Wing Chun Dit Da Jow - Rezept für Jow-Medizin

Ein Artikel von http://www.martialartsplanet.com/

Von Sifu John Crescione

Egal wie einmalig Wing Chun als Kampfsportart ist, ist es doch genauso eine Kung Fu Variante wie der Rest auch. Dies bedeutet, dass pflanzliche Medizin, das Treffen von bestimmten Punkten und Chi Kung (aich Qigong genannt) auf dem Stundenplan stehen und zum System gehören. Egal mit welchem Wing Chun Sifu (einschließlich des eigenen) man hierüber spricht, wird dies ein nettes Thema für philosophische Diskussionen am Kaffeetisch werden.

Der Zweck dieses Artikels soll sein, dem Wing Chun Sportler die Möglichkeit zu geben, zu lernen, wie man chinesische pflanzliche Zubereitungen herstellen kann und etwas über traditionelle chinesische Medizin und Wing Chun zu lernen. Ich werde versuchen dies so kompakt und kostengünstig wie möglich zu tun.

Dit Da Jow (kantonesisch) oder Tieh Ta Chiao (Mandarin) bedeutet soviel wie "Stoß und Sturz Wein" (oder Salbe). Jow, wie es gewöhnlicherweise der Kürze halber genannt wird, kann in zwei unterschiedliche Varianten unterteilt werden: Han Dit Da Jow (kalte Medizin) und Rei Dit Da Jow (heiße Medizin).

Heißes Jow wird erhitzt und in Situationen angewandt, bei denen eine starke Durchblutung und Lymphdrainage an der betroffenen Stelle von Nöten oder vorteilhaft ist. Ein Beispiel wäre das Training für die "eiserne Schlaghand" bei dem die Haut, die Knochen, die Muskulatur und das Bindegewebe der Hand und des Armes kontinuierlich stark belastet werden, um diese stärker und widerstandsfähiger zu machen. Es wird hierbei versucht, die Akupunkturpunkte der Hand offen zu halten, so dass Energie von der Hand auf das Ziel übertragen werden kann (P8 und Herz 8 – man kann diese in jedem Buch über Akupunktur nachschlagen, wenn man mit diesem Thema nicht so vertraut ist).

Kaltes Jow wird als Allzweckeinreibemittel bei Verletzungen oder sonstigem Bedarf angewandt. Die Eigenschaften von kaltem Jow sind denen von heißem Jow sehr ähnlich, wobei kaltes Jow natürlich nicht erhitzt wird und aus anderen Kräutern hergestellt wird. Kaltes Jow wirkt gegen gestautes Blut, fördert die Lymphfunktion und die Chi Zirkulation. Wenn man nicht an die Chi Zirkulation glaubt, dann sollte man die letzten beiden Worte ignorieren und sinngemäß durch "löst Anhaftungen des Bindegewebes, welche die normale Gewebeheilung und den Fluss elektrischer Ladungen im Körper behindern" ersetzen.

Beide Varianten des Jow werden vor oder nach dem Training in die Haut eingerieben. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass ein wichtiger Bestandteil der magischen Jow Formel in der Handlung des Einreibens liegt. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch daran, wie er als kleines Kind bei einer Erkältung von seiner Mutter oder Großmutter mit Franzbranntwein oder Wick Vaporup eingerieben wurde. Das Geheimnis war auch hier das Einreiben. Das Einreiben selbst bzw. eine leichte Massage wirkt auch ohne das Jow, doch die Medizin beschleunigt den Heilungsprozess und beugt Wassereinlagerungen im Gewebe sowie Durchblutungsstörungen vor. Zum Thema Einreiben sei noch erwähnt, dass Tiger Balm die orientalische Variante von Wick Vaporup ist. Wenn man kein gutes Jow bekommen kann, wenn man es aufgrund der Qualität nicht fertig gemischt kaufen möchte oder weil es "frisch vom Sifu" zubereitet sein muss, dann ist Tiger Balm eine gute Alternative. Wenn man sein eigenes Jow herstellen möchte, dann kann man dies nach dem später im Artikel folgenden Rezept tun.

