Der Athlet hinter dem Athleten

Die Welt ist eine Scheibe: Der Scheibenstecker beim Powerlifting

Die allermeisten Artikel in Kraftsport-Foren drehen sich entweder um Tipps für Athleten oder die gesammelten Weisheiten eines langjährigen Trainers. Aber wer setzt sich in den heutigen Zeiten medial denn mal für die Minderheiten ein? Wer beachtet all die Zeugwarte, Reinigungskräfte, Geräteverkäufer, oder die zahlreichen Mitarbeiter einer Wettkampf-Organisation? In einer neuzeitlichen Demokratie wird natürlich in jede Nische geleuchtet und heute erwischt es den Wettkampf-Scheibenstecker!

Da mir Artikel vom Schlage "Was ist eigentlich ein Scheibenstecker und was sind seine Aufgaben?" absolut nicht liegen, springen wir gleich mal in die Praxis und meine eigene bescheidene Erfahrung. Niemand wird zum Scheibenstecker geboren. Erstens ist das deutsche Wort total holprig - von daher möchte ich ab jetzt das viel griffigere englische Wort "Loader" benutzen. Zweitens träumt wohl jeder Athlet eher davon, der große Held auf der Plattform zu sein: blitzlichtumwittert und mit Lorbeer bekränzt - wen interessiert da schon das kleine bucklige Männlein, das im Hintergrund die Hantel wegrollert und abbürstet?

Foto: Frank-Holger Acker

Natürlich ist nicht jeder Loader ein gescheiterter Athlet, wie auch nicht jeder Literaturkritiker ein gescheiterter Autor ist (*räusper* ...). Vielmehr sind die Loader, die ich kenne, sehr enthusiastisch für ihren Sport unterwegs und haben selber oft beeindruckende Leistungen zuwege gebracht. Als ich das erste Mal als Loader auf einem regionalen Wettkampf zusagte, den ein Freund und heute recht bekannter Trainer organisiert hatte, waren der andere Loader, der Hauptkampfrichter und ich sogar die stärksten Athleten. Einzig der wie eine große weiße Presswurst aussehende Gesamtsieger (Deswegen werde ich auch nicht verraten, welcher Wettkampf das war - nachher passiert mir noch ein Unfall. Aber ohne Witz: eingezwängt in seinen megabreiten Gürtel sah der aus, wie eine Comicfigur kurz vorm Platzen) zog mehr als ich - allerdings bei über 20 kg Gewichtsunterschied. Aber der Reihe nach.

Anfangs klingt es sehr unkompliziert: "Du, kannste mal am Samstag paar Scheiben mit aufstecken?" Und ich so: "Klar kann ich am Samstag mal paar Scheiben mit aufstecken. Im Training mache ich das ja auch immer."

Zu dem Zeitpunkt trainierte ich noch mit aktiven Wettkämpfern und die hätten mich mit Betonklötzen an den Füßen in der Elbe versenkt, wenn ich im Training falsch beladen hätte. Den Druck kannte ich also. Im Kopfrechnen war ich auch schon immer gut - von der Seite her sollte also nix schiefgehen. Tja, sollte.

Denn der Organisator kam aus dem Olympischen Gewichtheben und dementsprechend guckte ich erstmal wie ein Zwiebelfisch, als da alles voller 1er-, 1,5er- und 2er-Scheibchen lag. Das war unfair! Und ich kam auch nicht mehr dazu, mir einen Spickzettel zu schreiben - aufgrund einiger Nachmeldungen mussten wir zu zweit spontan auch noch eine zweite Plattform bedienen. Höchststress!

Und was ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte: Wenn man in die Gesichter der sich vorbereitenden Athleten schaut und in ihrer Mimik sieht, wieviel ihnen an ihrer Leistung liegt und wie sehr sie sich reinhängen, um ihre Ziele zu erreichen, bzw. was sie in Kauf genommen haben, um in ihrer Gewichtsklasse antreten zu können - dann spürt man plötzlich eine extreme Verantwortung und kriegt es mit der Versagensangst zu tun!

Denn nicht nur der Athlet kann scheitern - ein unaufmerksamer Loader kann alles versauen, wenn er sich verrechnet! Und das Bewusstsein um diesen Umstand beeinträchtigt die Kopfrechen-Fähigkeiten enorm! Glücklicherweise hatte der Veranstalter sein Org-Team beauftragt, uns detaillierte Zettel mit Ladeanweisungen anzufertigen. Denn ein weiterer Umstand schwirrt immer noch im Kopf mit rum: die korrekte Einstellung der Hantelablagen beim Kniebeugen. Das macht der Athlet nämlich nicht selbst.

