Bodybuilder im Visier der Strafverfolgungsbehörden

Das Vorliegen einer "(nicht) geringen Menge" an Dopingmitteln

Das Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG) ist bereits am 18.12.2015 in Kraft getreten. Nach nunmehr fünf Jahren gelangt der aktuelle Evaluierungsbericht der Bundesregierung zu den Auswirkungen der im Anti-Doping-Gesetz enthaltenen straf- und strafverfahrensrechtlichen Regelungen1 zu folgendem Ergebnis: „Bislang betrifft der Großteil der Ermittlungsverfahren Bodybuilder, bei denen anabole Steroide oder andere Dopingpräparate aufgefunden werden. Diese nehmen aber typischerweise nicht an Wettkämpfen teil.“

Da Hobby-Sportlern bereits beim Besitz nicht geringer Mengen von Dopingmitteln eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren drohen, soll dieser Aufsatz die Problematik des Gesetzes bei Freizeit-Bodybuildern unter Berücksichtigung des aktuellen Evaluierungsberichts anschaulich erläutern.


Erwerb und Besitz von Dopingmitteln im Freizeit-Bodybuilding


„Wo kann ich für meine Kur Steroide erwerben?“ Diese Ausgangsfrage wird in einem deutschen Bodybuilding-Forum oftmals aufgrund des Verstoßes gegen die Netiquette nicht unbestraft bleiben und zumindest eine deutliche Verwarnung zur Folge haben. Strafrechtlich ist diese Frage allerdings überaus interessant und dürfte einige Leser (hoffentlich) überraschen.

Grundsätzlich ist es nach § 2 Abs. 3 AntiDopG verboten, ein Dopingmittel, das ein in der Anlage zu diesem Gesetz aufgeführter Stoff ist oder einen solchen enthält, in nicht geringer Menge zum Zwecke des Dopings beim Menschen im Sport zu erwerben, zu besitzen oder in oder durch den Geltungsbereich dieses Gesetzes zu verbringen. Dem Sportler droht hier gemäß § 4 Abs. 1 Nr. 3 AntiDopG sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Das Erwerbs- und Besitzverbot i.S.d. § 2 Abs. 3 AntiDopG greift demnach nur, wenn es sich um eine nicht geringe Menge handelt. Hiernach kann die Ausgangsfrage schon damit beantwortet werden, dass die oben genannte Frage strafrechtlich unbedenklich ist, solange es sich um eine geringe Menge an Dopingmitteln handelt, die der Freizeit-Bodybuilder und/oder Forennutzer für seine eigene Steroidkur erwerben möchte. Verboten sind danach nicht der Erwerb, Besitz oder das Verbringen von geringen Mengen von Dopingmitteln.

Der Teufel steckt allerdings bekanntlich oftmals im Detail, sodass auch der Freizeit-Bodybuilder ohne Wettkampfambitionen höllisch beim Erwerb von Dopingmitteln aufpassen muss.

Die nicht geringe Menge


Dreh- und Angelpunkt ist hierbei immer die „nicht geringe Menge“. Das Erreichen des Grenzwerts der nicht geringen Menge wirkt nämlich strafbegründend.

Der Gesetzgeber hat Erwerb und Besitz nicht geringer Mengen von Dopingmitteln verboten, da diese (angeblich) Vorstufen für einen Handel mit den entsprechenden Mitteln darstellen. Die Gefahr der Weitergabe soll durch das Verbot dieser Handlungen effektiv verhindert werden.2 Sofern die Grenze zur nicht geringen Menge überschritten ist, vermutet das Gesetz danach unwiderleglich die Absicht der Weitergabe. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang auch, dass dadurch praktische Beweisprobleme gelöst werden, sofern ein Handeltreiben nicht sicher nachzuweisen ist.

Dopingmittel-Mengen-Verordnung


Der Freizeit-Bodybuilder, der lediglich seine übliche und klassische 16 – 20 Wochen Steroidkur durchführen möchte, wird sich nun zwangsläufig fragen, wann die Grenzwerte der nicht geringen Menge überschritten sind. Die Grenzwerte der nicht geringen Menge werden durch eine Rechtsverordnung gemäß § 6 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 AntiDopG, die sog. Dopingmittel-Mengen-Verordnung, bestimmt. Sowohl die Verordnung als auch die einzelnen Grenzwerte sind vielen noch immer unbekannt. Die Deutsche Sporthochschule Köln hat erfreulicherweise sogar eine Umrechnungstabelle zur Bestimmung der tatsächlichen Wirkstoffmenge veröffentlicht.