Man nehme einen kleinen Tigel Vaseline, einen kleine Dose Wick Vaporup, roten Cayenne Pfeffer (der sollte sich irgendwo in der Küche bei den Gewürzen befinden) und entweder getrocknete rote Chilischoten (in den meisten Feinkostläden zu finden) oder rote Chilischoten aus dem Glas (die stehen wahrscheinlich gleich neben dem Cayenne Pfeffer). Zuerst füllt man die Vaseline in einen Topf und bringt sie auf dem Herd bei schwacher Hitze zum Schmelzen. Dann fügt man zwei oder drei Esslöffel Wick hinzu – immer abhängig davon, wie "mentholig" man das ganze haben möchte – und wartet bis dies auch geschmolzen ist. Die Chilischoten werden so lange gemahlen, bis man ein feines Pulver hat, welches dann mit dem Cayenne Pfeffer gemischt und zur geschmolzenen Vaseline hinzu gegeben wird. Diese Mischung füllt man in noch heißem Zustand in ein Glas oder anderes Gefäß und lässt sie abkühlen. Die genaue Menge des Cayenne Pfeffers und des Chilipulvers ist abhängig davon, wie stark man die Mischung gerne haben möchte. Wenn man einen kleinen Tiegel Vaseline verwendet und die Mischung stark haben möchte, dann sollte man zwei Esslöffel fein gemahlenen Pfeffer und Chili hinzu geben. Wenn die Mischung abgekühlt ist, sollte sie eine Farbe haben, die irgendwo zwischen pink und rot liegen sollte. Das, was man so hergestellt hat, wird auch als rotes Tiger Balsam bezeichnet.

Doch zurück zum Jow – das Rezept, welches ich an dieser Stelle beschreiben möchte ist eine recht einfache Variante, für welche gebräuchliche chinesische Kräuter verwendet werden, die man in der Regel recht einfach über das Internet oder in gut sortierten Chinaläden finden kann

Für alle Zutaten sind sowohl die botanischen Namen als auch in Klammern die chinesischen Namen angegeben.
  • 1 Flasche starker Vodka, Gin oder Reisweine
  • Artemisia * (Liu ji nu) - 5g
  • Borneol ** (Bingpian) - 1g
  • Färberdistel (Honghua) - 5g
  • Katechu *** (Ercha) - 8g
  • Zinnober (Zhusha) - 5g
  • Cirsium **** (DaJi) - 1g
  • Drachenblut ***** (Xuejie) - 30g
  • Mastix ****** (Ruxiang) - 5g
  • Moschus (Shexiang) - 1g
  • Myrrhe (Moyao) - 5g
  • Pinellia ******* (ShengBanXia) - 5g
(Anmerkung des Übersetzers: Zu den weniger bekannten Inhaltsstoffen möchte ich an dieser Stelle das Ergebnis meiner Internetrecherchen nicht vorenthalten)
    * Artemisia ist eine Pflanzengattung in der Familie der Korbblütengewächse (Asteraceae, veraltet Compositae). Extrakte sind seit Jahrhunderten in China gebräuchlich gegen Malaria. Der wissenschaftliche Beweis der Therapiewirkung ist erbracht.

    ** Borneol ist ein einwertiger, sekundärer Alkohol aus der Stoffklasse der bicyclischen Monoterpene. Es enthält ein chirales Kohlenstoffatom und kommt daher in zwei enantiomeren Formen vor.

    ***Die Gerber-Akazie (Acacia catechu), manchmal auch Katechu-Akazie oder nur Katechu genannt, ist eine in Südasien beheimatete kleine Art der Gattung der Akazien (Acacia). Aus der Rinde kann man eine adstringierende Substanz gewinnen, die in der Medizin und zum Gerben eingesetzt wurde. Die Droge der Pflanze wird medizinisch bei Diarrhöe und Entzündungen der Mundhöhle eingesetzt.

    **** Die Kratzdisteln (Cirsium) bilden eine Gattung in der Unterfamilie der Carduoideae innerhalb der Familie der Korbblütengewächse (Asteraceae).Der botanische Name leitet sich von griechisch kirsos = Krampfader her. Verschiedene Arten wurden schon im Altertum dagegen benutzt.

    ***** Das Drachenblut wird aus drei Baumarten der Gattung Croton: C. lechleri, C. salutaris und C. planostigma gewonnen, und wird im Spanischen Sangre de drago oder Sangre de grado genannt. Sie gehören zur Familie der Wolfsmilchgewächse. Auf Wunden und Verletzungen aufgetragen bewirkt es eine sehr schnelle Wundheilung. Es stillt die Blutung und wird auch zu Vaginalspülungen und Sitzbädern verwendet. Hier eine ganze Liste an Beschwerden und Krankheiten, die durch die Einnahme dieser Flüssigkeit geheilt werden können: Ruhr, Blutarmut, Magenschmerzen, Durchfall, verdorbener Magen, Übelkeit, Tuberkulose, Geschwüre, Halsschmerzen, Verdauungsstörungen, Magengeschwür, Vulvovaginitis, Magen-Darm-Entzündung. Äußerlich aufgetragen bei: Herpes, Schuppen, Wunden und Verletzungen, Zahnfleischentzündung, Wundspülung, Halsbeschwerden, Brustschmerzen, Hämorriden, Dermatitis. Es wirkt entzündungshemmend, antitumoral, verdauungsfördernd und durch seinen bitteren Geschmack aperitiv.

