Psychische und physische Vorteile

Warum Frauen ans Eisen sollten (II)

Die physiologischen Vorteile von Kraftsport

Zu keinem anderen Zeitpunkt der Weltgeschichte wurde von der Frauenwelt soviel verlangt, wie es heutzutage in unserer aufgeklärten, liberalisierten Welt der Fall ist. Die moderne Frau von heute ist nicht nur eine leidenschaftliche Partnerin, sondern auch eine liebende Mutter und Karrierefrau. Der Spagat zwischen Familie und Beruf ist trotz unserer sich immer weiter entwickelnden Welt nicht einfacher geworden – im Gegenteil. Dies führt natürlich in letzter Instanz dazu, dass auch die körperlichen Anforderungen in einem nie dagewesenen Ausmaß ansteigen und mehr denn je von ihnen abverlangen.

Kraftsport und damit auch ein wohlgeformter – und leistungsfähiger – Körper, wappnet die moderne Frau und sorgt dafür, dass die alltäglichen Dinge des Lebens leichter und schneller von der Hand gehen. Egal ob es sich nun um das Herumtragen von Kleinkindern, das Erledigen der Einkäufe oder gar den kräftezehrenden Arbeitsalltag handelt: ein trainierter Körper hilft bei der Bewältigung der Alltagsanforderung:
  • Kraftsport erhöht nachweislich die Knochendichte infolge der mechanischen Arbeit, die beim Training verrichtet wird. Damit sinkt das Risiko und das Ausmaß von Osteoporose-Betroffenheit (Knochenschwund), eine Krankheit, die insbesondere Frauen in den Wechseljahren erliegen.
  • Kraftsport sorgt für widerstandsfähigere und stärkere Bänder, was nicht nur etwaige muskuläre Imbalancen verhindert, sondern auch Knieprobleme (welche bei Frauen nur allzu häufig auftreten) negiert.
  • Bei einem Großteil der Frauen ist der Oberkörper meist schwach trainiert. Das Training mit Gewichten hilft dabei den Oberkörper zu stärken und so ein Gleichgewicht zwischen Extremitäten und Oberkörper herzustellen.
  • Auch im Bezug auf die Ausdauer mag Krafttraining eine nicht zu unterschätzende Rolle einnehmen. Ein (durch-)trainierter Körper sorgt nicht nur dafür, dass im Alltag genügend Kraftreserven angezapft werden können, sondern wirkt obendrein auch noch präventiv im Hinblick auf die spätere Gesundheit.

