Ein Geben und Nehmen

Wie viel Solidarität verdienen die Fitnessstudios im Lockdown?

Zahlst du noch oder boykottierst du schon? Um die Fortführung der Beitragszahlung während der Studioschließung entbrennen immer wieder Diskussionen. Solidarität ist das Gebot der Stunde – aber längst nicht jeder sieht ein, weiterhin eine monatliche „Spende“ auf seinem Kontoauszug zu finden. Ist die Fortführung der Beitragszahlung gerechtfertigt?

Ja, die Fitnessstudios sind vom Lockdown hart getroffen. 2020 haben sie nur die ohnehin mauen Sommermonate mitnehmen dürfen, 2021 ist ihnen der so wertvolle Januar flöten gegangen und schon jetzt dürfte klar sein, dass auch die nächste Wiedereröffnung wieder auf die Nebensaison entfällt – wenn überhaupt!

Das Internet ist nun voll von rührseligen Bitten um eine Fortführung der Beitragszahlung, sowohl von kleinen Studiobetreibern als auch seitens der großen Ketten. Doch bei allem Mitleid: Solidarität darf keine Einbahnstraße sein.

Foto: Matthias Busse

Das lief schon vor Corona falsch


Die gängigen Geschäftspraktiken vieler Studios haben schon vor Corona die Grundlage für den heutigen Unmut geschaffen.

(Abo-)Falle Vertragsverlängerung

Insbesondere Discount-Fitnessstudios teilen sich eine offensichtlich verwerfliche Geschäftsgrundlage mit Telefonanbietern und Co.: Die Abo-Falle. Schnell abgeschlossene und aufwendig kündbare Verträge, die sich mit einer auch nur eintägigen Versäumnis der Frist um ein sattes Jahr (und damit selbst beim günstigsten Anbieter um weit über 200 €) verlängern. Ohne Gnade und Auswege.

Unflexible Regelungen

Faustregel: Je billiger ein Studio, desto weniger Hoffnung kann sich der Verbraucher auf flexible Mitgliedschaftsgestaltung machen. Häufig stehen nur die 12- oder gar 24-Monatsmitgliedschafts zur „Auswahl“. Die Idee, dass sich Menschen z.B. beruflich bedingt nur temporär an einem Ort aufhalten oder saisonal trainieren wollen, kommt den Anbietern scheinbar gar nicht erst in den Sinn.

Versteckte Kosten

20 € scheint ja irgendwie im Laufe der Jahre die Benchmark der Preisgestaltung geworden zu sein. Wenn man allerdings alles, was im Kleingedruckten neben dem * auf dem Werbeplakat aufgeführt ist, einkalkuliert, erhöht sich der Beitrag im Schnitt schnell um bis zu 10 € pro Monat.

„Initialisierungsgebühr“ (dafür, dass ein neuer Eintrag in einer Datenbank angelegt wird), Kartengebühr (für eine Plastikkarte mit einem Materialwert im Centbereich), Service- oder gar Trainerpauschalen (kein Kommentar), die einmalig und/oder regelmäßig, z.B. alle 6 Monate, anfallen.

Klar, ein Fitnessstudio zu betreiben, ist teuer. Das darf aber keine Ausrede für Intransparenz sein. Geschäftspraktiken wie diese haben keine gute Grundlage für das derzeit so bitter notwendige Wohlwollen der Mitglieder gelegt.

Humorloser Umgang mit Zahlungsausfällen

Nicht nur im Team Andro Forum berichten Trainierende immer wieder von Fällen, in denen Studios bei fehlgeschlagenen Beitragszahlungen aus so menschlichen Gründen wie Kontowechsel oder gar unverschuldeter technischer Problem sofort mit Wonne überzogene „Bearbeitungsgebühren“ berechnen. Denselben Unternehmen nun in ihrer eigenen Notsituation Almosen zukommen zu lassen, erscheint da wenig verlockend.

Die Abzocke der Unwissenden

Der ehrbare Kaufmann will nicht nur möglichst viel Geld verdienen, sondern strebt auch stets eine Transaktion an, von der beide Seiten profitieren. Einem Mitglied, das monatlich einen Taschengeldbetrag zahlt, kein Premium-Coaching zukommen zu lassen, ist die eine (und verständliche) Sache.

Unwissenden Anfängern aber ungeeignete Produkte wie überteuerte Supplemente, seltsame Analyseverfahren oder gar Personal Training-Pakete mit unqualifizierten (und oft auch unmotivierten) Trainern mit dem alleinigen Kriterium der maximalen Gewinnmarge anzudrehen, die andere. Erinnert an Kunden, die vollkommen überversichert aus dem Beratungsgespräch mit ihrem „Wirtschaftsberater“ nachhause gehen.

Und das läuft in Lockdown 1 & 2 verkehrt


Es gibt sie: Die Fitnessstudios, die sich mit regelmäßigen Zoom-Meetings, engagierter Kommunikation und angemessenen Kompensationsangeboten die Fortzahlung verdienen. Doch grade in Lockdown 2 scheint vielen Anbietern die Luft ausgegangen zu sein.