    ****** Mastix (Mastiha) ist das Harz der Mastix-Pistazienbäume (Pistacia lentiscus). Es wird als Kauharz zur Desinfektion von Mund und Zähnen sowie zur Bereitung eines Raki oder Rastiki genannten Schnapses (innerlich gegen Magenbeschwerden, äußerlich bei Rheuma oder zur Wundbehandlung) verwendet.

    ******* Pinellia (Mittsommerknollen) - Rhizoma Pinelliae gehört zur Familie der Araceae (Aronstabgewächse).
    Pinellia ist eines der wichtigsten sog. schleimumwandelnden Arzneinmittel und ist in der Lage, nach chinesischer Vorstellung, Nässe (Humor) zu trocknen und Schleim (Pituita) umzuwandeln. Der Pinellia kommt in der traditionell chinesischen Arzneimitteltherapie eine herausragende Rolle zu, da nach traditioneller chinesischer Vorstellung Pituita (Schleim) bei vielen Krankheitsbildern eine große Rolle spielt.
    Dabei darf man sich den Schleim nicht als Schleim im westlichen Sinne, sondern als energetisches Konstrukt vorstellen.
    So können z.B. auch Schwindelerkrankungen nach chinesischen Vorstellungen oftmals ursächlich mit Schleimprozessen verknüpft sein. Pinellia findet Anwendung bei Erkrankungen wie: Husten mit reichlichem Schleim, Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm-Erkrankungen, Schwindel, Bewußtseinsstörungen.)
Alle Zutaten müssen zunächst zu einem feinen Pulver gemahlen werden, bevor man die ganze Flasche Vodka oder Gin zur Mischung hinzu gibt. Nachdem man alles gut durchgemischt hat, ist das Jow fertig und kann auf die verletzten Bereiche aufgetragen werden. Das schöne an diesem Rezept ist, dass man die fertige Mischung nicht erst 35 Tage oder zwei Monate vergraben muss, bevor man sie verwenden kann. Das klassische Jow musste immer vergraben werden und längere Zeit unter der Erde bleiben, bevor es verwendet werden konnte. Der Grund hierfür ist eigentlich alles andere als mystisch oder magisch. Sonnenlicht und Wärme oxidieren die Kräuter und kann so deren chemische Eigenschaften verändern. Wo sollte man die Mischung also lagern, wenn man sich im Jahr 1700 befindet und einen kühlen dunklen Ort benötigt? Und was verwendet man, wenn man eine Kräutermischung fermentieren und reifen lassen möchte, um das meiste an Wirkstoffen aus der Mischung heraus zu holen? – Alkohol. Das ist auch der Grund dafür, warum hundert Jahre alter Whisky angeblich so gut ist.

Wenn man die Mischung ziehen lassen möchte, dann sollte man sie in einen Behälter aus dunklem Glas abfüllen und in einem Schrank oder einer Schublade lagern. Die Mischung sollte nicht zu warm aufbewahrt werden und man sollte sie ein- bis zweimal pro Woche gut schütteln. Dies entspricht der traditionellen Herstellungsweise des Jow, bei der die Kräuter nur zerkleinert und nicht zu Pulver zermalen werden. Je länger diese Mischung in der Flasche gelagert wird, desto stärker wird das Jow. Dies ist auch der Grund dafür, warum Kung Fu Kämpfer, die (wie ich auch) auf die klassische Art und Weise ausgebildet wurden, kein fertiges Jow kaufen, sondern es vorziehen ihr eigenes Jow herzustellen. Das Jow aus dem Laden hat nicht mehr den Bodensatz aus Kräutern und kann somit auch nicht weiter ziehen und reifen. Außerdem wird Jow manchmal in Plastikflaschen verkauft und mit der Zeit treten Bestandteile des Kunststoffes in das Jow über. Anderes Jow wird in durchsichtigen, nicht getönten Flaschen verkauft, von denen niemand weiß, wie lange das Jow darin schon gelagert wurde. Ein vernünftiges Jow sollte farblich ungefähr so aussehen wie Sojasoße und einen leichten medizinischen Alkoholgeruch haben. Die hier beschriebene Zubereitung wird wahrscheinlich nicht so dunkel oder geruchsintensiv sein, was an der Qualität der verwendeten Kräuter und der Zeit, während der das Jow vor der ersten Verwendung ziehen konnte, liegen könnte. Es handelt sich hier um eine "schnelle" Zubereitung, die für die sofortige Verwendung konzipiert wurde und nicht erst ein oder zwei Monate reifen muss.