Da es bei dem betreffenden Wettkampf eine spezielle Newcomer-Klasse gab, waren wir zusätzlich auch dringend als Spotter gefragt. Als Athleten waren zwar nur Leute zugelassen, die eine mindestens sechswöchige Vorbereitungsphase durch einen Powerlifting-Trainer durchlaufen hatten, aber bei einigen schien es so, dass sie oft unentschuldigt gefehlt hatten.

Als Loader ist man extrem aufmerksam bei der Sache - und durch diese Konzentration fallen technische Fehler viel eindrücklicher auf, als im Training. Schließlich muss man relativ wahrscheinlich jemandem helfen, der mit Rekordgewicht auf der Plattform steht. Bei den meisten Frauen ist das nicht das Problem - aber spätestens ab 140 kg Beuge- oder Drückergewicht wird es schwierig, wenn der Wettkampf schon ein paar Stunden dauert und man schon den ein oder anderen Maulhelden von seiner Last befreien musste.

Doch neben Maulhelden lernt man auch noch eine ganze Bandbreite weiterer Charaktere kennen, die unter der Hantel ihre psychischen Hüllen fallenlassen. So betrat beim Kreuzheben eine etwas pummelige Dame die Plattform für ihre offensichtlich angestrebte Rekordleistung von 100 kg. Sie gehörte zu den angesprochenen Leuten, bei denen ich keine wettkampfgültigen technischen Vorkenntnisse erahnen konnte. Sie hatte bisher in jeder Disziplin Fehlversuche - und offensichtlich nicht damit gerechnet, dass Newcomer beim Hauptkampfrichter keinen Welpenbonus bekamen.

Vielleicht waren wir als Team vom Veranstalter auch nicht korrekt angekündigt worden, aber wir machten keine Kompromisse - schließlich wollten wir offizielle BVDK-Ergebnisse eintragen können (was nachher von den kleinen Oly-Scheibchen verhindert wurde, die laut Reglement nicht erlaubt sind). Und diese Dame war drauf und dran, sich aus dem Wettbewerb zu katapultieren. Als sie auch den ersten Hebeversuch versaute, kamen die Tränchen geschossen.

Sie rannte heulend von der Plattform in Richtung der Umkleiden. Als sie außer Sichtweite war, raunte ich dem Hauptkampfrichter zu: "Wenn du den beim nächsten Versuch aus Mitleid gültig gibst, ist das alles wertlos für die, die sich an die Regeln halten", obwohl ich auch Mitgefühl hatte. Optisch war sie von der Natur nicht allzu reich beschenkt worden - wir wollten ihr nur ungern diese Freude über einen körperlichen Rekord wegnehmen. Beim nächsten Versuch redeten wir nochmal eindringlich auf sie ein: Form vor Gewicht! Emotionen als Motivations-Boost! Selbstüberwindung für ewigen Stolz!

Und es funktionierte: Sie zog ihre 100 kg tatsächlich wettkampfgültig - ließ sie allerdings vor Signal fallen. So hatte das Schicksal für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt, denn unter den zuschauenden Athleten hatte die Dame nicht grad viele Sympathien mit ihrem Verhalten.

Die Mehrheit der Athleten, die noch nicht viel Erfahrung mit Wettkämpfen hatte, war jedoch vernünftig genug, ihre angestrebten Gewichte nach unten zu korrigieren. So hatte die Strenge des Kampfgerichtes auch ihr Gutes: möglicherweise wurden durch die Korrekturen einige Verletzungen und Unfälle verhindert - auch über den Wettkampf hinaus. Für mich als Loader ergaben sich auch ein paar kleine Lektionen, die sich aus der Beobachtung der Athleten zeigten:
  1. Wettkampfregeln sind dafür da, Leistungen vergleichbar zu machen. Nicht nur gegenüber anderen, sondern auch, um eigene Fortschritte messen und darauf stolz sein zu können.
  2. Insbesondere die Regeln beim Powerlifting schützen den motivierten Maximalkraftsportler vor Verletzungen und Langzeitfolgen.
  3. Eine Vorbereitungsphase, in der man die Wettkampfregeln automatisiert, verhindert, dass man durch Überraschungen am Wettkampftag Leistungseinbußen hinnehmen muss, oder gänzlich aus dem Wettkampf fliegt.
  4. Die Wettkampf-Atmosphäre kann zu ungeahnten Höchstleistungen antreiben, die wie ein Plateau-Brecher für die folgende Trainingszeit wirken kann.
Selbstverständlich sind im Laufe der Zeit noch viel mehr Geschichten im und um den Sport und seine Aktiven passiert. Ich möchte diesen Artikel also als Werbung dafür verstanden wissen, sich unterstützend zu engagieren und an all den Ereignissen teilzuhaben, die man als Athlet mit Tunnelblick gar nicht richtig mitbekommt. Die Verbindung zum Sport wird umso inniger.

Nach oben