Helfen Kryotherapie, Ultraschall-Wärmetherapie und Ibu wirklich?

Wie es zu Muskelfaserrissen kommt und was du dagegen tun kannst

Nicht jeder Hantelsportler ist vom Aufwärmen ein so großer Fan wie vom Eisen selbst. Trainiert man nicht allzu schwer und in höheren Wiederholungsbereichen, so mag das Trainieren ohne vorheriges langes Aufwärmen über längere Zeit hinweg bei einigen nicht unbedingt gleich zu Verletzungen führen. Richtig gefährlich wird es jedoch, wenn man noch nicht so ganz hinter den Sinn des Warmmachens vor schweren Sätzen gekommen ist.

Man(n) lege sich auf die Bank, drücke 2 Sätze mit 50 Kilo, merke, dass die Bewegung gut läuft, baue optimistisch 80 bis 100 Kilo mehr auf die Hantel, drücke erneut, indem man zunächst das Gewicht innerhalb der exzentrischen Bewegung nach unten Richtung Brust ablasse und am untersten Punkt durch aktive Kontraktion von der exzentrischen in die konzentrische Bewegung übergehen möge und…
  1. man konnte das Gewicht easy und schmerzfrei wieder nach oben befördern.
  2. man hat sich einen leichten Muskelfaserriss zugezogen.
  3. man hat sich einen mittelgradigen Muskelfaserriss zugezogen.
  4. man hat sich einen schweren Muskelfaserriss zugezogen.
Um zu verstehen ,was bei einem Muskelfaserriss passiert und worin hier die Unterschiede der Abstufungen von schwer über mittelgradig bis leicht liegen, müssen wir zumindest grob den Aufbau eines Muskels verinnerlichen.

Foto: Mikroskopischer Aufbau eines Skelettmuskels / Quelle: Lecturio.de

Ein Skelettmuskel besteht aus unzähligen Fasern, die durch eine extrazelluläre Matrix gebündelt werden. Diese extrazelluläre Matrix hat als äußerste Schicht das sogenannte Epimysium, als mittlere Schicht das sogenannte Perimysium und ganz innen gelegen das sogenannte Endomysium.

Das Epimysium übernimmt unter anderem die Aufgabe der Kraftübertragung, während sich im Perimysium kleine Blut- und Lymphgefäße sowie Nerven befinden. Die Aufgabe des Endomysiums ist es, die Kräfte, die durch den Muskel erzeugt werden, zu sammeln und auf Sehnen und andere Muskelfasern zu verteilen.

Dies passiert in zwei Richtungen: Einerseits longitudinal, also entlang der Muskelfasern selbst Richtung Muskelsehne. Im Beispiel des Oberschenkelmuskels (M. quadriceps femoris) würde das also vereinfacht gesagt vom Bereich der Hüfte aus bis hinunter zum sehnigen Ansatz des Muskels am Unterschenkelknochen stattfinden. Diese longitudinale Kraftübertragung macht es möglich, dass der Muskel seine Bewegungen ausführen kann.

Andererseits nimmt diese Kraftübertragung aber auch seitliche Wege, wodurch die Kräfte auf Peri- und Epimysium übertragen werden. Diesen Mechanismus hat die Natur geschaffen, um die Wahrscheinlichkeit von Verletzungen während der exzentrischen Phase oder auch während des Übergangs von exzentrischer zur konzentrischen Phase zu verringern.

Eine Verletzung folgt der Vorhergehenden


Haben wir uns einmal an irgendeiner Stelle des aktiven Bewegungsapparates verletzt, so folgen nicht selten weitere Verletzungen an genau derselben Stelle, obwohl wir uns doch so sicher waren, dass wir die letzte lange genug haben ausheilen lassen. Das liegt daran, dass unser Körper in der Beziehung mal keinen so schlauen Ausheilungsmechanismus eingerichtet hat.
Nach einer Verletzung der Skelettmuskulatur wird das verletzte Muskelgewebe oft durch narbiges Gewebe ersetzt. Dieses Narbengewebe weist vom ursprünglichen Muskelgewebe abweichende Molekülstrukturen auf, was nun nicht mehr für eine optimale laterale (seitliche) Übertragung der Kraft sorgen kann.
Diese seitliche Kraftübertragung ist aber ja wie oben erwähnt wichtig, um Verletzungen vorzubeugen. Somit geraten wir quasi in einen Teufelskreis, dem wir nur entgehen können, wenn wir das Akkumulieren narbenbildender Prozesse möglichst gleich nach der ersten Verletzung versuchen zu unterbinden.

Aus diesem Grund gilt: Ego zurücknehmen, richtig und ausgiebig regenerieren, nach der (z.B. vom Arzt) vorgeschriebenen Zeit langsam ins Training wieder einsteigen und eventuell das bisherige Aufwärmtraining oder auch die Übung und Technik an sich erstmal hinterfragen und gegebenenfalls abändern.

Natürlich kann euch niemand garantieren, dass ihr eine Verletzung nicht ein zweites Mal erleiden werdet, selbst wenn ihr noch so vorsichtig sein möchtet. Mal ehrlich, wir lieben es doch alle, schwer zu trainieren und auch mal richtig zu ballern. Durch ein wenig Achtsamkeit und Reflexion lässt sich das Risiko aber sicherlich verringern und Alternativen zu einer bestimmten Übung, bei der man sich vielleicht schon mehrmals eine Verletzung zugezogen hat, gibt es im reichlichen Eisenangebot des Gyms doch zu Genüge.

