologische Systeme), Energiestoffwechsel oder Blutstoffwechsel; egal ob katabol oder anabol – Vitamin B6 hat so gut wie überall seine Finger im Spiel und ist definitiv ein Allroundtalent, dem man Beachtung schenken sollte, um seine Stoffwechsellage zu optimieren.

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