Team Andro Schreibwettbewerb 2013 - Platz 4

(Vor)Beugen – Wie eine Übung zum Lehrmeister wird

Ich war am tiefsten Punkt angelangt. Mein Bauch verkrampft völlig unter dem Druck, der auf mir lastet. Mir ist schwindlig, schlecht und ich hege Gedanken an Aufgeben. Es sind diese Momente, in denen das Leben so bitterlich schmeckt. An diesen tiefen Punkten wird man noch mehr zu Boden gezogen. Doch es zieht mich empor, ich sehne mich nach einem Aufstieg. Ich presse die Hände noch fester in die Hantel, meine Bauchmuskeln kontrahieren noch härter und schneiden sich in den Gürtel. Ich reiße den Kopf in den Nacken und beginne meinen Aufstieg. Mein Körper zittert, die Oberschenkel brennen. Dauert dieser Kampf Sekunden, Stunden, ein ganzes Menschenleben?

Bodybuilding – mehr als nur ein Sport


Ich lege die Hantel in den Ständer und grinse. Ich habe es wieder getan, dass zweite oder dritte Mal die Woche. Ich habe mich freiwillig diesem Kampf ausgesetzt und – ich habe gesiegt.
    ____________________________________________________________________
    Was ich dort getan habe, ist unbedeutend für die Welt. Es ist unbedeutend für die anderen Menschen in meiner Umgebung. Wahrscheinlich hat mich nicht einmal jemand beobachtet, aber es war bedeutend für mich.
    ____________________________________________________________________
Ich beweise mir damit immer und immer wieder, dass ich Herr werden kann, über die Bequemlichkeit, über die Angst, über die Langhantel, über mein Leben.

Und letztendlich ist es mit den Kniebeugen doch so, wie mit dem Leben. Alle Coaches sagen, man solle sie ausführen, sie sind der Schlüssel zum Wachstum. Ebenso wissen wir, dass Glück oder Talent vereinzelt zu Erfolg führt, jedoch Fleiß tausendfach anwesend war. Wir lieben diese Geschichte von jenen Menschen, die unerbitterlich an ihrem Traum festhielten und ihn schlussendlich verwirklichten. Wir glauben diesen Menschen, wir lassen sie Bücher schreiben, wir lesen diese Bücher, wir verfilmen ihre Leben.

Wir sind so damit beschäftigt den Großen an den Lippen zu hängen, dass wir indessen vergessen zu tun, was sie uns doch eigentlich raten. Nur mit dem eigenen Leben ist es doch meist wie mit dem Beugen am Bein-Tag:

Es ist unheimlich anstrengend. Bevor wir uns dann aber eingestehen, dass der Wille doch nicht so groß ist und die Bequemlichkeit halt doch gewünschter als eine Veränderung, dann lassen wir die Ausrede walten, von Knieschmerzen bis hin zur fehlenden Zeit. Wir verbringen dann lieber unsere Zeit in unzähligen Foren, vor dem Fernseher, in Kneipen oder Ähnlichem, suchen nach Antworten oder zumindest nach Gleichgesinnten, die unsere Ausreden bestätigen.

An dieser Stelle passiert dann etwas Schreckliches. Hier kommen nun Menschen, welche die Misslage ausnutzen wollen und die verschiedensten Heilswege anbieten, sei es ein Wunder-8-Tagessplit-Bizeps-Verdoppler-Programm i.V.m. X-Treme Big Arms Stuhlgang Testo Booster oder sei es der strahlende Mann, der dir beibringt, dass du dir nur den Erfolg vorstellen musst und das Universum den Rest für dich übernimmt.

Hier wird dann der leichte Weg versprochen und mit bunten Bildern untermalt, jene, die auch in unserem Kopf vorherrschen, aber dort nicht von allein herauskommen. Doch wenn wir den Lauf unseres Lebens ändern wollen, dann ist dies ebenso schwer, wie den Lauf eines Flusses zu ändern. Wir benötigen viel Kraft und Durchhaltevermögen und es sind letztendlich die Stunden, in denen scheinbar alles umsonst ist und wir nicht vorwärts kommen, in denen das Weitermachen die entscheidende Komponente ist.

Der Sport lehrt uns genau diese Komponenten zu kennen, jedoch überschaubarer und greifbarer. Es liegt nur an uns, dieses Wissen auch in alle anderen Bereiche zu übertragen. Die Balance zwischen den Bereichen ist dabei sehr wichtig. Eine altbekannte Weisheit sagt, dass eine Kette nur so stark ist, wie ihr schwächstes Glied. Die Kniebeuge lehrt uns dies sehr eindrucksvoll. Jeder, der bei einer Kniebeuge bereits gescheitert ist, wird diese Weisheit verinnerlicht haben. Sobald auch nur ein Muskel der Kette aufgibt, gibt es keine Chance mehr.

In der heutigen komplexen Welt ist es sicher nötig, sich zu spezialisieren. Dies sollte jedoch keine ernstzunehmenden Schwächen nach sich ziehen. Auch ein Mathe-Professor kann etwas Sport treiben und so vermeiden, dass schon 5 Stufen der Eiger-Nordwand gleichen. Ebenso sollte sich auch der stärkste Kraftsportler nicht davor scheuen, Satzzeichen einzusetzen, auch wenn diese das Total nicht erhöhen.

Wir können also von einer einzelnen Übung aus dem Krafttraining unglaublich viel ableiten. Und diese Erkenntnisse am eigenen Leib zu erleben und zu verinnerlichen, kann uns kein Buch der Welt abnehmen. Ebenso wenig wie kein Trainer der Welt uns die Übungsausführung abnehmen kann. Wir müssen selber leben, streben und wachsen, um dem Ziel näher zu kommen:

Mens fortis in corpore forti!

Bodybuilding – mehr als nur ein Sport

_____________________________________________________

Bilder: Frank-Holger Acker | Frank-Holger Acker

Nach oben