Abstufungen des Muskelfaserriss


Wenn wir uns verletzen, kann dies, wie dargestellt, in drei Stufen eingeteilt werden:
  • Der leichte Muskelfaserriss: Im Allgemeinen entstehen hier nur kleine Schäden an den Muskelfasern sowie der sie umgebenden Matrix. In den meisten Fällen kann unser Körper sich von diesen kleinen Verletzungen sehr gut erholen.
  • Der mittelgradige Muskelfaserriss: Hierbei handelt es sich um beträchtlichere, quasi die tiefere Muskelsubstanz betreffende Schäden als beim leichten Muskelfaserriss. Im Zuge dessen kann es zur Muskelatrophie (Muskelschwund), zur Bildung von Narbengewebe sowie zu Kraftverlusten kommen.
  • Der schwere Muskelfaserriss: Den Supergau stellt dann das Szenario von kompletten oder beinah kompletten Rissen durch den Querschnitt eines Muskels dar. Nach einem schweren Muskelfaserriss sind Muskelatrophie, Bildung von Narbengewebe und vor allem Kraftverlust so gut wie vorprogrammiert. Infolgedessen kann sich also mit großer Wahrscheinlichkeit der oben beschriebene Teufelskreis „Verletzung folgt Verletzung“ etablieren.
Die Sportmedizin ist sich bewusst, dass die Vorbeugung von Muskelschwund und Narbengewebsbildung helfen würde, um die ursprüngliche Kraft des Muskels wiederherstellen zu können und ebenso das Risiko von erneuten Verletzungen zu senken, doch sind die darauf abzielenden medizinischen Möglichkeiten bisher noch stark ausbaufähig. Dennoch existieren Behandlungsmethoden.

Foto: Oliver Rink

Therapie des mittelgradig bis schweren Muskelfaserrisses


Die Behandlung dieser Verletzungen zielt in der Akutphase zunächst auf Schmerzreduktion und Antiinflammation - also Reduktion des nun stattfindenden Entzündungsprozesses - ab. Sobald diese Akutbeschwerden gelindert werden konnten, soll der Muskel gekräftigt und sein Bewegungsumfang wieder möglichst auf den Ausgangszustand optimiert werden.

Momentan gibt es unzählige Therapiemethoden, die hierfür angewendet werden, trotz dass es nur sehr geringe bis keine Evidenz für die tatsächliche Wirksamkeit dieser Maßnahmen gibt. Wie gesagt, die medizinischen Möglichkeiten sind eben noch stark ausbaufähig.

Kryotherapie

Die Abkühlung der Muskulatur wird aktuell vor allem in der Akuttherapie als besonders hilfreich diskutiert. Durch die Kälte könne die Schmerzempfindung herabgesetzt werden. Es wird außerdem vermutet, dass dadurch Veränderungen innerhalb des zellulären Metabolismus stattfinden, während ebenso die auf die Verletzung folgende Entzündungsantwort sowie der entstandene oxidative Stress im verletzten Gewebe verringert werden.

Nebenbei erwähnt: Da ein Muskelkater akuten kleinsten Verletzungen der Muskulatur entspricht, geht man davon aus, dass die Kryotherapie ebenso in der Prävention des Katers sowie bei der Beschleunigung der Regeneration helfen kann.

Ultraschall-Wärmetherapie

Zuerst kühlen, dann wärmen. Macht das Sinn? Womöglich. Das ist zumindest der derzeitige Stand aller darüber stattfindenden Diskussionen in der Medizin. Durch die Wärmetherapie nach (!) der Akutphase soll nämlich gezielt applizierte Wärme eventuell dazu führen, dass der lokale Blutfluss sowie die Proteinbiosynthese erhöht werden.

NSAIDs = Nonsteroidal-antiinflammatory drugs

Darunter fallen Medikamente wie Diclofenac oder Ibuprofen, welche denke ich so gut wie jedem ein Begriff sind. Sie helfen vor allem hinsichtlich der Schmerzreduktion als auch hinsichtlich der Eindämmung entzündlicher Prozesse. Das klingt zunächst natürlich vielversprechend, doch konnten mehrere Studien zeigen, dass durch den Mechanismus, über den diese Medikamente uns vermeintlich helfen mögen, ebenso muskelregenerierende Prozesse gehemmt werden, was bei exzessivem Gebrauch dieser Pharmaka wiederum zu Defiziten innerhalb der Muskelfunktion führen kann.

Kurz gesagt: Diclofenac und Ibu können sich zu richtigen katabolen Teufeln entwickeln. Die Medizin bemüht sich jedoch um medikamentöse Therapiemöglichkeiten, die selektiv zur Schmerz- und Entzündungsreduktion führen, während sie keinen Einfluss auf die Muskelhypertrophie und die Gewebsregeneration nehmen sollen.

Fazit zur Behandlung von Muskelfaserrissen


Während man von positiven Effekten der Kälte- und Wärmetherapie ausgeht, diese nur bisher nicht als evident hilfreich erwiesen sind, kann der verletzte Sportler – sofern denn das nötige Geld zusammengekratzt werden kann – einen Gang zur Kryo- und anschließend zur Wärmetherapie wagen. Nach dem jetzigen Stand der Medizin zu urteilen, kann man sich einfach mal ganz getrost dem Motto „Probieren geht über Studieren“ selbst ein Bild dieser Therapiemaßnahmen machen.

Zumindest machen die beiden Therapieformen – ganz im Gegenteil zu den medikamentösen Optionen – bisher nicht den Anschein als würden sie den regenerativen Verlauf hinauszögern oder verschlechtern. Allemal werden sie für hilfreicher und gewinnbringender als passive Regeneration durch bloße Schonung und Bewegungsmangel eingestuft.

Quellen

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