Im vorliegenden Fall soll für die Ausgangsfrage das bei Freizeit-Bodybuildern beliebte „Testosteron-Enantat“ herangezogen werden.
Die nicht geringe Menge ist hier bereits bei 632 mg Testosteron-Enantat erreicht.
Das bedeutet im Einzelnen:

Werden im Rahmen einer Hausdurchsuchung 3 x 1 ml Ampullen Testosteron-Enantat (250 mg/ml) aufgefunden, liegt dank der Umrechnungstabelle (750 mg x 0,720 = 540 mg) noch keine Besitzstrafbarkeit i.S.d. AntiDopG vor.

Zu betonen ist allerdings, dass die Umrechnungstabelle bei den Strafverfolgungsbehörden aufgrund von Unkenntnis nur äußerst selten herangezogen wird, (Ausnahmen sind hier Schwerpunktstaatsanwaltschaften zur Bekämpfung der Doping-Kriminalität sowie einzelne Zollfahndungsämter), sodass bereits bei 3 x 1 ml Ampullen Testosteron-Enantat die Einleitung eines Strafverfahrens üblich sein dürfte. Bei 4 ml liegt mit 720 mg bereits ein Verstoß gegen § 2 Abs. 3 AntiDopG vor.

Dem Freizeit-Bodybuilder droht danach beim Besitz von nur 4 ml eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Gleichzeitig vermutet das Gesetz schon bei diesen 4 ml unwiderleglich die Absicht der Weitergabe.

Für den Freizeit-Bodybuilder kann es bei der Durchführung der eigenen Steroidkur sogar noch schlimmer kommen:

Werden Dopingmittel mit verschiedenen Wirkstoffen sichergestellt, von denen die einzelnen Wirkstoffe jeweils den Grenzwert der nicht geringen Menge nicht erreichen, ist zu beachten, dass eine Grenzwertüberschreitung auch durch eine Summierung der einzelnen Wirkstoffe vorliegen kann.3
Selbstverständlich gilt dies auch für Medikamente, die im Rahmen der Absetzphase benötigt werden (bspw. liegt der Grenzwert der nicht geringen Menge bei Clomifen schon bei 509 mg; bei Tamoxifen ist die geringe Menge mit 600 mg überschritten).

Bei der Kombination mehrerer Medikamente (sog. Stacking, „Steroid-Stack“) liegt somit eine Besitzstrafbarkeit nahezu immer vor.

Ermittlungsverfahren gegen dopende Freizeit-Bodybuilder, warum?


Die große Frage ist nun: Warum geraten nahezu immer Freizeit-Bodybuilder in das Visier der Strafverfolgungsbehörden?

Als Beispiel soll hierfür die klassische 16 – 20 Wochen „Anfänger-Steroidkur“ herangezogen werden:

Viele Freizeit-Bodybuilder greifen auf das beliebte Testosteron-Enantat zurück, um häufige intramuskuläre Injektionen pro Woche zu vermeiden. Bei einer üblichen „Kurlänge“ von 16 Wochen und einer „Anfängerdosierung“ von ca. 250 mg alle fünf Tage werden bereits insgesamt 5.600 mg Testosteron-Enantat benötigt.

Der Freizeit-Bodybuilder überschreitet danach die nicht geringe Menge (5.600 x 0,720) mit 4.032 mg um das 6,3-fache.


Werden hierzu noch die oftmals benötigten Medikamente für die Absetzphase erworben (bspw. 6 Wochen Clomifen a 50 mg/täglich), ergibt dies weitere 2.100 mg. Die nicht geringe Menge wurde somit ebenfalls um das 4,2-fache überschritten.