Die psychologischen Effekte von Kraftsport

Noch ausgeprägter als die bloßen physiologischen Vorteile, sind vermutlich die psychologischen Effekte, die ein kraftorientiertes Training mit sich bringt und die damit auch letztendlich für eine gewisse mentale Stabilität und Festigkeit im Leben sorgt.
  • Ein Effekt, der von vielen am eigenen Leib erfahren wird, liegt im steigenden Selbstvertrauen, welches das Krafttraining mit sich bringt. Dies lässt sich nicht nur auf eine erfolgreich absolvierte Trainingseinheit und das damit erreichte Endziel zurückführen, sondern ist auch gleichzeitig eine Folge einer stetig steigenden Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers. Das gute Gefühl, sich von Workout zu Workout steigern zu können, die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen permanent neu auszuloten und damit über sich selbst und seinen inneren Schweinehund hinauszuwachsen, setzt eine ganze Kaskade an introspektiven Reaktionen in Gang, die zu einer "Ich kann"-Mentalität führt.
  • Je stärker man wird, desto höher steigt die eigene Wertschätzung. Anstatt im Spiegel eine Person vor sich zu haben, mit der man unentwegt unzufrieden ist, fängt man an sich und seinen Körper mehr zu lieben. Dies kann als ein probates Mittel gegen die Gefahr von Depressionen gesehen werden, von der heutzutage insbesondere Frauen mit geringer Selbstwertschätzung betroffen sind. Krafttraining führt daher nicht nur zur körperlichen, sondern auch zur mentalen Stärke, die vor derartigen Gedankenspiralen zu schützen vermag.[2]
  • Mit zunehmender Trainingsdauer steigt auch die eigene Körperwahrnehmung in analogem Ausmaße. Besonders in einer von Medien gesteuerten Welt, in der immer mehr Menschen einem Ideal hinterherhecheln, welches sie unter realistischen Bedingungen niemals erreichen werden, ist die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper unerlässlich. Das heutige suggerierte Bild vom schlanken, gar krankhaft abgemagerten Hochglanzmodel ist dahingehend nicht nur unrealistisch, sondern gar gesundheitlich mit Bedenken zu sehen. Ein starker, vitale Körper mag zwar kein hundertprozentiger Schutz vor Essstörungen und einem Hang zur Selbstzerstörung sein, doch die Wahrscheinlichkeit den eigenen Körper zu schätzen und ihn stetig weiterzuentwickeln, sorgt im Endeffekt für ein weitaus zuträgliches Wohlbefinden, als es die Jagd nach einem halb verhungerten Körper mit Modelmaßen jemals tun würde.
  • Vielleicht kein Punkt, der am auffälligsten erscheint, doch Krafttraining hat ebenfalls das Potenzial vor Essstörungen zu schützen. In einer Meta-Studie aus dem Jahre 2000 untersuchten Smolak et al. die Risikofaktoren und schützenden Effekte vor Essstörungen in Athletinnen und kamen zu dem ambivalenten Ergebnis, dass sich die sportliche Aktivität in diversen Situationen als protektiv gegenüber Probleme mit der Ernährung erweist. [1] Sportlerinnen, die insbesondere in Bereichen aktiv waren, in denen ein schlanker Körper mehr Vorteile versprach (etwa als Tänzerin oder im Gymnastik Profi-Segment), waren demnach häufiger von Essstörungen betroffen. Im Amateurbereich wiederum war die Wahrscheinlichkeit für Sportlerinnen einer Essstörung zu erliegen, niedriger als in ihren gleichaltrigen Peer-Groups, die keiner sportlichen Betätigung nachgingen.
  • Inzwischen ist bekannt, das die aktive Ausübung der körperlichen Ertüchtigung auch einen gewissen Effekt auch Stress und Erschöpfungszustände hat. Krafttraining kann hier nicht nur zur Stressbewältigung eingesetzt werden, sondern obendrein auch die Energiereserven erhöhen und damit zu einem aktiveren Lebensstil führen.[5] Sport dient hierbei als positiver Katalysator, um der Hektik des Alltags entgegenzuwirken (anders als z.B. die Verarbeitung von Stress via sog. "Frustessen" sogar auf eine gute Art und Weise). Die daraus resultierende Stärke und Vitalität wirkt sich auch in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß auf die mentalen Fähigkeiten und Denkmuster, etwa Selbstbeherrschung und Disziplin, aus. Widerstandstraining heißt auch immerhin Widerstandstraining, weil kontinuierlich Widerstände überwunden werden, ein Prozess, der nicht nur den Körper, sondern auch den Geist fit hält und selbst in schwierig Lebenssituation behilflich sein kann. [3][4]
  • Typischerweise werden die meisten Frauen von der Medienkultur als schwach, zerbrechlich und oftmals auch als von anderen Instanzen als abhängig dargestellt. Während Frauen in Führungspositionen als nicht der Norm entsprechen rezipiert werden, herrscht noch immer der Gedanke, eine Frau müsse "süß" und "fürsorglich" auftreten und alles Erdenkliche tun, um wie eine Lady auszusehen. Natürlich schließt Krafttraining die erwähnten Punkte nicht aus, hilft der modernen Frau von heute aber dennoch sich klare Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen. Das eigene Limit zu kennen, befähigt auch gleichzeitig dazu, das Leben aktiv zu gestalten und die Dinge nicht als gegeben hinzunehmen. Die Fähigkeit realistische Grenzen zu setzen und zu erkennen – und diese anschließend zu überwinden – erweist sich auch in anderen Lebensbereichen als nützliche Eigenschaft.
  • Ein Phänomen, von dem nicht nur Männer betroffen sind, besteht in der kreativen Expression des eigenen Selbst infolge des Trainings. Vielleicht mögen die Intentionen, die einem zum Training bewegen zu Beginn noch größtenteils daraus resultieren, weil man abnehmen oder seinen Körper straffen ("Muskeln aufbauen") will. Der Spruch "Motivation is what gets you started, habit is what keeps you going" kann in diesem Zusammenhang in einem völlig neuen Kontext gesehen werden. Der Körper verändert sich über die Zeit und das gleiche gilt auch für die persönlichen Ziele. Man experimentiert mit Übungen und lernt die Auswirkungen des Trainings am eigenen Leib kennen. Die aktive Gestaltung des eigenen Äußeren stärkt nicht nur das Selbstvertrauen, sondern hilft auch bei der Übertragung der hier entfalteten Kreativität in andere Bereiche des Lebens.
  • Als Lebenspartnerin, Freundin, Schwester, Mutter, Großmutter, Angestellte oder Selbstständige schlüpft die Frau von Heute in zahlreiche Rollen, die an Erwartungen und Pflichten gekoppelt sind. Doch die moderne, selbstbewusste Frau lernt infolge des Trainings auch einige Lektionen in Sachen Selbstfürsorge, die nur allzu häufig, bedingt durch jene Rollen und Pflichten, hinten angestellt werden. Ein Mangel an Selbstfürsorge kann nicht nur zu handfesten, persönlichen Krisen führen, sondern auch zu einer generellen Art von Unzufriedenheit und Depressionen. Das Training – und der Trainingsort – dienen als eine Ort Refugium, in das man sich nach einem stressigen Alltag zurückziehen kann, um etwas Zeit mit sich selbst zu verbringen. Es ist die magische Stunde des Tages, in der man nicht wie so oft an Andere denkt, sondern sich voll und ganz den eigenen Bedürfnissen hingeben kann. Zeit, die im Alltag häufig nicht bleibt. Dies aber führt in letzter Konsequenz dazu, dass die trainierende Frau am Ende gestärkt und revitalisiert wieder durchstarten kann, um den Herausforderungen des Alltags gerecht zu werden.
  • Obendrein schult das konsequente Planen und die Durchführung des Trainings auch die Organisationsfähigkeit – eine Fähigkeit, die sich heutzutage als unschätzbar wertvoll erweist, wenn es darum geht berufliche Karriere, das Familienleben und die eigenen Wünsche in Einklang zu bringen.