Wing Chun Kämpfer verwenden Jow gewöhnlicherweise an den Händen, den Unterarmen und der Brust. Die ersten paar mal, bei denen man versucht mit den unteren drei Fingerknöcheln zuzuschlagen, haben meist zur Folge, dass einige Äderchen zwischen den letzten beiden Knöcheln platzen. Man sollte deshalb vor und nach dem Zuschlagen Jow auf die Stellen zwischen den Knöcheln auftragen. Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass sich im Bereich zwischen den Knöcheln zwei sehr kraftvolle Akupunkturpunkte befinden, die für das Hormonsystem und den Dünndarm verantwortlich sind. Jegliche Art der Verletzung oder des Blutstaus in diesem Bereich kann deshalb zu Durchblutungs- und Gesundheitsproblemen führen.

Wenn man länger andauerndes Training, wie z.B. Pak Sao durchführt, bei dem die Unterarme stark beansprucht werden und Hautabschürfungen bzw. -rötungen abbekommen können, sollte man diese gut mit Jow einreiben. Jeder, der sich mindestens auf dem Chi Sao Level befindet, weiß, warum man Jow auch auf die Brust einreibt – besonders wenn der Trainingspartner einen als Trainingsobjekt zum Ausprobieren neue Techniken missbraucht oder ganz einfach Spaß daran hat seinen Gegner hart zu treffen. Was noch wichtiger ist, ist, dass die berühmte Wing Chun Mittelachse in der chinesischen Medizin der Gefäßmeridian ist, welcher einen Teil des Alarmsystems des Körpers darstellt. Cv-17 ist der tote Punkt am Brustbein und verantwortlich für die Kontrolle des Zwerchfells und der Energie für das Gastrointestinale- und Genitourinale System und ist außerdem der Bereich in dem sich das Chi im Körper befindet. Eine gute Stelle also, um einen Treffer zu landen! Und Wing Chun Kämpfer tun sich dies wiederholt und mit voller Absicht an.

Es ist wichtig zu beachten, dass Jow weder auf offene Wunde aufgetragen, noch eingenommen, noch mit den Augen in Berührung gebracht werden darf.

Jow Rezepte sind weit verbreitet und jeder Lehrer hat für jeden Anwendungszweck seine bevorzugten Jow Rezepturen. Ich habe mit Yip Chun, Yip Ching, William Cheung, Augustine Fong und Moy Yat hierüber gesprochen und jeder hatte sein eigenes Jow Rezept (diese wurden ihnen persönlich von Yip Man übergeben und beschreiben die Rezeptur des wahren historischen Jow, wie sie von Leung Jan weiter gegeben wurde). Wenn man eine echte Wing Chun Mentalität besitzt wird es einem ziemlich egal sein, ob es sich um das echten Leung Jan Jow handelt oder nicht. Die Hauptsache ist, dass es wirkt.

Noch zwei abschließende Bemerkungen: Falls man Chi Kung praktiziert oder das eigene Wing Chun System dies beinhaltet, sollte man folgendes versuchen: zuerst massiert man das Jow in einige der verletzten Bereiche ein und dann führt man sein Chi Kung durch, wobei man sich darauf konzentriert das Jow in die Haut und in den verletzten Bereich zu leiten. Nach zwei Wochen sollte man positiv überrascht sein. Wenn es sich um eine alte chronische Verletzung handelt, sollte die Massagetechnik langsam durchgeführt werden und mehr in die Tiefe gehen; wenn es sich um eine frische Verletzung handelt, sollte das Jow nur leicht und oberflächlich eingerieben werden. Weiterhin sollte man versuchen, so viel wie möglich über asiatische und westliche Kräuter zu lernen. Warum verwenden die Chinesen z.B. Ginseng, Ma Huang und Tang Kuei? Weil sie sich in China befinden und diese Kräuter dort heimisch sind. Wenn Kung Fu hierzulande erfunden und entwickelt worden wäre, würde Jow aus ganz anderen Inhaltsstoffen bestehen. Wenn man sich also als wahrer Kampfkünstler sieht sollte man damit beginnen sich mit den heimischen Kräutern und deren Qualitäten bei der innerlichen und äußerlichen Heilung zu beschäftigen.

Zur Ergänzung der Kräuterprofile wurde folgende Quellen durch den Übersetzer genutzt:

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