Ein weiteres großes Problem stellen die angebotenen Vials der Ulabs (Untergrundlabore) dar. Diese können häufig nur als 10 ml Vial, zusätzlich häufig mit höherer Dosierung als die oben genannten 250 mg/ml, erworben werden, sodass bereits beim Erwerb einer 10 ml Vial ein Verstoß gegen § 2 Abs. 3 AntiDopG vorliegt. Dem Freizeit-Bodybuilder ist es danach praktisch gar nicht möglich, sich straflos die Steroide für seine eigene Kur zu beschaffen, ohne bereits gegen das AntiDopG zu verstoßen und eine Geld- oder Freiheitsstrafe zu riskieren. Zu betonen ist hierbei auch, dass ein Großteil der Freizeit-Bodybuilder niemals an etwaigen Wettkämpfen teilnehmen möchte und trotzdem vom AntiDopG mit der vollen Wucht erfasst wird.

Die nicht geringen Mengen in der aktuellen Dopingmittel-Mengen-Verordnung sind für dopende Freizeit-Bodybuilder gänzlich ungeeignet. Die Werte sind schlicht fernab von jeglicher Realität.

Die Folgefrage lautet nun: Warum sind die Grenzwerte so gering?

Die Grenzwerte werden nach Anhörung von Sachverständigen unter Zugrundelegung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Gefährlichkeit der Stoffe bestimmt. Um die Grenzwerte festzulegen, wird im Regelfall die Menge bestimmt, die nach aktuellem Kenntnisstand zu therapeutischen Zwecken für einen Monat benötigt wird.4

Aktueller Evaluierungsbericht


Im Auftrag des Deutschen Bundestages wurde die Anwendung des geltenden AntiDopG mittlerweile in der Praxis evaluiert und die Ergebnisse im Dezember 2020 vorgestellt. Nach fünf Jahren AntiDopG gelangen die befragten Sachverständigen zu folgendem und für dopende Freizeit-Bodybuilder wenig überraschenden Ergebnis:
    „Die Aussagen der interviewten Ermittler des Zolls, der Staatsanwaltschaften und von Richtern zu den Beschuldigten fielen einheitlich aus. Danach betreffen die Verfahren fast ausnahmslos „die Fitness-Szene im Allgemeinen, also sagen wir mal Breitensport, klassische Fitnessstudio-Besucher, also Kraftsport und Bodybuilding.“ (Zoll 3). Der „Bereich Muskelaufbau, Bodybuilding“ sei „wirklich der größte Teil unserer Verfahren.“ (StA 1)5

    „Dass die Strafverfolgung vor allem Selbstnutzer aus dem Bereich des Bodybuildings betrifft, wird von einem Richter offen kritisiert. Dies führe lediglich zu Verbesserungen der Strafverfolgungsstatistik, ohne aber am eigentlichen Problem des Sportdopings etwas zu ändern.“ (StA 2)6
Ein befragter Staatsanwalt gab bspw. konkret an:

„Von diesen 90 % würde ich wiederum sagen: 80 % sind Freizeitsportler, die ins Fitnessstudio gehen, Muskelaufbau betreiben. (StA 3)“7

Ein weiterer Staatsanwalt teilte sogar mit:

„Aussage 1: Der überwiegende Anteil der Verfahren, die wir in der Schwerpunktstaatsanwaltschaft bearbeiten, sind Verfahren, die Bodybuilder betreffen oder Kraftsport. Bodybuilder, die das teilweise auf Wettkampfniveau betreiben, aber der wesentliche Teil bei den Bodybuildern sind einfach Personen, die ins Fitnessstudio gehen und dort dem Sport nachgehen. Das ist so der zahlenmäßig größte Teil.“ (StA 4)“8

Auch der befragte Zoll gelangt zu ähnlichen Ergebnissen:

„Aussage 2: Also Hauptempfänger sind ganz klar der Bodybuildersport. Angefangen von Leuten, die es aktiv machen, die also Wettkämpfe betreiben, aber auch ein großer Teil Freizeitsport in den Fitnessstudios, die Kraftzuwächse erwarten, um dem aktuellen Lifestyle zu entsprechen. Und das ist zu über 90 % unser Empfängerkreis.“ (Zoll 1)“9

Insgesamt gelangen sämtliche Sachverständigen zu einem ähnlichen Ergebnis:

„Außerdem zeigten die Interviews, dass Selbstnutzer den Großteil der Beschuldigten ausmachen, also Personen, die Dopingmittel zum Eigengebrauch erwerben, besitzen oder in den Geltungsbereich des Gesetzes verbringen.
Diejenigen, die ausschließlich oder primär Dopingmittel an Dritte abgeben, diese herstellen oder mit ihnen Handel treiben, sind hingegen deutlich unterrepräsentiert. Im Zentrum der Strafverfolger stehen also „ganz klar Selbstnutzer.“ (StA 7); die Beschuldigten sind überwiegend „nur Verbraucher“ (R 1 [= Richter 1]).“10



Anpassung an die Wirklichkeit


Die durchgeführte Evaluierung zeigt deutlich, dass im Rahmen der Besitz- sowie Erwerbsstrafbarkeit dringend nachgebessert werden muss, um den dopenden Freizeit-Bodybuilder, der die Dopingmittel ausschließlich für die eigene Steroidkur verwenden möchte, (endlich) aus der Schusslinie zu nehmen. Auch hier sprechen die Fakten des aktuellen Evaluierungsberichts für sich:

„Letztlich bestätigt aber auch diese Stimme aus Sicht der Sachverständigen, dass die Schwellenwerte für nicht geringe Mengen so niedrig angesetzt sind, dass bereits der Fund einer (nicht ganz gefüllten) Ampulle Anlass für Ermittlungen biete. Strafrechtlich verfolgt werden damit vor allem Selbstnutzer, die Dopingmittel für sich selbst verwenden und diese – anders als es die Gesetzesbegründung vermutet – nicht handeln, veräußern oder an andere weitergeben wollen. Häufig richten sich die Verfahren gegen Bodybuilder, die nicht an Wettkämpfen teilnehmen, also nicht dopen, um sich Vorteile im sportlichen Wettbewerb zu verschaffen, sondern aus anderen (etwa: ästhetischen) Gründen.“11

Freizeit-Bodybuilder orientieren sich nicht an Dosierungen, die zu therapeutischen Zwecken (Behandlung eines Testosteronmangels) eingesetzt werden. Des Weiteren kann der Erwerb von Dopingmitteln nicht ansatzweise mit dem Erwerb von Betäubungsmitteln verglichen werden. Der dopende Freizeit-Bodybuilder erwirbt seine komplette Steroidkur inkl. der Mittel für die Absetzphase im Voraus, um keinen Engpass und damit hormonelle Schwankungen befürchten zu müssen. Ein Einkauf pro Woche entspricht nicht der Wirklichkeit.

Der Verordnungsgeber sollte der Realität ins Auge blicken, sich dringend daran orientieren, was ein eigenverantwortlich dopender Freizeit-Bodybuilder in der Regel für eine Steroidkur benötigt und die Dopingmittel-Mengen-Verordnung (endlich) entsprechend anpassen.


Hinweis: Der Autor ist angestellter Strafverteidiger bei der Anwaltskanzlei Dr. Böttner.

Nachweise

  1. Siehe hierzu https://www.bundestag.de/presse/hib/816002-816002
  2. Vgl. BT-Drs. 18/4898, 25; Wußler, in: Erbs/Kohlhaas, Strafrechtliche Nebengesetze, 2020, AntiDopG, § 2 Rn. 20.
  3. „Die von den Sachverständigen angesprochene Kumulation geringer Mengen unterschiedlicher Substanzen, um durch die Addition den Schwellenwert zu überschreiten, ist gängige Praxis im Vollzug der Dopingmittel-Mengen-Verordnung und von der Rechtsprechung anerkannt.“, BT-Drucksache 19/25090, 76.
  4. Siehe BT-Drucksache 19/25090, 75.
  5. BT-Drucksache 19/25090, 36.
  6. BT-Drucksache 19/25090, 44.
  7. BT-Drucksache 19/25090, 96 Fn. 131.
  8. BT-Drucksache 19/25090, 96 Fn. 132.
  9. BT-Drucksache 19/25090, 96 Fn. 132.
  10. BT-Drucksache 19/25090, 36.
  11. BT-Drucksache 19/25090, 39 f.

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