Die Gedankenwelt einer zukünftigen Athletin

Wettkampf: Ja oder nein?

Schon seit längerer Zeit überlege ich immer wieder: Wettkampf? Ja oder nein? Irgendwann mal eine knallharte Diät durchziehen und endlich mal sehen, was ich die Jahre an Training über an Muskulatur aufbauen konnte. Wie das alles eigentlich wirklich lean aussieht. Von „Ich werde niemals auf einem Wettkampf starten“ in den Anfängen meiner Studiobesuche bis nun hin zu „Jetzt möchte ich aber wirklich in eine Wettkampfvorbreitung starten“ gab es in meiner Gedankenwelt ein großes Hin und Her.

Vielleicht erkennt sich die ein oder andere Person zumindest zum Teil in dieser Situation wieder und kann sich eventuell durch diesen Artikel zum Weiterdenken oder sogar zu einer Entscheidung inspirieren lassen. Vielleicht findest du es aber auch einfach nur spannend, welche Gedanken mich als weibliche Sportlerin und vielleicht auch einige andere Mädels auf dem Entscheidungsweg, ob Wettkampf ja oder nein, begleitet haben und aus welchen Gründen die Entscheidung letztendlich für einen Wettkampf ausfiel.

Von: „Ich werde niemals auf einem Wettkampf starten“...


...zu: „Vielleicht könnte ich mir die Wettkampfsache ja nochmal durch den Kopf gehen lassen.“

Foto: Sebastian Mann

Es kommt mir oft so vor, als würde vor allem bei uns Mädels der Kraftsport - sobald er ein Maß über dreimal pro Woche leichtes Training oder Bauch-Beine-Po annimmt - oft eher belächelt werden. Ich hatte in meinen Anfängen zum Teil sogar damit zu kämpfen, dass ich lächerlich gemeinte Kommentare wie „Pass auf, dass du nicht zu breit wirst, da wird dich keiner mehr anfassen!“ abbekommen habe. Oder auch einfach demotivierende Sprüche wie „Das ist doch sowieso nur ´ne Phase!“.

Ich empfand es einfach deprimierend, dass ich endlich einen Sport gefunden hatte, der mir wirklich Spaß machte, aber gefühlt jeder Zweite versuchen wollte, ihn mir auszureden. Somit haben einige dieser Kommentare und Sprüche dazu geführt, dass ich anfangs oft dachte „Du bist nichts und du wirst auch niemals etwas werden. Man wird dir die Liebe zum Sport niemals ansehen können. Versteckˋ es einfach und rede nicht zu viel darüber.“

Klingt natürlich erstmal sehr hart, aber ich bin mir mittlerweile sicher, dass ich mir all das damals viel zu sehr zu Herzen genommen hatte, da Selbstbewusstsein zu dieser Zeit quasi ein Fremdwort für mich war.

Trotz dessen habe ich mir das Training nicht schlecht reden lassen und habe einfach weitergemacht. Irgendwann konnte ich erste Erfolge sehen und gleichzeitig ein Umfeld aufbauen, das mich eher motiviert anstatt runtergezogen hat. Mädels, denen ich mich anvertrauen konnte. Mädels, die mich verstanden haben, weil es ihnen am Anfang ihrer Trainingszeit ähnlich ging. Sie haben mich aufgebaut und einfach wertgeschätzt, was ich da tue.

Mal auf liebevolle Art zu hören, dass der Oberkörper immer besser wird, war einfach ein echt schönes Kompliment für mich. Die Mädels haben mir öfters Bilder aus Instagram von verschiedenen Athletinnen gezeigt und ich fand von Anfang an die Form der Frauen einfach schön und irgendwie auch erstrebenswert.

So fing es an, dass ich irgendwann einmal, wenn ich soweit wäre, gerne sehen würde wie eine solide Muskelmasse trocken, also eben wie nach einer richtigen Diät, an mir aussehen würde. Das ganze Thema wurde also ein kleines Träumchen.

Ich blieb aber dabei, so wenig Leuten wie möglich davon zu erzählen, und nicht über dieses Träumchen zu sprechen - ja sogar so wenig wie möglich darüber nachzudenken, da ich immer noch der Meinung war, dass es für mich persönlich ein unrealistisches Ziel darstellt. Dem ein oder anderen Gedanken daran habe ich aber insgeheim dann doch immer wieder mal Eintritt in meinen Kopf gewährt.

Von: „Vielleicht könnte ich mir die Wettkampfsache ja nochmal durch den Kopf gehen lassen!“...

