Trotz Fitnesstrend

Werden wir immer unsportlicher?

Die Fitnessstudios quellen über. Die Hersteller von Sportbekleidung, Fahrrädern, Homegym-Equipment und Supplementen können die Nachfrage gar nicht mehr bedienen. Fitness-Influencer sammeln täglich Millionen von Klicks in den sozialen Medien. Wir Deutschen scheinen ein Volk der Aktiven zu sein. Und gleichzeitig schlagen die Statistiken immer wieder Alarm: Wir werden immer unsportlicher! Auch unser subjektives Empfinden suggeriert uns irgendwie diesen Umstand. Was ist eigentlich wahr – oder existierten beide Entwicklungen gar parallel?

Was ist eigentlich „sportlich“?


Die Branche boomt, den Kapitalismus freut’s. Aber scheinbar auch nur den. Die Entwicklung scheint nicht da anzukommen, wo sie ankommen soll: Die Menschen werden zumindest gefühlt nicht sportlicher. Wie kann das sein?

Foto: Frank-Holger Acker

Wir müssen wohl erstmal definieren, was sportlich bedeutet. Sind es mindestens hundert Kilo auf der Bank und maximal 8 Prozent Körperfett, wie es in diesem Forum gern als Norm dargestellt wird? Natürlich nicht! Als Minimalkonsens können wir uns vielleicht auf das Folgende einigen:
    Sportlich zu sein bedeutet, körperlich aktiv zu sein und die notwendigen gesundheitlichen, konditionellen und koordinativen Fähigkeiten mitzubringen, um die gewöhnlichen Herausforderungen des Alltags gut zu bewältigen.
Und genau diese Qualitäten werden allein durch die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio mitnichten automatisch gefördert. Durch den Besitz eines Fitnesstrackers erstrecht nicht.

Unter den vielen Millionen Deutschen, die in einem Studio angemeldet sind, befinden sich nicht nur viele rein passive Mitglieder. Selbst diejenigen, die regelmäßig durch das Drehkreuz schreiten, tun vielfach nichts, was eine allgemeine Leistungsfähigkeit tatsächlich fördern würde. Ein bisschen Stepper und Trizepsdrücken am Kabelzug ist ein netter Ablasshandel, wiegt aber nicht einen ansonsten völlig bewegungsarmen Alltag mit schlechter Ernährung und schlechtem Stressmanagement auf.

Was passiert außerhalb unserer Bubble?


Und hierbei reden wir ja schon von Leuten, die durch die Anmeldung im Fitnessstudio immerhin schon mal ein Bewusstsein für das Erfordernis regelmäßiger Aktivität bewiesen haben.

In unserer Fitness-Bubble, in unserem sozialen Umfeld und Newsfeed hat vielleicht jeder eine mehr oder weniger ausgeprägte Affinität zum Sport. Doch uns steht ein großer Bevölkerungsanteil gegenüber, der gar nicht erst auf die Idee zu kommen scheint.

Laut einer 2021 veröffentlichen Erhebung treiben rund 37 Millionen Personen über 14 Jahren in Deutschland keinerlei Sport. Das entspricht ungefähr der Hälfte aller Befragten. Zu kaum positiveren Schlüssen kam die Weltgesundheitsorganisation in einer Veröffentlichung von 2018, nach denen rund 42 Prozent der Deutschen nicht die WHO-Richtlinien zur ausreichenden Bewegung erfüllen – und die liegen mit 150 Minuten moderater oder 75 Minuten intensiver Bewegung pro Woche (!) schon denkbar niedrig. Noch schlimmer: Der Anteil inaktiver Personen ist seit 2001 um mehr als 15 Prozent gestiegen.

Soweit zu unserem Zahlenmaterial. Wie viele Menschen die oben genannte Definition der Sportlichkeit erfüllen, ist natürlich schwer zu bemessen. Leicht ersichtlich sind aber die gesundheitlichen Folgen der Entwicklung. Zwei von drei deutschen Männern sind übergewichtig und das Gleiche gilt für jede zweite Frau. Rund 8,5 Millionen Erwachsene leiden an Diabetes Typ 2 usw.

Die Wurzel allen Übels: Es fängt bei den Kindern an


Wenn dich die diffuse Ahnung beschleicht, unserem Volk käme jede körperliche Belastbarkeit abhanden, denkst du wahrscheinlich auch an die heutigen Kinder. Da sieht es ja, was man so hört, wirklich übel aus.

Ganze 70 Prozent sollen koordinative Defizite in einfachen Übungen wie Rückwärtslaufen oder dem Stehen auf einem Bein haben. Pünktlich zu jedem Sommer warnt die DLRG vor dem steigenden Anteil von Heranwachsenden, die nicht schwimmen können. 80 Prozent (!) erfüllen die Minimalanforderung von 45 Minuten leichter Bewegung am Tag nicht – im Vergleich dazu sind die Erwachsenen ja fast noch aktiv unterwegs. Und dabei sollte es doch eigentlich andersherum sein. - Bei den Jugendlichen im Smartphone-Alter ist alles noch dramatischer.