Ein paar abschließende Worte

Es gibt mit Sicherheit noch einige Punkte, die man hinsichtlich Frauen und Krafttraining ansprechen könnte, die ich an dieser Stelle aber bewusst herausgelassen habe (z.B. das Thema Ernährung). Das Ziel dieses Artikels bestand im Wesentlichen darin, das weibliche Publikum im Kraftsport in ihrem Tun und Streben zu motivieren und zu unterstützen. Lasst euch von keinem sagen (egal ob Mann oder Frau) ihr könntet jenes oder dieses nicht tun, weil es sich für eine Frau nicht gehört. Winkt ab, lasst die Leute erzählen und zieht euer eigenes Ding durch.

Es hat einige Jahre gedauert, bis man schließlich Frauen im Kraftraum, abseits des Aerobic-Centers, akzeptiert hat. Wenn ich heute in ein Gym schaue, so ist es mittlerweile Gang und Gebe, dass ganze Legionen von Frauen den Versuch starten ihren Körper aktiv zu formen und zu gestalten. Doch noch immer erliegen viele Frauen den unrealistischen Zielen, die ihnen die Medien suggerieren wollen. Die Folgen habe ich schon ausführlich dargelegt: mangelndes Selbstbewusstsein, körperliche Unzufriedenheit, mentale Instabilität. Im gleichen Atemzug habe ich auch versucht zu zeigen, wie insbesondere Krafttraining dieser sublimen Beeinflussung entgegenwirken kann und welche Vorteile das Eisenstemmen für Körper und Geist mit sich bringt.

Ferner wurde gezeigt, dass Mann und Frau – so sie die gleichen Ziele, nämlich einen wohlgeformten athletischen Körper, verfolgen – nicht unterschiedlich trainieren sollten. Es gibt einfach keinen Grund dafür. Die Angst, über Nacht mit 10 kg mehr Muskeln aufzuwachen, wie sie vielfach von Frauen anscheinend durchlebt wird, ist absolut unberechtigt und in jedem Fall unrealistisch. Muskelzuwachs ist ein langwieriger Prozess, der nicht von heute auf morgen passiert, insofern gibt es immer genug Zeit, das Trainingsvolumen zu reduzieren und den Status Quo zu halten, wenn ihr erst einmal mit eurer Form zufrieden seid (die Betonung liegt in diesem Fall auf dem Wörtchen "wenn" ;-)).

Ich hoffe inständig, dass dieser Weckruf an die sportorientierten Frauenwelt Früchte trägt, euch mentale Energie spendet und euch in der Gewissheit lässt, dass ihr auf dem richtigen Wege seid! Und wenn ihr bis dato eher auf den Ausdauergeräten zu finden wart, so hoffe ich insgeheim, dass euch dieser kleine Exkurs zum Umdenken bewegt und man euch fortan auch mal im Freihantelbereich zu Gesicht bekommt. Glaubt mir: wir Männer beißen nicht und es ist immer wieder imponierend eine Frau zu treffen, die schwer hebt, beugt oder drückt. Also ran an die Gewichte.

Damian aka Furor Germanicus


Quellen

  1. Smolak, L. / Murnen, SK. / Ruble, AE. (2000): Female athletes and eating problems: a meta-analysis. In: The International Journal of Eating Disorders: 2000; 27 (4): S.371-380. URL: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10744843 .
  2. Tsutsumi, T. et al. (1998): Comparison of High Moderate Intensity of Strength Training on Mood and Anxiety in Older Adults. In: Perceptual and Motor Skills: 1998; 87 (3); S.1003-1011. URL: http://www.amsciepub.com/doi/abs/10.2466/pms.1998.87.3.1003 .
  3. Ohira, T. / Schmitz, KH. / Ahmed, RL. / Yee, D. (2006): Effects of weight training on quality of life in recent breast cancer survivors. In: Cancer: 2006; 106 (9); S.2076-2083. URL: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.21829/full .
  4. Agin, D. / Gallagher, D. / Wang, J. / Heymsfield, S. / Pierson, RN Jr. / Kotler, DP. (2001): Effects of whey protein and resistance exercise on body cell mass, muscle strength, and quality of life in women with HIV. In: Official Journal of the International AIDS Society: 2001; 15 (18); S.2431-2440. URL: http://journals.lww.com/aidsonline/Abstract/2001/12070/Effects_of_whey_protein_and_resistance_exercise_on.11.aspx .
  5. Annesi, JJ. (2000): Effects of Minimal Exercise and Cognitive Behavior Modification on Adherence, Emotion, Self-Image, And Physical Change in Obese Women. In: Perceptual & Motor Skills: 2000; 91 (1); S.322-336. URL: http://www.amsciepub.com/doi/abs/10.2466/pms.2000.91.1.322 .

Nach oben