...zu: „Irgendwann werde ich das vielleicht wirklich mal in Angriff nehmen!“

Da ich weiterhin dabei geblieben bin, hart zu trainieren, und die Liebe zum Training weiter wuchs, anstatt zu schwinden drohte, konnte man auch weiterhin immer mehr Erfolge sehen. Gleichzeitig begann ich, mich zu belesen, was das Bodybuilding als Wettkampfsport angeht und habe großes Interesse für den Sport als Ganzes entwickelt.

Ich war und bin selbst fleißige TeamAndro-Leserin, habe begonnen immer mehr Athleten und Athletinnen auf Instagram zu folgen und ebenso regelmäßig YouTube-Videos der verschiedensten Bodybuilder(-innen) anzusehen. Das Träumchen wuchs, jedoch die „Aber“ in meinem Kopf auch.
    Aber was wird mit deinem Hormonhaushalt während der Diät passieren? Was, wenn du ihn dir komplett kaputt machst dadurch?

    Aber was, wenn du durch die Diät in eine Essstörung rutschst?

    Aber was, wenn du an Tag X nicht zufrieden sein wirst und das Gefühl haben wirst, dass sich all die Mühen und Kosten nicht gelohnt haben?

    Aber was, wenn du Letzte wirst oder dich sogar blamieren wirst?

    Aber was, wenn du die Diät aus irgendwelchen Gründen abbrechen müssen wirst?

    Aber was, wenn mir empfohlen werden würde noch etwas nachzuhelfen?

    Aber was, wenn alle sagen werden „Sah ja nicht mal krass aus!“?

    Nein, mach‘ es einfach nicht. - Du machst es doch für dich und nicht für irgendein Bühnenpublikum.

    Nein, mach‘ es einfach nicht. - Du willst gesund bleiben und Wettkampfbodybuilding kann sowohl für Körper als auch für Geist ungesund werden.
Während ich durch den Sport einiges an Selbstbewusstsein aufbauen konnte und ich immer mehr zu einem „Irgendwann werde ich das vielleicht wirklich mal in Angriff nehmen!“ tendierte, hatte ich weiterhin die genannten „Abers“ im Kopf. Nach und nach fand ich jedoch plausible Argumente, um all die Skepsis Schritt für Schritt beiseite zu legen.

Von: „Irgendwann werde ich das vielleicht wirklich mal in Angriff nehmen!“...


...zu „Jetzt möchte ich aber wirklich in eine Wettkampfvorbreitung starten!“

Kurzum: Ich habe mir einfach Zeit gelassen und das sollte jede(r) tun, wenn die Entscheidung für oder gegen einen Wettkampf im Raum steht. Horcht in euch hinein und macht euch klar, warum ihr das eigentlich machen wollt und vor allem, ob ihr wirklich dazu bereit seid, oder ob ihr eher einem Trend folgen möchtet. Niemand schreibt euch vor, in welchem Alter oder mit welcher Anzahl an Trainingsjahren man das erste Mal auf der Bühne zu stehen hat.

Ich habe gemerkt, dass die Liebe zum Sport auch nach mehreren Trainingsjahren noch keine Anzeichen macht zu schwinden - im Gegenteil. Ich war eine Zeit lang verletzt und für mich war eine kleine Welt zusammengebrochen. Seit ich wieder richtig trainieren kann, habe ich gemerkt, wie sehr ich es vermisst habe und wie sehr ich es wirklich will.

Mir ist bewusst, dass es ein Ausnahmezustand für den Körper sein wird. Das sollte jedem hier bewusst sein, bevor er oder sie in eine Wettkampfdiät startet! Mir ist bewusst, dass mein Hormonhaushalt leiden könnte und - machen wir uns nichts vor - auch leiden wird. Ich habe aber gleichzeitig den Gedanken entwickelt, dass ich verdammt nochmal an Tag X zufrieden sein werde. Immerhin wird es der erste Wettkampf sein und ich werde während der Vorbereitungszeit und auch darüber hinaus alles gegeben haben und mir nichts vorwerfen können.
Der eigentliche Wettkampf findet in der Vorbereitungszeit statt, während man selbst vor allem gegen Ende der Diät jeden Tag gegen sich selbst kämpft. Der Wettkampftag an sich stellt lediglich das Tüpfelchen auf dem i dar.
Deshalb werde ich mich auch nicht blamieren, selbst wenn ich Letzte werden sollte, denn ich weiß selbst am besten, wie viel Arbeit und Nerven hinter dem Ganzen gesteckt haben wird und ich bin mir sicher, dass jede(r), der/die mal als Athlet(in) auf einer Bühne stand, berechtigterweise sagen darf: „Macht es erst mal nach.“

