Mach es richtig!

Gute Spotter braucht das Land

Einen richtig guten Spotter an seiner Seite zu haben, ist bei schweren Sätzen Kniebeugen oder Bankdrücken Gold wert. Im Idealfall ist man ein eingespieltes Team, kennt den anderen schon lange Zeit und weiß genau, wann und mit welcher Intensität man eingreifen muss. In der Realtität muss man aber häufig auf den nächstbesten Studiobesucher zurückgreifen, der irgendwie nach Training aussieht. Um dabei unschöne und im Zweifel sogar gefährliche Missverständnisse zu verhindern, ist eine klare Absprache unabdingbar.

Genau an diesem Punkt scheitert es aber sehr oft. Ich möchte mit einem kleinen Bericht eines Erlebnisses, das ich erst kürzlich im Gym vom Crosstrainer aus beobachten konnte, beginnen, um euch das zu verdeutlichen: Ein junger Sportler wollte in seinem letzten Satz Bankdrücken sechs Wiederholungen schaffen. Er suchte sich also einen anderen Sportler, der gerade in der Nähe stand und sprach ihn an.
    "Hey, ich bräuchte mal Hilfe. Kannst du mir kurz beim Bankdrücken sichern?"
    "Kleinen Moment, ich komme."
    "Super, danke!"
    "Wie viele sollen es werden?"
    "Sechs!"
    "Ok, los!"
Was dann geschah, war so typisch wie erwartbar: Der junge Sportler begann seinen Satz, der andere wartete hinter ihm und beobachte genau, was geschah…und beobachtete…und beobachtete…und beobachtete, wie schon die dritte Wiederholung extrem schwerfällig war, die vierte noch gerade so unter Zittern geschafft wurde, um dann bei der fünften, die ganz sicher nicht mehr gegangen wäre, einzugreifen und die Stange in einem Ruck nach oben zu ziehen. Es folgte eine etwas hitzige Debatte:
    "Was sollte das denn? Ich hatte doch klar gesagt, sechs Wiederholungen!"
    "Aber du hättest ja nicht mal mehr die fünfte geschafft!"
    "Deshalb solltest du mir ja auch helfen!"
    "Ich kann doch nicht riechen, dass ich dir bei erzwungenen Wiederholungen helfen soll. Du hast nur gesagt, dass ich dir sichern soll!"
Dann wurden noch ein paar Nettigkeiten ausgetauscht und beide gingen ihrer Wege. Was war hier passiert? Ganz einfach: Die Kommunikation im Vorfeld war nicht präzise genug, sodass beide Sportler mit ihrer eigenen Vorstellung davon, was spotten denn nun bedeutet, ans Werk gingen. Dummerweise stimmte diese eben nicht überein und führte zu beschriebenem Ergebnis.

Der gute Schulz von Thun


Die Momente, in denen man sein Germanistikstudium nutzen kann, um in Trainingsfragen Erklärungen zu liefern, sind einfach Gold wert. Also präsentiere ich euch voller Stolz das Kommunikationsquadrat von Friedrich Schulz von Thun. In der Basis ist das eigentlich auch ganz einfach, denn es besagt, dass jede Nachricht einen Sender und einen Empfänger hat. Soweit, so logisch. Sportler eins ist der Sender, die Aussage "Kannst du mir kurz beim Bankdrücken sichern?" ist die Nachricht, Sportler zwei ist der Empfänger. Die Krux an der Sache: Nach diesem Model hat jede Äußerung vier Ebenen, die Schulz von Thun als Sachinhalt, Selbstkundgabe, Appell und Beziehungshinweis bezeichnet. Im Model sieht das dann so aus:

Das Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun. Quelle: schulz-von-thun.de


Doch was heißt das nun für unser Beispiel?

Sachebene

Auf der Sachebene geht es um Daten, Fakten, Sachverhalte. Für den Sender ist es hierbei wichtig, sich klar und verständlich auszudrücken, damit der Empfänger eine Chance hat, diese Sachinformationen richtig zu verstehen.

Selbstkundgabe

Wann immer wir einem anderen etwas mitteilen, geben wir ein Stück von uns preis. Das kann sowohl explizit, also gewollt, als auch implizit, also ungewollt geschehen. Der Empfänger der Nachricht steht nun vor der Aufgabe, diese Information herauszufiltern und richtig zu deuten.

Beziehungshinweis

Jede Kommunikation sagt auch immer etwas über die Beziehung der beiden Beteiligten aus. Wie wir etwas sagen, Stimmlage, Gestik und Mimik, beeinflussen, wie der andere es aufnimmt.

Appell

Zu guter Letzt ist festzuhalten, dass eine Äußerung fast immer auch die Absicht beinhaltet, etwas beim anderen zu erreichen. Auch das kann wieder offen oder verdeckt stattfinden. Der Empfänger steht nun vor der Aufgabe, zu erkennen, was das Gegenüber von ihm eigentlich möchte.

Und nun genug der Theorie. Übertragen wir das Modell doch einmal auf unsere Geschichte.

Die vier Ebenen der Nachricht. Quelle: schulz-von-thun.de (eigene Modifikationen)

Was sehen wir? Der Spotter hat den Sachinhalt durchaus richtig verstanden. Auf der Beziehungsebene zeigt sich, dass die beiden sich nicht kennen, aber Vertrauen besteht. Das Problem: Er hat die Selbstkundgabe und vor allem den Appell missverstanden.
Das Ergebnis haben wir gesehen. Was könnte unser ambitionierter Bankdrücker aber nun tun, um künftig solche Missverständnisse zu vermeiden?

