Der schmale Grat

Wie viel Kritik muss sich ein Profi-Bodybuilder gefallen lassen?

Bodybuilding ist eine Randsportart. Während tausende Menschen an entsprechenden Wochenenden in die Fußballstadien strömen und selbst Curling im Rahmen der olympischen Winterspiele im Fernsehen präsentiert wird, finden sich zu Bodybuilding-Wettkämpfen ein paar hundert Zuschauer in den Hallen ein. Die Zahl der Fitness-Influencer mag in den letzten Jahren gehörig zugenommen haben, doch Profi-Bodybuilder ist immer noch ein Status, den nur wenige Menschen erlangen. Reduziert man die Aufmerksamkeit dann noch auf die Königsdisziplin, die Schwergewichtsklasse, wird das Feld der Athleten, die im Brennglas der Öffentlichkeit stehen, mehr als überschaubar.


Bestritten vor gut einer Dekade noch Athleten wie Dennis Wolf, Günther Schlierkamp, Ronny Rockel, Markus Rühl oder Dennis James für Deutschland Wettkämpfe auf den großen Bodybuildingbühnen, gelang der Nachfolgegeneration zumindest bisher noch keine Qualifikation für die Olympia-Bühne. Wir deutschen mögen in der 212er und der Classic Physique unsere Pferde im Rennen haben, aber die ganz schweren Jungs mussten sich bisher mit Auftritten bei kleineren Shows begnügen.

Ist die Schwergewichtsklasse noch relevant?


In diesem Zusammenhang könnte argumentiert werden, dass die Schwergewichtsklasse sowieso nicht mehr dieselbe Relevanz hätte, wie noch vor einer Dekade. Steigenden Teilnehmerzahlen in der Classic Physique werden als Indikator für die zunehmende Popularität herangezogen, was sicherlich auch dadurch begünstigt wird, dass Classic Physique made in Germany boomt. Mit Urs Kalecinski, Mike Sommerfeld und Alexander Weistermeier sind drei Deutsche für den Mr. Olympia 2022 qualifiziert. Die österreichischen Fans drücken dagegen Fabian Mayr die Daumen, der in jedem Fall eine Top-Platzierung als Anspruch haben wird. Doch ein großes Starterfeld sollte keinesfalls als Indikator für die Bedeutung einer Klasse gewertet werden.

Vor gut zehn Jahren wurde die Men’s Physique im Wettkampfbodybuilding etabliert. Männer in knielangen Badesshorts betraten die Wettkampfbühnen dieser Welt und erlebten in den ersten Jahren eine zunehmende Aufmerksamkeit. Ziel war es, Bodybuilding für Außenstehende attraktiver und die Einstiegshürde für eine Wettkampfteilnahme geringer zu machen. Dies mag rückblickend unterschiedlich gut geklappt haben. Tatsache ist aber auch, dass die Men’s Physique schnell zur Klasse mit den meisten Teilnehmern wurde. Dies gilt für die Amateur- wie Profi-Ebene und zumindest in Deutschland gab es von Veranstalterseite einige Versuche, durch Umstrukturierungen des Wettkampftages die Zuschauer länger in der Halle zu behalten. Nicht die Schwergewichtsklasse war das große Finale einer Veranstaltung, sondern die Männer in Badehose.

Eine Dekade später erleben wir dahingehend einen Wandel, dass die Teilnehmerzahl der Classic Physique sich vor der immer noch stärksten Klasse nicht verstecken muss. Gleichzeitig sollte man dies jedoch nicht als Argument anbringen, dass die Schwergewichtsklasse irrelevant wäre. Ein Wettkampfsportler wird sich seine Klasse immer mit einem gewissen Kalkül suchen. Chancen auf entsprechende Platzierungen und damit einhergehende Verdienstmöglichkeiten sind das ausschlaggebende Argument für einen Profi-Bodybuilder, der seinen Lebensunterhalt (zum Großteil) mit dem Sport (verdienen will). Flex Lewis mied die Schwergewichtsklasse ebenso, wie ein Mike Sommerfeld nach ersten Gehversuchen im Profi-Buisness in die Classic Physique wechselte. Die Liste an öffentlich bekannten Beispielen ist um eine Vielzahl an Personen erweiterbar.
Um den finanziellen Rahmen zu verdeutlichen: Ein fünfter Platz in der Schwergewichtsklasse beim Mr. Olympia brachte 2020 mehr Preisgeld als ein Sieg in der Classic Physique. Dies mag ein Chis Bumstead ohne Frage mit Hilfe von Sponsoringgeldern aufwiegen, doch ein William Bonac wird mehr Bodybuildingfans ein Begriff sein, als ein Bryan Jones. Erstgenannter belegte 2020 den fünften Platz der Schwergewichtsklasse, während letztgenannter 2020 Fünfter wurde und 2021 nur noch den neunten Platz erreichte. Die Preisgelder wurden inzwischen etwas angehoben. Big Ramy sammelte aber immer noch eine achtmal höhere Siegesprämie ein, im Vergleich zum Sieger der Classic Physique.
Die Frage, ob die Schwergewichtsklasse überhaupt noch relevant sei, kann ganz klar bejaht werden. Persönliche Geschmäcker und subjektive Wahrnehmungen, die dadurch bestärkt werden, dass deutsche Athleten zurzeit in einer anderen Klasse erfolgreicher sind, sollten darüber nicht hinwegtäuschen.