Über all diese Entscheidungen hinaus ist es auch wichtig, von Anfang an gewisse Grundprinzipien festzulegen. Ich habe für mich entschieden: Ich werde nicht nachhelfen. Das solltet ihr eurem Körper zu Liebe wirklich gut abwägen und euch nicht blind in irgendetwas hineinstürzen. Und, um dann wirklich sicher sein zu können, dass ich eine solide Form präsentieren können werde, habe ich mich dazu entschlossen etwas mehr Geld für einen Coach in die Hand zu nehmen und für wirkliche Kompetenz zu bezahlen.

Ein wahrhaft guter Coach wird euch sagen, ob es noch zu früh ist für einen Wettkampf. Er wird eure Schwachstellen evaluieren können und sehr gut objektiv einschätzen können in welcher Wettkampfklasse ihr die besten Chancen haben werdet. Zusammen mit einem wirklich kompetenten Coach werdet ihr euch nicht blamieren, denn andernfalls würdet ihr ebenso euren Coach in ein weniger gutes Licht rücken und welcher wirklich gute Coach möchte schon euch oder sich selbst schaden?

Im Bezug auf das Thema „Mach es für dich, nicht für andere!“ habe ich beschlossen, den ganzen Weg nicht auf Instagram oder sonst wo zu teilen. Ich werde meine besten Freunde und mein engstes Umfeld, soweit es sie interessiert, daran teilhaben lassen, aber darüber hinaus werde ich diese Vorbereitung wirklich für mich machen. Somit werde ich an Tag X für mich selbst und für meine engsten Freunde, die mich auf dem Weg unterstützt haben, auf der Bühne stehen und nicht für mir vollkommen unbekannte Follower, von denen ich weder weiß, ob es sie interessiert, noch, was sie ehrlicherweise davon halten.

Diese ganzen „Aber“, die etwa ein Jahr lang dominiert haben, haben immer den letzten kleinen Schritt zum „Ja, ich werde es in Angriff nehmen!“ verhindert. Irgendwie wollte ich es mir immer ein wenig selbst ausreden. Vielleicht aus Angst, vielleicht aus zu großem Respekt. Als dann vor Kurzem ein Athlet zu mir gesagt hat „Mach‘s einfach. Spring ins kalte Wasser, bevor du irgendwann mit Anfang 40 bereust, es nie getan zu haben.“, habe ich nach und nach diese Skepsis durch oben genannte Kompromisse und Erkenntnisse aus dem Weg räumen können.

Solltet ihr momentan vor der Entscheidung über einen Wettkampf stehen, dann fragt euch gerne auch mal selbst, ob ihr irgendwann bereuen würdet, es nie versucht zu haben.

Abschließende Worte für eure Entscheidung


Das meiner Meinung nach Wichtigste bei der ganzen Sache ist, dass ihr euch die Zeit lasst, die ihr benötigt. Niemand drängt euch zu einer bestimmten Saison oder einer bestimmten Wettkampfklasse. Als Grundvoraussetzung halte ich außerdem für extrem wichtig, sich zunächst ein solides Fundament an Selbstbewusstsein aufzubauen. Dadurch werdet ihr nicht nur an Tag X zufrieden und stolz auf euch sein können, sondern auch die Kampfrichter werden euch anhand eurer selbstbewussten Haltung beim Posing und der allgemeinen Bühnendarbietung viel positiver wahrnehmen können.

Außerdem regelt sich durch gesundes Selbstbewusstsein dieses immer so leicht gesagte „Scheiß auf das was andere sagen!“ wie von alleine. Ihr werdet lernen euren Wert zu (er)kennen und stolz auf jeden noch so kleinen Fortschritt sein können, sodass euch wirklich egal werden wird, ob irgendwer euch als zu breit, als zu wenig oder zu viel „krass“ oder als irgendetwas dergleichen betiteln wird.

Damit geht eins zu eins einher, dass ihr diesen Wettkampf in erster Linie für euch selbst bestreiten werdet - ganz egal, ob ihr euch entscheidet den Weg dorthin in sozialen Netzwerken zu teilen oder nicht. Mit dem richtigen Coach, einem passenden Umfeld und einer positiven Grundeinstellung werdet ihr zufrieden und zuversichtlich in eine Vorbereitung starten können.

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