Schweigen im Walde

Kommunikationskanäle, über die man die Mitglieder schnell und kostenfrei erreichen könnte, gibt es mittlerweile zu Genüge. Bei vielen Gyms ist hier aber grade nach der neuerlichen Schließung im November eine gewisse Trägheit eingezogen. Als würde man annehmen, die Mensch hätten sich jetzt ohnehin schon häuslich in der neuen Situation eingerichtet. Dabei wären regelmäßige Updates doch zumindest ein symbolisch wertvoller Akt.

Ich selber habe auf meine Anfrage, was mit dem 12-Monats-Paket, das ich im November 2019 bei einem bekannten Discounter gekauft hatte, passieren würde, wochenlang warten müssen. Schließlich landete in meinem Postfach eine standardisierte Antwort – mit einem Verweis auf die (in meinem Fall nicht anwendbare) FAQ-Seite.

Feigenblatt „Gutschrift nach Vertragsende“

„Die während der Schließung verloren gegangene Monate werden an das Vertragsende angehängt“ – so die derzeit gängige Lösung der meisten Studios. Sollte so bei einem fortlaufenden Vertrag verfahren werden.

Beispiel: Ein Vertrag erneuert sich immer automatisch zum 1. April für ein Jahr, und ich muss ab dem 1. April 2021 für 6 Monate keine Beiträge zahlen, da dies ungefähr dem aufaddierten Zeitraum der beiden bisherigen Lockdowns entspricht – ist diese Kompensation für beide Seiten fair. Für die Studios verteilen sich die Zahlungsausfälle besser, und die Mitglieder sind quasi nur „in Vorkasse gegangen“.

Komplizierter wird es aber schon, wenn wir uns ab April immer noch im Lockdown befinden. Und richtig unangemessen ist die verspätete Beitragsbefreiung, wenn sie erst zum Ende eines bereits gekündigten Vertrags erfolgt. Die Kündigung erfolgt ja in der Regel, weil ich das Studio nicht mehr in Anspruch nehmen will oder kann – z.B. wegen Umzug, Familienplanung, beruflichen Veränderungen etc. Eine fortlaufende Mitgliedschaft ist in diesem Falle wertlos.

Wertlose Kompensation

Kürzlich sprach ich mit einer Bekannten, die bei einer bekannten Studiokette im Premiumsegment jobbt. Laut ihrer Aussage sind Mitarbeiter dazu angehalten, den Kunden Pausierungen auszureden und stattdessen armselige Kompensationen wie 30-minütige PT-Sessions (die wahrscheinlich auch wieder in einem unangenehmen Verkaufsgespräch enden werden), Bring-a-Friend-Tage oder Körperfettmessungen aufzuschwatzen.

Andere Studios vergeben „großzügig“ kostenfreie Zugänge zu virtuellen Kursen oder eBooks mit dem komprimierten Wissen zweier Kolumnen aus der Women’s Health. Ganz nette Gesten vielleicht. Aber die Mitglieder interessiert doch, während sie das ohnehin kostenfreie Pamela Reif-Video auf YouTube nachturnen, nur eins: Was ist mit meinem Geld?

Verletzung von Verbraucherechten

Schon jetzt sind mehrere Fälle von vertraglichem Fehlverhalten beim Verbraucherschutz eingegangen. Studios verweigern beispielsweise die Vertragsstillegung, obwohl keine Kompensation angeboten wird, oder fristgerecht eingegangene Kündigungen werden während der Studioschließung nicht akzeptiert.

Immer noch Servicepauschalen???!

Und noch mal: Die vielen auf Seite 75 der AGB’s angedeuteten Servicepauschalen nerven schon ohne Corona. Für welche Betreuung durch einen C-Lizenztrainer in Kurzarbeit zahle ich aber bitte schön während der Schließung?

Fazit


Wie so oft in der Corona-Pandemie gilt: Die Situation ist für alle neu, auch für die Gerichte, und so sind viele umstrittene Handlungen der Studios nicht per se rechtswidrig.

Auch ist richtig, dass wir in Deutschland sehr viel Fitness für sehr wenig Geld bekommen. Dass von Gyms Existenzen abhängen, dass sie Arbeitsplätze schaffen und, nicht zuletzt, das Leben vieler Menschen bereichern. Grade Discount-Mitglieder sollten sich gründlich überlegen, ob der niedrige zweistellige Betrag im Monat doch als Akt der Solidarität gezahlt werden könnte – auch wenn „einfach aus Prinzip“ einiges dagegen sprechen könnte. Das Geld lässt sich dieser Tage ohnehin gut an anderen Ecken einsparen.

Dennoch sollten die Fitnessstudios jetzt und auch nach dem Lockdown an ihrem Fingerspitzengefühl arbeiten. Der Markt wird, das deutet allein die Explosion der Nachfrage nach Homegym-Equipment an, nach Corona ohnehin nicht mehr derselbe sein. Die Reaktion der Anbieter bleibt es gespannt abzuwarten.

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