Und wie kommt es dazu? Ein offensichtlicher Grund ist die Strahlkraft der alternativen Freizeitgestaltung im Internet. Neben den rund vier Stunden, die der deutsche Jugendliche täglich online verbringt, bleibt nun mal wenig Zeit für Bewegung. Das ist aber nicht die alleinige Ursache, denn das Fernsehen ist einst auf ähnliche Zahlen gekommen. Es ist wohl eine Mischung aus vielem: immer mehr Ganztagsschulen, schulischer Leistungsdruck (u.a. der immer höheren Abiturientenquote geschuldet), reformbedürftiger Sportunterricht, fehlende sportliche Vorbilder. Haben es früher wenigstens noch Tennisspieler, Leichtathleten oder Schwimmer zu Medienstars gebracht, findet heute abseits vom Fußball fast alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Einstellungsverfahren: Der öffentliche Dienst reagiert


Auch die, die im täglichen Kontakt mit jungen Deutschen im erwerbsfähigen Alter stehen, scheinen definitiv einen Abwärtstrend beobachtet zu haben: Die Mitarbeiter der Personalgewinnung im öffentlichen Dienst.
In vielen Behörden, die eine körperliche Eingangsprüfung durchführen, sind die Anforderungen in den vergangenen Jahren deutlich herabgesetzt worden.
Beispielsweise hat die Bundespolizei 2020 den Standweitsprung und die Liegestütze aus dem Sporttest entfernt – die Einstellungsoffensive hatte sich mit den Qualitäten der nachrückenden Generation wohl nicht mehr gut vertragen. Auch Landespolizeien oder Berufsfeuerwehren haben die Sportprüfung im Anspruch reduziert. Die Durchfallquoten steigen dennoch.

Foto: Frank-Holger Acker

Vereinssterben und Fitnesstrend: Was wir wirklich wollen


Ein großer Treiber des Sports sind hierzulande immer die Sportvereine gewesen. Nun klagen viele Vereine vor allem im ländlichen Raum über Nachwuchsmangel. Corona war hierbei natürlich nicht hilfreich. Einzig König Fußball darf sich noch über konstanten Zulauf in allen Altersklassen freuen.

Der deutsche Vereinsmeier ist von der Generation XYZ abgelöst worden, denen es um Individualität und Freiheit geht. Van-Life statt Punktspiele an jedem Wochenende. Oder wie viele Menschen in deinen Kreisen gehen noch regelmäßig einer Teamsportart mit fixen Terminen nach?

Das 24/7-Fitnessstudio bedient gut unseren Wunsch nach unabhängiger Freizeitgestaltung. Da geht man hin und setz sich die Ziele, wann und wie es einem gefällt. In der warmen Jahreszeit wartet das Gravelbike oder SUP-Board geduldig. Und auch der Karrieremensch auf der anderen Seite des Spektrums findet in Freeletics und Co. eine passende Variante des Sporttreibens für das Hotelzimmer. Das ist aus uns geworden: Individualisten, die nicht mehr jeden Samstag zu einem Spiel der Kreisliga B tingeln wollen, aber wissen, was ein Burpee oder AMRAP ist.

Fazit: Fitnessboom vs. faule Deutsche


Eigentlich bin ich gar nicht so pessimistisch, wie dieser Text klingen mag. Es ist doch begrüßenswert, dass uns die technischen Errungenschaften ein Leben ohne körperliche Arbeit bescheren – da bleibt mehr Raum für kognitive Leistungen. Auch die „hart wie Kruppstahl“-Mentalität wünscht sich ja weiß Gott niemand zurück.

Der Blick auf den Nachwuchs stimmt dennoch nachdenklich. Andererseits soll die Jugendzeit auch eine Phase der Freiheit und Selbstfindung sein. Der koexistierende Gegenentwurf von 15-Jährigen, die täglich „ins Fitti“ gehen und sich von den Supplementen ihrer Instagram-Idole ernähren, ist doch auch nix! Und überhaupt sind in diesem Alter ja noch längst nicht alle Messen gesungen. Ich habe auch bis ins Teenageralter keinerlei Sport getrieben. Es ist ja nie zu spät, sich zu ändern.

Aus meiner großstädtisch-akademischen Lebenswirklichkeit heraus würde ich sagen: Wir scheinen im Großen und Ganzen gesünder zu leben als vorherige Generationen, die noch im Fahrstuhl geraucht haben. In Dörfern und sozialen Brennpunkten mag sich ein anderes Bild auftun. Daher erlaube ich mir kein Urteil, sondern nur die folgende Aussage:

Über ein Volk von 83 Millionen Menschen lässt sich kein Pauschalurteil fällen. Tatsache ist, dass wir alle Möglichkeiten haben. Discount-Fitnessstudios an jeder Ecke. Immer mehr gesunde Lebensmittel. Und nicht zuletzt das Internet als unerschöpfliche Quelle freizugänglichen Wissens. Ich glaube, da lässt sich was draus machen. Nur an der Umsetzung harkt es bisweilen noch.

Quellen

  • Breuer, Christoph (Hrsg.): Vierter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Hofman, 2020.
  • Guthold et al.: Worldwide trends in insufficient physical activity from 2001 to 2016: a pooled analysis of 358 population-based surveys with 1·9 million participants. The Lancet, 2018.
  • Wismach, Jürgen: Sport ist das preiswerteste Medikament. Sport in Berlin, 2005.

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