Wie viel Kritik muss ein Profi-Bodybuilder aushalten?


Schwergewichtsbodybuilding ist weiterhin die Königsklasse und der Aufstieg in diese keine Selbstverständlichkeit. Wenn das Geheimnis nur Training, Essen und (Super-)Supplemente wären, könnte sich die Klasse vor Teilnehmern sicher nicht retten. Tatsache ist aber, dass genetische Voraussetzungen immer noch das Fundament bilden. Muskelfaserverteilung, Proportionen und Rezeptoren für entsprechende biochemische Vorgänge sind unveränderbar und werden nach individueller Abwägung des Athleten mit anderen Einflussfaktoren kombiniert. Das Ergebnis sehen wir regelmäßig auf der Bühne, aber auch in Diskussionen um den verfrühten Tod von Profi-Bodybuildern. Was die einzelnen Athleten genau riskieren oder investieren, um sich in der Königklasse zu etablieren, können Außenstehende nur begrenzt beurteilen, was jedoch nicht von entsprechenden Diskussionen abhält.

Gleiches gilt für Diskussionen über die eigentlichen Diskussionen. Wer darf es sich rausnehmen, einen Profi zu kritisieren oder Ratschläge zu geben? Wo ist die Grenze zwischen Trollerei oder nur etwas polemisch formulierter Kritik? Wann wird eine Einschätzung neu eingeordnet und wann bewegt sich die Meinung einer Person nur wie das Fähnchen im Wind? Diese Überlegungen mögen in Zeiten von Social Media an Bedeutung gewonnen haben, sind aber keinesfalls neu. Auch nicht im Bodybuilding.

Früher wurden Leserbriefe an die Flex oder die Sport Revue geschrieben, die nach entsprechender Selektion einen Teil des begrenzten Platzes im Heft erhielten. Heutzutage kann jeder ungefiltert seine Ansicht in den unendlichen Weiten des Internets kundtun. Doch selbst Letzteres ist kein neues Phänomen.

Bereits 2010 verfasste ich einen Artikel, in dem ich fragte, wie viel Kritik sich Wettkampfbodybuilder gefallen lassen müssten. Anlass war damals eine Diskussion um Dennis Wolf. Während er heutzutage als erfolgreichste deutscher Schwergewichtsathlet und als ehemaliger Arnold Classic Sieger in Erinnerung ist, der als Veranstalter und Vorbereiter der Szene treu blieb, lief der Auftritt beim Mr. Olympia 2009 alles andere als geplant.

Nachdem er 2007 und 2008 Platz fünf bzw. Platz vier beim wichtigsten Bodybuildingwettkampf der Welt erreichen konnte, lief im Folgejahre vieles schief und der Big Bad Wolf musste sich mit einem geteilten 16. Platz begnügen. Die Scharte scheint so tief zu sein, dass zumindest die Fans im deutschen Wikipedia-Artikel den Wettkampf erst gar nicht aufführen. Ein Kapitel, das inzwischen von vielen vergessen sein wird, damals aber für große Diskussionen in der Szene sorgte.

Die Argumente von damals gelten auch 12 Jahren später gleichermaßen. Einen Führerschein zu besitzen, bedeutet nicht, die Situation eines Formel-1-Rennens vollständig nachvollziehen zu können. Dennoch würde sich niemand in die Rennboliden setzen, wenn Fans das Spektakel nicht ermöglichen würden. Gleiches gilt für das Pumpen im Studio, das Diäten für den Sommer und das Verfolgen vom Wettkampfbodybuilding. Auch mein damaliges Fazit würde ich weiterhin so stehen lassen: Der Ton spielt die Musik, doch es ist keine Voraussetzung selbst ein Instrument zu spielen, um sich kritisch über den Musiker zu äußern.

Dies alles wird damals wie heute gerne im Zusammenhang mit emotionalen Thema wie dem Fan-Sein vergessen und heutzutage geführte Diskussionen über Anonymität und Respekt im Internet galten auch 2010 bereits genauso.