Regel Nummer 1: Nicht von sich selbst ausgehen!


Ein großes Problem, das hier deutlich wird, ist das Phänomen, dass wir häufig von uns selbst ausgehen. Für Sportler eins ist es völlig klar, dass Spotten bedeutet, den anderen soweit zu unterstützen, dass dieser sein definiertes Ziel, in dem Fall sechs Wiederholungen schafft. Er hätte also viel früher eingegriffen, bereits bei der dritten oder vierten Wiederholung leicht assistiert, um so zu verhindern, dass der andere bei der fünften völlig einbricht und hätte mit ihm zusammen die sechs Wiederholungen durchgezogen, auch wenn er gegen Ende sehr viel hätte helfen müssen.

Sportler zwei sieht das aber völlig anders. Für ihn bedeutet spotten in erster Linie einmal absichern, also dafür sorgen, dass der andere sich bei Muskelversagen nicht verletzt. Daher greift er auch erst dann ein, wenn er sieht, dass dieser nicht mehr in der Lage ist, die Wiederholung zu beenden. Die Vorgabe von sechs Wiederholungen definiert er als Ziel, das im Idealfall erreicht werden soll.

Es ist klar, dass in einem solchen Fall Missverständnisse vorprogrammiert sind. Das hat zum einen mit der Beziehungsebene zu tun, denn hätte Sportler eins mit seinem langjährigen Trainingspartner trainiert, der an dem Tag leider krank war, hätte er vermutlich nicht einmal etwas sagen müssen oder im Extremfall hätte ein Sechs völlig ausgereicht. Wenn man es aber mit einem Fremden zu tun hat, ist es wichtig, nicht davon auszugehen, dass der schon wissen wird, was man meint.

Im Übrigen hätte an der Stelle auch Sportler Nummer 2 nachfragen sollen. Zwar liegt der Ball in dem Beispiel sicherlich eher auf der Spielfeldseite von Sportler eins, immerhin hat er ja ein Anliegen, dennoch schadet es nicht, den anderen zu fragen, was er denn genau erwartet, wenn man sich nicht kennt.
Damit sind wir auch schon bei Regel Nummer 2.

Regel Nummer 2: Klar und deutlich formulieren, was man will!


Wenn ihr also im Gym jemanden bittet, euch zu spotten, solltet ihr klar und deutlich folgende Punkte ansprechen:
  • Wie viele Wiederholungen sollen es werden?
  • Soll nur abgesichert werden oder ist eine aktive Hilfe beim Erreichen der Zielwiederholungszahl gewünscht?
  • In letzterem Fall: Wie viel soll geholfen werden und ab wann?
Hilfreich kann es auch sein, ein klares Signal zu verabreden, dass dem Spotter zeigt, dass er ab jetzt eingreifen soll, insbesondere wenn eine aktive Hilfe gewünscht wird.

Regel Nummer 3: Sich selbst zurücknehmen!


Diese Regel betrifft vor allem den Spotter. Es ist durchaus verständlich, dass dieser keine Lust hat, mal eben ein paar Wiederholungen Kreuzheben zu machen, weil der andere sich gnadenlos überschätzt. Dennoch: Es ist nicht dein Satz, sondern der des anderen! Wenn dieser sich eben ein aktives Helfen wünscht, dann mach das auch oder sag ihm klar, dass du dafür nicht zur Verfügung stehst, von mir aus auch mit ein paar kurzen Sätzen der Erklärung.

Was aber gar nicht geht, ist dem anderen im Satz die eigene Haltung aufzuzwingen. Und wenn du ein noch so erfolgreicher Powerlifter bist und es aus deinem Training gewöhnt bist, dass erst eingegriffen wird, wenn die Wiederholung zu scheitern droht: Wenn dein Gegenüber einen anderen Wunsch hat, dann respektiere diesen! Denn für beide Varianten gibt es – im gewissen Rahmen – durchaus eine Berechtigung. Spotten kann nämlich mehr sein als reines Absichern, es kann auch dazu dienen, dem anderen eine maximale Überlastung im Sinne einer Intensitätstechnik zu ermöglichen.

Regel Nummer 4: Die volle Aufmerksamkeit schenken!


Manchmal passt es einem so gar nicht in den Kram, einem anderen zu helfen. Weil man gerade mit dem Workout fertig ist und schnell nach Hause muss, weil man sich gerade selbst auf einen Maximalversuch vorbereitet oder warum auch immer. Wenn man aus einem legitimen Grund nicht helfen will, sagt man das nett und freundlich und ist nicht halbherzig bei der Sache. Denn das ist nicht nur gefährlich, sondern auch unfair. Und nein, auch eine noch so heiße junge Dame, die in Hotpants Kniebeugen macht, ist jetzt keine Ablenkung wert!

Regel Nummer 5: Freundlich und dankbar sein!


Wer einen anderen um Hilfe bittet, sollte das selbstverständlich immer mit einer gebührenden Freundlichkeit tun und sich im Anschluss bedanken. Eigentlich bedarf das keiner extra Erwähnung, die Praxis hat mir aber leider gezeigt, dass gute Umgangsformen heute mancherorts eher rar gesät sind.

That’s it!


Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter www.ironhealth.de! ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!

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