Der Fall Tim Budesheim


War es 2010 ein Dennis Wolf, der den Stein ins Rollen brachte, ist es 2022 Tim Budesheim. Anders als Dennis kenne ich Tim persönlich und habe lockeren Kontakt zu ihm. Full Disclosure. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass dieser Artikel sich nicht um eine konkrete Person dreht, sondern ein generelles Problem thematisieren soll. Tim ist als Athlet ein aktuelles Anschauungsbeispiel.


Nachdem er selbst, aber auch die Bodybuildingszene in den letzten Jahren durch beständige sportliche Erfolge fast schon verwöhnt wurden, geriet die Karriere aus Sicht einiger Außenstehender ins Stocken. Ein Grund für diese Einschätzung mag der bis dahin genommene Verlauf sein. Mir fällt kein zweiter Athlet ein, der sich beständig von Wettkampf zu Wettkampf als Amateur verbesserte, nationale und internationale Siege einfuhr, dann fließend den Weg zur offenen Klasse der Profis suchte und auch dort seinen Weg ging.

Die Beispiele, bei denen die Wettkampfkarriere tatsächlich ins Stocken geriet, sind dagegen zahlreich, was keine despektierliche Feststellung gegenüber den Athleten sein soll, sondern nur verdeutlicht, was ich bereits weiter oben anführte. Um dennoch einen Namen zu nennen:

Ein Matthias Botthof war ein erfolgreicher Amateur. Bei seinem letzten Sieg auf der Deutschen Meisterschaft warfen ihm einige Personen vor, warum er noch einmal auf einer Amateur-Meisterschaft starten müsse und anderen damit einen möglichen Sieg erst gar nicht ermögliche. Er war eine Liga für sich, was er mit dem Sieg bei der Arnold Classic Amateur bekräftigte. Bei den Profis schaffte er es dagegen ebenso wenig wie ein Paul Poloczek, der ebenfalls Jahre später die AC Amateure gewann, sich auf einen vorderen Rang zu platzieren. Dass dies mit entsprechender Kritik durch die Fans einherging, ist auch ohne viel Fantasie nachzuvollziehen. Botthof überlegte damals sogar öffentlich, die Pro Card abzugeben und wieder ins Amateurlager zu wechseln.

Einem Tim Budesheim wird in derzeitigen Diskussionen dagegen an den Kopf geworfen, dass er mit seiner aktuellen Leistung nicht einmal eine Bayrische Meisterschaft gewinnen würde. Ein Kreisliga-Bodybuilder, der auf der Profi-Bühne nichts zu suchen habe.

Respekt ist keine Einbahnstraße


So wie ein Matthias Botthof über den Rückzug aus dem Profilager nachdachte, ein Roman Fritz einige Personen als „Fotzen“ titulierte und Steve Benthin die wellenartige Kritik, die über die Jahre kam und ging, nach außen mit Humor nahm, hat jeder Athlet seine eigenen Bewältigungsstrategien. Das ist absolut menschlich und wer nicht selbst einmal den Druck einer gewissen Öffentlichkeit zu spüren bekam, wir das schwer nachempfinden, aber zumindest nachvollziehen können.

Tim postete im Rahmen eines FAQs, als er gefragt wurde, wie er mit der Kritik von verschiedenen Seiten umgehe, seine Sicht. Darin wiederholte er, was er bereits mehrfach in der Vergangenheit öffentlich äußerte: Er filtert die Informationen in Abhängigkeit des Senders und selektiert, was tatsächlich in seiner Macht liegt. Die Parallele zum Fußball mit 80 Millionen Bundestrainern vor den heimischen Fernsehern wurde aber auch von ihm gezogen. Dass die Reaktion von der Gegenseite hierauf wiederum unterschiedlich ausfiel, ist ebenso nachvollziehbar. Man bemerkt es immer leichter, wenn einem auf den eigenen Schlips getreten wird.

Das führt wiederum zu dem Fazit, das ich bereits 2010 zog, weiter oben bereits andeutete und an dieser Stelle wiederholen möchte:

Letztendlich ist dieses emotionale Thema sicherlich nicht mit schwarz oder weiß zu beantworten, dafür spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle. Wichtig ist jedoch, dass man sich gerade des gebotenen Respekts bewusst sein sollte. Das Internet sollte nicht als wärmende Decke der Anonymität missverstanden werden, sondern vielmehr eine Chance darstellen, sich mit gleich Interessierten an einem gemeinsamen Ort konstruktiv auszutauschen.


Hinweis: Der Autor dieses Artikels schrieb verschiedene Bücher zu den Themen Training und Ernährung, bietet individuelle Einzelbetreuungen an und führt auf Patreon ein Podcast-Magazin.

Nach oben